Kuba und das Öl

Kuba deckt heute etwa die Hälfte seines Eigenbedarfs an Erdöl. Das Land verfügt bereits seit den 1980er Jahren über eigene Raffinerien, in denen das zu Vorzugskonditionen gelieferte sowjetische Erdöl weiterverarbeitet wurde. Heute erhält Kuba vergünstigtes Öl aus Venezuela. Sich allerdings auf die Hilfe der Freunde im Ausland zu verlassen, kann keine dauerhafte Lösung sein, zumal die Zukunft von Hugo Chávez angesichts der anstehenden Wahlen und seines Gesundheitszustands äußerst ungewiss ist. Und vor allem: Selbst wenn er die aktuellen Wahlen gewinnt, er kann nicht ewig Präsident sein und es besteht immer die Gefahr eines Putsches. Ein Land wie Kuba kann sich solch einen Unsicherheitsfaktor bei der Primärenergieversorgung nicht leisten. Deshalb kam im Januar die aus chinesischer Produktion stammende Ölbohrplattform „Scarabeo 9“ vor Kuba an.

Auf der Karte ist ersichtlich, welche Ölkonzerne bereits die Rechte für die Bohrung in bestimmten Gebieten erkauft haben. Ganz vorn mit dabei sind Venezuela, Brasilien und Russland. Im Januar lief Scarabeo 9 schließlich aus und bohrte für die spanische Betreiberfirma Repsol in der Floridastraße nach Öl. Das Ergebnis: negativ. Das Unterfangen kam die Firma allerdings nicht ganz billig, immerhin hat der Ölkonzern 150 Millionen US$ in die Bohrungen investiert und ging leer aus. Außerdem musste ein großer Aufwand betrieben werden, um die Plattform zu fertigen, da wegen des Embargos nicht mehr als 10% der verwandten Teile und Ausrüstungskomponenten aus den USA stammen durften. Die USA äußerten natürlich als erste Umweltbedenken und bestanden auf einer Inspektion wegen möglicher Sicherheitsrisiken.

Die Inspektion hat Scarabeo 9 schon vor den ersten Bohrungen bestanden und derzeit wird an anderer Stelle für Russland und Malaysia nach Öl gebohrt, mit ersten Ergebnissen rechnet man im Juli. So soll die der italienischen Firma „Saipem“ gehörende Scarabeo 9 in den nächsten Jahren noch weiter von Investor zu Investor gereicht werden (als nächstes kommt Venezuela), bis schließlich an der richtigen Stelle ein Fund erzielt wird der sich wirtschaftlich erschließen lässt. Nun kommt allerdings überraschend noch eine weitere Bohrstation dazu: Die russische Ölbohrinsel „Songa Mercur“, gebaut 1986 und generalüberholt 2006, soll für zusammen mit einer Malaysischen Erdölgesellschaft und Gazprom in diesem in Sommer ankommen und ab November nach Öl suchen. Die jährlichen Kosten sind mit 88 Mio US$ deutlich günstiger als die von Scarabeo 9. Allerdings muss sich Songa Mercur mit künstennäheren Regionen zufrieden geben, da die Station nur bis Tiefen von etwa 365 Meter ausgelegt ist. Scarabeo 9 hingegen schaft Tiefen von bis zu 1,8 Kilometer.

Im Unterschied zu Scarabeo 9 ist die neue russische Ölbohrplattform allerdings mit US-amerikanischer Technologie ausgestattet und verletzt damit das Embargo. Russland lässt sich dennoch nicht von den Bohrungen davon abhalten und die USA haben ohnehin keine Handhabe dagegen. Für Kuba sind das alles gute Nachrichten, denn die Suche nach dem Öl dürfte für das Land kaum schnell genug gehen können. Niemand weiß, wie lange die Subventionen aus Venezuela noch fortgesetzt werden und zwei Bohrinseln vor der Küste machen Hoffnung auf die baldige Erschließung der eigenen Vorräte, die etwa 9 Milliarden Barrel Rohöl betragen sollen. Damit hat Kuba etwa gleich große Ölreserven wie die USA und liegt weltweit auf dem 20. Platz. Durch die Erschließung dieser Vorkommen könnte das Land zum Nettoexporteur von Rohöl werden.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg, selbst nach dem Fund würde es noch einige Jahre dauern, bis die kommerzielle Förderung beginnt. Aber durch die zweite Plattform wird ein solcher Fund immer wahrscheinlicher.

Aktuelles aus der Wirtschaft in Kuba

Baukredite: Obschon sich politisch derzeit nicht viel zu tun scheint, geht die wirtschaftliche Entwicklung natürlich weiter, die 2011 beschlossenen Programme werden fortgesetzt und beginnen zu greifen. Ein aktuelles Beispiel dafür stammt aus der Provinz Santa Clara, wie Juventud Rebelde berichtet (Englisch). Seit dem 20. Dezember 2011 werden in ganz Kuba Kredite für den Kauf von Baumaterialen zum Neubau und zur Renovation der Häuser ausgegeben um das Wohnungsproblem zu mildern. Vorzugsweise erhalten Opfer von Naturkatastrophen oder ärmere Familien den Zuschlag zum Kredit. Dies ist auch ein Teil der neuen Subventionspolitik, die vorsieht, nicht mehr alle gleichermaßen zu subventionieren, sondern Subventionen nur noch an diejenigen zu verteilen, die sie wirklich benötigen. Die Verfügbarkeit von Baumaterialien hat sich in der Zwischenzeit merklich verbessert und 47.000 Menschen haben bisher im ganzen Land diese Kredite in Anspruch genommen.

In Santa Clara wurden von 2.300 Anträgen bisher 2.000 bearbeitet, insgesamt haben dort mehr als 750 Familien von den Subventionen profitiert. Viele haben den Kredit beantragt um ihre Häuser neu zu bauen oder sie komplett zu sanieren, kleinere Reparaturen sind kaum dabei. Das zeigt auch wie dringend diese Maßnahme war, die nun allerdings ihre Wirkung zu entfalten scheint.

Energie: Kuba plant bis zur Mitte des Jahres 2013 neue Richtlinien zum Stromsparen umzusetzen. Dadurch würde sich auch im Wohnungssektor Strom sparen lassen, der mit 6.667 GWh von 17.396 GWHh Gesamtproduktion am meisten verbraucht (2010). Auch das Stromnetz Havannas soll dieses Jahr komplett überholt werden um die Verluste zu vermindern, was auch positive Auswirkungen auf den Rest des Landes hat, da 30% der in Kuba verbrauchten Elektrizität von der Hauptstadt beansprucht werden. Diese Investitionen sind allerdings angesichte der hohen Verlustleistung des kubanischen Stromnetzes auch dringend erforderlich, zumal durch die neuen selbständig Beschäftigten der Energieverbrauch im Land unerwartet gestiegen ist. Doch nach einiger Stagnation erhöhte sich die Stromproduktion 2011 und stieg um 2,1% im Vergleich zum Vorjahr. In den kommenden Jahren dürfte sich dieser Trend fortsetzen, zumal jetzt die richtigen Investitionen und Maßnahmen dafür getätigt werden.

Zensus startet am 15. September

Der kubanische Zensus startet dieses Jahr am 15. September, wie Prensa Latina berichtet. Es werden bis zum 24. September über 100.000 Befrager an der landesweiten Erfassung mitarbeiten, bei der es darum geht, die Wohn- und Lebenssituation möglichst aller Kubaner zu erfassen sowie demographische und andere soziale Indikatoren zu aktualisieren. Dies erscheint angesichts des aktuellen Reformprozesses für Kuba äußerst sinnvoll, zumal der letzte Zensus vor 10 Jahren stattfand.

Durch den Zensus können lokale Programme besser geplant werden, da regionale demographische Entwicklungen z.B. bei der Schulplanung besser berücksichtigt werden können. Derzeit scheint der Reformprozess in Kuba etwas zu stagnieren, zumindest sind seit März keine wesentlichen neuen politischen Impulse jenseits der Korruptionsbekämpfung mehr entstanden. Dies könnte neben der allgemeinen Sommerpause auch mit dem Zensus zusammenhängen.

Der kubanische Ökonom Omar Everleny Pérez hat bereits im März angekündigt, dass derzeit wichtige Gesetze ausgearbeitet und in den Jahren 2012 und 2013 die wichtigsten der Leitlinien die bis 2015 reichen verabschiedet würden. Gut möglich, dass man in Kuba die Hurricanesaison als kleine „Verschnaufpause“ zur Erarbeitung der neuen juristischen Grundlagen und Analyse des Zensus nutzen möchte, um dann im Herbst weiter voranzuschreiten.

Kuba zieht Botschafter aus Paraguay ab

Nach dem Putsch in Paraguay spitzt sich die Lage weiter zu. Raúl Castro hat bereits am Montag im Gespräch mit Lukaschenko als unmittelbare Reaktion die Zunahme von derartigen Methoden in Lateinamerika festgestellt und verurteilt. Auch sprach er mit Fidel Castro darüber und beide Brüder sind sich einig, dass jedes Mal, wenn die Interessen der USA in Lateinamerika verletzt werden, derartige Ereignisse die Folge sind. Venezuela, Honduras und Chile lassen grüßen.

Heute hat Kuba allerdings auch konkrete Maßnahmen ergriffen und seinen Botschafter abgezogen. Die derzeitigen Machthaber werden von der kubanischen Regierung ausdrücklich nicht anerkannt, was durch diese Maßnahme unterstrichen werden soll. Kuba positioniert sich damit klar hinter den linksgerichteten Kräften Amerikas und nimmt seine Pflicht als Mitglied der ALBA wahr. Weitere Schritte sind noch nicht bekannt.

Putsch in Paraguay, Lukaschenko in Havanna

Zwar erfährt man es derzeit aus den Medien nur am Rande, aber am 23. Juni wurde der linksgerichtete Fernando Lugo, auch „Bischof der Armen“ genannt, vom Senat seines Amtes enthoben und der liberalkonservative Frederico Franco als Präsident eingesetzt. Es gab also quasi einen Putsch in Paraguay, einem Beobachtermitglied der ALBA. Raúl Castro äußerte sich heute in einem Gespräch mit dem Weißrussischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenko, der gerade bei einem Besuch in Havanna ist, zumindest in Andeutungen dazu, berichtet Prensa Latina:

Havana, Jun 25 (Prensa Latina) „Coups have returned to the continent, but in disguise“, said President Raul Castro, who saw off his counterpart from Belarus, Alexander Lukashenko, after his brief official visit to the island.

The host officer said to the press at the International Airport José Martí that the recent developments on the continent do not take him by surprise.

He recalled that the coup in Chile in 1973 was not planned or organized by Augusto Pinochet; and the documents that would show the role played by the United States through the Secretary of State Henry Kissinger have not been declassified.

Even then, the coup was so discredited as a method, that mechanisms of democratic freedoms, and certificates of good conduct granted by Washington emerged, said Raul Castro.

Years ago, he added, I was reflecting with Fidel Castro and commented that the day when U.S. interests were threatened, coups would return to this continent, and they have returned, but in disguise.

Previously, Raul Castro officially received Alexander Lukashenko, who was satisfied after the signature between Havana and Minsk of agreements and memoranda of cooperation in areas such as public health, agriculture and industry.

Die Putsche sind in der Tat zurückgekehrt, denn seit dem Putsch in Honduras 2009 kennt man diese Methoden, welche gerade im aktuellen Beispiel Paraguays sogar von der OAS kritisiert werden.

Die Beziehungen mit Weißrussland scheinen übrigens gut zu laufen. Der Handel betrug 2011 immerhin 50 Millionen US$, vor allem weißrussische Traktoren und Busse der Marke MAZ sind in Kuba beliebt. Diese sowjetische Traditionsmarke produziert noch bis heute Traktoren und andere Fahrzeuge und ist in Osteuropa stark präsent. Im Frühjahr wurden 100 MAZ-Busse nach Kuba exportiert. Der Botschafter ist damit sehr zufrieden und erzählt auch, dass bereits seit 50 Jahren, also seit 1962, Maschinen aus Weißrussland in Kuba eingesetzt werden. Die Technik ist dort offenbar bekannt und bewährt.

Interessant ist auch, dass sich der Handel zwischen den beiden Ländern in den Jahren 2008 bis 2011 nicht wesentlich intensiviert hat, sondern relativ konstant bei 50 Millionen blieb. Immerhin ein deutlicher Anstieg von den 7 Millionen Dollar im Jahr 2005. Kuba ist bereits jetzt einer der wichtigsten Handelspartner Weißrusslands in Lateinamerika.

Doch nicht nur Busse, ebenso Brutanlagen und Traktoren werden aus Weißrussland importiert. Gerade im Mai wurde Beschlossen, etwa 100 weißrussische Traktoren der Marke MTZ zu kaufen. Diese haben 150 PS und sind mit klimatiserter Kabine ausgestattet – eine Wiederbelegung des Landwirtschaftssektors durch neue Ausrüstung, bei der deutlich schwereres Arbeitsgerät zum Einsatz kommen wird als bisher. Da die Landwirtschaft für Kuba ein Schlüsselsektor ist, tragen möglicherweise die guten diplomatischen- und Handelsbeziehungen zu einer ausreichenden Versorgung mit  Ersatzteilen und damit zum Erfolg der Sache bei.

Update, 28.06: Der Botschafter aus Paraguay zieht nun ebenfalls ab, da er mit den neuen Machthabern in seinem Land nicht einverstanden ist.

Direktverkauf an Hotels scheint erste Früchte zu tragen

Seit dem 1. Dezember 2011 dürfen kubanische Bauern ihre Produkte direkt an touristische Einrichtungen verkaufen, ohne den Staat als Zwischenhändler. Nach der Verteilung brachliegender Felder an Kleinbauern 2008 war das gerade die richtige Maßnahme, denn die zahlreichen Transportprobleme der staatlichen Lieferfirmen in der Landwirtschaft haben die Verteilung der Lebensmittel ineffizient gestaltet. Mit dieser Maßnahme ist es den Bauern nun möglich, selbst Verträge mit touristischen Unternehmen abzuschließen.

Laut einem aktuellen Bericht aus Juventud Rebelde geschieht dies in der Provinz Matanzas mittlerweile mit Erfolg für alle Beteiligten. Am 23. Dezember waren in Matanzas erst 12 solcher Verträge unterzeichnet, heute sind es 94. Der lokale Vertreter des Tourismusministeriums meint, dass diese Verträge es für die Hotels einfacher machen an lokale Produkte heranzukommen und das Angebot der Buffets zu erweitern. Die Anbieter sind meist landwirtschaftliche Genossenschaften, die in CUP bezahlt werden.

Für die Genossenschaften ist dies ein echter Ansporn mehr zu produzieren und bis zur nächsten Hochsaison wird die Nachfrage weiter stark steigen. Allerdings sind weiterhin noch Probleme beim Transport vorhanden, diese werden sich wohl erst mit der Zeit lösen lassen.

Kuba und der Rio+20 Gipfel

Am Samstag kam Raúl vom UNO Gipfel für Nachhaltige Entwicklung aus Rio de Janeiro zurück. Bei dieser Konferenz ging es um die Bekämpfung der Armut und die Zukunft des Wirtschaftens angesichts immer knapper werdender Ressourcen. Auch wurde dort über eine Art „Green Economy“, also die Möglichkeit auf kapitalistische Weise nachhaltig zu wirtschaften diskutiert. Angela Merkel übrigens blieb der Konferenz fern und schaute auf der Ehrentribüne gerade das Vierteilfinalspiel  Deutschland gegen Griechenland. Raúl bezog in Rio sehr klar Stellung und verwies auf das Zitat, welches Fidel Castro bereits beim ersten Umweltgipfel 1992 prägte:
„Eine wichtige biologische Art läuft Gefahr, durch die schnelle und fortschreitende Liquidation ihrer natürlichen Lebensbedingungen zu verschwinden: der Mensch“.

Interessant sind auch die Umweltfolgen, die für Kuba prognostiziert werden, Raúl sagt in seiner Rede:

Eine tiefgründige und detaillierte Studie, die unsere wissenschaftlichen Einrichtungen in den letzten fünf Jahren durchgeführt haben, stimmt im Wesentlichen mit den Berichten des Zwischenstaatlichen Panels über den Klimawandel überein und bestätigt, dass im gegenwärtigen Jahrhundert, wenn die aktuellen Tendenzen bestehen bleiben, ein allmähliches und bedeutendes Ansteigen des mittleren Meeresspiegels im kubanischen Archipel vor sich gehen wird. Besagte Voraussicht schließt das Ansteigen des Salzgehaltes des Grundwassers ein. All das wird ernste Folgen haben, besonders an unseren Küsten, weshalb wir mit der Ergreifung entsprechender Maßnahmen begonnen haben.

Tatsächlich ist der Meeresspiegel an der Ostküste Kubas zwischen 1969 und 2009 um 8,56 cm gestiegen. Die Erforschung dieses Phänomens durch die kubanische Umweltagentur war bereits 2010 bekannt. Damals ging man noch von einem Anstieg des Meeresspiegels in den nächsten 50 Jahren um 27cm aus, ein Jahr später waren bereits bis 2050 schon 31cm prognostiziert. Wenn von der Ergreifung entsprechender Maßnahmen die bereits begonnen haben die Rede ist, sind wahrscheinlich die Mangrovenbepflanzungen am Küstenbereich gemeint, von denen die kubanischen Experten sprechen. Diese Vegetationsbarriere soll das Land auf natürliche Weise vor Erosion schützen.

Die Schlußfolgerungen Raúls sind sehr richtig:

Lassen wir die Rechtfertigungen und den Egoismus beiseite und suchen wir nach Lösungen. Diesmal werden wir alle, absolut alle, die Konsequenzen des Klimawandels tragen. Die Regierungen der Industrieländer, die auf diese Weise vorgehen, sollten nicht den schweren Fehler begehen, zu glauben, dass sie auf unsere Kosten noch ein wenig länger überleben können. Die Wellen von Millionen hungriger und verzweifelter Menschen aus dem Süden in den Norden und die Auflehnung der Völker angesichts einer solchen Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit wären unaufhaltbar. Dann wäre keinerlei Hegemonie möglich. Schluss mit Beraubung, Schluss mit Krieg, lasst uns auf dem Weg der Entwaffnung fortschreiten und die Atomwaffenarsenale vernichten.

Wir benötigen dringend einen transzendentalen Wandel. Die einzige Alternative ist, gerechtere Gesellschaften zu errichten, eine gerechtere internationale Ordnung aufzustellen, die auf dem Respekt der Rechte aller beruht; die nachhaltige Entwicklung der Länder, besonders der des Südens, abzusichern, und die Errungenschaften der Wissenschaft und der Technologie in den Dienst der Rettung des Planeten und der Menschenwürde zu stellen.

Die aktuelle Position Kubas zur „Green Economy“ wurde neulich auch von María Cris­tina Muñoz Pérez, einer Mitarbeiterin der Forschungsabteilung des CITMA nocheinmals geäußert:

Die Indus­trie­na­tionen und Groß­kon­zerne wollen die Idee einer »Green Eco­nomy« ein­bringen. Was denkt Kuba darüber?

Es kann weder Nach­hal­tig­keit noch eine »grüné Ökonomie« allein auf wirt­schaft­li­cher Grund­lage geben. Wichtig sind die drei Säulen, die ich ange­spro­chen habe. Für eine »grüné Ökonomie« reicht es nicht aus, ein­fach nur die Wirt­schafts­pro­duk­tion zu ent­wi­ckeln. Es muß Regu­lie­rungen geben, der Konsum muß nach­haltig sein. Für den Schutz der Zukunft muß Geld aus­ge­geben werden. Die Zer­stö­rung der Welt durch das nicht­nach­hal­tige Wirt­schaften hat zu dem herr­schenden Ungleich­ge­wicht geführt. Der Mensch hat genü­gend wis­sen­schaft­liche Fähig­keiten und Mög­lich­keiten, um diese Situa­tion umzu­kehren. Wir müssen uns nicht mit dem Ver­schwinden der Mensch­heit abfinden, aber wenn wir keine sozial logi­sche Lösung ergreifen, wird unsere Gat­tung abtreten.

Hierzu spricht sie im Verlauf des Interview auch von Kubas beitrag zur Nachhaltigkeit, beispielsweise durch die Nutzung erneuerbarer Energien mit der Gewinnung von Elektrizität aus Biomasse (Bagasse, also das Restprodukt bei der Zuckerproduktion). Entsprechend will Kuba auch bis 2020 bereits 16,5% der nationalen Energieproduktion aus erneuerbaren Energien gewinnen. Bis 2013 soll die Energiegewinnung aus Bagasse  um 10% gesteigert werden. Dazu weiß man auch den Marabú zu nutzen, ein invasives Mimosengewächs das sich parasitär verbreitet und damit ganze Ackerflächen besetzen kann. Bei den Bauern gilt er daher als Plage, inzwischen gewinnt man daraus Energie.

Kuba war als ein Land anwesend, das den Klimawandel im eigenen Land stark zu spüren bekommen wird, nicht nur was den Anstieg des Meeresspiegels angeht, sondern auch was die Kosten durch die gehäuften Naturkatastrophen betrifft. Bis 2030 soll die Hurricanebekämpfung die karibischen Länder sogar 9% ihres Jährlichen BIP kosten, sagt eine Studie. Dennoch zählt Kuba nicht zu den Verursachern des Klimawandels, die Emmissionen sind gering und Kuba hat bereits sämtliche unterzeichneten Umweltprotokolle mehr als übererfüllt. Tatsächlich ist es laut dem Living Planet Report 2006 sogar das einzige nachhaltige Land der Erde.

Durch die Sonderperiode in den 1990er Jahren war Kuba gezwungen quasi über Nacht von einer exportorientierten monokulturellen auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Die Gelder für die Ersatzteile, welche für Unterhalt und Wartung der teuren Maschinen notwendig waren, konnten schlicht nicht mehr zusammengebracht werden. Doch Kuba hat von der Umstellung profitiert und trotz der schwierigen Lage in den letzten Jahren nimmt die Landwirtschaft seit 2011 mit einem kräftigen Wachstum wieder fahrt auf.

Es ist natürlich immer fraglich, was bei solchen Gipfeln wie dem in Brasilien konkret herauskommt, allerdings ist es für Kuba beinahe eine außenpolitische Tradition an zahlreichen UN-Konferenzen teilzunehmen und die Interessen der Entwicklungsländer zu vertreten. Auch außenpolitisch hat es nicht geschadet, so traf sich Raúl mit der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff sowie mit dem russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew und dem ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa.

Tourismus in Kuba wächst

Von Januar bis Mai 2012 besuchten 1.437.890 Menschen Kuba, das sind 5,5% mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Anstieg allein im Mai ist mit 7,1% sogar überdurchschnittlich. Die Zahlen veröffentlichte gestern die nationale Statistikbehörde ONE. Interessant ist, dass im März dieses Jahres mit etwa 350.000 Besuchern ein Allzeithoch erreicht wurde, wahrscheinlich aufgrund des Papstbesuches und der großen ausländischen Pilgerschar. Zum Sommer hin scheinen die Besucherzahlen allerdings im Vergleich zum Vorjahr immer nur unwesentlich zuzunehmen.

Der kräftige Wachstum im Tourismus 2011 im Vergleich zu 2010 dürfte der kubanischen Wirtschaft geholfen haben wieder auf die Beine zu kommen. 2012 scheint sich dieser Trend fortzusetzen. Meine Vermutung ist, dass nach den Beschlüssen des Parteitags 2011 viele unbedingt nach Kuba fahren wollen, um das „alte Kuba“ noch zu sehen. Den Kubanern kann es nur recht sein, denn dadurch wird die Aktualisierung ihres Wirtschaftsmodells einfacher und Devisen kann das Land sowieso immer gebrauchen.

Das ewige Problem mit den Löhnen

Mittlerweile existiert ein aktuellerer Artikel, der sich ausführlich mit dem Thema der Löhne auf Kuba befasst.

Der Durchschnittslohn in Kuba betrug laut den neulich veröffentlichten Zahlen des Statistikamtes (ONE) 455 Pesos im Jahr 2011, das entspricht nach dem gängigen Wechselkurs von Peso Nacional in Dollar (24:1) ziemlich genau 19 US$. Eine erschreckend niedrige Zahl, wird sich der geneigte Leser möglicherweise denken, denn in Bulgarien beispielsweise, einem EU-Land mit vergleichbarem BIP pro Kopf, beträgt der monatliche Durchschnittslohn 350€, das entspricht 445US$. Damit sind die Löhne Bulgariens durchschnittlich 23 Mal höher als in Kuba. Warum aber belegt Kuba trotz dieser krassen Unterschiede im Reallohn beim HDI den 51. Platz, Bulgarien allerdings „nur“ den 55.? Die Antwort findet sich in der Betrachtung des kubanischen Gesellschaftssystems: Die Aussagekraft des Lohnes in Kuba ist stark begrenzt aufgrund der umfangreichen staatlichen Sozialleistungen, die man in der DDR auch als „zweite Lohntüte“ bezeichnet hat. Neben dem kostenlosen Bildungssystem ist auch ärztliche Versorgung vom Staat garantiert, ebenso wie die Libreta, das System der monatlichen Lebensmittelrationierung zu stark subventionieren Preisen. Da die meisten Kubaner selbst Eigentümer ihrer Wohnungen bzw. Häuser sind und die wenigen Mieter kaum mehr als 10-15 Peso Miete zahlen, fällt hier ein zusätzlicher Lohnminderungsfaktor weg. Diese Leistungen dürfen niemals außer Acht gelassen werden, wenn man sich über die scheinbar extrem niedrigen Löhne in Kuba wundert, denn sie relativieren manches. In der kubanischen Wirtschaft wird im Bereich des Peso Nacional, also der „normalen“ Währung, in der auch die Löhne ausgezahlt werden, stark mit Subventionen gearbeitet.

Soweit so gut, doch was kann man sich mit 455 Pesos in Kuba leisten? Wenig. Da die meisten Konsumgüter nicht im Land selbst gefertigt werden und teuer importiert werden müssen, werden diese in Peso Convertible, der 2004 eingeführten Devisenwährung die als Nachfolgerin des 1993 legalisierten US-Dollars fungiert, verkauft. Diese ist seit 2011 wieder mit einem Kurs von 1:1 an den US-Dollar gekoppelt, nachdem sie im Jahr 2005 leicht aufgewertet worden war um Importe zu erleichtern. Zugriff auf Devisen haben allerdings nur eine Minderheit der Kubaner, die meisten davon arbeiten im Tourismus oder erhalten Zuwendungen ihrer Verwandten im Ausland (Laut einer aktuellen Umfrage des IRI sind dies allerdings nur 15-20% der Kubaner und nicht weit mehr als die Hälfte, wie oftmals in den Medien angegeben wird). Dennoch ist die Summe von über 2 Milliarden US$ beachtlich, die auf diesem Weg jährlich ins Land fließt.

Mit ihrem Durchschnittslohn können die Kubaner also in der Tat nicht viel anfangen, denn fast alles nicht-lebensnotwendige ist nur gegen Peso Convertible erhältlich. Die Ursache dieses gravierenden Problems liegt in dem ewigen Teufelskreis: Niedrige Produktivität -> niedrige Löhne -> niedrige Produktivität…
Aus diesem Kreislauf zu entkommen ist eines der mittelfristigen Ziele der Regierung, die mit der langsamen Aufwertung des Peso Nacional und der Erhöhung der Produktivität der Staatsbetriebe durch Freisetzung von 1,8 Millionen Staatsangestellten in den privaten bzw. genossenschaftlichen Sektor gegensteuert.

(Quelle: The Cuban Economy)

Nach dem Ende der Sowjetunion erfolgte in Kuba die sogenannte Periodo Especial, die Sonderperiode in Friedenszeiten. In dieser Phase, die ihren Höhepunkt in den Jahren 1991-1995 hatte, kam die kubanische Wirtschaft mit dem Wegfall all ihrer Haupthandelspartner (Und das war zu mehr als 50% die Sowjetunion, zu mehr als 20% die anderen RGW-Staaten) zum erliegen. Auf diese komplexe Thema soll hier nicht im Detail eingegangen werden, aber vom Aspekt der Löhne her waren drastische Einschnitte im Staatsbudget die Folge, eine Inflation entwickelte sich und binnen weniger Jahre schrumpfte die Kaufkraft der Kubaner um ein Vielfaches des Wertes von 1990 zusammen. Um soziale Verwerfungen zu vermeiden übernahm der Staat immer mehr Werktätige und schuf sich so einen „Kropf“ an überschüssigen Arbeitskräften, woraufhin die Produktivität sank und die Reallöhne nur sehr langsam wieder stiegen.

(Quelle: Emily Morris, Economist Intelligence Unit in London)

Erst um das Jahr 2005 wurde wieder das Produktivitätsniveau von 1990 erreicht. Derzeit fällt es allerdings schwer, die Produktivität weiter zu steigern, ohne die Anzahl der Arbeitskräfte in den Staatsbetrieben zu reduzieren. Durch die Möglichkeit der Selbstständigkeit entstanden nach dem VI. Parteitag 2011 neue Möglichkeiten für einen kleinen Privatsektors, um diese Überkapazitäten zu absorbieren. Denn die Löhne steigen zwar jährlich, allerdings wird dieser Lohnzuwachs oftmals von der Inflation relativiert, so dass es seit einigen Jahren kaum noch Reallohnzuwäche gibt, insbesondere seit den Hurricanes 2008 und der schwierigen wirtschaftliche Lage in den Jahren 2009-2010.

Die einzige Möglichkeit bleibt also, die Produktivität anzuheben um höhere Löhne auszahlen zu können und wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen. Erst dann ist die Vereinheitlichung der beiden Währungen möglich und die Kaufkraft der Kubaner nimmt deutlich zu. Dies kann allerdings nicht über Nacht geschehen, sondern ist ein langfristig angelegtes Projekt.