Corona-Update für Kuba (3): Erste Erfolge bei der Eindämmung des Virus

Auf Kuba scheinen die Maßnahmen gegen das Corona-Virus langsam aber sicher zu greifen: die Anzahl der täglichen Neuinfektionen ist inzwischen rückläufig und auch von der berühmten Reproduktionszahl gibt es gute Neuigkeiten. Kubas Chefepidemiologe Francisco Durán warnte jedoch, jetzt nicht locker zu lassen. Die Ende März beschlossenen Maßnahmen zur sozialen Distanzierung wurden von der Regierung bereits um einen weiteren Monat verlängert. Indes rücken die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auch auf Kuba stärker in den Fokus der Debatte.

  • Bis zum 25. April wurden auf Kuba insgesamt 1369 Personen positiv auf das neuartige Coronavirus getestet (+32 zum Vortag), 54 Personen sind an den Folgen des Virus gestorben. 3461 Personen befinden sich zur Gesundheitsüberwachung im Krankenhaus, 501 gelten als geheilt. Die Anzahl der durchgeführten PCR-Tests hat sich bei durchschnittlich 1800 pro Tag eingependelt. Am stärksten betroffen ist weiterhin die Hauptstadt Havanna mit 41 Prozent aller Infizierten, gefolgt von Villa Clara und Matanzas. Innerhalb Havannas ist der Stadtteil Centro Habana mit 66 Fällen am stärksten betroffen. Kaum Fälle gibt es hingegen in den Provinzen Granma und Las Tunas, in denen auch sehr viel weniger Tourismus stattfand.
    → Weitere Zahlen und Daten im offiziellen „Covid-19 Dashboard“ für Kuba.
  • Erfolge bei der Epidemie-Bekämpfung
    Die Reproduktionszahl (R) hat sich auf Kuba in den letzten Wochen auf einen Wert um 1 reduziert (siehe Grafik rechts), das heißt ein Infizierter steckt durchschnittlich eine weitere Person an. In der ersten Aprilhälfte lag sie noch bei etwa 1,5. Die Zahl der Neuinfektionen wächst schon seit längerem nicht mehr exponentiell und hat den Wert von 63 Neuinfizierten (17. April) nicht mehr überschritten. Damit entwickelt sich die Epidemie bisher sogar entlang des best-case Szenarios. (zweite Grafik: aktive Fälle, also positiv getestete minus geheilte und gestorbene). Kubas Chefepidemiologe Francisco Durán warnte jedoch davor, „die Maßnahmen jetzt zu lockern oder bei der Disziplin nachzulassen“. Danach sieht es bisher nicht aus: die Ende März beschlossenen Maßnahmen, darunter auch die Grenzschließung, wurden um weitere 30 Tage verlängert.
  • Kuba hat eine neu entwickelte Immuntherapie, welche den Krankheitsverlauf von Covid-19 abmildern soll, zur Erprobung freigegeben. Eine erste klinische Studie ist bereits im Gange. Der Wirkstoff mit dem Namen „CIGB 2020“ wird lokal appliziert und soll die Aktivierung der angeborenen Immunabwehr stimulieren. Weitere Details zu dem Medikament auf: Amerika21.

Weitere Entwicklungen

Checkpoint der Quarantänezone in La Fe auf der Insel der Jugend (Quelle: Victoria)

  • Neue Quarantänezonen und lokale Impfkampagne: Bei der Bekämpfung des neuartigen Corona-Virus setzt Kuba vor allem auf Maßnahmen zur sozialen Distanzierung sowie die gezielte Verfolgung von Infektionsketten durch Gesundheitspersonal. Bis zum 14. April wurden 90 Prozent aller Haushalte, in denen Risikogruppen leben, von Mitarbeitern des Gesundheitswesens besucht (siehe dazu auch einen Beitrag im „Weltspiegel“ vom 20. April). Zusätzlich wurden in fast allen Provinzen lokale Quarantänezonen zur Eindämmung der 39 bekannten lokalen Übertragungsketten gebildet. Aktuell ist dabei Centro Habana in den Fokus gerückt, vor allem die Gegend um Los Sitios. Um die Ausbreitung des Virus zu bremsen wurden Risikogruppen und Gesundheitspersonal dort mit dem Impfstoff Vamengo-bc gegen Mengingokokken geimpft, was die allgemeine Immunität stärken soll. Die jüngsten Quarantänegebiete sind auf der Insel der Jugend eingerichtet worden, wo am Mittwoch vier Wohngebiete mit über 3000 Bewohnern unter strikte Quarantäne gestellt wurden.
  • Nächtliche Ausgangssperre in Pinar del Río: nach Santiago de Cuba hat jetzt auch die Provinz Pinar del Río eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, nachdem sich in der Gegend von „La Ceiba“ (Gemeinde Guane) ein Infektionsherd gebildet hatte. Die Wohnung darf in der Provinz zwischen 20 Uhr und 6 Uhr Morgens nur noch für den Gang zum Arzt verlassen werden.
  • Billigeres Internet für Kubaner: Der staatliche Telefondienstleister ETECSA hat angekündigt, den Erwerb von Datenpaketen für mobiles Internet in Form von Sonderangeboten bei Aufladeaktionen zu fördern. Zudem wird das durch internationale Aufladungen („recarga internacional“) erhaltene Bonus-Guthaben auch für den Kauf von Datenpaketen (3G und LTE) genutzt werden können. Der Preis für jede Internetstunde zu Hause über das monatliche 30-Stunden-Paket („nauta hogar“) hinaus wurde auf 0,30 CUC (0,28 €) gesenkt. Damit sollen Anreize für die Bevölkerung geschaffen werden, um zu Hause zu bleiben, erklärte die Firma in einer Werbung.
  • Mehr Home-Office in Kuba: jüngsten Angaben des Arbeits- und Sozialministeriums (MTSS) zu Folge arbeiten inzwischen 557.000 Beschäftigte (rund 10 Prozent) von zu Hause aus. Kuba will über die Epidemie hinaus an der Möglichkeit festhalten, sofern die Arbeitsplätze dies zulassen. Das Nachrichtenportal Cubadebate schrieb: „die Telearbeit ist keine vorübergehende Mode, sondern gekommen, um sich zu entwickeln“. Arbeiter, die zu den Risikogruppen zählen oder aus anderen Gründen zu Hause bleiben müssen (z.B. Lehrer) erhalten im ersten Monat ihr volles Gehalts ausbezahlt, ab dem zweiten Monat noch 60 Prozent. Etwa 70 Prozent der Fabriken auf Kuba laufen weiter, allerdings kommt nur rund die Hälfte der Belegschaft zur Arbeit.
  • Corona und die Wirtschaft: das Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden, welche die Corona-Pandemie auf Kuba anrichten wird, ist noch nicht absehbar. Die Schließung des Tourismus bedeutet für die Insel empfindliche Einnahmeverluste. Wie Kubas Vizefinanzminister Vladimir Regueiro in der „Mesa Redonda“ erklärte, würden dieses Jahr 28 Prozent des Staatshaushalts für Gesundheit und soziale Absicherung verwendet werden. Doch selbst diese Mittel seien „nicht ausreichend, um alle Isolationszentren auszustatten und alle logistischen Prozesse zu bewerkstelligen“. Die Haushaltspriorität verschiebe sich in diesem Jahr ganz klar in Richtung Gesundheit, Unternehmen sollten nur „unbedingt notwendige“ Ausgaben tätigen. Für Betriebe, die zur Bekämpfung des Virus beitragen, gilt in diesem Jahr eine reduzierte Gewinnmarge von 5 Prozent. Mehr als 13.000 Privatbetriebe haben bereits von der Möglichkeit Gebrauch gemacht ihre Steuerabgaben zu reduzieren. Staatliche Banken haben ein Zinsmoratorium für Kredite angekündigt.
    → Das „Cuban Research Institute“ hat ein Webinar mit dem bekannten kubanisch-US-amerikanischen Ökonomen Carmelo Mesa-Lago (Universität Pittsburgh) am 1. Mai angekündigt, an dem man sich kostenlos beteiligen kann. Die englischsprachige Konferenz findet unter dem Titel „The Cuban Economy in the Context of Covid-19“ statt.
  • Angekündigte Hilfslieferungen für Schutzmaterial aus China sind mittlerweile eingetroffen (Quelle: OnCuba)

    Chinesische Spende erreicht Kuba: eine Sachspende des chinesischen Busherstellers „Yutong“ aus 10.000 OP-Masken sowie anderen Schutzmaterialien ist inzwischen in Kuba angekommen und verteilt worden. Der Hersteller will zudem demnächst 10 fabrikneue Unterdruck-Ambulanzen liefern, welche besonders geeignet für den Transport von Patienten mit Atemwegserkrankungen sind. Über den Verbleib der vor einigen Wochen von den USA abgefangenen Spende des chinesischen Konzerns Alibaba wurde bis dato nichts bekannt.

Am 17. April veröffentlichte Kubas Gesundheitsministerium den „Pesquisador Virtual“ (Quelle: Giron)

  • Neue Corona-App: mit einer neuen App Namens „Pesquisador Virtual“ (deutsch: virtuelle Fallrecherche) können Verdachtspersonen auf Covid-19 eine Umfrage durchführen, um die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung zu ermitteln. Die Angaben werden an die lokalen Gesundheitsbehörden weitergeleitet, welche gegebenenfalls Tests oder weitere Maßnahmen veranlassen können. Bisher haben über 36.000 Kubaner mit der App einen Fragebogen übermittelt.

Kubas Chef-Epidemiologe Dr. Francisco Durán (Quelle: Radio Rebelde)

  • Wer ist eigentlich Dr. Durán?
    In vielen Ländern ist während der Pandemie ein gewisser Kult um Virologen und Epidemiologen entstanden. Kuba darf da natürlich nicht zurückbleiben, denn das Land hat mit Dr. Francisco Durán auch einen hochkarätigen Forscher vorzuzeigen, der inzwischen mit einem eigenen Artikel unter dem sperrigen Titel „Was fast niemand über Dr. Francisco Durán García, den Direktor für Epidemiologie des kubanischen Gesundheitsministeriums, weiß“ in der Parteizeitung „Granma“ gewürdigt wurde. Dort erfahren wir beispielsweise, dass Dr. Durán zuerst Psychiatrie studierte, bevor er sich auf Epidemiologie spezialisiert hat. In seiner Geburtsstadt Santiago de Cuba leitete er die Ausrottungskampagne gegen den Aedes Aegypti-Moskito und war für die Umsetzung der HIV-Prävention verantwortlich. Später wurde er zum Rektor der Medizinhochschule von Santiago de Cuba und stieg dann zum Vizerektor des Instituts für Tropenmedizin „Pedro Kourí“, dem kubanischen Äquivalent zum Robert-Koch-Institut, auf. Inzwischen ist Durán auf Kuba offenbar zu einer kleinen Berühmtheit geworden:

    „Ich mache kaum einen Schritt und schon ruft man mir zu: „Hey, Durán, wie läuft es? Dauert das noch lange oder verschwindet das Virus mit der Hitze?“ Mir wird sogar angeboten, mir Vortritt zu lassen in einem Geschäft, in dem eine Lieferung von Toilettenpapier oder Öl eingetroffen ist. Ich schätze jede Art von Aufmerksamkeit, aber was ich am meisten schätzen würde, wäre, dass die Menschen sich selbst schützen, dass sie sich an unsere Richtlinien halten, dass sie den Mund-Nase-Schutz verwenden und die Hygienemaßnahmen nicht vergessen, dass sie mehr zuhause bleiben …“

    Wie er der „Granma“ erzählt, kommt er gerade auf gerade einmal drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht und ist außerdem nur noch kurze Zeit „auf Besuch“ zu Hause. Kein Wunder: „Jeden Tag um 11:00 Uhr erscheint Dr. Durán auf der Bildfläche unserer Fernseher und auf Hunderten von Internetseiten, auf denen die Pressekonferenz des Gesundheitsministeriums (MINSAP) live übertragen wird.“

  • Anstieg des Stromverbrauchs: trotz der Schließung von Bars, Nachtklubs und Hotels ist der Stromverbrauch auf Kuba gestiegen und lag im April rund 10 Prozent über dem geplanten Wert. Viele Menschen die jetzt zu Hause bleiben nutzen dort offenbar vermehrt ihre Klimaanlage und andere Elektrogeräte. Bisher kann der Mehrbedarf stabil bedient werden.
  • Diebstahl in Zeiten von Corona: wie der nationale Rechnungshof bekannt gab, sind in Havanna inzwischen 1476 Anzeigen wegen Diebstahls von Medikamenten und Desinfektionsmitteln eingegangen, 44 Personen wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Straßendesinfektion in Cienfuegos (Quelle: Cubadebate)

  • Desinfektion von Straßen: in China und Südkorea gehört die Straßendesinfektion zum Standardrepertoire bei Epidemien. Die deutschen Experten halten zwar nichts davon, doch in Kuba will man offenbar nichts unversucht lassen um das Virus zu stoppen. In vielen Orten des Landes wird deshalb Desinfektionsmittel auf der Straße versprüht, wie hier in Cienfuegos.

5 Gedanken zu „Corona-Update für Kuba (3): Erste Erfolge bei der Eindämmung des Virus

  1. Das Besprühen von Straßen hat vor allem eine Signalwirkung an die Bevölkerung, dass der Staat tätig wird. Er kann offensichtlichen Aktionismus demonstrieren, ganz egal ob der etwas bringt. Im Staub der Straße lauert das Virus jedenfalls nicht.

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  2. Ist das zitierte „Covid-19 Dashboard“ ist tatsächlich offiziell, d. h. von staatlichen Stelle? Auf einem in Footer erwähnten Klon der Seite heißt es explizit: „Diese Website stellt KEINEN offiziellen Bereich über die Entwicklung der COVID-19-Pandemie in Kuba dar. Die Angaben zu den statistischen Daten stammen von der MINSAP-Website.“

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  3. Jup, ist es. Es wird von der kubanischen Softwareschmiede „Cosobu“ in Zusammenarbeit mit dem IPK und MINSAP entwickelt. Der R-Wert wird z.B. vom kubanischen Epidemiologen Waldemar Baldoquín vom IPK berechnet. Das Dashboard ist auch die Standard-Quelle von aufbereiteten Daten für Mitarbeiter des kubanischen Gesundheitswesens.

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