27. September 2021

Corona-Update für Kuba (15): Ein Jahr Pandemie

Gestern vor genau einem Jahr wurde auf Kuba der erste Coronafall gemeldet. Seither erlebte das Land mehrere regionale und überregionale Lockdowns und durchläuft in Folge des weltweiten Tourismus-Einbruchs gerade die schwerste Wirtschaftskrise seit den 1990er Jahren. Auch wenn Kuba eine Überlastung des Gesundheitssystems erfolgreich vermeiden konnte und dank umfangreicher Prävention und schneller Eindämmungsmaßnahmen nur niedrige Todeszahlen vorzuweisen hat, stellt Corona das Land auf eine harte Probe. Nach dem erneuten Ausbruch im Dezember stagnieren die Infektionszahlen mittlerweile auf hohem Niveau, während die ökonomischen Folgen der Pandemie immer deutlicher zu Tage treten. Doch das Licht am Ende des Tunnels wird langsam heller: Mit „Soberana 02“ ist ein kubanischer Impfstoff jetzt in der letzten der drei Studienphasen angelangt und wird bereits mit Hochdruck produziert. Wenn alles gut läuft, könnte die Insel im Juli mit der Massenimpfung der Bevölkerung beginnen.

Covid-19 Fälle auf Kuba vom 11. März 2020 bis einschließlich 10. März ’21: Akkumuliert (beige), aktive Fälle (rot) und tägliche Neuinfektionen (blau), (Quelle: Covid19-Dashboard Cuba)
  • Bis zum 11. März wurden auf Kuba insgesamt 59.919 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet: +762 zum Vortag, darunter 368 in Havanna, 105 in Granma und 65 in Pinar del Río. 365 Personen sind bisher an den Folgen des Virus gestorben. 24.493 Personen befinden sich zur Gesundheitsüberwachung in medizinischen Einrichtungen, 55.273 gelten als genesen. Die Anzahl der aktiven Fälle liegt bei 4646 (siehe Grafik oben).
  • Die Inzidenz pro 100.000 Einwohner auf 15 Tage hat sich in den letzten Wochen von 99,9 (4. Februar) auf 109,4 (10. März) leicht erhöht, bewegt sich seither jedoch stabil auf diesem Niveau. Der bei uns gebräuchliche 7-Tage-Inzidenzwert beträgt aktuell 51,8. Die Zahl der durchgeführten PCR-Tests liegt bei durchschnittlich 18.000 pro Tag. Die insgesamt am stärksten betroffenen Provinzen sind Havanna, Santiago de Cuba, Guantánamo und Pinar del Río. Fast ein Jahr seit Beginn der Pandemie wurde am 9. März mit 1041 die zweithöchste Zahl an Neuinfektionen an einem Tag berichtet.
  • RKI stuft Kuba als Risikogebiet ein: Seit dem 28. Februar wird Kuba durch das Robert Koch-Institut als Corona-Risikogebiet bewertet. Umgerechnet in die bei uns übliche 7-Tage-Inzidenz wurde damals die Schwelle von 50 überschritten. Das Auswärtige Amt rät entsprechend von „nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Kuba“ ab. Reisen sind weiterhin möglich, es gilt jedoch die Quarantänebedingungen zu beachten: „Seit dem 8. November 2020 gilt grundsätzlich für Ein-bzw. Rückreisende aus dem Ausland, die sich innerhalb der letzten zehn Tage vor der Einreise in einem Risikogebiet aufgehalten haben, die Verpflichtung sich unverzüglich nach Einreise in eine zehntägige Quarantäne zu begeben. Außerdem müssen sich Einreisende vor ihrer Ankunft in Deutschland anmelden und den Nachweis über die Anmeldung bei Einreise mit sich führen“, heißt es auf der Homepage des RKI. Die Regelung kann allerdings je nach Bundesland verschieden umgesetzt werden. Von kubanischer Seite aus gilt weiterhin die Pflicht, ein negatives PCR-Testergebnis mitzuführen, das bei Reiseantritt nicht älter als 72 Stunden sein darf.
In Havanna hat vor kurzem die dritte Studienphase von „Soberana 02“ begonnen (Quelle: BioCubaFarma / Twitter)

Status der kubanischen Impfstoffe

  • „Soberana“-Impfstudie in letzter Phase: Kubas am weitesten erprobter Impfstoffkandidat „Soberana 02“ vom Finlay-Institut in Havanna ist am 8. März in die dritte und letzte Studienphase mit 150.000 Teilnehmern (davon 44.000 in Havanna und 106.000 in Iran) gestartet. Dabei sollen auch die verschiedenen Impfschema (á 2 und 3 Dosen) auf ihre Effektivität überprüft werden. Die Evaluation der Ergebnisse erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Pasteur-Institut in Teheran. Es ist der erste lateinamerikanische Corona-Impfstoff in dieser Phase. Nach ersten Ergebnissen der Phase-II-Studie soll die Wirksamkeit bei einem zweidosigen Impfschema 76-81 Prozent betragen und mit einer dritten Dosis (als „Booster“) weiter gesteigert werden können. Bis zum 5. März sind 320.000 Dosen von „Soberana 02“ produziert worden. Probleme bereitet den Herstellern die schwierige Versorgung mit Rohmaterial und Geräten in Folge der US-Sanktionen. Der Start der Massenimpfung auf Kuba wird für Juli / August erwartet.
  • Stand der anderen Vakzine: Der vom Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie (CIGB) entwickelte Impfstoff „Abdala“ wartet noch auf die Freigabe, um dann in den kommenden Tagen ebenfalls in die 3. Testphase mit 42.000 Teilnehmern zu starten. Die Studie soll in den östlichen Provinzen Santiago de Cuba und Guantánamo stattfinden. Als fünfter kubanischer Impfstoffkandidat kam jüngst das auf „Soberana 01“ basierende „Soberana Plus“ hinzu. Das Vakzin nutzt ebenfalls die die rezeptorbindende Domäne (RBD) des Corona-Spike-Proteins sowie Aluminiumhydroxit als Wirkverstärker. Es soll als Booster (3. Dosis) für Soberana 02 zum Einsatz kommen. Soberana 01 befindet sich weiterhin in Phase II, der nasal verabreichte Impfstoff „Mambisa“ in Phase I.
  • CNN-Bericht zu Kubas Impfstoffentwicklung: Ein Reporterteam des US-Senders CNN hat Kubas Impfstoffentwicklern einen Besuch abgestattet, bei dem diese ein wenig aus dem Nähkästchen plauderten (→ Kurzbeitrag auf YouTube). Sehr interessant ist auch das 12-minütige Interview (→ YouTube) mit Candace Johnson, Leiterin des renommierten Roswell-Park-Centers für Krebsforschung in New York, mit dem Kuba seit 2018 eine Kooperation zur Erprobung seines Lungenkrebs-Impfstoffs unterhält.
Schlange in Centro Habana (Quelle: Augusto César San Martín / Twitter)

Die Lage in den Provinzen

  • Behörden mahnen zu mehr Disziplin in Havanna: Mit Abstand die meisten Neuinfektionen ereignen sich weiterhin in Kubas Hauptstadt, wo seit Anfang Februar eine nächtliche Ausgangssperre gilt. Die epidemiologisch schwierigste Situation herrscht in den Staddteilen Centro Habana, Guanabacoa, Arroyo Naranjo und Habana del Este. In einer seiner jüngsten Krisensitzungen rief der Verteidigungsrat der Stadt dazu auf, die getroffenen Hygienemaßnahmen auch ernst zu nehmen. Offenbar gibt es eine Reihe von Verstößen und es werde zu wenig Abstand eingehalten. Die extrem schwierige wirtschaftliche Lage verkompliziert die Situation. Als Probleme nannte das Gremium in diesem Zusammenhang u.a.: „Spielende Kinder in Schulhöfen, der illegale nächtliche Brothandel sowie Menschenansammlungen in den Schlangen“.
  • Lernen auf Distanz: Der Beginn des nächsten Semesters wurde vom Februar auf den 15. März verschoben. Dabei soll insbesondere an den Universitäten verstärkt auf Online-Unterricht gesetzt werden, für Schüler weitet der TV-Bildungskanal sein Programm weiter aus. Wie Hochschulminister Dr. José Ramón Saborido bekräftigte, soll im Kontext der noch immer unzureichenden Verfügbarkeit von Laptops mit Internetzugang in Privathaushalten „niemand zurückgelassen und entsprechende Alterativkonzepte angeboten“ werden.
  • Pinar del Río abgeriegelt: Auf Beschluss des lokalen Verteidigungsrats wurde der Personenverkehr von und nach Kubas westlichster Provinz Pinar del Río am 8. März beendet. Nachdem die Fallzahlen seit Wochen stark angestiegen waren liegt die 15-Tage-Inzidenz aktuell bei 233,6 pro 100.000 Einwohner, eine der höchsten im Land. Die gleichnamige Provinzhauptstadt darf auch von den Einwohnern der Region nur noch in medizinischen Notfällen betreten werden. Alle Geschäfte, die keine essentiellen Waren verkaufen, müssen geschlossen bleiben.
  • Steigende Fallzahlen in Sancti Spíritus: Sorgen bereitet den Behörden auch die Lage in der zentralkubanischen Provinz Sancti Spíritus, wo die Fallzahlen seit drei Wochen wieder am steigen sind – allerdings von einem niedrigen Niveau ausgehend. In der Provinzhauptstadt wurde jetzt der Schulbetrieb pausiert. Zusätzlich zum bereits geltenden Lockdown soll der Verkehr zwischen den Gemeinden ausgesetzt werden.
  • Positive Signale aus Santiago und Guantánamo: In den beiden östlichsten Provinzen, die in der aktuellen Welle stark zum Anstieg der Neuinfektionen beigetragen haben, beginnt sich die Kurve seit einigen Tagen langsam aber stetig abzuflachen.

Weitere Entwicklungen

  • Homöopathischer Gesundheitstourismus: Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Kuba seine Impfstoffe auch für ausländische Besucher anbieten kann (siehe Corona-Update 14). Bereits jetzt werden für mexikanische Gäse unter dem Motto: „Urlaub für Gesundheit und Wohlbefinden“ spezialisierte Reisepakete angeboten, welche unter anderem die Applikation des kubanischen Präventiva-Arsenals gegen Corona (Immunmodulatoren: Interferon alfa 2b, Biomodulina-T sowie das homöopathische „Prevengho-Vir“) im Rahmen des Urlaubs beinhalten. Das günstigste Paket umfasst einen einwöchigen Aufenthalt und kostet 5670 Mexikanische Pesos (ca. 226 €). Optional können Dienstleistungen wie Psychotherapie, Zahnreinigung und medizinische Beratungen hinzugebucht werden.
  • Patria y Vida: Die populäre Band „Gente de Zona“ war bisher nicht für regierungskritische Inhalte bekannt. Mit dem Ende Februar veröffentlichten Song „Patria y Vida“ (Vaterland und Leben) provozierte die Gruppe in Anspielung auf den Schlachtruf der Revolution „Patria o Muerte“ (Vaterland oder Tod) und prangert darin die wirtschaftliche und politische Lage des Landes an. Dem viralen Hit setze Kubas Regierung zunächst das vom Sänger Raúl Torres produzierte Lied „Patria o Muerte por la Vida“ entgegen, welches auf YouTube jedoch deutlich geringere Popularität genießt. Jetzt versucht Präsident Díaz-Canel den Slogan neu zu besetzen und twitterte in Bezugnahme auf die kubanischen Corona-Impfstoffe: „#PatriaYVida ist eine unserer Überzeugungen“. Hintergrund: Inzwischen wurde bekannt, dass bereits Fidel Castro den Slogan „Patria y Vida“ in einer seiner Reden verwendete.
  • Testergebnis per SMS: Seit Mitte Februar wird schrittweise damit begonnen, die Ergebnisse von PCR-Coronatests per SMS zu übermitteln. Damit soll sich die Dauer bis zum Erhalt der Resultate auf 24 Stunden reduzieren lassen.
  • Peso bei rund 50:1 zum Dollar: Der inoffizielle Wechselkurs des kubanischen Pesos (CUP) war mit Beginn der Währungsreform am 1. Januar zunächst stark gefallen. Mittlerweile hat sich der Kurs auf Kleinanzeigenportalen wie „Revolico“ auf knapp 50:1 zum Dollar eingependelt.
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9 Gedanken zu “Corona-Update für Kuba (15): Ein Jahr Pandemie

  1. Ich würde es Cuba wünschen, wenn der Impfstoff die erhoffte Wirksamkeit und eine nebenwirkungsfreie Anwendung bringen könnte. Das Niveau der cub. Virologen liegt offenbar auf Weltklasseniveau und die Ergebnisse sind angesichts der beschränkten Ressourcen verblüffend. Das Zurückdrängen der wieder aufgeflammten Epidemie (die dummerweise von der Regierung selbst verschuldet ist) könnte die katastrophale Versorgungslage der Bevölkerung endlich verbessern, da ein (sicher sehr zögerliches) Wachstum des Tourismus wieder Geld in alle Kassen spülen würde.
    Allerdings sind alle Aussagen der Regierung zu dem Coronageschehen im Lande mit Vorsicht zu genießen, Übertreibungen und Falschinformationen sind bekanntermaßen an der Tagesordnung: zuerst war der Impfbeginn auf April datiert, jetzt wird August angepeilt, eine angekündigte Produktion von 100 Millionen Dosen ist sicher eine Fata Morgana. Dass ihre Impfstoffe angesichts der international in Entwicklung befindlichen Stoffe weltweit Erfolg haben werden wäre wunderbar, ist aber angesichts der notwendigen Investitionen zu bezweifeln, aber eine erfolgreiche Impfung der eigenen Bevölkerung wäre ja auch schon ein Erfolg. Vielleicht lebt das Land dann zusammen mit den versprochenen Erleichterungen für private unternehmerische Initiativen wieder auf, verschwinden die langen (und covidfreundlichen) Schlangen vor den Läden, vielleicht kann man dann in den leeren Farmacias wieder eine Kopfwehtablette oder sonstige Medizin ergattern.
    Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

  2. Ich schließe mich gumeys Kommentar an. Cuba liegt, was Bildung angeht, im zentralamerikanischen Raum ganz weit vorn, hat hervorragende Ärzte und Wissenschaftler. Ich glaube, dass es eine Impftoff-Entwicklung gibt. Den Zahlen kann man eider nicht ganz trauen. Ein Stolperstein dürften wieder die fehlenden Devisen für die Rohstoffe sein. Ich hoffe aber, dass man im Interesse das cubanischen Volkes hier man politische Aspekte zur Seite schieben kann und der humanitären Seite den Vorzug gibt. Das wünsche ich dem tapferen cubanischen Volk!

  3. Schön zu sehen, dass es auch hier Menschen gibt, denen Cuba am Herzen liegt. Ich habe einige Freunde auf Cuba und kann im Moment nicht wirklich helfen (keine Päckchen möglich). Geld und Telefonguthaben geht wenigstens. Ich bin beeindruckt mit welcher Geduld das cubanische Volk diese Situation annimmt.Auch ich wünsche den cubanischen Wissenschaftlern viel Erfolg mit dem Impfstoff.Sobald es relativ sicher ist, werde ich meine Freunde auf Cuba besuchen. Die haben einfach verdient zu merken, dass nicht die ganze Weld dieses Volk vergessen hat.

    1. @Eckhard: Telefonguthaben geht. Geldüberweisungen können momentan aus der Europäischen Union nicht getätigt werden. Das meldet FONMONEY. Dort lade ich gewöhnlich AIS-Karten auf. Eine Überweisung, die ich aus Spanien tätigte, schlug fehl. Das Geld versickerte irgendwo und kam nicht an. Gibt es andere Möglichkeiten?

      1. Ich mache diese Aktionen über meine Bank (Sparda -Bank).
        Es fallen zwar 32,50 Euro Gebühren an, die ich übernehme, sonst macht es nicht viel Sinn,wenn auf Cuba dem Ämpfänger gleich ein Teil des Geldes abgenommen wird.Alle Überweisungen waren innerhalb von drei bis vier Tagen auf den Zielkonten.

  4. @Eckhard: Das ist keine Gebühr, sondern Raub.Unglaublich, wie sich die Banken gesundstoßen. Nein, bei aller Liebe, das unterstütze ich nicht. Bei FONMONY habe ich 8,50 Euro bezahlt, unanhängig vom Betrag. Telefonaufladungen sind kostenfrei! 500 CUP = € 19,50 Zahlbetrag. Daran erkennt man, dass der Kostenaufwand gar nicht so hoch sein muss, wie ihn hier die Sparda-Bank darstellt. Unterm Strich bleibt es gleich, ob einem hier oder dort das Geld abgenommen wird. Die Verbrecher sind überall angesiedelt, so ist es halt!

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