Etwas über eine Woche nach dem Durchzug von Hurrikan Melissa kämpft Kuba weiterhin mit den Folgen des Sturms. Die Schadensbilanz, die das Präsidialamt vergangene Woche bei einer Sitzung des Nationalen Verteidigungsrats vorlegte, zeigt das Ausmaß der Verwüstung: 76.689 Wohngebäude wurden beschädigt, davon 4743 komplett zerstört. Die Vereinten Nationen gehen in einer jüngsten Schätzung sogar von rund 90.000 betroffenen Wohngebäuden aus.
Aufgrund anhaltender Überflutungen halten sich 54.000 Menschen auch Tage nach dem Sturm noch in Evakuierungszentren oder bei Verwandten auf. Nachdem die letzten Warnungen für die Provinz Granma aufgehoben wurden, können auch sie nun langsam zurückkehren.
Melissa hatte am 29. Oktober als Hurrikan der Kategorie 3 mit Spitzenwindgeschwindigkeiten von annähernd 200 Stundenkilometern den Osten der Insel durchquert und dabei sintflutartige Regenfälle mit Niederschlagsmengen von bis zu 400 Litern pro Quadratmeter hinterlassen.
Stromversorgung bleibt größtes Problem
Besonders dramatisch ist die Lage bei der Stromversorgung – vor allem in Santiago de Cuba. Wie Energieminister Vicente de la O Levy am Montag mitteilte, haben in der zweitgrößten Stadt des Landes bislang nur 29,23 Prozent der Kunden wieder Strom. Die niedrige Quote sei auf massive Schäden an den Verteilungsnetzen zurückzuführen, erklärte der Minister bei der Krisensitzung unter Leitung von Präsident Miguel Díaz-Canel.
In anderen betroffenen Provinzen sieht die Lage deutlich besser aus: Las Tunas verzeichnet eine Wiederherstellung von 99,95 Prozent, Guantánamo von 96,45 Prozent und Holguín von 79,76 Prozent.

Für Santiago de Cuba, wo 187.000 Kunden auf Elektrizität warten, hat die Regierung zusätzliche Kräfte mobilisiert. Derzeit arbeiten 3746 Techniker an der Reparatur der Stromleitungen in der Ostregion, weitere Brigaden aus anderen Provinzen sollen folgen, berichtet das staatliche Portal Cubadebate. De la O Levy versicherte, dass alle Kunden der Provinzhauptstadt bis Ende dieser Woche wieder Strom haben sollen.
In Granma sind 73,44 Prozent der Stromkunden wieder versorgt, nachdem die von schweren Überflutungen heimgesuchte Provinz am Montag wieder an das nationale Stromnetz angeschlossen werden konnte. Granma war vom Netz getrennt worden, nachdem der Hurrikan sechs Hochspannungsmasten der 220-Kilovolt-Leitung zwischen Cueto und Bayamo zum Einsturz gebracht hatte.
Die Volksrepublik China spendete 5000 Solarpaneele mit je 2000 Watt Leistung, die in entlegenen ländlichen Regionen bei der Stromversorgung helfen sollen. Auch aus Venezuela, Deutschland, Norwegen, Kanada, Kolumbien und Indien kamen Hilfsgüter an. Die Vereinten Nationen genehmigten Mittel in Höhe von 74 Millionen US-Dollar zur Unterstützung des Wiederaufbaus.
Wasserversorgung und Infrastruktur
Bei der Wasserversorgung zeigt sich ein gemischtes Bild. Wie Antonio Rodríguez, Präsident des Nationalen Instituts für Wasserressourcen, berichtete, erhalten in Guantánamo 96 Prozent der Bevölkerung wieder Wasser über die gewohnten Wege, in Holguín sind es 83 Prozent. Problematischer ist die Lage in Santiago de Cuba und Granma, wo nur 57 beziehungsweise 55 Prozent der Menschen wieder regulär versorgt werden. Der Rest erhält Wasser über Tankwagen.

Auch der Bildungssektor verzeichnet erhebliche Schäden: 2117 Schulen und Bildungseinrichtungen wurden beschädigt, von denen allerdings bereits rund die Hälfte repariert werden konnte. Da viele Schulgebäude als Notunterkünfte dienen, wird die Rückkehr zum normalen Unterricht „asymmetrisch und abhängig von den örtlichen Bedingungen“ erfolgen, erklärte Bildungsministerin Naima Ariatne Trujillo.
Im Gesundheitswesen sind 642 Einrichtungen betroffen, darunter Krankenhäuser, Polikliniken, Arztpraxen und Apotheken. Die meisten der betroffenen Einrichtungen befinden sich in Santiago de Cuba (231) und Granma (144). Bislang konnten nur rund vier Prozent den Betrieb wieder aufnehmen.
Die Landwirtschaft verzeichnet vorläufige Schäden auf 78.700 Hektar, mehr als die Hälfte davon bei Bananenpflanzungen. Die UN schätzen die Zahl der betroffenen Landwirtschaftsflächen auf 100.000 Hektar.
Seit Montag verkehren wieder Züge zwischen Havanna und Holguín. Die Hauptstrecke auf der West-Ost-Achse wurde auf mehreren Kilometern beschädigt, weshalb die Verbindungen nach Guantánamo und Santiago de Cuba noch unterbrochen sind. Überlandbusse verkehren bereits seit vergangenem Dienstag wieder an alle Zielorte, müssen dafür aber teilweise Ausweichrouten nehmen.
Letzte Regionen kehren zur Normalität zurück
Yanetsy Terry, Gouverneurin von Granma, berichtete, dass die Überschwemmungen in Río Cauto allmählich zurückgingen. Am Montag verkündete der Nationale Stab des Zivilschutzes die Aufhebung der letzten noch geltenden Warnungen in den Überflutungsgebieten der Provinz. Für die Gemeinden Río Cauto und Cauto Cristo in Granma, die besonders unter Überschwemmungen des gleichnamigen Flusses – Kubas wasserreichstem Gewässer – gelitten hatten, wurde die Wiederaufbauphase eingeleitet.
Trotz der schweren Verwüstungen verzeichnet Kuba keine Todesopfer durch Melissa – im Gegensatz zu Jamaica, Haiti und den Bahamas, wo der Sturm dutzende Menschenleben forderte. Im Vorfeld des Hurrikans wurden insgesamt 1,31 Millionen Personen evakuiert.

