6. Dezember 2025

Kuba als Zuflucht: Ein Nachruf auf Assata Shakur

Ein Gastbeitrag von Andreas Hesse.

Die Höhle des Sklavenschiffs ist der Ort, an dem die afrikanischen Sprachen verschwinden, denn auf dem Sklavenschiff, wie übrigens auch auf den Plantagen, wurden Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, voneinander getrennt. So wurden den Menschen die letzten Dinge des Alltäglichen genommen, zuallererst die Sprache (Édouard Glissant: „Kultur und Identität“). Und mit der Sprache auch die Namen.

Echo der Sklaverei

JoAnne Deborah Chesimard beschloss, so wie auch Mumia Abu Jamal und andere Aktivisten, ihren so empfundenen Sklavennamen abzulegen und nannte sich fortan Assata Shakur. Dies war Produkt ihrer Auseinandersetzung mit einem Aufwachsen unter den Bedingungen zugeschriebener Minderwertigkeit. „Man hatte uns vollständig gehirngewaschen. Wir akzeptierten für uns das weiße Wertesystem und weiße Schönheitsideale und manchmal übernahmen wir sogar das Denken der Weißen über uns. Ich habe noch im Ohr, wie manche Schwarze in meiner Kindheit redeten.“ Assata Shakur erinnert sich, wie Schwarze den weißen Rassismus und Sprachgebrauch reproduzierten und sogar selbst sagten, dass „N. einen Scheißdreck wert“ und „faul“ seien. „In unterschiedlichem Maße akzeptierten wir diese Aussagen. Und in unterschiedlichem Maße machten wir sie selbst zu Wahrheiten, einfach indem wir daran glaubten und sie verinnerlichten“, schreibt sie in ihrer Autobiografie.

Die destruktive Kraft der Fetischisierung von Hautfarbe sei nichts anderes als das Echo der Sklaverei, schreibt die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem Essay „Die Herkunft der Anderen“. Ein Ergebnis dieser negativen Fetischisierung der Hautfarbe ist eine rassistische Rachejustiz, deren Auswirkungen Shakurs langjähriger Anwalt Lennox S. Hinds mehrfach beschrieben hat. 

Im Visier der Justiz

Assata Shakur im Jahr 1981 (Quelle: Trenton Times/Commons)

Als Mitglied der Black Liberation Army optierte Shakur neben der Unterstützung von Bildungs- und Sozialprogrammen für Benachteiligte auch für eine militante Haltung zur Überwindung bestehender Unterdrückung, denn nie, schreibt sie, hätten Menschen in der Geschichte je die Freiheit durch moralische Appelle an diejenigen erreicht, die sie unterdrückten. Doch mit dem tödlichen Schuss auf den Polizisten Werner Foerster und mit einem behaupteten Mordversuch an dem Polizisten Harper konnte sie laut Hinds nichts zu tun gehabt haben. Bei der Schießerei im Rahmen einer Polizeikontrolle 1973 wurde sie selbst schwer verletzt.

Gleich drei Neurologen stellten Hinds zufolge fest, dass Assatas medianer Nerv von Schussverletzungen durch die Polizei durchtrennt worden war, sodass sie niemals in der Lage gewesen wäre, abzudrücken. Außerdem sei ihr Schlüsselbein durch eine Kugel zertrümmert worden, die sie nur getroffen haben könne, als sie mit erhobenen Händen im Auto saß. Auch seien laut Gutachtern keine Schmauchspuren an ihrer Hand gefunden worden. Somit könne sie definitiv keine Waffe benutzt haben. Doch das alles habe nicht im Geringsten interessiert, erläutert Hinds. Und schließlich wurde einer ihrer Anwälte ermordet in seiner Wohnung aufgefunden, die bei ihm zu Hause lagernden Unterlagen zu ihrer Verteidigung waren verschwunden und tauchten – kleine Überraschung – in den Händen der Polizei wieder auf.

Lebenslänglich. Assata Shakur hätte nun ein Dasein wie Mumia Abu Jamal oder Leonard Peltier (nach deren laut Amnesty International ähnlich unfairen Prozessen) zu erwarten gehabt – über Jahrzehnte eingekerkert oder sollte man sagen: lebendig begraben? Im Gefängnis fühlte sie sich auf den Status einer Sklavin reduziert. Doch dann geschah das Undenkbare: Ein Kommando der Black Liberation Army befreite Shakur am 2. November 1979 aus dem Gefängnis Clinton Correctional Facility for Women. 1984 tauchte sie plötzlich auf Kuba auf und wurde zur Widerstandsikone.

1998 erklärte der für den Fall „JoAnne Chesimard“ zuständige Colonel Carl Williams von der New Jersey State Police in der NBC-Sendung des Moderators Ralph Penza ziemlich unverblümt, dass er sie in Kuba kidnappen lassen würde, wenn er nur könnte. Man habe einen Detektiv „full time“ auf sie angesetzt und sie solle besser immer hinter sich schauen. Die machistische Drohgebärde belegte die Hilflosigkeit, Wut und tiefe Kränkung beim Personal des US-Justizsystems aufgrund der erfolgreichen Flucht der „Terroristin“. 

Im Porträt der afrokubanischen Filmemacherin Gloria Rolando „Assata Shakur – Eyes of the rainbow“ (1997) zeigt die Protagonistin sich vom (damals noch gut funktionierenden) Bildungs- und Gesundheitswesen auf der Insel angetan. Das Segregationssystem von North Carolina, wo sie die Kindheit bei den Großeltern verbrachte, kennzeichnet sie als Apartheid und kontrastiert es mit der kommunikativen Kultur und der so selbstverständlich gelebten afrokubanischen Tradition auf Kuba. Im Film sieht sie sich selbst trotz aller politischer Bewusstheit als von Stereotypen geprägt und gibt zu, dass sie ein Land erwartet habe, wo alle wie Fidel Castro in olivgrünen Uniformen herumlaufen. Auch zeigt sie sich überrascht, wie viel Afrika in Kuba steckt. Zum ersten Mal habe sie hier von afrikanischen Gottheiten wie Yemayá und Obbatalá erfahren und ihr sei bewusst geworden, dass den US-Afroamerikanern ihre kollektive historische Identität geraubt worden sei. 

Vor 20 Jahren arrangierte besagte Gloria Rolando für uns, vier Deutsche, ein Treffen mit Assata Shakur in Havanna. Sie lebte in Kuba unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, auch die Filmemacherin wusste nicht, wo die von ihr Porträtierte zu Hause war. Umso überraschender war es, dass das Treffen nicht in klandestinem Ambiente, sondern ausgerechnet an einem repräsentativen Ort wie dem Hotel Nacional stattfand, wo sie auch prompt von einer US-Amerikanerin erkannt wurde. 

Die von der US-Justiz Gesuchte erwies sich als bescheidene, herzliche und wache Person. Sie interessierte sich für die Entwicklungen und den politischen Widerstand in Deutschland. Über Details ihrer Flucht aus dem Gefängnis und nach Kuba wollte sie aus guten Gründen nicht sprechen, um anderen Gefangenen nicht durch unvorsichtiges Plappern zu schaden und eine mögliche Flucht zu erschweren. Ein Gesprächsthema waren aber die Haftbedingungen, wie die zweieinhalbjährige Isolationshaft, sowie die sensorische Deprivation, die sie als Form der Folter beschrieb. Es mache krank, tage- und nächtelang gleißendem Licht ausgesetzt zu sein und jegliche zeitliche Orientierung zu verlieren. 

2005 setzte das FBI ein Kopfgeld von einer Million Dollar auf sie aus. 2013 wurde es auf zwei Millionen Dollar erhöht, nachdem sie auf eine Liste der meistgesuchten Terroristen der USA gesetzt worden war. Auf Kuba wurden die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz vor Entführung oder Ermordung intensiviert. Bald darauf wurde sie zum Streitgegenstand in den Verhandlungen zwischen den Regierungen von Obama und Raúl Castro. Doch Kuba weigerte sich strikt, über eine Auslieferung auch nur nachzudenken. Man gewähre politisches Asyl nach eigenen Kriterien, Erpressung zwecklos.

Havanna als Zuflucht

Wenn Kuba im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs überwiegend als Ort der Repression und nicht als Ort des Schutzes auftaucht, erscheint es notwendig, diesen Teil der Historie in Erinnerung zu rufen. Havanna hat über viele Jahre Verfolgten aus Lateinamerika politisches Asyl gewährt, stellvertretend seien die Chilenen wie zum Beispiel der Filmemacher Patricio Guzmán genannt, die auf Kuba Schutz vor Pinochet fanden. Auch die nach der Okkupation der Westsahara durch die marokkanische Monarchie drangsalierte Ethnie der Sahraouis erfuhr die Solidarität Havannas, Tausenden wurde ein Studium auf Kuba ermöglicht.

Die Zahl der Menschen aus den USA, die Asyl in Kuba erhielten, ist hingegen winzig klein. Doch das reichte schon aus, um erregte Reaktionen zu provozieren. Marco Rubio sprach von mindestens elf Flüchtigen, die man zurückfordere. Dabei ist unklar, wer davon auf Kuba beziehungsweise überhaupt noch lebt. Als letzte floh Nehanda Abiodun 1990 auf die Insel und starb dort 2019.

Antirassistische Bewegungen weltweit trauern um Shakur, doch Rubio und die US-Regierung sprechen ebenso wie die exilkubanischen Medien in den USA von ihr nur als Terroristin und Mörderin, obwohl die damalige Verurteilung nicht einmal wegen terroristischer Delikte erfolgte. Eigentlich, so sagte sie, habe sie nur ein freies Leben führen wollen. Ihre Empathie mit den Benachteiligten dieser Erde war grenzenlos. Die eigene Szene sah sie nicht unkritisch. In den diversen linken Gruppen waren ihr als afroamerikanischer Frau Dogmatismus, Dominanzstreben und überhebliche Arroganz weißer Männer ein Gräuel. 

In die Trauer ihrer Tochter Kayuka dürfte sich die Genugtuung mischen, dass Assata Shakur in höherem Alter eines natürlichen Todes in Freiheit starb. Dank der schützenden Hand Havannas haben die Häscher einer rassistischen Rachejustiz sie nie erwischt. Rest in Peace – Descansa en paz!

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 490 (November 2025), mit freundlicher Genehmigung des Autors. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

Andreas Hesse besucht die Insel seit 1992 und schreibt seit über zwei Jahrzehnten für verschiedene Medien über Kuba, zuletzt regelmäßig für ila.

Über die ila:
Die Informationsstelle Lateinamerika e. V. (ila) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz im Oscar-Romero-Haus in Bonn. Das Ziel des Vereins ist die Veröffentlichung kritischer und unabhängiger Informationen aus Lateinamerika. Der Schwerpunkt liegt auf Nachrichten und Hintergrundinformationen aus basisdemokratischer Perspektive. Der Verein besteht seit 1975 und gibt die gleichnamige Zeitschrift ila heraus.

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