11. März 2026

Solarenergie: „An vitalen Stellen eine Mindestversorgung gewährleisten“

Die US-Energieblockade schneidet Kuba seit Monaten vom Zugang zu Treibstoffen ab. Transport, Gesundheitsversorgung und Stromversorgung geraten zunehmend ins Stocken.

Ein deutscher Solaringenieur arbeitet an Industrieanlagen und Notstromlösungen für Privathaushalte in Havanna. Solarenergie sichert Krankenhäusern, Schulen und Haushalten eine minimale Versorgung. Elektrische Triciclos und kleine PV-Systeme helfen, Mobilität und Alltag aufrechtzuerhalten. Internationale Unterstützung und Solar-Kits könnten vielen Menschen ein Stück Stabilität bringen.

Telepolis im Gespräch mit Ingenieur Martin Müller, der aufgrund des großen Sanktionsrisikos lieber unter Pseudonym auftreten möchte.

▶ Sie arbeiten als Solaringenieur auf Kuba. An welchen Projekten sind Sie beteiligt?

Müller: Beteiligt bin ich vor allem an Industrieprojekten zwischen 50 Kilowatt-Peak und 400 Kilowatt-Peak. Nicht im Megawattbereich, nicht bei den großen Solarparks, sondern alles, was darunter ist: im mittleren Bereich, Industrieprojekte.

Seit letztem Jahr habe ich mich allerdings auch im privaten Haushaltsbereich engagiert: im Bekanntenkreis, bei Freunden, die unter den längeren Stromausfällen immer mehr gelitten haben. Wir haben angefangen, Ersatz- und Notstromsysteme für Häuser zu bauen, eben mit Batterien.

▶ Seit dem US-Angriff auf Venezuela am 3. Januar ist Kuba einer drastisch verschärften Seeblockade durch die USA ausgesetzt, vor allem in Bezug auf Öllieferungen. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?

Müller: Donald Trump möchte die kubanische Regierung unter Druck setzen. Die Ölblockade wurde in einem Maße verschärft, wie es nie da gewesen ist. Man war in Kuba schon einiges gewohnt, aber jetzt wird vieles noch mehr verlangsamt und erschwert.

Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass solche Embargos auf stille Weise großen Schaden anrichten. Man sieht das in Gaza besonders deutlich. Vor allem die langfristigen Folgen sind nicht zu unterschätzen.

▶ Wie macht sich die verschärfte Blockade im Alltag bemerkbar? Woran mangelt es vor allem?

Müller: Es mangelt vor allem an Benzin, Diesel und Flugbenzin, also den raffinierten Treibstoffen, die Kuba nicht selbst herstellen kann. Flugzeuge, die aus Europa kommen, können hier nicht mehr auftanken und müssen jetzt Umwege über Panama oder andere Länder wählen.

Die Máquinas, die Oldtimer, ein traditionelles Transportmittel auf Kuba, fahren meistens mit Diesel. Sie stehen jetzt auch still. Die LKW, ganz wichtig für den Gütertransport im Land zwischen den Provinzen, sind betroffen. Die Schiffe im Hafen ebenfalls.

Was man jetzt vermehrt auf den Straßen sieht, sind die elektrischen Triciclos (Dreiräder). Das Straßenbild hat sich drastisch verändert. Da sind die Kubaner sehr effizient. Die Tricilos brauchen nicht viel Energie, transportieren viele Leute und Güter. Zwar nur über kürzere Strecken, aber immerhin.

Immer mehr Privathaushalte installieren Solaranlagen auf ihren Dächern (Quelle: Dofimall)

Trotz dieser Gegenmaßnahmen: Viele Dinge und Leute kommen nicht mehr dahin, wo sie hin müssen. Vor allem für Kranke und Menschen mit Medikamentenbedarf ist das sehr gefährlich.

▶ Welche Rolle spielt die Solarenergie im Kampf gegen die Blockade?

Müller: In Kuba ist es jetzt besonders wichtig, dass die gesellschaftliche Versorgung nicht komplett zusammenbricht, sondern zumindest auf niedrigerem Niveau noch stattfindet. Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser müssen weiter funktionieren. Solarenergie kann an vitalen Stellen eine Mindestversorgung gewährleisten.

Mit der Solarenergie kann man gerade die kleinen, leichten Fahrzeuge gut aufladen. Sie brauchen nicht so viel Strom wie ein E-Auto in Deutschland – vielleicht nur ein Zehntel von dem. Jede Solaranalage bringt eine gewisse Menge an Kilowattstunden täglich rein, welche letzten Endes auch ein Öläquivalent darstellen.

Ich sage immer: Eine Kilowattstunde Solarstrom ist ein Gläschen Diesel. Jede dieser Anlagen ist ein Tropfen auf den heißen Stein – aber steter Tropfen höhlt den Stein.

▶ Welche Güter werden zurzeit vor allem benötigt?

Müller: Alle. Vor allem solche, die zur Entladung und zum Transport von Gütern benötigt werden. Das ist der zentrale Punkt.

▶ Was kann man tun, um Sie zu unterstützen?

Müller: Unterstützen kann man Kubaner, die sich die Investition in eine eigene Solaranlagen noch nicht leisten können. Man kann sie finanzieren oder ihnen aus dem Ausland sogenannte Solar-Kits schicken.

Mit 3 Kilowatt Leistung und 5 Kilowattstunden Speicher kann man schon ein Haus grundlegend versorgen. Zwar nicht immer mit Klimaanlage, aber zumindest mit Kühlschrank, Licht und Ventilator. Generell ist jede Hilfsgütersendung per Container hilfreich.

Von Kubas Solarwende kann die Welt viel lernen. Die Blockade gefährdet sie. Das sollte man nicht hinnehmen.

Benjamin Roth sprach mit Martin Müller (Pseudonym). Er arbeitet als Solaringenieur auf Kuba. Spenden für Solar-Kits werden unter anderem von Cuba Sí, der Freundschaftsgesellschaft BRD-KubaInterred und dem Verein KarEn gesammelt. (Telepolis)

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Ein Gedanke zu „Solarenergie: „An vitalen Stellen eine Mindestversorgung gewährleisten“

  1. Grossartig, dieses Interview gemacht zu haben und zu veröffentlichen! Der Wert liegt in der soliden Einschätzung der Lage durch einen fachlich kompetenten Menschen vor Ort. Ich wünsche Herrn Müller viel, viel Erfolg!

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