22. April 2026

Kubas Stromnetz erneut kollabiert: Mühsame Wiederherstellung nach Kraftwerksausfall

Ein Kesselschaden im wichtigsten Kraftwerk der Insel hat am Mittwoch weite Teile Kubas erneut ins Dunkel gestürzt. Mehr als 16 Stunden dauerte es, bis das Stromnetz wieder verbunden war – doch die Versorgung bleibt extrem eingeschränkt.

Das kubanische Energieministerium (Minem) bestätigte, dass das Stromnetz (SEN) am frühen Donnerstagmorgen um 5:01 Uhr wieder vollständig zusammengeschaltet werden konnte. Zuvor war dieses in Folge des Ausfalls von Camagüey in der Landesmitte bis Pinar del Río im Westen unterbrochen gewesen. Dennoch bleibt ein Großteil der Insel ohne Strom, da die verfügbare Erzeugungskapazität bei weitem nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken.

Kesselschaden in der Guiteras als Auslöser

Der Zusammenbruch wurde durch den unerwarteten Ausfall des Wärmekraftwerks Antonio Guiteras am Mittwochmittag ausgelöst. Ein Leck in der Kesselanlage zwang das größte Einzelkraftwerk der Insel zur Abschaltung. Zum Zeitpunkt des Ausfalls erzeugte die Anlage rund 200 Megawatt und war damit eine tragende Säule des ohnehin schwer angeschlagenen Stromnetzes.

Román Pérez Castañeda, technischer Direktor des Kraftwerks, erklärte gegenüber der kubanischen Nachrichtenagentur ACN, dass sich die Anlage zunächst in einem Abkühlungsprozess befinde, der rund 36 Stunden dauern könne. Erst danach lasse sich das Ausmaß des Schadens feststellen. Im schlimmsten Fall müsse ein Kesselabschnitt herausgetrennt, neu geschweißt und geprüft werden, bevor das Kraftwerk wieder hochgefahren werden könne. Wie lange diese Arbeiten dauern würden, ließ er offen.

Die Guiteras nimmt innerhalb des kubanischen Energiesystems eine strategische Sonderstellung ein, da sie für den Betrieb mit schwerem kubanischem Rohöl ausgelegt ist und logistisch günstig an dessen Versorgung angebunden ist.

Nur Bruchteil des Bedarfs gedeckt

Lázaro Guerra Hernández, Generaldirektor für Elektrizität im Energieministerium, erläuterte am Donnerstagmorgen im kubanischen Fernsehen die aktuelle Lage. Demnach sei das Netz zwar landesweit von Pinar del Río bis Guantánamo über die 110-Kilovolt-Leitungen wieder verbunden, die stärkere 220-Kilovolt-Ebene könne jedoch aufgrund der geringen Erzeugungsleistung noch nicht zugeschaltet werden.

Landesweit wurden zum Zeitpunkt seiner Stellungnahme lediglich rund 590 Megawatt erzeugt – ein Bruchteil des normalen Bedarfs. In Betrieb befanden sich unter anderem die Gasanlagen Energás in Varadero und Boca de Jaruco sowie einzelne Blöcke der Kraftwerke Santa Cruz, Felton und Renté.

Guerra Hernández erklärte, dass im Laufe des Donnerstagvormittags weitere Erzeugungseinheiten hochgefahren werden sollten, darunter zwei Blöcke in Santa Cruz del Norte, ein Block des Kraftwerks Carlos Manuel de Céspedes, dessen Kessel bereits gezündet worden sei, sowie Block sechs des Kraftwerks Nuevitas.

Havanna: Ein Drittel der Stadt wieder versorgt

In der Hauptstadt Havanna zeichnete die städtische Elektrizitätsgesellschaft (EELH) ein ernüchterndes Bild. Laut einem Lagebericht von 7:43 Uhr Morgens waren 27 Umspannwerke und 95 Verteilungskreise wieder in Betrieb, die rund 287.400 Kunden mit etwa 145 Megawatt versorgten – das entspricht rund ein Drittel der Kunden. Zuvor bereits wiederhergestellte Leitungen mussten teilweise erneut abgeschaltet werden, weil die verfügbare Erzeugungsleistung nicht ausreichte.

Priorität habe die Versorgung lebenswichtiger Einrichtungen, so die Behörde. 39 Krankenhäuser und sechs Wasserversorgungsanlagen mit ihren Pumpstationen seien am Netz, um die medizinische Versorgung und die Trinkwasserversorgung in Teilen der Stadt aufrechtzuerhalten.

Aufgrund der Erfahrungen vorangegangener Ausfälle ist damit zu rechnen, dass sich die Situation in den nächsten Tagen und Stunden weitgehend normalisiert.

Erster Ausfall seit Trumps Energieblockade

Der technische Direktor der Guiteras deutete an, dass der partielle Netzzusammenbruch am Mittwoch mit der insgesamt niedrigen verfügbaren Erzeugungsleistung zusammenhängen könnte. Die geringe Lastverteilung habe dazu geführt, dass nach dem Ausfall der Guiteras auch die übrigen Erzeugungseinheiten vom Netz genommen werden mussten.

Kuba leidet seit mehreren Jahren unter einer schweren Energiekrise, die durch Treibstoffmangel, veraltete Kraftwerksinfrastruktur und fehlende Ersatzteile verursacht wird. In den vergangenen Jahren ist das Stromnetz der Insel deshalb mehrfach teilweise oder ganz kollabiert, zuletzt im März vergangenen Jahres. Mit Beginn der US-Energieblockade, in deren Folge die Insel seit Dezember kaum noch mit vitalen Treibstofflieferungen versorgt wird, hat sich die Situation weiter angespannt. Die USA fangen seit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro am 3. Januar gezielt Tanker mit Kurs auf Kuba ab und drohen Energielieferanten mit Strafzöllen.

Kuba kann zwar rund 55 Prozent des Strombedarfs durch heimisches Schweröl decken, die dezentrale Stromerzeugung über Dieselgeneratoren, die in früheren Krisen als Puffer diente, ist derzeit jedoch weitgehend außer Betrieb. Der Teilzusammenbruch des Netzes war der erste derartige Vorfall seit der verschärften Energieblockade.

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