22. April 2026

Zweiter Blackout innerhalb einer Woche – und ein Tanker in Sicht?

Das kubanische Stromnetz ist am Samstagabend erneut vollständig kollabiert. Es ist der dritte landesweite Blackout allein im März und der zweite innerhalb einer Woche. Mehr als zehn Millionen Menschen auf der Karibikinsel sind von der Versorgung abgeschnitten. Die USA halten indes den Druck auf die Energieversorgung hoch, ein weiterer Öltanker wurde umgeleitet.

Kaskadeneffekt nach Kraftwerksausfall

Laut Lázaro Guerra Hernández, Direktor für Elektrizität im kubanischen Energieministerium, ereignete sich der Zusammenbruch um 18:32 Uhr Ortszeit. Auslöser war der Ausfall von Block 6 des Wärmekraftwerks Nuevitas, der einen Kaskadeneffekt auslöste und die übrigen Kraftwerke des Landes nacheinander vom Netz nahm. Die genauen Ursachen würden noch untersucht, erklärte Guerra Hernández im kubanischen Fernsehen.

Die Wiederherstellungsmaßnahmen liefen wie üblich sofort an. In der Provinz Matanzas standen am frühen Morgen 21 Megawatt zur Verfügung, die Region wurde mit Cienfuegos verbunden. In Havanna konnten bis 6 Uhr morgens sieben Umspannwerke und sieben Verteilungskreise wieder in Betrieb genommen werden, wodurch rund 72.600 Kunden – etwa 8,4 Prozent der Hauptstadt – wieder Strom erhielten. Im Zentrum des Landes ging Block 3 des Kraftwerks Carlos Manuel de Céspedes ans Netz. Der Netzbetreiber UNE erklärte, die Wiederherstellung erfolge schrittweise, wobei Krankenhäuser und Wasserversorgungssysteme Vorrang hätten.

Havanna weist politische Einmischung zurück

Der Zusammenbruch fällt in eine Phase massiver politischer Spannungen zwischen Kuba und den USA. Seit Januar blockieren die Vereinigten Staaten faktisch alle Öllieferungen an die Insel. US-Präsident Donald Trump sprach trotz laufender Gespräche mit Havanna zuletzt von einer „Übernahme“ Kubas, was Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel scharf zurückwies.

Kubas stellvertretender Außenminister Carlos Fernández de Cossío erteilte am Freitag auf einer Pressekonferenz Forderungen nach einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Kubas eine Absage. „Das politische System Kubas steht nicht zur Verhandlung, und selbstverständlich ist weder der Präsident noch irgendein anderer Regierungsposten Gegenstand von Verhandlungen – weder mit den USA noch mit irgendeinem anderen Land“, sagte er laut der Nachrichtenagentur EFE. Jeglicher Anspruch, die Unabhängigkeit der Insel auszulöschen, sei „völlig inakzeptabel“.

Zuvor hatten der Miami Herald und die New York Times berichtet, Washington suche im Rahmen der Verhandlungen nach einem Ersatz für Präsident Miguel Díaz-Canel, der als Hindernis für eine Einigung wahrgenommen werde. Sowohl das Weiße Haus als auch US-Außenminister Marco Rubio dementierten diese Berichte.

Die Verhandlungen scheinen jedoch alles andere als gut zu laufen: Washington hat bislang keinerlei Signale selbst für eine temporäre Lockerung geliefert, während Kuba im Gegenzug der US-Botschaft in Havanna Dieselimporte untersagt. Es bleibt die Möglichkeit, dass die Gespräche – ähnlich im Falle Irans – nur eine Hinhaltetaktik für ein militärisches Eingreifen sein könnten.

Kurz vor dem Stromausfall traf eine Koalition internationaler sozialistischer Gruppen in Havanna ein, darunter auch der ehemalige britische Labor-Vorsitzende Jeremy Corbyn. Sie brachten Solarpaneele, Lebensmittelpakete und Medikamente mit. Der „Nuestra América“-Hilfskonvoi aus Mexiko kommend wurde wegen schlechter Seebedingungen verzögert, soll aber am Montag im Hafen von Havanna eintreffen.

Energiekrise spitzt sich dramatisch zu

Kuba hat seit dem 9. Januar keine stabilen Treibstofflieferungen mehr erhalten. An diesem Tag erfolgte die letzte Lieferung aus Mexiko. Der staatliche mexikanische Ölkonzern Pemex stellte seine Lieferungen ein, nachdem Washington mit Sanktionen gedroht hatte.

Mexiko war 2025 mit einem Anteil von 44 Prozent an den kubanischen Ölimporten – im Wert von rund 496 Millionen US-Dollar – der wichtigste Lieferant der Insel. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum erklärte, ihre Regierung prüfe Alternativen zur Wiederaufnahme der Energiehilfe, nannte jedoch weder Fristen noch konkrete Bedingungen.

Hoffnung macht derzeit der russische Öltanker „Anatoly Kolodkin“, der zwischen 700.000 und 730.000 Barrel russisches Rohöl transportiert und am Montag im Hafen von Matanzas erwartet wird. Es wäre die erste größere Treibstofflieferung seit über drei Monaten. Laut der maritimen Analyseplattform Kpler entspricht die Ladung etwa einem Monat Versorgung für die Insel. Das Schiff gehört der staatlichen russischen Reederei Sovcomflot und steht auf den Sanktionslisten der USA, der EU und Großbritanniens. Es verließ den russischen Hafen Primorsk am 8. März und gab als Ziel fälschlicherweise „Atlantis, USA“ an.

Konfrontation zwischen Washington und Moskau vor Kuba

Washington reagiert mit direktem Druck. Das US-Finanzministerium erließ am 12. März über sein Sanktionsbüro OFAC eine Lizenz, die Kuba im Rahmen der Lockerungen der Russland-Sanktionen explizit vom Empfang russischen Öls ausschließt. Zwei Schiffe der US-Küstenwache wurden vor der Nordostküste Kubas positioniert, um das Schiff möglicherweise abzufangen. Das US-Südkommando bestätigte, den Tanker zu verfolgen, spielte dessen Ladung jedoch herunter und schätzte, sie reiche höchstens für zwei Wochen.

Ein zweiter Tanker, die „Sea Horse“, die rund 200.000 Barrel russischen Diesel nach Kuba transportieren sollte, änderte am Donnerstag ihren Kurs und steuerte stattdessen Trinidad und Tobago an. Laut Reuters-Daten steht die Kursänderung in direktem Zusammenhang mit der neuen OFAC-Lizenz. Ähnliche Vorfälle gab es bereits zuvor: Der Tanker „Ocean Mariner“ änderte im Februar seinen Kurs wegen der Präsenz der Küstenwache, ebenso ein Togo kommender Tanker mit Öl, das Kuba auf dem Spotmarkt erworben hatte.

Russland äußerte „tiefe Besorgnis“ und bekräftigte seine Unterstützung für Havanna. „Wir leisten und werden Kuba weiterhin die notwendige Unterstützung zukommen lassen, einschließlich materieller Hilfe“, erklärte das russische Außenministerium.

Ob die „Anatoly Kolodkin“ ihren Zielhafen tatsächlich erreicht, dürfte sich in den kommenden Stunden entscheiden – und könnte zu einer direkten Konfrontation zwischen Washington und Moskau vor den Küsten Kubas führen.

Update (23.03): Am Sonntag um 21:42 Uhr Ortszeit wurde das Stromnetz wiederhergestellt.

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