Der russische Öltanker Anatoly Kolodkin hat am Morgen des 31. März im Hafen von Matanzas angelegt, nachdem bereits am Vortag klar war, dass das Schiff kubanische Gewässer erreichen würde. An Bord befinden sich rund 100.000 Tonnen Rohöl – mehr als 700.000 Barrel –, wie das russische Transportministerium laut der Nachrichtenagentur Interfax bestätigte. Auch kubanische Medien bestätigten die Ankunft des Tankers.
Es handelt sich um die erste Öllieferung, die Kuba seit Anfang des Jahres erreicht. Das Schiff war am 8. beziehungsweise 9. März aus dem russischen Hafen Primorsk ausgelaufen und wurde beim Passieren des Ärmelkanals von einem Schiff der russischen Marine begleitet.
Drei Monate ohne Treibstoff
Die Lieferung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Seit Januar hat Kuba lediglich minimale Treibstoffimporte erhalten. Hintergrund ist eine faktische Ölblockade durch die US-Regierung (Cubaheute berichtete).
Nur Stunden vor dem Eintreffen des Tankers vollzog US-Präsident Donald Trump eine überraschende Kehrtwende. An Bord der Air Force One sagte er Journalisten am Sonntag: „Wenn ein Land Kuba jetzt Öl schicken will, habe ich kein Problem damit, ob es Russland ist oder nicht.“ Weiter erklärte er: „Ob ein Öltanker ankommt oder nicht, das spielt keine Rolle“, zitierte die Nachrichtenagentur EFE den Präsidenten. Zuvor hatte Trump noch mit Zöllen gegen jedes Land gedroht, das Kuba mit Treibstoff beliefert, und sogar eine mögliche militärische Intervention angedeutet, um die Insel „zu übernehmen“.

Die Kehrtwende wurde kurz zuvor durch eine Enthüllung der New York Times eingeleitet, wonach Washington die Einfahrt des russischen Tankers nach Kuba gestatten würde. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte am Montag, dass die Genehmigung „im Voraus“ in Kontakten mit Vertretern des Weißen Hauses besprochen worden sei.
Unklar bleibt, ob Trumps Äußerungen eine dauerhafte Lockerung der Energieblockade oder nur ein einmaliges Entgegenkommen darstellen. Erst vor gut einer Woche hatte das US-Finanzministerium Kuba auf eine Liste von Ländern gesetzt, die kein russisches Öl erhalten dürfen. Zwar wurden Sanktionen gegen russisches Öl, das vor dem 12. März verschifft wurde, für einen Monat gelockert – Kuba, Iran und Nordkorea waren davon jedoch ausdrücklich ausgenommen.
Wiederholt hatte Trump hingegen erklärt, er wolle sich um das Thema Kuba „kümmern“, sobald der Irankrieg beendet sei. Gut möglich also, dass die USA vorerst keinen kompletten humanitären Zusammenbruch vor ihrer Küste erleben wollen, bis das Militär voll handlungsfähig ist. Wann das sein wird, steht allerdings angesichts der immer weitergehenden Eskalation in Nahost in den Sternen. Havanna dürfte darauf setzen, bis zu den Midterms im November durchzuhalten, nach denen Trumps Handlungsfähigkeit durch ein anderes Kräfteverhältnis eingeschränkt sein könnte.
Kurzfristige Linderung, keine Lösung
Der Tanker Anatoly Kolodkin gehört der russischen Reederei Sovkomflot, die ebenso wie das Schiff selbst US-Sanktionen unterliegt. Russlands Energieminister Sergei Tsivilew bezeichnete die Lieferung als „humanitäre Sendung“ aufgrund der schwierigen Lage der Insel durch die US-Sanktionen.
Kreml-Sprecher Peskow bekräftigte am Montag, Russland werde Kuba weiterhin unterstützen: „Die verzweifelte Lage, in der sich die Kubaner befinden, kann uns natürlich nicht gleichgültig lassen. Wir werden weiter an dieser Sache arbeiten“, sagte er laut einem Bericht der Nachrichtenagentur EFE.
Nach Einschätzung von Energieexperten wie Jorge Piñón dürfte die Lieferung den kubanischen Bedarf für einige Wochen decken. Das Land benötigt rund 100.000 Barrel Öl pro Tag, von denen etwa 40.000 aus eigener Produktion stammen. Die verbleibende Lücke von rund 60.000 Barrel muss durch Importe geschlossen werden.
Unter normalen Umständen würde die Lieferung knapp zwei Wochen reichen. Durch die Rationierungsmaßnahmen, die seit dem 6. Februar gelten, könnte sie die aktuelle Situation jedoch für einen weiteren Monat stabilisieren.
Zahlreiche Länder haben Kuba unterdessen humanitäre Hilfe zukommen lassen. Ob die Ankunft des Anatoly Kolodkin den Beginn einer dauerhaften Entspannung markiert oder lediglich eine kurzfristige Atempause bleibt, wird maßgeblich davon abhängen, wie sich die US-Politik gegenüber der Insel in den kommenden Wochen entwickelt – und ob sich weitere Länder wie Mexiko dem russischen Vorstoß anschließen und wieder mehr Öllieferungen planen.

