Inmitten der aktuellen Krise geht auf Kuba die medizinische Forschung weiter. Kubanische Wissenschaftler haben jüngst die Ergebnisse klinischer Phase-II-Studien des therapeutischen Impfstoffkandidaten HEBERSaVax vorgestellt, die vor wenigen Wochen in der Medizindatenbank Pubmed veröffentlicht wurden. Das Mittel basiert auf dem Prinzip der aktiven Immuntherapie – einem Ansatz, bei dem das körpereigene Immunsystem gezielt stimuliert wird, um Krebszellen zu bekämpfen – und soll verschiedene solide Tumorarten behandeln.
Entwickelt wurde das Präparat vom Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie (CIGB) in Havanna, das bereits den Covid-Impfstoff Abdala entwickelt hat.
Wiederherstellung der körpereigenen Immunantwort
Dr. Yanelys Morera Díaz, Leiterin des Projekts und Mitglied der Kubanischen Akademie der Wissenschaften, erläuterte den Wirkmechanismus: Das Präparat greife gleichzeitig auf mehreren Ebenen in das Tumorgeschehen ein, indem spezifische Antikörper produziert werden, die den Blutfluss zum Tumor unterbrechen und ihm damit Nährstoffe und Sauerstoff entziehen. Gleichzeitig werde die körpereigene Immunantwort des Patienten wiederhergestellt, um Krebszellen aktiv abzutöten.
Die Forscherin betonte, dass die Studie alle regulatorischen Phasen durchlaufen habe – von Tierversuchen bis zu den jüngsten klinischen Phase-II-Studien an spezifischen Tumorlokalisationen. Besonders hervorgehoben wurde das Sicherheitsprofil des Mittels: Unerwünschte Wirkungen seien selten und gut verträglich. Dies ermögliche eine Kombination mit herkömmlichen Krebstherapien, ohne deren Toxizität zu erhöhen, so Morera Díaz. Unter den Studienteilnehmern hätten viele eine messbare Verbesserung ihrer Lebensqualität erfahren, einige sogar vollständige Rückbildungen des Tumors auch in fortgeschrittenen Krankheitsstadien.
Der klinische Forscher und Internist Julio César Hernández Perera, ebenfalls Mitglied der Kubanischen Akademie der Wissenschaften, bestätigte das hohe Sicherheitsprofil und verwies auf die breite potenzielle Anwendbarkeit: Da das Präparat auf einem Protein ansetze, das in vielen Tumoren in erhöhter Menge vorkommt, sei ein Einsatz bei einer Vielzahl von Tumorarten denkbar. Klinisch validiert wurde HEBERSaVax bislang bei Dickdarmkrebs, Leberzellkarzinom, Eierstockkrebs und Nierenkrebs.
Die Krebsforscherin Adriana Felinciano Pozo ergänzte, dass die subkutane Verabreichung – also die Injektion unter die Haut – die praktische Handhabung in der klinischen Routine vereinfache. Sie sprach von „soliden Daten“ und betonte die Kombinierbarkeit des Mittels mit anderen Medikamenten.
Das Forschungsteam und die Gesundheitsbehörden planen, die weiteren Entwicklungsphasen fortzusetzen, um HEBERSaVax in das verfügbare therapeutische Arsenal zu integrieren. Morera Díaz äußerte die Hoffnung, das Mittel künftig auch in der Primärversorgung einsetzen zu können. Angesichts der Tatsache, dass Krebs weltweit zu den häufigsten Todesursachen zählt, sehen die Forscher in dem Kandidaten ein erhebliches Potenzial.
Biotechnologie „Made in Cuba“
Wer Kubas Biotechnologiesektor kennt, wird von diesen Ergebnissen kaum überrascht sein. Die Erklärung liegt im seit den Achtzigerjahren systematisch aufgebauten Biotech-Sektor. Schon 1982 entstand das Zentrum für Biologische Forschung, 1986 folgte das Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie (CIGB). 2012 wurden sie mit Teilen der Pharmaindustrie zur staatlichen Unternehmensgruppe BioCubaFarma zusammengeschlossen, die heute als strategischer Wirtschaftszweig gilt.
Dass Kuba dieses Kapital auch unter Druck mobilisieren kann, zeigte sich zuletzt in der Covid-19-Pandemie eindrücklich: Aus Sorge, aufgrund des jahrzehntealten US-Embargos keine Impfstoffe beschaffen zu können, traf das Land Mitte 2020 die Entscheidung, selbst Vakzine zu entwickeln – und brachte innerhalb eines Jahres mit Abdala den ersten in Lateinamerika zugelassenen Corona-Impfstoff auf den Markt. Insgesamt entwickelte Kuba in dieser Zeit fünf verschiedene Covid-Impfstoffe – Abdala, Soberana 02, Soberana 01, Soberana Plus und Mambisa – die in mehreren Ländern zugelassen wurden.

