Nach der Entführung von Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte im Januar 2026 und dem verheerenden Erdbeben im Juni hat sich in Venezuela ein Kontrollsystem etabliert, das US-Außenminister Marco Rubio faktisch zum Regenten eines souveränen Staates macht.
Was die New York Times offen als „De-facto-Vizekönigreich“ beschreibt und chavistische Analysten als Unterwerfung unter Washingtons Diktat geißeln, wirft die Frage auf: Ist Venezuela die Blaupause für einen ähnlichen Zugriff auf Kuba?
Ein Telefonat in der Nacht
In den frühen Morgenstunden des 3. Januar 2026, kurz nach der Entführung Maduros, rief Marco Rubio die damalige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez an. Auf Spanisch, so berichten mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen gegenüber der New York Times, stellte er ihr eine klare Wahl: Kooperation mit den USA – oder weitere Angriffe auf Venezuelas Infrastruktur, Militärstützpunkte und führende Regierungsvertreter.
Rodríguez stimmte zu. Laut Präsident Trump erklärte sie dabei, sie sei bereit, das zu tun, was die USA für notwendig hielten, um Venezuela „wieder groß zu machen“. Trump selbst kündigte an, die USA würden das Land so lange „führen“, bis eine „sichere, geordnete und umsichtige Machtübergabe“ stattgefunden habe. Wenige Tage später sagte er der New York Times in einem Interview, er rechne damit, dass die USA Venezuela über Jahre hinweg leiten würden.
Rubio, so die Zeitung gestützt auf mehr als ein Dutzend Gespräche mit Regierungsvertretern beider Seiten, ist seitdem der faktische Regent des Landes – ohne je persönlich nach Caracas gereist zu sein. Andere US-Beamte bezeichnen ihn intern als „Vizekönig“, in Anlehnung an die mächtigen Statthalter des spanischen Kolonialreichs, gegen die Venezuela im frühen 19. Jahrhundert in die Unabhängigkeit zog.
Die Taschengeld-Ökonomie: Wie Washington Venezuelas Finanzen kontrolliert
Das auffälligste Instrument der US-Kontrolle ist finanzieller Natur. Das US-Finanzministerium zieht die Exporteinnahmen Venezuelas – in erster Linie aus dem Ölgeschäft – ein und leitet sie gebunden an strenge Bedingungen über das venezolanische Bankensystem zurück an Caracas. Rubio und sein Team legen dabei fest, wofür und durch wen das Geld verwendet werden darf. Die New York Times vergleicht diesen Mechanismus mit Eltern, die ihren Kindern Taschengeld auszahlen.
Rodríguez ist auf diese Mittel angewiesen, um Staatsbedienstete zu bezahlen und die Landeswährung zu stützen. Das System verschafft ihr zwar den Vorteil, dass ausstehende Schulden gegenüber internationalen Gläubigern de facto durch den Schutzschirm des US-Finanzministeriums abgewehrt werden können. Doch der Preis ist vollständige Abhängigkeit.
Gleichzeitig gestaltet Rubio den venezolanischen Ölsektor aktiv um. Er hat US-Unternehmen bevorzugten Zugang verschafft und europäische Ölkonzerne, die bereits vor der US-Übernahme im Land tätig waren, zunehmend verdrängt. Venezuelas staatliches Ölunternehmen hat inzwischen still und leise die Anteile des russischen Staatskonzerns Rosneft an gemeinsamen Projekten übernommen.
Der Ölhandel selbst läuft über zwei Handelsunternehmen – Trafigura und Vitol –, die in einer von der Trump-Administration eingerichteten Struktur operieren.
Souveränitätsverlust in der Praxis
Der Alltag des venezolanischen Regierens unter US-Kuratel lässt sich an konkreten Vorgängen ablesen, die die New York Times dokumentiert und die die chavistische Journalistin Jessica Dos Santos auf dem Portal Venezuelanalysis kommentiert hat.

Wichtige Personalentscheidungen – darunter die Ernennung des Verteidigungsministers – legt Rodríguez Rubio zur Billigung vor. Als Fox-News-Moderator Bret Baier sie um ein Interview bat, antwortete sie, zunächst müsse Trump zustimmen. Trump habe diese Unterwerfungsgeste genossen und die Anekdote seither mehrfach anderen gegenüber wiederholt, berichtet die New York Times unter Berufung auf mehrere mit seinen Äußerungen vertraute Personen.
Besonders aufschlussreich ist der Vorfall um Außenminister Yván Gil: Als die USA im Frühjahr 2026 den Iran angriffen, veröffentlichte Gil eine zurückhaltende Verurteilung des Angriffs auf Venezuelas langjährigen Verbündeten. Die Trump-Administration ließ Rodríguez mitteilen, der Beitrag müsse gelöscht werden – und warnte davor, US-Gegner öffentlich zu unterstützen. Gil löschte den Beitrag wenige Stunden später. Dos Santos wertet dies als offenes Eingeständnis, dass Venezuela seine Außenpolitik nicht mehr eigenständig bestimmt.
Auch auf der Sicherheitsebene zeigt sich die Tiefe der Unterwerfung: Im Juni 2026 halfen Informationen aus dem Umfeld der Rodríguez-Regierung US-Streitkräften dabei, Héctor „Niño“ Guerrero, einen führenden Anführer der Bande Tren de Aragua, per Raketenangriff in einem abgelegenen Gebiet Südvenezuelas zu töten – die erste militärische Zusammenarbeit beider Länder seit Jahrzehnten.
Die venezolanische Regierung hatte zunächst Berichte über US-Spezialkräfte als Falschmeldungen bezeichnet; nachdem Trump den Erfolg der Aktion selbst verkündete, räumte Caracas nachträglich eine „gemeinsame Operation“ ein.
Im Februar 2026 wurde zudem der Geschäftsmann Alex Saab, ein enger Vertrauter Maduros, auf Druck Washingtons festgenommen und an die USA ausgeliefert – nachdem ihm der venezolanische Pass entzogen worden war. US-Behörden erhoffen sich von Saab Aussagen, die den Strafverfolgungsfall gegen den inhaftierten Maduro stärken könnten.
Katastrophenkapitalismus: Das Erdbeben als Machtinstrument
Am 24. Juni 2026 erschütterten zwei schwere Erdbeben Venezuela. Ganze Stadtviertel wurden zerstört, mehr als 5000 Menschen kamen ums Leben. Rubio, so berichtet die New York Times, wurde mitten in der Nacht in Bahrain von der Situation in Kenntnis gesetzt und rief Rodríguez umgehend an, um die volle Unterstützung der USA zuzusagen. Zwei Tage später waren amerikanische Rettungsteams vor Ort.
Seither wurden 900 US-Militärangehörige nach Venezuela entsandt, auch die israelische Armee ist vor Ort und erhofft sich mit der Hilfe einen Neustart der Beziehungen zu Tel Aviv.
Die USA haben knapp 400 Millionen Dollar an Hilfsgeldern zugesagt und Bargeld an die venezolanische Regierung geliefert. Unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe haben US-Kräfte die Kontrolle über den Hafen von La Guaira und den internationalen Flughafen „Simón Bolívar“ übernommen, wie Dos Santos auf Venezuelanalysis beschreibt. US-Soldaten sitzen im Flugsicherungsturm, Überwachungsdrohnen kreisen über Caracas, Militärhubschrauber patrouillieren über den Katastrophengebieten.
Dieses Muster entspricht präzise dem, was die kanadische Journalistin und Kapitalismuskritikerin Naomi Klein in ihrem 2007 erschienenen Werk „Die Schock-Strategie“ als „Katastrophenkapitalismus“ beschrieben hat: Auf eine Katastrophe folgt kurze Orientierungslosigkeit, dann ein politisches Möglichkeitsfenster – und am Ende eine Machtverschiebung, die nicht mehr rückgängig gemacht wird. Klein betonte dabei, Krisen würden nicht zwingend geplant, aber systematisch ausgenutzt.
Das Erdbeben habe Rubios erklärtes Ziel, Venezuela zur Demokratie zurückzuführen, zurückgeworfen, räumte er selbst ein. Doch für das eigentliche strategische Ziel – Venezuelas Öl für US-Interessen zu sichern – hat die Katastrophe die Kontrolle eher vertieft als geschwächt.
Oil first
Rubio hat sich jahrelang als Verfechter der Demokratie in Lateinamerika inszeniert. In Venezuela stützt er nun eine Übergangsregierung, die aus dem engsten Kreis Maduros stammt. Die New York Times berichtet, die meisten Venezolaner hätten Maduros Sturz zunächst mit Erleichterung aufgenommen – um dann ungläubig zuzusehen, wie Washington ein Bündnis mit seinen wichtigsten Vollstreckern einging.
Die umstrittene ultrarechte Oppositionspolitikerin María Corina Machado – noch Monate zuvor mit dem Friedensnobelpreis zur Figur auf internationaler Bühne aufgebaut – wurde von Rubio bewusst übergangen. Er fürchtet, ihre Rückkehr nach Venezuela könnte Unruhe auslösen, die US-Ölinvestoren abschrecken würde.
Wann Wahlen stattfinden sollen, ist unklar. Auf die Frage der New York Times antwortete Rodríguez im Mai 2026: „Ich weiß es nicht. Irgendwann.“ Politische Beobachter vermuten, sie versuche, die verbleibende Amtszeit Trumps auszusitzen, in der Hoffnung, sein Nachfolger werde den Druck lockern. Doch die Entscheidung liegt nicht bei ihr – sie liegt bei Rubio.
Trump selbst hat mehrfach, halb im Scherz, erklärt, Venezuela könnte der 51. Bundesstaat der USA werden.
Die Blaupause für Kuba?
Was in Venezuela erprobt wird, könnte als Modell für den von der Trump-Administration forcierten Systemwechsel in Kuba dienen – ohne formelle Besatzung, aber mit vergleichbarer struktureller Kontrolle.
Kuba steckt seit Jahren in einer tiefen Wirtschafts- und Energiekrise, die sich seit Januar durch eine US-Energieblockade massiv verschärft hat. Die seit mehr als 60 Jahren bestehenden US-Sanktionen wurden damit auf die Spitze getrieben: US-Präsident Donald Trump hatte Strafzölle gegen jedes Land angedroht, das weiterhin Öl an Kuba liefert. Schiffe, die Kuba auf dem Weltmarkt unter Vertrag nahm, wurden von der US-Küstenwache abgefangen.
Seit Anfang des Jahres kam deshalb nur ein einziger Öltanker in Kuba an. Am Ersten Mai hatte Trump per Exekutivorder schließlich auch Sanktionen gegen ausländische Unternehmen angedroht, die in Schlüsselbereichen der kubanischen Wirtschaft tätig sind. Zahlreiche westliche Firmen haben sich daraufhin zurückgezogen, während Trump-nahe Investoren sich bereits die Schürfrechte der wichtigsten Minen des Landes gesichert haben. Trump drohte mehrfach an, dass er das Land „übernehmen werde“.
Das Venezuela-Modell zeigt, wie Washington diesen Hebel nutzen könnte: Ein Sanktions- und Lizenzierungsregime, das bestimmten Akteuren Zugang gewährt und anderen verwehrt; eine Kontrolle über Devisenflüsse, die eine Regierung in existenzielle Abhängigkeit treibt; und humanitäre oder sicherheitspolitische Krisen, die als Türöffner für militärische Präsenz dienen.
Der entscheidende Unterschied: In Venezuela war es die gewaltsame Entführung eines Staatsoberhauptes, die den Hebel schlagartig umlegte. In Kuba versucht Washington derzeit, seine Ziele über schleichende Erosion durch Energienotstand und eine bewusst herbeigeführte humanitäre Notlage zu erreichen.
Anders als in Venezuela, wo mit Delcy Rodríguez eine amtierende Vizepräsidentin über Nacht zur Verwalterin von Washingtons Gnaden wurde, hat Kuba seine Schlüsselfigur nicht im Präsidentenpalast, sondern im engsten Familienzirkel der Revolution. Raúl Guillermo Rodríguez Castro – Enkel von Raúl Castro, in Havanna „Raulito“, in den Straßen „El Cangrejo“ („die Krabbe“) genannt – hat sich seit Januar zu einer der einflussreichsten Figuren im kubanischen Machtgefüge entwickelt.
Der Oberst des Innenministeriums und langjähriger Bodyguard seines Großvaters positioniert sich offen als Kubas Unterhändler gegenüber Trump. „Ich kann mit jedem verhandeln, den die USA benennen“, erklärte er jüngst selbstbewusst in einem Interview mit USA Today. Dass Washington ihn bewusst nicht sanktioniert hat, werten Beobachter als Signal.
Im Gespräch mit der Zeitung erklärte er, dabei geholfen zu haben, den notwendigen Konsens für die laufenden umfangreichen Wirtschaftsreformen herzustellen. Für Rubios Umfeld, das nicht nur ökonomischen, sondern politischen Wandel verlangt, reicht das jedoch nicht.
Zudem stellt sich die kubanische Führung geschlossen hinter ihn. Nachdem einige Stimmen empört reagierten, dass ein Mann ohne Amt und Parteifunktion für die Regierung sprechen könne, wies Ministerpräsident Manuel Marrero Cruz jede Andeutung interner Zerwürfnisse zurück und verwies auf die Weisung Raúl Castros. Die Kommunistische Partei ging noch weiter und bestätigte Rodríguez Castro förmlich als Teil des offiziellen Verhandlungsteams.
Also keine neue Delcy für Rubio, dem im Hinblick auf immer neue und detailliertere Sanktionen langsam die Optionen ausgehen, während sich Havanna weiter widerständig zeigt.
Wohl auch deswegen will Washington keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass die militärische Option weiterhin im Raum steht: Laut einem aktuellen CBS–Bericht laufen bereits Vorbereitungen für Luftschläge, allerdings sei bisher keine Entscheidung getroffen worden. Rubio kündigte an, er werde „alle zur Verfügung stehenden Mittel“ nutzen. (Telepolis)

