Was macht eigentlich Fidel Castro?

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Fidel Castro mit Vietnams Premierminister Nguyen Tan Dung am 26. März 2014 (Quelle: NBC)

Um den ehemaligen kubanischen Präsidenten und „Führer der kubanischen Revolution“, Fidel Castro, ist es in den letzten Monaten ruhig geworden. Indes feierte Bruder Raúl vergangenen Dienstag seinen 83. Geburtstag – im engsten Kreis, ohne Notiz in den Medien. Fidels letzter öffentlicher Auftritt war der Urnengang bei den Parlamentswahlen im Sommer 2013, während des CELAC-Gipfels im Januar traf er sich mit zahlreichen Staatsoberhäuptern der Region. Danach blieb es ruhig um den 87-jährigen.

Kubas Regierung hält sich traditionell mit Informationen über den Gesundheitszustand Castros weitgehend zurück. Eine Ausnahme bildeten jedoch die Aussagen des kubanischen Vizepräsidenten Miguel Díaz-Canel: Nach dem Tod des Schriftstellers Garcia Marquez, einem engen Freund des Revolutionärs, sei Castro „bestürzt“ gewesen, arbeite jedoch mit Konzentration an seinen aktuellen Projekten. „Sein Gesundheitszustand ist sehr gut“, sagte Díaz-Canel Ende April gegenüber kubanischen Medien.

Nach dem CELAC-Gipfel traf sich Fidel noch mit dem vietnamesischen Premierminister Nguyen Tan Dung Ende März, mit dem chinesische Außenminister Wang Yi im April und mit Russlands Außenminister Sergei Lavrov im Mai. Es kann davon ausgegangen werden, dass in der Zwischenzeit auch zahlreiche informelle Treffen mit befreundeten Staatsoberhäuptern wie Nicolas Maduro stattgefunden haben. Fidel scheint seinen Einfluss gekonnt hinter den Kulissen geltend zu machen, hält sich dabei jedoch seit 2012 mit öffentlichen Äußerungen bewusst zurück. Erst kürzlich ereignete sich allerdings ein kleiner Skandal, als vergangenen Samstag bei der Trauerzeremonie für den kubanischen Sportler und Trainer Eugenio George der Blumenkranz des Commandante fehlte.

Am 3. Juni, dem Geburtstag seines Bruders, meldete sich dieser daher in der Granma zu Wort: „Mehrere Genossen wunderten sich über das Fehlen eines Kranzes von mir in Begleitung seines Sarges“, schrieb Castro in der kurzen Notiz, die auf Seite eins der Granma erschien „Ich, der ihn immer sehr bewundert habe, erfuhr von seinem Ableben erst mehrere Stunden später“, entschuldigte sich Fidel gegenüber den Kubanern, die sich in den Kommentaren zu der Nachricht oftmals enttäuscht über das Ausbleiben einer Blumenspende zeigten.

Was war also geschehen? Hat Fidel keine Informationen vom Tod Georges erhalten, oder hat er zu spät reagiert? Hat der Personenkreis versagt, der Fidel auf dem aktuellen Stand halten soll? – wir wissen es nicht. Etwas Klarheit könnte eine Aussage von Evo Morals bringen: „Fidel hatte in letzter Zeit nur noch seine Reden vorzubereiten, aber wusste nicht mehr, was vor sich geht. Das zumindest hat man mir gesagt“, erklärte das bolivianische Staatsoberhaupt im Mai gegenüber der Zeitschrift „Vanity Fair“.

Das wiederum steht im Gegensatz zur Aussage des russischen Außenministers Lavrov, der über sein Treffen mit Fidel viel über die Informiertheit des Ex-Präsidenten zu berichten wusste: „Seine Augen brennen, sie sind glühend. Er folgt praktisch allen Ereignissen auf der Welt: Den Begebenheiten auf der Krim, in der Ukraine; er wusste über die Entdeckung einer neuen Bakterie bescheid, deren korrekte Ausbreitung zur Bekämpfung der globalen Erwärmung beitragen kann“, sagte Lavrov am 18. Mai im russischen Fernsehen.
Dennoch fügte er hinzu: „Körperlich wurde er schwächer. Er ist jemand, der mehrere schwerere Eingriffe hinter sich hat und sich körperlich derzeit definitiv nicht in bester Verfassung befindet.“ Damit widerspricht Lavrov der Aussage des kubanischen Vizepräsidenten Ende April, wonach Fidels Gesundheitszustand „sehr gut“ sei. Was aber nun ist dran, an all den widersprüchlichen Behauptungen?

Zunächst einmal scheint Lavrovs Statement plausibel zu sein, Fidels Interesse an globalen Problemen konnte auch Ignacio Ramonet bei seinem letzten Treffen mit Castro im Dezember 2013 feststellen, was sich mit den Aussagen vieler weiterer Besucher in letzter Zeit deckt. Dass der körperliche Zustand des alternden Revolutionärs dabei nicht besser wird ist durchaus logisch, hier dürften Lavrovs Beobachtungen ebenfalls nicht ganz falsch sein.

Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt jedoch die Aussage von Evo Morales, die durch die jüngsten Ereignisse bestätigt scheint. In den Gesprächen Fidels mit seinen Gästen geht es meist um Weltpolitik und globale Probleme, die aktuelle Lage in Kuba scheint keine Rolle zu spielen. Nun verursachte Castros mangelnde Informiertheit einen politischen Fehler, der zu seiner erster schriftlicher Äußerung seit Jahren führte. Die Situation lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder Fidel – oder sein Informationsapparat haben versagt, was beides in dieser Form noch nicht vorgekommen ist. Es scheint jedoch die These zu bestätigen, dass der Comandante en jefe mit zunehmendem Alter zumindest teilweise vom kubanischen Tagesgeschehen abgeschnitten wird, mit Sicherheit erhält er nicht mehr alle Informationen so zeitnah wie früher. Über die Ursachen dafür lässt sich jedoch keine Aussage treffen.

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Kubanischer Peso wird Zahlungsmittel in Devisenläden

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„La Puntilla“ in Havanna, eines der größten kubanischen Einkaufszentren, akzeptiert seit März auch kubanische Pesos für Devisenprodukte (Quelle: Panoramio).

Der kubanische Peso (CUP) wird in den Devisenläden des Landes schrittweise als reguläres Zahlungsmittel eingeführt. Die Regierung hat 2011 die Abschaffung des dualen Währungssystems beschlossen, die jetzige Maßnahme ist die erste auf diesem Weg mit direkten Auswirkung für die Bevölkerung. Bis Ende Mai werden die Kunden der 28 größten Geschäfte des Landes ihre Zahlungen nicht nur in konvertiblen Pesos, sondern auch in nationaler Währung oder über eine Kundenkarte tätigen können. In jeder Provinz soll dann mindestens ein Devisenladen diese Optionen anbieten – doch das ist erst der Anfang.

Experimente „ohne Traumata“

Bereits Anfang März begannen in Havanna die beiden Geschäfte „La Copa“ und „La Puntilla“ auf experimenteller Basis nach dem neuen Modell zu arbeiten. Die Läden unterstehen den staatlichen Handelskonzernen „TRD Caribe“ und „CIMEX“, die zu den größten Unternehmen des Landes zählen. Sie halten de facto das Einzelhandelsmonopol in Kuba und generieren jährliche Deviseneinnahmen im Milliardenbereich. Ihre Einkaufszentren bieten importierte Produkte für konvertible Pesos (CUC) an. Seit Beginn des Experiments können die Preise zum offiziellen Wechselkurs von 25:1 nun auch in kubanischen Pesos bezahlt werden, wobei jede einzelne Rechnung auch mit einer Kombination beider Währungen beglichen werden kann, das Wechselgeld wird in CUC ausbezahlt.

„Der Prozess macht Fortschritte ohne irgendwelche Traumata zu erzeugen. Unser Arbeitsplan erlaubt uns, dieses System graduell zu etablieren: zuerst im Lebensmittelbereich, dann für die gesamte Produktpalette des Ladens, um die Leute langsam damit vertraut zu machen“, sagte der Vize-Handelsdirektor von CIMEX, Arturo Kautzmann, gegenüber der Zeitung „Juventud Rebelde„. CIMEX-Vizechefin Barbara Soto Sánchez erklärte gegenüber dem Medium, dass die Maßnahmen schrittweise auf alle Devisengeschäfte des Landes ausgedehnt werden sollen. Der Prozess wird von der Wirtschaftskommission der Regierung überwacht, die für die Durchsetzung der 2011 verabschiedeten Leitlinien verantwortlich ist.

Die Buchführung und die Konten der Geschäfte sollen weiterhin in CUC betrieben werden, während die kubanischen Pesos gesondert abgerechnet werden, um damit auch die Löhne der Angestellten zu begleichen. Dies sei Kautzmann zu Folge lediglich eine „technische und praktische Lösung“, man wolle nicht in teure Buchhaltungssysteme und Gerätschaften investieren, wenn das Land in Kürze über eine einzige Währung verfügen werde. Dennoch erfordere die Umstellung verstärkte Aufmerksamkeit und Kontrolle, um Korruption und Diebstahl vorzubeugen. Als neue Sicherheitsmaßnahme wird das Bargeld in den Geschäften nun häufiger aus den Kassen entnommen. Zusätzlich werden ab sofort auch Kundenkarten sowie internationale Kreditkarten verstärkt als Zahlungsmittel akzeptiert. Die ersten Resultate des Experiments sind bereits positiv: „La Puntilla“ hat im März etwa 50.000 kubanische Peso (ca. 2.000 US$) eingenommen, in der ersten Aprilwoche allein waren es 25.000. Kubanischen Medienberichten zu Folge wird das neue Zahlungsmodell gut angenommen. Abgesehen von anfänglichen Verwirrungen, wie fehlenden Preisschildern für den CUP, verlief die Umstellung reibungslos.

Im Oktober 2013 hat die Parteizeitung „Granma“ angekündigt, dass der kubanische Peso als einziges Zahlungsmittel beibehalten wird, sein Wert und seine Kaufkraft sollen gestärkt werden. Seitdem sind zahlreiche Kubaner dabei, ihre gesparten CUC in Peso oder eine andere Währung wie Dollar oder Euro umzutauschen, was zu langen Schlangen und Ausfällen bei den Wechselstuben in allen Teilen des Landes geführt hat. Viele von ihnen sind schon seit Tagen geschlossen, da nicht genügend Pesos auf Vorrat lagern. Eine generelle Knappheit des kubanischen Peso zeichnet sich ab, was seinen Wert steigen lässt. Aus diesem Grund sind zahlreiche inoffizielle Währungshändler entstanden, die CUCs zu besseren Konditionen umtauschen. Und auch einige Hotels in Havanna sollen unter der Hand konvertible Pesos jenseits der offiziellen Wechselkurse aufgekauft haben. Ein langsamer aber stetiger Wert- und Bedeutungsverlust der Devisenwährung ist eingeleitet.

Neue Realitäten für Kubas Staatsunternehmen

Damit erreicht die Währungsreform den ersten kritischen Punkt, an dem über die weitere Vorgehensweise entschieden werden muss. Zu den größten Schwierigkeiten gehört dabei die Reformierung der Staatsunternehmen, die derzeit noch größtenteils am Subventionstropf des Staates hängen. Sie verrechnen intern beide Währungen 1:1, was ihre Importe vergünstigt und gleichzeitig Exportanreize mindert. Bei einer schlagartigen Umstellung würden sie allerdings womöglich nicht mehr in der Lage sein, die Gehälter ihrer Angestellten zu bezahlen. Auch eine Neubewertung des Anlagevermögens steht den Betrieben bevor, was zahlreiche schmerzlichen Mängel und Defizite offenlegen wird die derzeit noch erfolgreich kaschiert werden können.

Die Grenzen des bisherigen Modells wurden neulich von Ulises Guilarte, Vorsitzender des kubanischen Gewerkschaftsbundes (CTC), an einem konkreten Beispiel anschaulich illustriert: Die Managerin eines Staatsbetriebes benötigte einen 50.000 US$-Kredit zum Import einer Maschine für die Keksproduktion in der Tourismusindustrie. Da ihr der direkte Weg zu einer kubanischen Bank versperrt blieb, stellte sie eine Anfrage beim zuständigen Ministerium. Aufgrund von Budgetengpässen wurde ihr allerdings nicht entsprochen – währenddessen gab das Land 1 Millionen US$ für den Import ausländischer Kekse aus.
Um mit diesen Absurditäten Schluss zu machen, sollen die Staatsunternehmen ab diesem Jahr rekapitalisiert werden, dürfen 50 Prozent der Nettoeinnahmen behalten und erhalten mehr Autonomie bei der Unternehmensführung.

Keine Schocktherapie, sondern graduelle Reform

Ein weiterer wichtiger Schritt der Unternehmensreform ist die Übertragung der Planungshoheit von den Ministerien auf die zentrale Unternehmensaufsicht (OSDE). Hinzu kommt eine schrittweise Abwertung des Peso für die Unternehmen, so dass der Wechselkurs für diese statt 1:1 nun 5:1 oder 10:1 (CUP in CUC) beträgt. Dies verteuert die Importe für die Betriebe, vergrößert aber gleichzeitig ihre Exporteinnahmen. Auch die Zuckerindustrie arbeitet bereits seit einigen Jahren mit verschiedenen Wechselkursen: 12:1 für Exporte, 7:1 für Importe und 4:1 für Ölimporte aus Venezuela. 2015 sollen die Ergebnisse der Reform evaluiert und anschließend in ein allgemeines Gesetz gegossen werden. Während profitable Unternehmen von den neuen Wechselkurse profitieren werden, stellen sie für unrentable Betriebe eine zusätzliche Bürde dar, da sich die Lohnsumme drastisch erhöhen wird – vielen von ihnen droht die Fusion, einigen sogar die Schließung. Ausländische Investitionen sollen diese Effekte abschwächen, indem neue, produktive Arbeitsplätze geschaffen werden. Derzeit werden 70% der Gewinne von nur 4% der Unternehmen erwirtschaftet – die meisten davon Joint-Ventures.

Mit der Einführung des Peso als Zahlungsmittel in den Devisenläden wird der Beginn der Währungsreform nun erstmals auch für die Masse der Bevölkerung sichtbar, in naher Zukunft soll die Produktpalette für Waren in Peso deutlich ausgeweitet werden. Dabei ist eine langsame Annährung beider Währungen das Ziel, von „Schocktherapien“ wie in Argentinien oder Brasilien will man in Havanna nichts wissen. Die Ergebnisse anderer Währungsreformen hat man deshalb sorgsam studiert, um mögliche Fehler zu vermeiden. Während der Peso für die Staatsbetriebe abgewertet wird, steht für die Bevölkerung eine Aufwertung als Zwischenschritt bevor – um sich dann in der Mitte zu treffen. Diese Aufwertung soll rechtzeitig angekündigt werden, der genaue Zeitpunkt ist jedoch unklar. Sicher ist, dass es einen „Tag X“ geben wird, an dem der CUC endgültig aus der Zirkulation verschwinden wird. Nach Einschätzung einiger kubanischer Ökonomen könnte dieses Datum frühestens – aber nicht unwahrscheinlich – der 1. Januar 2016 sein. Bis dahin wird der Peso noch in vielen weiteren Bereichen der Wirtschaft Fuß gefasst haben.

 

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„In diesem Einkaufszentrum wird nationale Währung akzeptiert“, Hinweisschild am Eingang von „La Copa“ in Havanna (Quelle: Juventud Rebelde).

Kuba und die Milch

Zum ersten Mal seit sieben Jahren hat die kubanische Regierung Anfang April den Preis für Milchpulver erhöht. Der Preis für ein halbes Kilo stieg von 2,90 auf 3,35 CUC (+ 15,5 Prozent). Das Kilogramm kostet nun 6,60 statt 5,75 CUC (+ 14,8 Prozent). Begründet wurde die Maßnahme mit steigenden Weltmarktpreisen, die Importkosten seien zuletzt von 4.720 auf 5.563 CUC pro Tonne gestiegen. Die über die subventionierte Lebensmittelkarte „Libreta“ verkaufte Milch ist von der Preiserhöhung nicht betroffen, diese wird insbesondere an Kinder und Rentner vergeben. „Allerdings muss der kubanische Staat das ursprünglich geplante Budget für die Subventionierung dieses Produkts um 12 Millionen US$ erhöhen“, sagte Erenis Beltrán, Leiterin der Preisabteilung der Lebensmittelindustrie gegenüber der Granma.

Dennoch dürfte die Ankündigung für viele Kubaner ein harter Schlag sein, denn die über die Libreta bezogene Milch reicht für Familien meist nicht aus, und die frei verkäufliche Milch ist für Kubaner ohne Devisenzugang nun noch unerschwinglicher. Nicht umsonst haben die zuständigen Behörden bei der Erklärung hinzugefügt, dass der Staat versucht, kurzfristige Preisschwankungen auf dem Weltmarkt auszugleichen um die Preise konstant zu halten. Diesmal seien die Preise allerdings unverhältmismäßig gestiegen, weshalb der Verkauf des Produkts mit den bisherigen Kosten nicht mehr rentabel gewesen sei. Tatsächlich hat sich der internationale Milchpreis seit 2007 mehr als verdoppelt. Dennoch wird für dieses Jahr ein leichter Preisverfall prognostiziert.

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Milchproduktion Kubas, 1990 – 2013 (Quelle: ONE, Series 9.18).

Eine detailliertere Erläuterung des Ministeriums gab es zum Ärger vieler Kubaner nicht.  Fernando Ravsberg wirft in seinem Artikel zurecht die Frage auf, warum die steigenden Kosten nicht durch eine Erhöhung der Steuer auf Tabak-, Rum oder Luxusprodukte aufgefangen wurden, sondern durch die Verteuerung eines ohnehin raren Nahrungsmittels. Denn die Milch war schon immer ein Problem in Kuba, das zu keiner Zeit den landesweiten Bedarf durch eigene Produktion vollständig konnte. Von den jährlich verbrauchten 1,8 Milliarden Litern wurden im Jahr 2013 nur 503 Millionen durch eigene Produktion gedeckt – das entspricht einer Importquote von 72 Prozent. Die Produktion hat sich seit den 1990er Jahren nicht wieder erholt und liegt heute noch immer unter dem Stand von 2010 (siehe Grafik).

Der Viehbestand hat durch die Sonderperiode zunächst nicht gelitten, allerdings führte der schleichtende Niedergang der Landwirtschaft ab den 2000er Jahren zu schwerwiegenden strukturellen Problemen in dem Sektor: erst neulich berichteten die kubanischen Medien über schlechte Haltungsbedingungen, verhungerndes Vieh und Planlosigkeit bei der Milchproduktion. Die Produktion von Milchpulver konnte jedoch in den letzten Jahren gehalten werden, sie beträgt derzeit 23.500 Tonnen pro Jahr. Im Juni dieses Jahres wird in Camagüey eine neue Fabrik für Milchpulver eröffnen, die auf dem neuesten Stand der Technik ist. Das 16 Millionen US$ teure Projekt wurde mit chinesischer Hilfe errichtet und soll pro Jahr 2.300 Tonnen Milchpulver erzeugen. Damit würde sich nationale Produktion um immerhin vier Prozent erhöhen.

Das eigentliche Problem, die Herstellung des Rohstoffs Milch, ist damit jedoch bei weitem  nicht gelöst. Neben den Bedingungen in der Landwirtschaft ist auch der übermäßige Konsum von importierter Milch ein Faktor für die Stagnation der heimischen Produktion. Dies erklärte Bárbara Acosta, Vizeministerin für Außenhandel, vor dem kubanischen Parlament. Womöglich spielt dieser Aspekt bei der Entscheidung zur Preiserhöhung ebenfalls eine Rolle. Mittelfristig sucht Kuba deshalb Partner, um die eigene Landwirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Neben dem Reisanbau könnten brasilianische Firmen bald auch beim Technologietransfer in der Viehzucht helfen, derzeit laufen bereits erste Gespräche über eine mögliche Kooperation.

„Granma“ stellt neue Homepage vor

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Vorstellung der neuen Granma-Homepage durch die Redaktion (Quelle: „Granma„).

Die größte Tageszeitung des Landes, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas „Granma“, hat heute seine neue Homepage im Rahmen einer Pressekonferenz in Havanna vorgestellt. Seit Oktober 2013 hat eine Gruppe junger Leute aus der Redaktion unter ihrem neuen Chefredakteur Pelayo Terry Cuervo an einem zeitgemäßen Neustart des Internetauftritts der Zeitung gearbeitet. Damit folgt das Leitmedium Kubas dem Beispiel der zweitgrößten Zeitung „Juventud Rebelde“, bei der Cuervo bis dato als Chefredakteur tätig war. Auch die Nachrichtenagentur ACN hat neuerdings mit einer modernen Homepage für Aufmerksamkeit gesorgt.

In der ersten Phase des Redesigns ging es den Autoren zu Folge zunächst um die Festlegung der Grundzüge des neuen Layouts, erst danach folge die konkrete technische Umsetzung. Die drei Kernelemente des neuen Designs wurden mit den Schlagworten Partizipation, Zuständigkeit und Hingabe zum Projekt definiert. Während die alte Homepage ein stets unfertig wirkendes Frontpage-Projekt der 90er Jahre war, basiert die neue Website auf einem Content-Management-System (CMS), wie es auch beim Internetauftritt westlicher Medien zum Einsatz kommt. Dies führt zu einer vereinfachten Pflege und Aktualisierung des Portals. Damit konnten nun auch eine Kommentarfunktion sowie Bildergalerien und Multimediainhalte endlich realisiert werden. Neu ist auch eine mobile Version, die die Homepage speziell auf Smartphones korrekt darstellt. Aufgrund des erwarteten größeren Andrangs hat die Granma auf einen leistungsfähigeren Server umgesattelt.

Die neue Website wird auch großen Einfluss auf die künftige journalistische Arbeit der Redaktion haben. Im Interview mit Cubadebate erklärt der Chef der „Internetgruppe“ der Granma, Oscar Sánchez Serra: „Die neuen Möglichkeiten der Website erlauben uns, Nachrichten zeitnah zum Ereignis zu publizieren, die Interaktivität der Nutzer und die Verbindung der Journalisten zur Plattform zu stärken. Das alles sollte die Veröffentlichung neuer Materialien für das Internet fördern, nicht nur Texte, sondern auch Multimediainhalte.“ Der jetzige Informationsfluss von der Printausgabe zum Internet könnte sich Serra zu Folge in Zukunft umkehren, indem Inhalte zuerst auf der Website erscheinen und danach in Druck gehen. Auch die Integration sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter soll dabei nicht zu kurz kommen, hierfür wird die Redaktion in Zukunft einen „Community Manager“ benennen. Die fremdsprachigen Versionen der Website verwenden bisher noch das alte Design, wann ihre Umstellung geplant ist, ist bisher nicht bekannt.

Passend zur neuen Website hat die Granma-Redaktion bereits ein kurzes Video veröffentlicht, das den neuen Internetauftritt kurz vorstellt:

Ein Detail in der Granma…

Ein Detail der wichtigsten kubanischen Tageszeitung „Granma“, Zentralorgan der kommunistischen Partei Kubas, machte mich neulich stutzig: Der langjährige Schriftzug auf der Titelseite: „Donde comienza el deber, termina la amistad“ (span.: Wo die Pflicht beginnt, endet die Freundschaft“) wurde vor einigen Wochen ausgetauscht.

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Alter Schriftzug der Granma, rechts auf der Titelseite. (bis Anfang 2013)

Seitdem heißt es auf der Titelseite der Granma: „El ingreso más importante que puede tener nuestro país es el ahorro“ (span.: Die wichtigste Einnahmequelle, die unser Land haben kann, ist das Sparen.“ – Anm.: Danke an Heiko für die Korrektur!)

Aktuelle Titelseite der Granma.

Aktuelle Titelseite der Granma.

Was hat diese stillschweigende Veränderung also zu bedeuten? Zunächst einmal nicht viel. Den Schriftzug an dieser Stelle gibt es selbst erst seit einigen Jahren, davor gab es dort lediglich ein Bild (bis mindestens 2009). Auch davor war das Layout der Granma ständig mehr oder minder großen Veränderungen unterworfen und alles andere als konsistent.

Dennoch scheint der Austausch dieses Satzes eine gewisse symbolische Bedeutung zu haben, fällt sie schließlich doch zeitlich in etwa mit der Ernennung Diaz-Canel’s zum neuen Vizepräsidenten und damit de facto Nachfolgers Raúl Castro zusammen. Auch die Ankündigung, dass die Reformen nun in ihre komplexeste Phase treten könnte hierbei eine Rolle spielen. Auch ein Zitat von José Martí, welches Diaz-Canel betonte ist hierbei interessant: „Seeing afterwards is worthless. Foreseeing is what really counts … and being ready.”

Möglicherweise soll mit dem neuen Satz im rechten Titelblatt der Granma nichts bezweckt werden, als den Fokus auf die ökonomische Gegenwart zu verschieben, in der jetzt die größten anstehenden Aufgaben bei der Modernisierung des kubanischen Sozialismus bevorstehen.

Die rätselhaften Reflexionen des Fidel Castro

Beginnen möchte ich diesen Blog mit einer Merkwürdigkeit, die mir schon vor einiger Zeit auffiel. Nachdem sich Fidel Castro 2006 aus der aktiven Politik zurückzog begann er im März 2007 seine Reflexionen zu verfassen, die regelmäßig in der Granma und anderen kubanischen Medien veröffentlicht und für das Internet auch in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. In diesen Reflexionen schrieb Fidel häufig über die internationale Lage, die USA sowie andere außenpolitische und historische Themen. Als Fidel 2011 den Vorsitz der PCC abgab und damit sämtliche offiziellen Ämter verlor,  unterstützte er die Begrenzung der Amtszeit auf zwei mal fünf Jahre und hielt sich ansonsten mit Kommentaren zur kubanischen Wirtschafts- und Innenpolitik stark zurück.

Am 10. Juni 2012 allerdings veröffentlichte er eine Reflexion mit dem Titel „DIE FC – WAS IST DAS?“ (¿QUÉ SON LOS FC?). Ohne das Akronym „FC“ auszuschreiben, erklärt er die „FC“ als eine Methode mit der er bestimmte Kenntnisse an Beamten und Funktionäre in der Lebensmittelproduktion vermittelt habe. Dabei verwies er auf Talía González, eine kubanische Journalistin die mit ihm gemeinsam an der Kampagne um Elían González beteiligt war und 2008 ein Interview mit Raúl führte.

Ich war zunächst sehr erstaunt über diese Reflexion, da sie ungewöhnlich kurz und chiffrenartig ausfiel. Mir stellte sich die Frage: Was sind jetzt also die FC? Und wer ist Talía González?

Auch die Leser auf Cubadebate waren zunächst verwirrt und wussten nichts mit der Reflexion des Comandante anzufangen. Ich recherchierte weiter und bemerkte, dass Talía González scheinbar neulich einen Artikel über den Schwarzmarkt verfasst hat. Ein Kommentator auf Cubadebate meint, dass die Erwähnung von Talía etwas mit dem neuen journalistischen Stil zu tun hat, den Raúl auf dem VI. Parteitag einforderte. Auch andere Kommentare wiesen in diese Richtung. Womöglich ist Talía eine kritische (revolutionäre) Journalistin, die sich bei der Aufdeckung verschiedener Korruptionsfälle einen Namen gemacht hat und Fidel wollte diese Form des Journalismus unterstützen.

In den darauf folgenden Reflexionen brachte er seine Solidarität mit Erich Honecker zum Ausdruck und kritisierte Deng Xiaoping für seine scheinbar ablehnende Haltung gegenüber Kuba. Dies war bereits der „Welt“ einen Artikel wert, in dem eben jene beiden Beispiele herausgegriffen wurden und behauptet wurde, er wolle der Regierung durch diese Reflexionen im „Twitter-Stil“ Anweisungen geben. Das gerade Erich Honecker positiv hervorgehoben und Deng Xiaoping kritisiert wird, lässt sich natürlich schon als eine subtile Form der Ablehnung der aktuellen Reformen werten, allerdings fehlt dafür jeder Anhaltspunkt, da mit keinem Wort auf die Wirtschaftspolitik beider sozialistischer Staatsoberhäupter eingegangen wird. Und dass Fidel ein gutes Verhältnis zur DDR hatte ist bekannt.

Am 17. Juni forderte Fidel, dass das Land Moringa Oleífera und Maulbeerbäume produzieren solle, um gut bezahlte Arbeit im Schatten zu schaffen, unabhängig von Alter und Geschlecht. Was zunächst wie ein Aufruf zu einer neuen Kampagne im Stil der 1960er Jahre klingt, ist bei näherer Betrachtung gar nicht so unsinnig. Der Moringa Oleífera, bei uns auch als Meerrettichbaum bekannt, spielt wie der Maulbeerbaum tatsächlich eine sehr interessante, wenn auch kaum beachtete Rolle in der kubanischen Landwirtschaft. So lässt sich mit dem Meerrettichbaum Trinkwasseraufbereitung betreiben, er dient als Grundlage für die Herstellung von Pflanzenölen und seine Früchte können als Gemüse verzehrt werden oder als Tierfutter dienen, um nur einige der vielen Anwendungsmöglichkeiten zu nennen. Bereits im März 2011 hatte Fidel einem Bauern in Cárdenas (Matanzas) ein Buch über Meerrettichbäume geschenkt, um die dortige Genossenschaft für den Anbau des selbigen zu motivieren. Scheinbar wird in Kuba bereits seit einiger Zeit der Anbau des Meerrettichbaums gefördert, wie Havana Times berichtet. Es gibt verschiedene Rezepte im Land, wie Meerrettichbaumtee oder Meerrettichbaum mit Reis. Angesichts der aktuellen landwirtschaftlichen Lage kann Kuba eine derart vielseitige Pflanze gebrauchen, es bleibt allerdings natürlich die Frage nach dem konkreten Kosten-Nutzen-Verhältnis beim Anbau.

So rätselhaft sind sie also doch nicht, die neuesten Reflexionen des Fidel Castro. Für Außenstehende mag manches merkwürdig klingen, aber für Kubaner sind solche subtilen Anknüpfungen an die Kampagnen der letzten Jahre durchaus verständlich. Der kurz angebundene Stil macht allerdings zunächst eher Anlass zur Sorge um Fidels Gesundheit, denn dieser Stilwechsel erfolgte abrupt und unangekündigt. Es bleibt also abzuwarten, was für Reflexionen folgen werden und in welche inhaltliche Richtung diese dann zielen. Eine Einmischung in die Tagespolitik sehe ich bisher nicht, dafür bräuchte es schon mehr als Meerrettich- und Maulbeerbäume.

Wo recherchiere ich zu Kuba?

Grundsätzliches

Informationen aus und über Kuba zu erhalten ist in Zeiten des Internets nicht (mehr) schwer. Allerdings sollte man zumindest über rudimentäre Spanischkenntnisse (oder über den Google Übersetzer betreffende Kenntnisse) verfügen, um sich ein direktes Bild über die kubanischen Quellen zu verschaffen. Viele Statistiken sind allerdings mindestens 1-2 Jahre alt und nur teilweise aktualisiert. Daher sollte man sich mitunter an zähe Recherchen gewöhnen, will man wirklich wissen, was aktuell vorgeht. Auch das zwischen den Zeilen lesen in kubanischen Medien lässt sich erlernen, denn manchmal sagen diese auch Dinge, indem sie sie nicht sagen. Insgesamt lässt sich jedoch die Informationsauswahl zum Thema Kuba als gut bezeichnen, im Nachfolgenden eine Übersicht über die wichtigsten Quellen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Informationsquellen aus Kuba

Zu den aktuellen Ereignissen auf Kuba informiert man sich erstmal möglichst direkt über die kubanischen Medien, die es auch immer öfter in englischer und sogar deutscher Sprache gibt, wobei die spanische Version naturgemäß die aktuellere und umfangreichere ist. Zu diesen Quellen gehören:

Nachrichtenagenturen

  • Prensa Latina – internationale kubanische Nachrichtenagentur, gegründet von Che Guevara, meist sehr aktuell. (Englisch)
  • ACNAgencia cubana de noticias , „nationale“ kubanische Nachrichtenagentur, meistens etwas weniger aktuell als Prensa Latina, dafür mehr Nachrichten aus der Provinz. (Englisch)
  • Cubadebate – keine Agentur, aber ein sehr gutes und aktuelles kubanisches Nachrichtenportal.

Überregionale Tageszeitungen

Regionalzeitungen

Radio & TV

Weitere kubanische Quellen

  • ONE – Website der kubanischen Statistikbehörde.
  • Reflexiones del Comandante en Jefe – die aktuellen Reflexionen Fidel Castros in diversen Sprachen.
  • Minrex – Website des kubanischen Außenministeriums.
  • EcuRed – kubanische Enzyklopädie.
  • Cubacineonline – Website des kubanischen Kinos mit vielen kostenlosen Filmen.

2. Nicht-kubanische Informationsquellen

Außerhalb Kubas existieren zahlreiche Blogs und Websites, die sich mit dem Thema Kuba befassen und oft detaillierte Analysen und Statistiken veröffentlichen. Die wichtigsten davon sind:

  • The Cuban Economy – Blog eines kanadischen Wirtschaftswissenschaftlers.
  • Cuba Standard – Wirtschaftsnachrichten aus Kuba.
  • Cuba Headlines – aktuelle Meldungen aus Kuba.
  • Havana Times – relativ ausgewogener Blog mit diversen Beiträgen.
  • Cuba Study Group – Website einer amerikanischen „Kuba-Forschungsgesellschaft“.
  • Bert Hoffmann –  GIGA-Institut für Lateinamerikastudien.
  • FES – Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Kuba.
  • FG BRD-Kuba – Website der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba.
  • Lateinamerika Nachrichten – Aktuelles aus Kuba in den Lateinamerika Nachrichten.
  • Amerika 21 – Gutes Portal zu Lateinamerika, auch mit Meldungen aus Kuba.
  • Latina Press – Reaktionäre Agentur mit aktuellen Meldungen.
  • Cuba individual – Portal für Kubareisende, mit vielen detaillierten und aktuellen Informationen.

Wichtige Analysen zu den aktuellen Entwicklungen nach dem VI. Parteitag sind bereits von einigen Autoren erschienen (nach Priorität sortiert):

Außerdem bietet sich zum Thema Kuba auch folgende Literatur an:

  • Kuba – von Bert Hofmann, Verlag C.H. Beck, 3. Auflage 2009, ISBN 3406558518
  • Kuba: Auf Tour – von Elmar Kulke, Spektrum Akademischer Verlag, 2011, ISBN 3827425964
  • Die Geschichte Kubas – von Prof. Jose Canton Navarro, 5. Auflage 2002, (kubanisches Geschichtsbuch, in Kuba auf Deutsch erhältlich)

Wer sonst noch an aktuelle Informationen kommen will, dem empfehle ich Google News mit den Suchbegriffen: „Cuba“, „Kuba“, „Cuba Economy“, etc.