Díaz-Canel fordert Erneuerung der Medien

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Kubas Vizepräsident Miguel Díaz-Canel und UPEC-Präsident Antonio Moltó (rechts) (Quelle: Cubahora)

Kubas erster Vizepräsident Miguel Díaz-Canel setzte sich erneut für die Reformierung der kubanischen Medienlandschaft ein. Auf dem II. Treffen junger Journalisten, welches vergangene Woche in Havanna stattfand, forderte der 56-jährige Stellvertreter Raúl Castros, führende Stellen der kubanischen Medien mit jungen Nachwuchskräften zu besetzen. Er forderte die Journalisten dazu auf „mutiger“ zu agieren und neue Kommunikationsstrategien zu entwickeln.

Bei dem zweitägigen Treffen ging es um die Lage der kubanischen Medienlandschaft und deren aktuelle Herausforderungen. Mehr als 70 junge Journalisten aus allen Provinzen des Landes nahmen an der Tagung Teil, die von der journalistischen Berufsvereinigung UPEC im Zentrum für internationalen Journalismus in Havanna veranstaltet wurde. Kubas Vizepräsident Miguel Díaz-Canel war als Gast anwesend und analysierte auf dem Plenum die aktuellen Probleme der kubanischen Medien.

Auf dem IX. Kongress der „Union de Periodistas de Cuba„, der 2013 stattfand, wurde die Einführung eines neuen Pressegesetzes gefordert, welches Kubas Journalisten mehr Handlungsspielraum geben soll. Bisher weigern sich viele staatliche Stellen ausreichend Informationen an die Presse zu geben. Die Delegierten kritisierten schon damals jene als „secretismo“ (Geheimniskrämerei) betitelte Praxis. „Es gibt nur zwei Wege die wir gehen können: Entweder wir lösen das Problem zusammen und ein für alle Mal, oder die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft der kubanischen Medien wird einfach verschwinden“, sagte Díaz-Canel auf dem Kongress 2013.

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70 junge Journalistinnen und Journalisten machten Vorschläge zur Verbesserung der Medienarbeit in Kuba (Quelle: Juventud Rebelde)

Rund vier Jahre später sieht die Situation noch immer ernüchternd aus. „Obwohl der politische Wille vorhanden ist, hat sich dieses Gesetz verzögert, denn die Konkretisierung ist kompliziert und hat verschiedene Ebenen der Diskussion durchlaufen“, sagte Díaz-Canel letzte Woche gegenüber den Teilnehmern. Während das Gesetz noch in der Mache ist, müsse man möglichst viele Dinge innerhalb des bestehenden rechtlichen Rahmens ändern was derzeit bereits in einigen Provinzen geschehe, so Díaz-Canel.

Die Medien müssten ihre eigene Kommunikationsagenda entwickeln und gemeinsam diskutieren, forderte das Politbüromitglied. Hierzu müssten digitale Räume besser genutzt werden, auch um „subversiven Strategien“ der USA entgegenzuwirken. Junge Journalisten müssten hierfür in führenden Positionen die notwendigen Änderungen bei den Medien mitgestalten. Im Zuge der Digitalisierung des Fernsehbetriebs sollen neue Kanäle mit ansprechenden Programminhalten geschaffen werden.

Bei der Tagung wurde von den Teilnehmern eine 50 Punkte umfassende Liste gestaltet, die Vorschläge zur Verbesserung der kubanischen Medien liefert. Darin wurde unter anderem bessere Entlohnung, mehr Informationen über den rechtlichen Rahmen, bessere Aus- und Fortbildung, technische Modernisierung und die „Schaffung von mehr Räumen für Debatten über die öffentliche Agenda“ gefordert.

Das Recht, Fehler zu machen

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Bauernmarkt in Havanna (Quelle: miscelaneasdecuba)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf die kubanische Nationalhymne folgte das Feuerwerk. „¡Viva el Año 58 de la Revolución!“ rief der Ansager genau um Mitternacht durch den altehrwürdigen Parque Céspedes, dem Zentrum Santiago de Cubas. Zunächst brach das achtundfünfzigste Jahr der Revolution an, erst dann realisierten wir dass sich dieser Teil der Welt nun ebenfalls im Jahr 2016 befand. Obwohl auf jedem offiziellen Dokument und jeder Zeitung neben der gregorianischen Jahreszahl auch das Revolutionsjahr angegeben wird, hat mich die unerschütterliche Präsenz der kubanischen Zeitrechnung kurz überrascht.

Neujahr in Santiago de Cuba

Der Rum floss, begleitet von Musik, Ausgelassenheit und guter Stimmung. Die Menschen auf dem Platz umarmten sich und bald gingen die politischen Slogans des Ansagers in mir vertraute Kategorien von Neujahrswünschen über. Im Vestibül des nahegelegenen Hotels tranken die Touristen auf ihre Gesundheit während wir im Park den klaren Rum aus Plastikbechern stürzten. Was würde die Zeitenwende jener Insel bringen, auf der ich noch gut die Hälfte des eben angebrochenen Jahres zubringen sollte?

Bereits einige Tage zuvor war klar, dass das Jahr 58 der Revolution kein leichtes werden würde. Als sich Kubas Parlament in den letzten Dezembertagen traf, wurde als BIP-Wachstumsziel 2 Prozent genannt, die Hälfte des erreichten Wertes von 2015. Ein chinesischer Freund bezeichnete das bereits als Rezession. Und dabei sollte Kubas Wirtschaft doch mindestens 5 bis 7 Prozent pro Jahr zulegen damit der lang anhaltende Zirkel aus niedriger Produktivität, die zu niedrigen Löhnen führt, durchbrochen wird. Die Liste der Gründe für das geringe Wachstum ist kurz, plausibel und frustrierend zugleich: schwierige außenpolitische Umstände (die Krise in Venezuela), fallende Weltmarktpreise und ungünstige klimatische Bedingungen werden den Planern dieses Jahr wieder einmal einen Strich durch die Rechnung machen.

Auf die Dürre folgte im Januar der Dauerregen, was neben der Zuckerrohr auch die Tabakernte in ernste Schwierigkeiten gebracht hat. Glück im Unglück: Aufgrund der lächerlich niedrigen Weltmarktpreise dürfte dies kaum negative Auswirkungen auf die Staatseinnahmen haben. Genauso verhält es sich mit dem Nickel. Während Kuba über die drittgrößten Nickelvorkommen der Welt verfügt, liegt der Preis mit ca. 9.000 US$ pro Tonne schon seit Monaten deutlich unter den hiesigen Produktionskosten. Die klassischen Exportwaren schreiben rote Zahlen, was bleibt sind Dienstleistung und Tourismus.

Lebensmittelkrise in Havanna

Dann die steigenden Preise auf den Bauernmärkten. Zurück in Havanna bildete dies das ständige Gesprächsthema in der Stadt. Da die Libreta nicht für den ganzen Monat reicht, muss sich jeder Kubaner von seinem Lohn Nahrungsmittel auf den Märkten hinzukaufen. Die meisten Kubaner geben über 75 Prozent ihres Gehalts für Lebensmittel aus. Genau aus diesem Grund sind schon geringe Preisschwankungen ein Politikum, denn sie stellen eine Gefahr für die soziale Stabilität dar.

Seit Beginn der Landwirtschaftsreformen im Jahr 2013 dürfen im Rahmen eines Pilotprojekts die Landwirte der Hauptstadt sowie der angrenzenden Provinzen Artemisa und Mayabeque den Großteil ihrer Produktion frei vermarkten. Das ehemals mächtige staatliche Abnahmemonopol in Form der Firma „Acopio“ wurde sogar landesweit aufgelöst und übrig blieben lediglich einige Verträge zur Versorgung von Krankenhäusern, Kindertagesstätten und anderen Staatseinrichtungen. Statt ehemals 80 kaufte der kubanische Staat weniger als 50 Prozent der Ernten ein. Angebot und Nachfrage begannen den Preis zu bestimmen, sollten die Bauern zu mehr Produktion motivieren und die hohen Nahrungsmittelimporte endlich überflüssig machen. Gleichzeitig begann das wachsende private Kleingewerbe verstärkt die Nachfrage zu stimulieren, was sich in tatsächlichen Produktionszuwächsen niederschlug. Doch schon bald machten sich die destruktiven Kräfte des Marktes bemerkbar: Zwischenhändler kauften die Produkte und lieferten sie mit bis zu 300 Prozent Aufschlag an die Verkaufsstände ab, die ihrerseits wiederum ebenfalls einen Teil des Kuchens abhaben wollten.

Das Ergebnis: Während die Bauern noch immer ohne gutes Saatgut und ausreichend Dünger auskommen müssen, die Produktionsbedingungen nahezu unverändert blieben, stiegen die Preise für den Endverbraucher immer mehr – durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr seit 2012, die Inflation nicht eingerechnet. Zum Jahreswechsel 2015/16 begann das Problem der Lebensmittelpreise immer krassere Züge anzunehmen. Manche Produkte waren in Havanna auf einmal nicht mehr erhältlich. Zuerst hieß es man warte auf die Erneuerung der Verträge. Doch dann sagte man, dass die Zwischenhändler begannen sämtliche Lebensmittel zu horten um diese bis zum Eintreffen des Nachschubs zu astronomischen Preisen zu verkaufen. Den Preisen konnte man während der ersten Januartage beim Anstieg praktisch zuschauen. Ein halbes Pfund Zwiebeln konnte heute 9, morgen 12 und übermorgen schon 15 Pesos kosten. Die Reformer hatten sich verkalkuliert. Zentralisierte Produktion bei dezentralisierter Distribution musste unweigerlich zu Spekulation und steigenden Preisen führen.

Eine Lösung wurde gefunden

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Sitzung des kubanischen Parlaments im Dezember 2015 (Quelle: Escambray)

Raúl Castro forderte auf der Parlamentssitzung, dass „eine Lösung gefunden werden muss“ und Anfang Januar zog die Regierung tatsächlich die Notbremse: Innerhalb weniger Tage wurden für viele Produkte Preisobergrenzen eingeführt, längst geschlossene staatliche Märkte wieder eröffnet und in jedem der 105 Verwaltungsbezirke der Hauptstadt die staatliche Lebensmittelverteilung wiederhergestellt. Inspektoren patrouillierten auf den Märkten und die fliegenden Straßenhändler verschwanden praktisch über Nacht aus dem Stadtbild. Der Staat begann wieder im großen Stil Nahrungsmittel aufzukaufen und zu festen Preisen an die Bevölkerung abzugeben. Auf den übrigen „freien Märkten“ darf ein halbes Pfund Zwiebeln heute nicht mehr als 6 Pesos kosten. Die Stimmen der mobilen Händler verstummten und ich wurde Zeuge einer kleinen „revolutionären Offensive“. Man sprach nicht zu unrecht von einer Zäsur, vom ersten zurückdrängen des Marktes zugunsten des Staates unter Raúl Castro. In der Bevölkerung stießen die Maßnahmen auf ein geteiltes, überwiegend positives Echo: Während einige die zurückgegangene Vielfalt bemängelten, lobten viele die neue Preisstabilität.

Doch das Einkaufen auf den Märkten ist nun nicht gerade einfacher geworden, die Qualität der Produkte hat merklich nachgelassen. Statt roter Tomaten finde ich beispielsweise immer häufiger grüne zum „selber reifen lassen“. Das was es gibt ist nun allerdings für die meisten Kubaner wieder erschwinglich. Lieber schlechte Tomaten für alle als gute Tomaten für wenige. Ich für meinen Teil vermisse den Schrei des Straßenhändlers nicht. Mit welchem Recht, fragte ich mich immer, preist dieser seine überteuerten Produkte in ohrenbetäubender Lautstärke an? Jene Produkte, die ohnehin nur von privaten Restaurantbesitzern und Vermietern gekauft werden. Die ganze Straße hört seine Rufe, doch nur das reichste Viertel kann folgen während die geduldigen Massen wortlos ihren Weg zum staatlichen Markt antreten.

Jetzt soll diskutiert werden wie es weitergeht. In jeder Provinz werden seit kurzem Meetings abgehalten um über die Nutzung der Landflächen zu diskutieren, die seit 2008 an Kleinbauern verpachtet werden. Immerhin über 1,4 von 6 Millionen Hektar. Die Steuern für Landwirte wurden bereits gelockert, während die staatlichen Ankaufpreise weiter erhöht werden sollen. Die Produzenten stimulieren, aber den Verkauf unter Kontrolle behalten scheint die Devise zu sein. Ist das Experiment gescheitert? Vielleicht nicht. War es in dieser Konstellation von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Vielleicht ja. Das Experiment wird weitergehen, doch in jedem Fall ist es zu früh, endgültige Schlüsse zu ziehen. Was auch immer bei den nun laufenden Versammlungen herauskommen mag, eines ist sicher: Das Thema Landwirtschaft und Lebensmittel wird uns noch lange über den für April angesetzten Parteitag hinaus beschäftigen.

Geheimniskrämerei und Medienpolitik

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Nicht alles erfährt man in Kuba aus der Zeitung (Quelle: ElToque)

Apropos Parteitag. Neulich wurde gemeldet, dass erst ca. 20 Prozent der 2011 beschlossenen Reformen umgesetzt wurden. So, als wollte die staatliche Presse sich noch einmal kurz vor dem nächsten Parteitag selbst auf die Füße treten. Natürlich wurde die Meldung gleich von der Opposition und den ausländischen Medien ausgeschlachtet. Nun sagt diese Quantifizierung überhaupt nichts aus. Wären unter den 20 Prozent die wichtigsten Reformen (z.B. die Währungsreform, die Reform der Staatsunternehmen, etc.) so könnte man die übrigen 80 Prozent getrost als ergänzendes Beiwerk nach und nach verabschieden. Tatsächlich ist es aber ein Problem, dass sich die Kernpunkte der Wirtschaftsaktualisierungen gerade im embryonalen Experimentierstadium befinden – 4 Monate vor dem nächsten Parteitag, auf dem eigentlich Ergebnisse zu liefern wären. Stattdessen stehen wir vor den Scherben einer einst vielversprechenden Landwirtschaftspolitik, warten verzweifelt auf Investoren in Mariel (es sind gerade 8) und spekulieren regelmäßig, wann die Regierung endlich den CUC abschaffen wird. Neulich haben wir erfahren, dass die Zahl der Cuentapropistas zurückgeht. Statt über 500.000 sind es nun 496.000. Nach fünf Jahren des stetigen Wachstums scheint ein gewisser Sättigungsgrad erreicht zu sein. Warum und wieso, was als nächstes passieren wird, wurde uns allerdings nicht gesagt.

Diese Geheimniskrämerei macht mir zu schaffen. Es ist einfacher aus dem Ausland über Kuba zu schreiben als innerhalb des Landes. Ohne Internet sind wir nicht nur uninformiert was außerhalb Kubas vorgeht, wir wissen nicht einmal was um uns herum passiert. Selbst wenn wir regelmäßig die Zeitung lesen so müssen wir den kondensierten Kaffeesatz von wortkargen Versammlungsberichten als Interpretationsrichtschnur für die nächsten Schritte der Regierung verwenden. Mein chinesischer Freund bezeichnete einst die „responsiveness“, das schnelle und unmittelbare reagieren des Staates, als die Schlüsselfunktion für den Erfolg der KP Chinas. Wie viel Ärger könnte sich der kubanische Staat ersparen, würde er ein gut organisiertes Büro für Öffentlichkeitsarbeit unterhalten, das die Bürger über die Minister und deren Pläne informiert und Versäumnisse zeitnah einräumt! Stattdessen sickert hier alles nur tröpfchenweise durch und die wildesten Gerüchte zirkulieren auf der Straße, weil niemand weiß, was gerade vor sich geht.

Wie kann es sein, dass vier Monate vor dem nächsten Parteitag niemand über die geplanten Inhalte Bescheid weiß? Und wie kann es sein, dass ich von den Preisobergrenzen aus einer Reuters-Meldung erfahren habe, bloß weil ich an jenem Tag nicht die Regionalzeitung von Havanna kaufte? Mit einer gekonnten medialen Inszenierung hätte sich der Staat als Beschützer der sozial schwächsten präsentieren und das Verständnis der Bevölkerung für die Maßnahmen sicherstellen können. Doch Raúl ist nicht Fidel, das ist seine Stärke und sein Problem zugleich. Eine Lektion lässt sich festhalten: Ohne charismatischen Führer, der seine Politik in Reden erklärt, braucht es neue, institutionalisierte Kommunikationskanäle zwischen Regierung und Volk. Schweigsamkeit ist keine Lösung.

Löcher in der Wirtschaftsblockade

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten. Die Vereinigten Staaten haben endlich eine substantielle Lockerung des Embargos vorgenommen die über reine Symbolpolitik hinausgeht. Nun kann, zumindest theoretisch, auch an kubanische Staatsunternehmen exportiert werden. Theoretisch, denn jede Lizenz wird einzeln genehmigt und die Warenbandbreite ist noch immer begrenzt. Dennoch: Es dürfen nun auch Kredite ausgegeben werden, was das ganze für Kuba interessant macht. Nach dem Besuch der US-Handelssekretärin Pfizer im Herbst vergangenen Jahres dürfte der Obama-Administration klar geworden sein, dass ihre bisherigen Maßnahmen in einem Land mit staatlichem Außenhandelsmonopol scheitern müssen. Handel mit dem Privatsektor, der aber nicht über staatliche Importunternehmen laufen darf – wozu das ganze? Hatten sie ernsthaft erwartet, die Kubaner würden ihr staatliches Handelssystem aufgeben, bloß damit einige Cafeterías in Havanna neue Toaster bekommen? Man könnte meinen, die USA hätten noch nie mit einem sozialistischen Staat zu tun gehabt, so unbeholfen wie sie ihre Gesetze konstruierten. Nun haben sie zwar ihre missratene Initiative korrigiert, wie fremd ihre Denkweise der kubanischen ist dürfte ihnen jedoch bis heute nicht klar sein.

Dass auch andere Gesellschaftsmodelle „heilige Prinzipien“ haben scheint für viele US-Politiker noch immer eine schwer verdauliche Realität zu sein. Genauso wenig wie die USA ihre Medienlandschaft verstaatlichen werden, wird Kuba unter Raúl Castro die großen Staatsunternehmen privatisieren. Manchmal gewinne ich den Eindruck, die USA schätzen Raúl als grauhaarigen Claudillo ein, dem allein am eigenen Machterhalt gelegen ist. Doch die Realität lässt sich nicht in einfache Schablonen pressen. Aus jeder Rede Raúl Castros schreit unmissverständlich eine Mission hervor: „Ich bin hier, um diesen Sozialismus ins 21. Jahrhundert zu tragen, ihn zu retten, zu verbessern – nicht um ihn abzuschaffen.“ Den Kern der Raúl’schen Reformen kann sich jeder halbwegs gebildete Analyst anhand der Beispiele in Ungarn, Jugoslawien oder dem NÖS der DDR erschließen.

„Bevor die Amis kommen!“

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Symbol für den Tourismus: Oldtimer in Althavanna (Quelle: Fotoflair)

Stattdessen gackern die ausländischen Medien wie Hühner um ein Ei herum, das schon lange gelegt wurde. „Schnell noch nach Kuba, bevor die Amis kommen!“, steht den deutschen Touristen auf der Stirn geschrieben. „Schnell noch nach Kuba, bevor der große Ausverkauf beginnt!“, schreiben die Wirtschaftsblätter. „Jetzt oder nie, bevor McDonald’s und Starbucks sich breitmachen!“, höre ich die Nordamerikaner rufen. Das alles liest oder hört man im Prinzip schon seit Raúls Amtsantritt im Jahr 2006. Zehn Jahre später heißt das Habana Libre noch immer nicht Hilton und gerade eben konnte man auf den Bauernmärkten den Siegeszug der staatlich regulierten Zwiebel verfolgen während sich die Medien langsam auf den 90. Geburtstag Fidel Castros einstimmen.

Der Gipfelpunkt dieser „Schnell noch nach Kuba“-Haltung äußert sich in einem paradoxen Zynismus, der sich mir schon ein paarmal offenbart hat. Wenn ich beispielsweise mit unverständlichem Kopfschütteln belegt werde, während ich mit glänzenden Augen von der Eröffnung neuer WiFi-Hotspots berichte. Oder wenn ich mich über die neuen chinesischen Busse freue, die den Transport verbessern und mit ihren roten LED-Anzeigen gefallen, während mir mein gegenüber fassungslos erwidert: „Aber dann sieht man ja bald weniger Oldtimer.“ Wenn es nach der Meinung mancher Touristen geht, hat Kuba für immer in den 1960er Jahren zu bleiben. Alles moderne wird – freilich nur im Urlaub – mit Argwohn und Verachtung bedacht, das vermeintlich „einfache Leben“ romantisiert und verklärt. Keiner dieser Menschen hat offenbar erfahren wie es ist einen halben Tag in einem Büro ohne Strom zu warten oder in den Straßen vergeblich nach roten Tomaten zu suchen.

Ein Land im 21. Jahrhundert

Wenn es nach den Plänen von Volk und Regierung gehen würde wären die Straßen hier voll mit modernen chinesischen Kleinwagen, die jungen Familien würden aus der Altstadt ausziehen und endlich neue Plattenbausiedlungen bevölkern. Auch der ärmste Kubaner würde sich mit WhatsApp auf einem Huawei-Smartphone verständigen während er sich genüsslich eine Telenovela auf dem heimischen HD-Fernseher reinzieht. Die Horrorvorstellung jedes deutschen Touristen, der auf Kuba heute noch die in der Heimat verloren gegangene Vormoderne anzutreffen glaubt. Auch mir gefallen die Chevys, Buicks und Fords, doch wer sich ernsthaft für dieses Land und seine Menschen interessiert kann den Tag nicht abwarten an dem diese fahrenden Untoten endlich ihre letzte Ruhe in einem Museum finden.

Kuba hat das Recht, sich zu entwickeln und dabei Fehler zu machen. Dass dabei Versäumnisse entstehen, das alte und das neue noch nicht recht zueinanderpassen wollen, ist unweigerliche Folge eines jeglichen Veränderungsprozesses. Worauf es ankommt, ist die eigenen Fehler zu erkennen, zu benennen und zu korrigieren.

Kuba startet neue Zeitschrift für Kleinanzeigen

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Vorläufiges Cover der neuen Zeitschrift „Ofertas“ (Quelle: Cubadebate)

Kubas Presselandschaft wird in den kommenden Wochen Zuwachs erhalten. Die Zeitschrift „Ofertas“ soll ab Mai den kubanischen Anzeigenmarkt beleben und den neuen Wirtschaftsakteuren des Landes eine Plattform für Kleinanzeigen und Stellenauschreibungen bieten. Mit einer Auflage von 60.000 Exemplaren in Farbe will die landesweit erscheinende Zeitschrift dem Privatsektor und den neuen Kooperativen für einen Preis von 3 Peso auch mit Informationen und Rechtsberatung zur Seite stehen.

Die Gründung der Zeitschrift wurde am Montag auf einer Pressekonferenz der Nachrichtenagentur Agencia Cubana de Noticias (ACN) bekannt gegeben. Die ACN wird als Herausgeber des Blattes fungieren, das vorerst auf monatlicher Basis erscheinen soll. „Wir bieten einen sicheren Platz für Kleinanzeigen, sowohl für natürliche als auch juristische Personen, in einer Printausgabe und einer digitalen Version, und zudem die Möglichkeit Produkte und Dienstleistungen auf attraktive Weise und mit konkurrenzfähigen Preisen anzubieten“, sagte Edda Diz, Direktorin der ACN, auf der Pressekonferenz.

Rechtsberatung und Kleinanzeigen – nicht nur für den Privatsektor

In der Zeitschrift sollen auf insgesamt 16 Seiten Themen aufgegriffen werden, die dem Privatsektor unter den Nägeln brennen: Wie bereite ich ein Geschäft vor? Welche Gesetze muss ich beachten, welche Steuern sind wann und wo zu entrichten? Neben der Rechtsberatung sollen auch andere Wirtschaftsangelegenheiten und unternehmerische Fragen behandelt werden. Die letzten acht Seiten der Publikation sind für Kleinanzeigen reserviert, an denen sich der Staatssektor ausdrücklich beteiligen darf.

In den Kleinanzeigen können vom Computerverkauf bis hin zu Miet- und Reparaturservices die verschiedensten Produkte und Dienstleistungen inseriert werden. Auch der An- und Verkauf von Immobilien und Fahrzeugen kann angeboten werden, zudem gibt es eine Rubrik für Stellenausschreibungen. Die Inserate werden in täglich aktualisierter Form auf der Website der Zeitschrift (www.ofertas.cu) veröffentlicht. Die Seite soll in den kommenden Wochen ans Netz gehen und wird auch vom kubanischen Intranet aus erreichbar sein – ein großer Vorteil gegenüber der bereits etablierten Konkurrenz.

Im Geist der Zeitschrift „Opina“…

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Internetportal von „Ofertas“ (Quelle: Cubadebate)

Denn die Vermarktung über Kleinanzeigen ist im sozialistischen Kuba keineswegs neu. Bereits 1979 startete mit „Opina“ eine ähnliche Zeitschrift, die sich in den 1980er Jahren großer Beliebtheit erfreute. Im Zuge der Sonderperiode wurde sie jedoch Anfang der 1990er Jahre eingestellt. Mittlerweile hat sich die Website Revolico.com mit über 520.000 Inseraten als wichtigste Plattform für den digitalen Kleinanzeigenmarkt in Kuba etabliert. Revolico operiert jedoch außerhalb des rechtlichen Rahmens und kann daher nur über Umwege von Kuba aus erreicht werden.

Im Unterschied zu Revolico kosten die Inserate in „Ofertas“ allerdings Geld. Eine Zeile mit 30 Zeichen ist für 0,85 CUC zu haben, ab 10 Zeilen kostet jede weitere 1 CUC. Für größere Anzeigen hat die Redaktion spezielle Angebote vorbereitet, so kostet eine komplette Seite 450 CUC pro Ausgabe, eine Achtelseite kann für 56 CUC gebucht werden. Je nachdem für wie viele Ausgaben in Folge die Anzeige geschaltet werden soll, gibt es Preisnachlässe von bis zu 20 Prozent. Auch zwei Werbebanner auf der Website stehen für Anzeigenkunden bereit.

Mit der neuen Zeitschrift plant Kuba „den Geist der Zeitschrift Opina wieder aufzunehmen“, heißt es in der offiziellen Ankündigung. Tatsächlich war dieser Schritt längst überfällig. Für die knapp 500.000 Beschäftigten des Privatsektors könnte das neue Blatt rasch zu einer wichtigen Werbeplattform werden, die auch Menschen ohne Internetzugang landesweit erreicht. Die Vorteile gegenüber Revolico und vergleichbaren Angeboten liegen auf der Hand: vollständige Rechtssicherheit der Inserate, Erreichbarkeit aus dem kubanischen Intranet, günstige landesweite Printausgabe mit festem Redaktionssitz sowie acht Seiten mit journalistischen Inhalten und Rechtsberatung speziell für die neuen Wirtschaftsakteure.

Fazit

Erfolg und Misserfolg von „Ofertas“ wird wesentlich von der Qualität und Aktualität der  Kleinanzeigen abhängen, deren Angebote konkurrenzfähig und erschwinglich sein sollen. Die gebotene Rechtssicherheit (offizieller Leitspruch: „Der sichere Weg für Kleinanzeigen in Kuba“) könnte sich neben der Erreichbarkeit aus dem Intranet bald als das entscheidende Alleinstellungsmerkmal des Magazins erweisen. Auf diese Weise könnte „Ofertas“ dazu beitragen, einen Teil des kubanischen Grauzonenmarkts in geregelte Bahnen zu befördern, so dass Angebot und Nachfrage schon bald einfacher zueinander finden.


Offizielles Video zur Pressekonferenz am 6. April:

Das Internet in Kuba – Ausbau ohne Eile?

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Vertreter der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft „ETECSA“ bei Cubadebate (Quelle: Cubadebate)

Im Januar 2013 hat in Kuba das Unterseekabel „ALBA-1“ aus Venezuela seinen Dienst aufgenommen um die Insel mit dem weltweiten Netz zu verbinden, die langsamen Satellitenverbindungen sollten fortan schrittweise abgelöst werden. Wenige Monate später eröffnete die staatliche Telekommunikationsgesellschaft ETECSA über 100 neue Internetcafés und kündigte eine Ausdehnung des Netzzugangs an. Anderthalb Jahre danach scheint der Ausbau ins Stocken geraten zu sein. Im Rahmen eines Diskussionsforums des kubanischen Onlinemagazins „Cubadebate„, gaben Vertreter der Firma jüngst Details über die kubanische Netzinfrastruktur bekannt und erklärten ihre Pläne für das Jahr 2015.

Staatseinrichtungen genießen Priorität

Seit den 2000er Jahren investiert Kuba verstärkt in den Ausbau seiner IT-Infrastruktur, so dass bis zum Jahr 2004 sämtliche Kommunen des Landes an das kubanische Intranet angeschlossen werden konnten. Der Zugang zum weltweiten Netz verlief dagegen lange Zeit wie durch ein Nadelöhr: Alle Satellitenverbindungen der Insel verfügten im Jahr 2010 zusammen über gerade einmal 379 Mbps Downloadkapazität und 209 Mbps für den Upload. Der öffentliche Internetzugang war auf einige Hotels beschränkt, die Kosten lagen bei nicht weniger als 6 CUC pro Stunde.

Mit der Inbetriebnahme des ersten Unterseekabels „ALBA-1“, wurde Kuba im Januar 2013 erstmals über eine Leitung mit dem Internet verbunden, das US-Embargo hatte den Anschluss an die bestehenden Unterseekabel bisher verhindert. Die Kapazitäten des Landes haben sich seitdem auf einen Schlag um 350 Prozent für den Download und 700 Prozent für Uploads erhöht. Im April 2013 wurden 118 neue Zugangspunkte und der nationale eMailservice „Nauta“ geschaffen. Bis Ende 2014 unterhielt ETECSA insgesamt 155 Internetcafés mit 573 Computerarbeitsplätzen. Sie sind in allen Provinzen des Landes zu finden, der Preis von 4,50 CUC pro Stunde bleibt allerdings für die meisten Kubaner unerschwinglich.

Nach Angaben von ETECSA wurden zusätzlich etwa 4.000 neue Zugangspunkte pro Jahr in öffentlichen Einrichtungen wie Kliniken, Universitäten und Unternehmen geschaffen – die Priorität liegt seit der Inbetriebnahme des Kabels weiterhin beim staatlichen Sektor. Die meisten Kubaner mit Internetzugang können über solche Einrichtungen auf das Netz zugreifen, da dort der Zugang kostenlos ist. Nur 46.694 Kubaner haben hingegen einen permanenten Nutzeraccount bei den Nauta-Internetcafés. Bei den günstigeren eMail-Dienstleistungen sind es etwa 521.000.

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Mittlerweile gibt es 155 staatliche Internetcafés in Kuba (Quelle: Martí Noticias)

Die Rolle des Intranets

Schätzungsweise 60 Prozent des gesamten innerkubanischen Datenverkehrs entfällt auf das Intranet, zu dem zahlreiche Institutionen und Unternehmen Zugang haben. In den Internetcafés kostet der Zugang 0,60 CUC pro Stunde. In den letzten Jahren hat sich das Angebot stark erweitert, mittlerweile verfügt das kubanische Intranet über eine eigene Enzyklopädie, eine Suchmaschine sowie ein soziales Netzwerk mit immerhin 35.000 Nutzern. Genau wie im weltweiten Netz werden hier Filme, Musik und andere Dateien zum Download angeboten, auch eine Plattform für private Blogs existiert bereits.

Eines der interessantesten Projekte ist das Medizinportal „Infomed“, das seit 1992 aktuelle Informationen, Schulungen und weitere Dienstleistungen (z.B. eMail-Adressen) für Angehörige des Gesundheitswesens anbietet. Die 170.000 Nutzer haben Zugriff auf Datenbanken und Materialien von etwa 2.000 anderen Institutionen, welche ebenfalls mit dem Netzwerk verbunden sind. Hierzu zählen beispielsweise die Archive von Fachzeitschriften oder die Datenbanken von Bibliotheken und Forschungseinrichtungen.

Auch der kubanische Kultursektor ist gut mit dem Intranet vernetzt. Über 600 Seiten bieten Medien, Zeitschriften, Bücher und vieles mehr für Künstler und Kunstinteressierte zum Download an, etwa 200 Bibliotheken sind mit dem Netzwerk verbunden und bieten öffentliche Zugangspunkte. Von den 445 Kulturinstitutionen haben allerdings nur 118 eine Verbindung zum Internet. Beim Ausbau der Netzinfrastruktur werden in Kuba Institutionen und kollektive Zugangsmöglichkeiten bevorzugt. Die Einrichtung von Privatanschlüssen wurde zwar mehrfach angekündigt, jedoch immer wieder verschoben.

So haben heute in Kuba nur wenige Personengruppen die Möglichkeit einen privaten Internetanschluss zu beantragen, wenn sie diesen von Berufs wegen benötigen. Hierzu zählen vor allem Ärzte, Künstler und Journalisten. ETECSA gab in der jüngsten Diskussionsrunde erstmals Zahlen zu diesen Zugängen bekannt: Rund 71.000 Ärzte haben von zu Hause aus mindestens Zugang zum kubanischen Intranet. Etwa 2.600 Künstler haben einen privaten Netzanschluss, allerdings nur 221 mit Internetzugang. Offiziell nutzen 26 Prozent der Kubaner das Internet, davon der Großteil jedoch vermutlich eher sporadisch oder auf dem Arbeitsplatz bzw. Campus.

Kubas Regierung hat in der Vergangenheit ihre Bereitschaft zum Internetausbau bekräftigt, die Umsetzung kam dabei jedoch nur schleppend voran. Begründet wurde dies vor allem mit den knappen Devisen bei gleichzeitig hohen Kosten für die Erneuerung der Infrastruktur. Trotz der üppigen Preise für den Zugang zu den staatlichen Internetcafés hat sich im letzten Jahr wenig geändert, weshalb der politische Wille zu einer umfassenden Ausweitung des Internetzugangs in jüngster Zeit immer wieder in Frage gestellt wurde. Doch wie sehen die Pläne für 2015 aus?

Über 130 neue Internetcafés geplant

Die französische Zeitschrift „L’Express“ meldete vor kurzem, dass die kubanische Telekom mit dem französischen Anbieter „Orange“ vergangenen Sommer einen Vertrag über Mitarbeiterschulungen abgeschlossen hat, um den Internetausbau auf der Insel voranzutreiben. ETECSA selbst hüllt sich darüber in Schweigen, jedoch scheint ein wenig Bewegung in den Prozess zu kommen. In diesem Jahr sollen 136 neue Internetcafés mit 538 Zugangspunkten eröffnet werden – was praktisch eine Verdoppelung des bestehenden Angebots bedeutet.

Hierzu werden einige der bereits vorhandenen „Jugendcomputerclubs“ (JCC) mit Internetzugang ausgerüstet. Landesweit gibt es über 600 dieser Einrichtungen, sie wurden 1987 auf Initiative Fidel Castros ins Leben gerufen und bieten kostenlosen Zugang zum Intranet sowie PC-Kurse an. In den kommenden Jahren könnten insgesamt 291 JCCs mit Internet versorgt werden und so über 1.000 neue Zugangspunkte schaffen, die Investitionskosten dürften sich dabei in Grenzen halten. Zu den Preisen für die neuen Angebote wurde indes noch nichts bekannt.

Um die Zuverlässigkeit des Netzes auch bei steigender Nachfrage zu gewährleisten, plant ETECSA die Server- und Rechenzentren des Landes auszubauen. Im vergangenen Jahr kam es nach der Eröffnung des mobilen eMailzugangs zu anhaltenden Pannen bei der Verbindungsstabilität. Bis zum Februar 2014 verfügte die Firma nur über eine einzige Serverfarm mit einer Kapazität von 15 Terrabyte, sie wurde inzwischen um eine weitere mit 100 TB ergänzt. In diesem Jahr soll die Kapazität auf 500 TB erweitert werden.

Fazit

Für die meisten Kubaner sind die angekündigten Schritte nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die für Ende 2014 geplanten Privatanschlüsse wurden auf unbestimmte Zeit verschoben, während das mobile Datennetz noch immer auf eMails beschränkt bleibt. Als der amerikanische Streaminganbieter „Netflix“ sein Angebot vor wenigen Tagen für Kuba öffnete, hoffte die „Washington Post“ damit den Druck auf die Regierung für den Netzausbau erhöhen zu können. Tatsächlich dürften die Kubaner nach den Plänen der kubanischen Telekom kaum von dem neuen Angebot proftieren, für die nächsten Jahre ist zumindest kein rascher Ausbau zu erwarten.

Denn auch mit einer Verdoppelung der Zugangsplätze bliebe das Internet für die allermeisten noch immer ein unerschwinglicher Luxus. So lange keine Änderung der Preispolitik erfolgt, wird auch in Zukunft der Netzzugang in Kuba auf den Arbeitsplatz bzw. die Universität beschränkt bleiben. Schlechte Informationspolitik und schleppende Investitionen prägen heute das Bild vieler Kubaner in Bezug auf den staatlichen Monopolisten. USB-Sticks, die für wenig Geld vollgepackt mit TV-Serien und Filmen unter der Hand kursieren, haben sich längst als Notlösung etabliert um zumindest einen Teil des Internets offline verfügbar zu machen. Vorerst dürfte daher der kubanische Volksmund mit seiner Übersetzung des Akronyms ETECSA recht behalten: „Empresa de telecomunicaciones sin apuro“ – Telekommunikationsunternehmen ohne Eile.

Die Freilassung der „Miami Five“ – Reaktionen aus Kuba

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Kubanische Studenten feiern die Rückkehr aller „Miami Five“ (Quelle: ACN)

Die Freilassung der restlichen drei kubanischen Geheimdienstagenten, die seit 1998 in den USA inhaftiert waren, löste einen wahren Sturm in Kubas Medienlandschaft aus. „Wie von Fidel im Juni 2001 versprochen, als er sagte: Sie werden zurückkehren!, sind heute Gerardo, Ramón und Antonio in unserer Heimat eingetroffen“, sagte Präsident Raúl Castro am Mittwoch in seiner Rede an die Nation.

Kurze Zeit später waren in den sozialen Netzwerken erste Bilder zu sehen, wie Kubaner die Meldung aufnahmen. Viele saßen gespannt vor den Bildschirmen, als Raúl Castro um genau 12 Uhr Mittags zeitgleich mit Barack Obama seinem Volk die Rückkehr der drei Gefangenen und die Erneuerung der Beziehungen mit den USA verkündete. Während Castro sprach, läuteten die Kirchenglocken und pausierten Schulen in ganz Kuba ihren Unterricht. Die Abgeordneten des kubanischen Parlaments, welches derzeit in Havanna tagt, unterbrachen spontan die Sitzung.

Studenten zahlreicher kubanischer Universitäten veröffentlichten Bilder, auf denen sie mit Plakaten ihre Freude zum Ausdruck brachten. Der Hashtag „#volvieron“ – sie sind zurückgekommen – geistert derzeit durch das kubanische Internet. Die BBC hat in einer eigenen Analyse die beliebtesten kubanischen Hashtags auf Twitter dargestellt:

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Kubanische Tweets nach der Freilassung der „Miami Five“ (Quelle: BBC)

Das kubanische Nachrichtenportal „Cubadebate“ zählte bereits innerhalb weniger Stunden über hundert Kommentare unter der Rede des kubanischen Präsidenten. Zahlreiche Kommentatoren begrüßten die Freilassung der drei Kubaner ebenso wie den diplomatischen Neuanfang. Die Nachrichten scheinen große Hoffnungen bei den Kubanern hervorgerufen zu haben, die Reaktionen waren in der Mehrzahl freudig bis überschwänglich. „In allen kubanischen Haushalten knallen die Korken, das ist etwas das wir feiern müssen“ zitiert die BBC einen Tweet. „Wie ich Lust habe zu schreien, auf die Straße zu gehen und alle zu umarmen“, schrieb ein anderer Nutzer.

Das Thema der „Miami Five“ hat damit ein lang erkämpftes Happy-End gefunden. Alle Fünf sind heute wieder bei ihren Familien. Damit ist eine der größten Kampagnen der kubanischen Revolution in den letzten Dekaden gegangen. Kuba muss auf die neue Situation reagieren und die neuen Möglichkeiten im Verhältnis mit den USA gestalten lernen. Doch zunächst einmal wird die Freude überwiegen. Es wird noch dauern, bis allen Kubanern die volle Tragweite des 17. Dezembers bewusst wird. Die omnipräsenten Schilder, auf denen heute steht: „¡volverán!“ – sie werden zurückommen! – bestätigen auf den Fassaden und Plätzen des Landes tausendfach ihre Richtigkeit. Doch zugleich spricht aus ihnen die Frage: Was kommt nach mir?

Kubas Fernsehen bietet Raum für Satire

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„Noch vor zehn Jahren war so etwas undenkbar“ – Luis Silva in seiner Figur des Rentners Panfilo (Quelle: Cubahora)

Bereits seit einigen Jahren sorgt die kubanische Comedysendung „Vivir del Cuento“ (in etwa: Überleben durch Köpfchen) für Abwechslung im Programm des staatlichen Fernsehens. Jeden Montagabend nimmt der Komiker Luis Silva darin in Form des kauzigen Rentners Panfilo den kubanischen Alltag in all seinen Facetten aufs Korn. Zwar veröffentlicht Kuba keine Zahlen zu den Einschaltquoten, doch gilt die Sendung als erfolgreichste Satiresendung im kubanischen Fernsehen.

Hinter dem Erfolg des Formats steckt vor allem seine Nähe zum täglichen Leben vieler Menschen auf der Insel: In einem Sketch will Panfillo seine kaputte Wasserleitung reparieren. Als der staatliche Klemptner ankündigt, dass die Reparatur mindestens sechs Monate dauern werde, besticht ihn Panfillo mit einer Flasche Shampoo. Am nächsten Tag taucht der Klemptner wieder auf: Mit frisch gemachten Haaren und einem Haufen gestohlener Ersatzteile. Das Publikum bricht in Lachen aus.

Es sind Szenen wie diese, über die noch Tage später auf der Straße gesprochen wird, weil sie den Absurditäten des kubanischen Alltags Raum geben. „Die Leute atmen mit Vivir del cuento“ sagte Silvo in einem Interview mit den kubanischen Nachrichten. Der Komiker tritt derweil nicht nur im staatlichen Fernsehen, sondern auch auf den Theaterbühnen des Landes auf. Ein Ticket für die gut besuchten Veranstaltungen kostet 20 Pesos. „Er spricht mit Humor über die soziale Realität in unserem Land. Er versteckt nichts. Er bringt uns zum nachdenken und ich hoffe dass er auch die Regierenden in diesem Land zum nachdenken bringt“, beschreibt die Lehrerin Yahima Morales sein Programm.

Die teils derbe Kritik an der allgegenwärtigen Korruption in Kuba wird von der Regierung geduldet. Silvas Programm wird allwöchentlich im Staatsfernsehen übertragen, obwohl die Satiresendung in den letzten Jahren immer bissiger und direkter wurde. In einem neueren Beitrag bringt Panfillo seiner Schwester in Miami einen Leib kubanisches Brot mit. Als er vom Zoll kontrolliert wird, finden die US-Beamten zwar nichts verdächtiges, konnten alledings nicht glauben, dass es sich bei dem Geschenk wirklich um Brot handeln soll. „Wie soll ich diesem Kerl erklären, dass wir das Zeug tatsächlich essen?“, fragt Panfillo, bevor das Publikum in schallendes Gelächter ausbricht.

„Noch vor zehn Jahren war so etwas undenkbar. Das Fernsehen hat diese komplizierten Themen der kubanischen Gesellschaft nicht behandelt“, sagt Carlos Gonzalo, der ebenfalls als Komiker arbeitet. Doch wo liegen die Einschränkungen der kubanischen Satire? „Es gibt eine Grenze, die bei den Namen Fidel Castro und Raúl Castro beginnt“, sagte der kubanische Satiriker Alejandro Garcia der Nachrichtenagentur AP. Er fügte jedoch hinzu, dass er die beiden Revolutionäre nicht aus Angst vor der Zensur, sondern aus Respekt vor ihren Leistungen von der Satire verschone.

Die Sendung von Luis Silva bildet nur den jüngsten Höhepunkt einer Comedywelle, die gerade durch Kuba geht. Zahlreiche Entertainer, Kabaretisten und Stand-up Comedians haben in den letzten Jahren Verträge beim „Zentrum für Humorförderung“ bekommen, der zuständigen Institution beim kubanischen Kulturministerium. Ihre Auftritte finden auf den Theater- und Fernsehbühnen des Landes bisher ohne Einschränkungen statt. Ist dies der Beginn einer weiteren Welle der kulturpolitischen Liberalisierung in Kuba?

Einiges spricht dafür. So wurde jüngst der oppositionellen Bloggerin Yoani Sánchez erstmals eine offizielle Presseakreditierung für das Festival des Lateinamerikanischen Films in Havanna erteilt. Ihr alternatives Internetmedium „14yMedio“ wird von staatlicher Seite inzwischen geduldet, während der Informationsfluss innerhalb Kubas durch die Verbreitung von USB-Sticks in den letzten Jahren wahrhaftig revolutioniert wurde. Der Berater des Präsidenten Raúl Castro, Ex-Kulturminister Abel Prieto, forderte jüngst einen verstärkten Ausbau des Internetzugangs auf der Insel.

Als gestern in Kuba der internationale Tag der Menschenrechte gewürdigt wurde, bot das Land seinen Einwohnern mehr kulturpolitische Freiräume denn je. Die Debatten auf den Versammlungen der kubanischen Journalisten und Kulturschaffendenverbände in den vergangenen zwei Jahren beginnen bereits ihre Spuren zu hinterlassen. Wie in anderen Gebieten werden auch bei der Kulturpolitik alte Haltungen überprüft und frische Ideen vorsichtig ausgetestet. Welchen Weg Kuba letztendlich einschlagen wird, kann vielleicht in Zukunft das neue Mediengesetz zeigen, das in den kommenden Jahren erarbeitet werden soll.

Kubas Vizepräsident: weniger „Geheimniskrämerei“ in der Presse

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Miguel Díaz-Canel (links) auf dem III. Plenum des Nationalkomitees der UPEC. (Quelle: Cubadebate)

Das Nationalkomitee des kubanischen Journalistenverbandes UPEC hielt jüngst sein III. Plenum in Havanna ab. Dort war auch Kubas Vizepräsident Miguel Díaz-Canel anwesend, der sich zur Lage der kubanischen Medien äußerte. Wichtigstes Thema der Veranstaltung war die Analyse der aktuellen Probleme der kubanischen Presselandschaft. Die Erarbeitung neuer Wege für Kubas Medien wurde vom letzten Kongress der Organisation im vergangenen Sommer beschlossen.

UPEC-Präsident Antonio Molto eröffnete die Veranstaltung mit einem Zitat Fidel Castros: „Wir werden uns ohne die Presse nicht von der Sonderperiode lösen können“. Kubas Medien müssten sich auf hohem professionellen Niveau bewegen sowie „Einheit und Zuversicht in die Institutionen des Staates und der Partei“ verbreiten. Obwohl die Begleitumstände heute günstig seien, stünden große Aufgabe bevor.

Analyse des Status quo

Um die aktuellen Probleme zu analysieren wurden 140 Publikationen zu verschiedenen Themen befragt, 97% aller in Kuba erscheinenen Medien. Das Ergebnis: Nicht nur bei der wirtschaftlichen Leitung der Medien gibt es gravierende Probleme, auch beim Personalbestand und beim Erreichen der Zielgruppen hat Kubas Presse großen Nachholbedarf.

Isabel Moay, Mitglied des UPEC-Vorstands, kritisierte, dass viele Kulturdebatten die neue politische und ideologische Vorschläge erbringen, keinen Widerhall in der offiziellen Berichterstattung fänden. Auch solle über Investitionen in die Medien nachgedacht werden, damit diese ihrer Aufgabe besser gerecht werden könnten.

Andere Teilnehmer forderten eine stärkere Berücksichtigung der einzelnen Regionen in den Medien, damit diese näher an den Menschen der jeweiligen Provinz sind. Ein anderer Delegierter formulierte drastisch: „Das Leben zieht an unserer Seite vorbei und wir stecken fest“. Um die Glaubwürdigkeit der kubanischen Medien zu erhöhen, müsse ein neues Verwaltungsmodell entwickelt werden. Im Rahmen eines neuen Presserechts solle den Redakteuren mehr Autonomie gegeben werden.

Klare Worte der jungen Generation

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TV-Journalist Yosley Carrero, ebenfalls Mitglied des UPEC-Nationalkomitees (Quelle: Cubadebate)

Die jüngere Generation meldete sich ebenfalls zu Wort. Yosley Carrero, kubanischer TV-Journalist und Mitglied im UPEC-Vorstand, erklärte, dass über 50 Prozent der Journalismus-Studenten in Kuba eine Anstellung in den staatlichen Medien des Landes fänden. Viele erführen aber nach kurzer Zeit die Last der Routine und litten an Resignation. Zunehmend mehr Diskurse würden getrennt von den Medien in inoffiziellen Blogs geführt, was insbesondere für die jungen Journalisten ein Problem darstelle. Ihnen solle in Zukunft besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Carrero wurde noch deutlicher: „In Kuba können wir keine perfekte öffentliche Debatte erwarten, da diese nicht exisitert. Das wäre eine Simulation.“ Das Vorstandsmitglied sprach sich gegen Denkverbote beim Entwickeln neuer Methoden zur Verbesserung der Presse aus. Auch andere Wortbeiträge gingen in diese Richtung und riefen zu einer „Änderung der Mentalität“ auf.

Miguel Díaz-Canel: „weniger Gehemniskrämerei“

Auf dem Abschlußplenum übernahm schließlich Kubas erster Vizepräsident Miguel Díaz-Canel das Wort: Die heimischen Medien müssten von der Bevölkerung aufgrund ihrer Qualität gegenüber jenen bevorzugt werden, „die in anderen Kanälen zirkulieren“ sagte Díaz-Canel. Damit spielte er auf die USB-Sticks an, die seit einigen Jahren unter Tolerierung des Staates im Land kursieren und die Bevölkerung mit ausländischen TV- und Medieninhalten aus dem Internet versorgen. Die dadurch entstehende Konkurrenz macht dem Staat zunehmend das Informationsmonopol streitig.

Díaz-Canel versicherte, dass die „Geheimniskrämerei“ (span.: secretismo) zurückgegangen sei. Dennoch existiere weiterhin „autosecretismo“ und die Selbstzensur. Es fehle an einer „Kultur der Kommunikation“, die noch geschaffen werden müsse. Ihn beschäftige vor allem die „Entprofessionalisierung“ einiger Journalisten, deren Prämisse Qualität sein müsse. Dennoch dürfe man sich nicht von den Klischees der ausländischen Presse leiten lassen, „wir müssen einen eigenen Vorschlag auf Basis unserer Kultur und Geschichte machen“, schloss Díaz-Canel seine Rede.

Die Werte der Revolution

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Plenum zur Erneuerung der kubanischen Kultur auf dem Kongress der UNEAC (von links: Magda Resik, Direktorin von Habana Radio, Julián Gónzalez Toledo, Kulturminister des Landes und Miguel Díaz-Canel, kubanischer Vizepräsident. Quelle: Cubadebate).

Am 10. bis 12. April  tagte in Kuba der VIII. Kongress der Vereinigung kubanischer Schriftsteller und Künstler (UNEAC). Zentrales Thema war der Erhalt und die Weitergabe der Werte der Revolution an die jüngere Generation, sowie die damit verbundene Erneuerung der Kulturpolitik. „Unsere größte Herausforderung ist der Kampf gegen die Pseudokultur die mit der Begeisterung für den Konsumismus einhergeht“, fasste der kubanische Vizepräsident Díaz-Canel die Aufgabe der Kulturschaffenden zusammen. Der Kongress war dabei von lebhaften Debatten über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der kubanischen Kultur und ihrer jeweiligen Rolle geprägt.

Verlust von Werten und Identität

„Die Einheit war und wird auch weiterhin die grundlegende Strategie der kubanischen Revolution sein, aber wie wir wissen besteht sie nicht aus homogenem Denken, sondern aus der möglichen Konklusion verschiedener Sichtweisen“, erklärte Díaz-Canel vor den 320 Delegierten die grundlegende Denkweise, mit der Werte erhalten und erneuert werden sollen. Zu viel Formalismus, zu knappe Mittel und zu viele administrative Maßnahmen haben in den letzten Jahrzehnten zu einem Verlust der kulturellen Identität geführt, zu einer Entfremdung des Kulturangebots von den Bedürfnissen des Volkes und damit einhergehend zum Aufstieg von „Niveaulosigkeit und Mittelmäßigkeit“, wie es ein Delegierter ausdrückte.

Nach dem Ende der Sowjetunion litten die kubanischen Kinos, Theater und Buchverlage unter massivem Sparzwang und konnten ihre Aufgabe vielerorts nur noch pro forma wahrnehmen. Hinzu kommen administrative Gängeleien durch die Ministeriumsbürokratie, unter denen viele unabhängige Kreative zu leiden haben. Das jüngste Beispiel war die Schließung der privaten 3D-Kinos Ende vergangenen Jahres, die zu massivem Unmut vor allem unter Jugendlichen geführt hat. Dabei will man gerade die junge Generation stärker in den Fokus der Kulturarbeit stellen, da sie für den Fortbestand der Revolution von transzendentaler Bedeutung ist.

Bereits vor einigen Monat hat deshalb Fernando Rojas, stellvertrendender Kulturminister, die Regulierung der 3D-Kinos gegenüber einem generellen Verbot als bessere Option hervorgehoben. Auf dem UNEAC-Kongress wurde folgerichtet ein neues Kinogesetz gefordert, dass die Aufführung von Kulturfilmen und kubanischen Produktionen zu günstigen Preisen fördern soll, dabei aber gleichzeitig auch den internationalen Trends und neuen Technologien Rechnung trägt. Das Fernsehprogramm soll künftig weiter diversifiziert und qualitativ verbessert werden.

„Das erste was es zu retten gilt, ist die Kultur!“

„Wir können und müssen den Geschmack der Bevölkerung beeinflussen: Nicht mit Verboten, die nur zum Gegenteil des gewünschten führen; sondern mit der Erarbeitung einer kohärenten Politik, die alle staatlichen Institutionen gebündelt zum Einsatz bringt, inklusive des Bildungssystems“, sagte Díaz-Canel in seiner Rede. In diesem Zusammenhang hob der Vizepräsident mehrmals die Notwendigkeit einer stärkeren Institutionalisierung hervor: nur mit einer abgestimmten Arbeit aller Einrichtungen könne der Kultursektor wiederbelebt und das Erbe der Revolution gesichert werden. Dabei müsse ausländischen Einflüssen zuvorgekommen werden, um die Geschichte des Landes und die Werte des Sozialismus besser zu kommunizieren. In den verschiedenen Wortmeldungen der Delegierten wurde dabei oft Bezug auf Fidels Ausspruch zu Beginn der Sonderperiode genommen: „Das erste was es zu retten gilt, ist die Kultur!“.

Kuba befindet sich derzeit in einer ähnlichen Zeit der Zäsur; die Erkentnis, dass eine Erneuerung des Wirtschaftssystems auch auch mit einer notwendigen Erneuerung des gesellschaftlichen Überbaus einhergeht, hat sich durchgesetzt: „Wir müssen Entwicklung und Wirtschaftswachstum suchen, aber mit einer Seele voller Gefühl und Spiritualität. Dies wird durch die Rettung der Kultur erreicht, was auch die Rettung des Landes, der Revolution und des Sozialismus bedeutet. Das verlangt von uns, jeden Tag effizienter in der Verteidigung der nationalen Identität und den authentischen Werten der kubanischen Kultur zu sein“, erklärte Díaz-Canel auf der Schlußtagung des Kongresses.

Bündelung aller Massenorganisationen

Diese „nationale Identität“ besteht für die kubanische Regierung vor allem aus dem humanistischen Gedankengut José Martís, der Kenntnis der kubanischen Geschichte sowie dem Leben von sozialistischen Werten wie Solidarität, Anstand, Respekt und Ehrlichkeit. Der schleichende Verlust dieser Tugenden wurde bereits vergangenen Sommer von Raúl Castro hervorgehoben, seine deutlichen Worte schlugen sich in der Folgezeit nieder in einer Kampagne gegen „soziale Disziplinlosigkeiten“, mit der alle kubanischen Massenorganisationen zusammen mit den CDRs direkt in den Nachbarschaften versuchen, auf die Leute zuzugehen. Diese Kampagne soll nun Schritt für Schritt ausgedehnt werden, um die Erneuerung sozialistischer Werte zu gewährleisten.

Erreicht werden soll die Erarbeitung einer kohärenten Kulturpolitik im Rahmen einer Arbeitsgruppe, deren Fortschritte regelmäßig überprüft werden sollen. Vorgesehen ist unter anderem die Stärkung der Kulturfunktionäre auf den unteren Ebenen sowie die Förderung von Stadthistorikern in den Provinzen, zur Restaurierung des kolonialen Erbes und Erhalt urbaner Lebensqualität ohne Gentrifizierung. Die bildende Kunst soll sich des weiteren durch ihre Verkaufserlöse besser finanzieren können. Einzelne Wortmeldungen forderten eine stärkere Einbindung kleiner Privatunternehmer in den Sektor. Wie so oft nach den Kongressen kubanischer Massenorganisationen, ist zunächst noch wenig konkretes bekannt. Jedoch steht die Verabschiedung eines neuen Presse- und Kinogesetzes im kommenden Jahr bevor.

Die UNEAC-Delegierten bestätigten den geachteten Schriftsteller Miguel Barnet als Vorsitzenden ihrer Organisation. Noch interessanter war die Neubesetzung des Kulturministers im Vorfeld des Kongresses. Der ebenfalls angesehene Abel Prieto übte dieses Amt von 1997 bis 2012 aus, zog sich dann jedoch aus privaten Gründen zurück. Ihm folgte für zwei Jahre der eher uncharismatisch wirkende Rafael Bernal, der wohl eher eine Übergangslösung darstellte. Sein Nachfolger wurde am 6. März dieses Jahres Julián Gónzalez Toledo (52), der im Unterschied zu Bernal über 20 Jahre Berufserfahrung im Kultursektor verfügt. Womöglich sollte damit auch für eine kürzere Leitung der Kulturschaffenden in die Ebene der Politik gesorgt werden.

Toledo zeigte sich erfreut über die Debatten der Delegierten, die die Schule und Familie als wichtigste Quelle zur Vermittlung von Werten bezeichneten. Gerade den Kindern und Jugendlichen soll verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt werden, um die Bildungseinrichtungen in ihrer Rolle als „Zentren der Wertevermittlung“ zu stärken. Die Zukunft der kubanischen Revolution, ohne die Protagonisten der historischen Generation, könne nur mit einer intakten Sozialstruktur erreicht werden. Die Weitergabe und Erneuerung revolutionärer Werte soll durch alle Teile der Gesellschaft erfolgen, die gerade in Zeiten wirtschaftlicher Veränderungen ihre Gemeinsamkeiten bewahren müssen. Kein Strohfeuer, sondern kontinuierliche Arbeit und Selbstkritik werden die Grundpfeiler sein, um das geistige Erbe des Sozialismus und der Revolution weiterzugeben. Kubas Lehrer und Journalisten, die Schauspieler und Musiker sowie alle Kulturschaffenden des Landes brauchen jetzt die geeigneten Mittel, um diese Mammutaufgabe anzugehen.

„Granma“ stellt neue Homepage vor

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Vorstellung der neuen Granma-Homepage durch die Redaktion (Quelle: „Granma„).

Die größte Tageszeitung des Landes, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas „Granma“, hat heute seine neue Homepage im Rahmen einer Pressekonferenz in Havanna vorgestellt. Seit Oktober 2013 hat eine Gruppe junger Leute aus der Redaktion unter ihrem neuen Chefredakteur Pelayo Terry Cuervo an einem zeitgemäßen Neustart des Internetauftritts der Zeitung gearbeitet. Damit folgt das Leitmedium Kubas dem Beispiel der zweitgrößten Zeitung „Juventud Rebelde“, bei der Cuervo bis dato als Chefredakteur tätig war. Auch die Nachrichtenagentur ACN hat neuerdings mit einer modernen Homepage für Aufmerksamkeit gesorgt.

In der ersten Phase des Redesigns ging es den Autoren zu Folge zunächst um die Festlegung der Grundzüge des neuen Layouts, erst danach folge die konkrete technische Umsetzung. Die drei Kernelemente des neuen Designs wurden mit den Schlagworten Partizipation, Zuständigkeit und Hingabe zum Projekt definiert. Während die alte Homepage ein stets unfertig wirkendes Frontpage-Projekt der 90er Jahre war, basiert die neue Website auf einem Content-Management-System (CMS), wie es auch beim Internetauftritt westlicher Medien zum Einsatz kommt. Dies führt zu einer vereinfachten Pflege und Aktualisierung des Portals. Damit konnten nun auch eine Kommentarfunktion sowie Bildergalerien und Multimediainhalte endlich realisiert werden. Neu ist auch eine mobile Version, die die Homepage speziell auf Smartphones korrekt darstellt. Aufgrund des erwarteten größeren Andrangs hat die Granma auf einen leistungsfähigeren Server umgesattelt.

Die neue Website wird auch großen Einfluss auf die künftige journalistische Arbeit der Redaktion haben. Im Interview mit Cubadebate erklärt der Chef der „Internetgruppe“ der Granma, Oscar Sánchez Serra: „Die neuen Möglichkeiten der Website erlauben uns, Nachrichten zeitnah zum Ereignis zu publizieren, die Interaktivität der Nutzer und die Verbindung der Journalisten zur Plattform zu stärken. Das alles sollte die Veröffentlichung neuer Materialien für das Internet fördern, nicht nur Texte, sondern auch Multimediainhalte.“ Der jetzige Informationsfluss von der Printausgabe zum Internet könnte sich Serra zu Folge in Zukunft umkehren, indem Inhalte zuerst auf der Website erscheinen und danach in Druck gehen. Auch die Integration sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter soll dabei nicht zu kurz kommen, hierfür wird die Redaktion in Zukunft einen „Community Manager“ benennen. Die fremdsprachigen Versionen der Website verwenden bisher noch das alte Design, wann ihre Umstellung geplant ist, ist bisher nicht bekannt.

Passend zur neuen Website hat die Granma-Redaktion bereits ein kurzes Video veröffentlicht, das den neuen Internetauftritt kurz vorstellt:

Zwei Stunden mit Fidel…

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Von links: Ignacio Ramonet, Dalia Soto (Fidel Castros Frau), Fidel Castro. (Quelle: Alex Castro ©, via Amerika 21).

Am 13. Dezember 2013 wurde der spanische Journalist Ignacio Ramonet (bekannt durch sein Buch „100 Stunden mit Fidel„) von Fidel Castro auf seinem Wohnsitz in Havanna empfangen. Wenige Tage später war Nicolas Maduro ebenfalls zu Gast in Havanna. Bei seinem zweistündigen Gespräch, das Ramonet als freundschaftlich bezeichnet, unterhielt sich dieser mit Fidel in Beisein seiner Frau, Dalia Soto. In einem ausführlichen Bericht über das Gespräch gibt Ramonet zahlreiche Details wieder. Er stellt die Neugier und das sichtliche Interesse des kubanischen Revolutiosnführers an zahlreichen weltpolitischen Themen fest, darunter der Tod Nelson Mandelas, Hugo Chávez und die Entwicklungen in Venezuela sowie der Konflikt um den Iran. Hierzu konstatierte Castro: „Der Iran hat das Recht auf seine zivile nukleare Energie.“ Gleichzeitig warnte er jedoch vor den fatalen Folgen des weltweiten Atomwaffenarsenals. Zwischenzeitlich wohnte sein Sohn Alex Castro der Unterhaltung bei.

Bei dem Gespräch gab Fidel Castro auch Auskunft über seinen Tagesplan, der nach wie vor gut gefüllt zu sein scheint. Der 87-Jährige pflegt zahlreiche persönliche Kontakte und beschäftigt sich neben politischen, auch mit wissenschaftlichen Fragen wie der Botanik. Nach dem Treffen mit Ramonet war ein Experte über Maulbeerbäume bei Fidel zu Gast. Bereits in einer seiner letzten „Reflexionen“ vom 17. Juni 2012 sprach Fidel die Bedeutung dieser Bäume für die kubanische Landwirtschaft an. Der Tod von Hugo Chávez, den Castro als seinen „besten Freund“ bezeichnet, scheint den Commandante sehr mitgenommen zu haben, das Gespräch verfiel bei diesem Thema in einen kurzen Moment des Schweigens, berichtet Ramonet. Insgesamt scheint Fidel Castro bei weiterhin ausgezeichneter mentaler Verfassung zu sein, die Inhalte des Gesprächs sowie der gesamte Bericht von Ramonet sind höchst interessant. Der lesenswerte Text ist auf Amerika21 dokumentiert:

Zwei weitere Stunden mit Fidel

Es war ein frühlingshafter Tag, überflutet von schimmerndem Licht und der charakteristischen Luft des zauberhaften kubanischen Dezembers. Vom nahen Meer wehten Gerüche herüber und man hörte die Palmen sanft im Wind wiegen. In einem der jetzt so zahlreich anzutreffenden Paladares (Privatrestaurants) saß ich mit einer Freundin beim Mittagessen, als plötzlich das Telefon klingelte. Es war mein Kontaktmann: „Die Person, die du treffen willst, erwartet dich in einer halben Stunde. Beeil dich.“ Ich ließ alles stehen und liegen, verabschiedete mich von der Freundin und ging zum vereinbarten Ort. Dort wartete ein unauffälliges Auto auf mich und der Fahrer fuhr sofort Richtung Westen der Hauptstadt los. […]

Quelle: Amerika 21