Kuba und die Milch

Zum ersten Mal seit sieben Jahren hat die kubanische Regierung Anfang April den Preis für Milchpulver erhöht. Der Preis für ein halbes Kilo stieg von 2,90 auf 3,35 CUC (+ 15,5 Prozent). Das Kilogramm kostet nun 6,60 statt 5,75 CUC (+ 14,8 Prozent). Begründet wurde die Maßnahme mit steigenden Weltmarktpreisen, die Importkosten seien zuletzt von 4.720 auf 5.563 CUC pro Tonne gestiegen. Die über die subventionierte Lebensmittelkarte „Libreta“ verkaufte Milch ist von der Preiserhöhung nicht betroffen, diese wird insbesondere an Kinder und Rentner vergeben. „Allerdings muss der kubanische Staat das ursprünglich geplante Budget für die Subventionierung dieses Produkts um 12 Millionen US$ erhöhen“, sagte Erenis Beltrán, Leiterin der Preisabteilung der Lebensmittelindustrie gegenüber der Granma.

Dennoch dürfte die Ankündigung für viele Kubaner ein harter Schlag sein, denn die über die Libreta bezogene Milch reicht für Familien meist nicht aus, und die frei verkäufliche Milch ist für Kubaner ohne Devisenzugang nun noch unerschwinglicher. Nicht umsonst haben die zuständigen Behörden bei der Erklärung hinzugefügt, dass der Staat versucht, kurzfristige Preisschwankungen auf dem Weltmarkt auszugleichen um die Preise konstant zu halten. Diesmal seien die Preise allerdings unverhältmismäßig gestiegen, weshalb der Verkauf des Produkts mit den bisherigen Kosten nicht mehr rentabel gewesen sei. Tatsächlich hat sich der internationale Milchpreis seit 2007 mehr als verdoppelt. Dennoch wird für dieses Jahr ein leichter Preisverfall prognostiziert.

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Milchproduktion Kubas, 1990 – 2013 (Quelle: ONE, Series 9.18).

Eine detailliertere Erläuterung des Ministeriums gab es zum Ärger vieler Kubaner nicht.  Fernando Ravsberg wirft in seinem Artikel zurecht die Frage auf, warum die steigenden Kosten nicht durch eine Erhöhung der Steuer auf Tabak-, Rum oder Luxusprodukte aufgefangen wurden, sondern durch die Verteuerung eines ohnehin raren Nahrungsmittels. Denn die Milch war schon immer ein Problem in Kuba, das zu keiner Zeit den landesweiten Bedarf durch eigene Produktion vollständig konnte. Von den jährlich verbrauchten 1,8 Milliarden Litern wurden im Jahr 2013 nur 503 Millionen durch eigene Produktion gedeckt – das entspricht einer Importquote von 72 Prozent. Die Produktion hat sich seit den 1990er Jahren nicht wieder erholt und liegt heute noch immer unter dem Stand von 2010 (siehe Grafik).

Der Viehbestand hat durch die Sonderperiode zunächst nicht gelitten, allerdings führte der schleichtende Niedergang der Landwirtschaft ab den 2000er Jahren zu schwerwiegenden strukturellen Problemen in dem Sektor: erst neulich berichteten die kubanischen Medien über schlechte Haltungsbedingungen, verhungerndes Vieh und Planlosigkeit bei der Milchproduktion. Die Produktion von Milchpulver konnte jedoch in den letzten Jahren gehalten werden, sie beträgt derzeit 23.500 Tonnen pro Jahr. Im Juni dieses Jahres wird in Camagüey eine neue Fabrik für Milchpulver eröffnen, die auf dem neuesten Stand der Technik ist. Das 16 Millionen US$ teure Projekt wurde mit chinesischer Hilfe errichtet und soll pro Jahr 2.300 Tonnen Milchpulver erzeugen. Damit würde sich nationale Produktion um immerhin vier Prozent erhöhen.

Das eigentliche Problem, die Herstellung des Rohstoffs Milch, ist damit jedoch bei weitem  nicht gelöst. Neben den Bedingungen in der Landwirtschaft ist auch der übermäßige Konsum von importierter Milch ein Faktor für die Stagnation der heimischen Produktion. Dies erklärte Bárbara Acosta, Vizeministerin für Außenhandel, vor dem kubanischen Parlament. Womöglich spielt dieser Aspekt bei der Entscheidung zur Preiserhöhung ebenfalls eine Rolle. Mittelfristig sucht Kuba deshalb Partner, um die eigene Landwirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Neben dem Reisanbau könnten brasilianische Firmen bald auch beim Technologietransfer in der Viehzucht helfen, derzeit laufen bereits erste Gespräche über eine mögliche Kooperation.

Kubanische Landwirtschaft wächst um 6,6 Prozent

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Einer der neuen Bauernmärkte auf genossenschaftlicher Basis in Havannas Stadtteil Vedado (Quelle: Cubadebate).

Die kubanische Landwirtschaft konnte ihre Produktion vergangenen Jahr um 6,6 Prozent steigern, wie aus einer Veröffentlichung der nationalen Statistikbehörde ONE hervorgeht. Demnach wuchs die Landwirtschaft (ohne Zuckersektor) im Jahr 2013 um 5,9 Prozent, die Viehwirtschaft um 7,9 Prozent. Während der Anbau von Zitrusfrüchten um 18,7 Prozent zurückging, konnte die Produktion wichtiger Grundnahrungsmittel wie Reis (+16,3 Prozent), Mais (+20,3 Prozent) und Gemüse (+15,4 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr bedeutend gesteigert werden. Damit erbrachten die im Jahr 2012 vertieften Reformen der Landwirtschaft erste Ergebnisse. Die Änderungen der Landwirtschaftspolitik spiegeln sich auch in der Statistik wieder: Wurden 2012 noch 42,8 Prozent aller Erzeugnisse an das für seine Ineffizienz bekannte staatliche Distributionsnetz Acopio abgegeben, sank dieser Anteil im darauf folgenden Jahr auf 38,2 Prozent.

Die bereits im März vergangenen Jahres festgestellte positive Tendenz in der Viehwirtschaft konnte sich durch das gesamte Jahr hinweg manifestieren: Von Januar bis März 2013 wuchs sie bereits um 16,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, exakt die selbe Zahl konnte für das gesamte Jahr gehalten werden. Die Produktion von Schweinefleisch stieg um gut 10.000 Tonnen auf 41.300 Tonnen an. Erstaunlicherweise geht dieses Wachstum vor allem auf die staatlichen Farmen zurück, die knapp 80 Prozent des im Land verbrauchten Schweinefleichs herstellen. Sie konnten im vergangenen Jahr große Erfolge bei der Intensivierung aufweisen: der seit Jahren durchschnittliche Ertrag von 80 Kilogramm pro Schwein konnte in einem Jahr auf 89,6 Kilogramm gesteigert werden. Trotz anhaltender Schwierigkeiten bei der Viehhaltung, konnte sich der Bestand im vergangenen Jahr gut erholen.

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Milchproduktion Kubas, 2002 bis 2013 (Quelle: ONE).

Probleme gibt es allerdings bei der Herstellung von Milch. 2013 konnten 503,6 Millionen Liter erreicht werden, 12,7 Millionen weniger als im Jahr zuvor. Auch der durchschnittliche Ertrag pro Kuh ging leicht zurück. Sowohl Milch- als auch MIlchpulver müssen oftmals importiert werden, da die derzeitige Produktion nicht ausreichend zur Deckung des heimischen Bedarfs genügt. Bessere Neuigkeiten gibt es dagegen bei der Herstellung von Eiern, denen ebenfalls eine große Bedeutung auf dem kubanischen Speiseplan zukommt. Ihre Produktion konnte um 14,3 Prozent auf gut 2 Millionen Stück gesteigert werden.

Vor wenigen Tagen machte Landwirtschaftsminister Gustavo Rodríguez weitere Angaben zur finanziellen Situation der Landwirtschaft: Demnach erlitten im vergangnen Jahr 86 Staatsbetriebe Verluste von insgesamt 210 Millionen Peso (ca. 8,4 Mio. US$), während die Kooperativen meist profitabel waren. Acopio machte 2013 einen Verlust von 70 Millionen Peso (ca. 2,8 Mio. US$). Dennoch konnten die Verkäufe um 10,4 Prozent angehoben werden, wobei neben den staatlichen Bauernmärkten vor allem der Privatsektor an Bedeutung gewann. Die auf eigene Rechnung arbeitenden Transporteure konnten ihre Verkäufe um 17,6 Prozent steigern. Sie spielen allerdings noch immer eine marginale Rolle und kommen für lediglich 13,8 Prozent der Gesamtumsätze aus. Die neuen Bauernmärkte auf genossenschaftlicher Basis spielten mit unter 2 Prozent noch eine unbedeutende Rolle, was auch an den anhaltend hohen Preisen liegt, die ihre Waren für viele unerschwinglich werden lässt.

Insgesamt also mal wieder durchwachsene Signale von der kubanischen Landwirtschaft, allerdings diesmal mit deutlich positiverer Tendenz. Während das „Rückgrat der kubanischen Wirtschaft“ im Jahr 2012 unter den Schäden von Hurrikan „Sandy“ litt und um lediglich 1,3 Prozent zulegen konnte, war 2013 wieder ein gutes Jahr für Kubas Bauern. Der letzte große Wachstumsschub erfolgte 2011 mit 8,7 Prozent, während im Jahr 2010 sogar ein Rückgang von 4,2 Prozent erfolgte. Die Entwicklung ist also noch alles andere als stetig. Dennoch nähren die zahlreichen Reformen der letzten Jahre die Hoffnung, dass es künftig konstant bergauf geht. Dies ist auch dringend notwendig, schließlich hat man gerade einmal das Niveau von 2007 erreicht, bei steigenden Weltmarktpreisen für Importe. 2013 mussten 1,74 Milliarden US$ für Importe ausgegeben werden, 102 Millionen mehr als noch ein Jahr zuvor. Doch die Produktionsresultate des letzten Jahres lassen auch das Planziel für 2014 nicht ganz unrealistisch erscheinen, das ein Wachstum von sieben Prozent vorsieht.

Kubas „Musterkooperative“ als Blaupause für die Landwirtschaftsreform?

Am 12. Februar meldete die kubanische Nachrichtenagentur ACN einige Erfolge der landwirtschaftlichen Kooperative „Paquito González“ in der Provinz Ciego de Ávila. Diese Genossenschaft vom Typ CPA erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Gewinn von 7,5 Mio. Pesos (ca. 300.000 US$). Nun sind Erfolgsmeldungen über besonders produktive Betriebe in den kubanischen Medien nichts neues, dieser Fall scheint allerdings angesichts der aktuellen Reformen im Landwirtschaftssektor etwas besonderes darzustellen, denn die Meldung endet mit der Bemerkung (Hervorhebungen durch Autor):

This entity served as a model for the beginning in Ciego de Avila the ongoing process of renewal and ratification of mandates in the sector, which has 142 agricultural cooperatives.

Bei dieser Kooperative scheint es sich also gewissermaßen um ein Vorbild (zumindest für die Provinz), eine „Blaupause“ zu handeln, um den ineffizienten Sektor der staatlichen Kooperativen zu erneuern. Nachdem bereits letztes Jahr ein neues Gesetz für die nicht-staatlichen UBPCs verabschiedet wurde, kamen im Januar die staatlichen Genossenschaften vom Typ CPA und CCS an die Reihe. Überraschend wurden zunächst über 600 Vorsitzende, knapp 17 Prozent aller Leiter dieser Kooperativen, ausgetauscht. Die CPAs bewirtschaften knapp 10 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Kubas und sind dabei relativ unproduktiv, der Großteil der Produktion wird von Kleinbauern und UBPCs getragen. Im Unterschied zu diesen, sind die CPA-Kooperativen allerdings selbst alleinige Besitzer des Landes. Zugleich sind CPAs auch mit die älteste Form genossenschaftlicher Produktion in Kuba, sie wurden bereits in den 1970er Jahren geschaffen. Nun werden auch sie einer generellen Umstrukturierung unterzogen – doch was macht eine erfolgreiche überhaupt CPA aus? Was ist dieses Modell, an dem sich die Konstrukteure der Reform orientieren konnten?

Zunächst einmal geht aus der Meldung hervor, dass die Arbeiter der Kooperative zusätzlich zu ihren Löhnen Bonuszahlungen erhalten, abhängig von ihrem persönlichen Einsatz und dem Arbeitsergebnis. Von dem Reingewinn wurden knapp 60 Prozent, etwa 4,4 Millionen Pesos (176.000 US$) an die Arbeiter der Kooperative ausgezahlt, wobei einige Arbeiter über ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 25.000 Pesos verfügen. Dies entspricht einem üppigen Monatslohn von 83 CUC – was mehr als ein vierfaches des Durchschnittslohns im ganzen Land ist.
Zur Steigerung der Erträge bediente man sich auch wissenschaftlicher Methoden der Agrarökologie, die Kooperative gehört deshalb auch zu den bedeutendsten lokalen Produzenten von Lebensmitteln und trägt mit der Züchtung von neuen Samen auch zur Importsubstitution bei. Im vergangenen Jahr betrugen die Pro-Hektar Erträge bei den Karfoffeln 25 Tonnen, was dem lokalen Rekord entspricht (Ursprünglich wurde der Betrag in „quintal“, einer alten Einheit, angegebenso dass sich womöglich Ungenauigkeiten bei der Umrechnung ergaben. Theoretisch entsprächen die angegebenen 117.200 quintals pro Hektar nämlich 2,5 Tonnen, was angesichts des kubanischen Durchschnittsertrags bei Kartoffeln von 23,3 Tonnen pro Hektar allerdings keinen Sinn ergeben würde).

Meldungen vom Erfolg der seit über dreißig Jahren bestehenden Kooperative sind nichts neues, bereits 2004 wurde sie als „eine der produktivsten und effizientesten“ in der Provinz bezeichnet. 2010 begann man mit einem Experiment zur Züchtung besonders resistenter und produktiver Kartoffeln und dem Einsatz von Gentechnik. Auch im Jahr 2012 wurden neue Produktionsrekorde beim Gemüse aufgestellt. Diese CPA scheint also ein wenig aufzuzeigen, wo es künftig mit den kubanischen Landwirtschaftsgenossenschaften hingehen soll: Eigenverantwortung, größere Effizienz und Einsatz von Wissenschaft und Technik. Welche Faktoren nun entscheidend waren für den Erfolg der CPA gingen aus der Meldung leider nicht hervor, dass jedoch für kubanische Verhältnisse extrem gute Löhne erzielt werden können, lässt auf den landesweiten Erfolg dieser „Blaupause“ aus Ciego de Ávila hoffen.