Kubas Hauptstadt führt neue Festpreise für Sammeltaxis ein

Boteros de La Habana. Transporte en Cuba. Foto: José Raúl Concepción/Cubadebate

Boteros de La Habana. Transporte en Cuba. Foto: José Raúl Concepción/Cubadebate

Havanna. Die Stadtregierung der kubanischen Hauptstadt Havanna hat neue Festpreise für die rund 5.000 privaten Sammeltaxis bekannt gegeben, die in der zwei Millionen Einwohner-Metropole operieren. Sie stellen einen wichtigen Teil des Transportsystems der Stadt dar. In letzter Zeit verkürzten sie immer häufiger die Routen oder versuchten die Preise zu erhöhen. Aufgrund zurückgehender Öllieferungen aus Venezuela hat sich die Verfügbarkeit von Treibstoff auf der Insel verschärft.

Die neuen Preise wurden in einer offiziellen Mitteilung in den staatlichen Medien veröffentlicht und beziehen sich auf ein Gesetz vom 14. Juli 2016, bei dem bereits erste Preisobergrenzen beschlossen wurden. Mit der neuen Preisliste wurden die Preise noch weiter gesenkt und teilweise um bis zu 50 Prozent reduziert, da jetzt einzelne Haltepunkte genauer abgerechnet werden müssen.

Havannas Sammeltaxis, auch „Maquinas“ oder „Almendrones“ genannt, sind im Zuge der wirtschaftlichen Reformen der vergangenen Jahre als Alternative zum überlasteten staatlichen Busnetz entstanden und werden täglich von über 175.000 Bewohnern der Hauptstadt genutzt. Dort sind derzeit rund 5.000 Fahrzeuge als Sammeltaxis im Einsatz, die meisten davon US-amerikanische Oldtimer. Sie fahren feste Routen innerhalb der Stadt ab und operieren nach dem „Hop on, hop off“-Prinzip. Eine Fahrt kostet in der Regel zwischen fünf und 20 kubanische Pesos, was 20 bis 80 Eurocent entspricht.

Nachdem Präsident Raúl Castro im Sommer vergangenen Jahres Sparmaßnahmen ankündigte, erhöhten die Fahrer oftmals die Preise oder kürzten ihre Routen ab. Aufgrund der Einsparungen kam es zu Rationierungen bei der Benzinausgabe, was den Abgabepreis „unter der Hand“ erhöhte. Viele Sammeltaxifahrer beziehen ihr Benzin illegal auf dem Schwarzmarkt, wo der Preis nur einen Bruchteil der Tankstellenpreise beträgt. Sie argumentieren, dass sie bei den neuen Preisen ohne Zugang zu günstigeren Benzinkontingenten nicht kostendeckend arbeiten könnten. Sie fordern die Einrichtung eines gewerblichen Großmarkts.

In ersten Reaktionen wurden die neuen Preise begrüßt, allerdings mahnten Kommentatoren zur Vorsicht. Preisobergrenzen führten vergangenes Jahr zur zeitweisen Einschränkung des Angebots und es ist fraglich, wie die Einhaltung der neuen Preise kontrolliert werden soll. Havannas Stadtregierung hat inzwischen jedoch eine Beschwerdenummer eingerichtet. Bei Verstößen drohe der Lizenzentzug, heißt es in der aktuellen Pressemittelung.

Am vergangenen Freitag zeigte sich auf Havannas Straßen ein ähnliches Bild wie bei Einführung der letzten Preisobergrenzen im Juli. An den wichtigsten Haltepunkten warten die Menschen auf ein Sammeltaxi, von denen nach Bekanntwerden der neuen Regeln nur wenige zur Arbeit erschienen waren. Einige wollten nur „von Ort zu Ort“ fahren, um so die Preisgrenzen zu umgehen. Eine dauerhafte Lösung scheint weiterhin nicht in Sicht.

von Marcel Kunzmann / Amerika21

Link zur neuen Preisliste: siehe Cubadebate

Havannas Sammeltaxis in der Krise

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An manchen Orten warten Fahrgäste über eine Stunde, um einen Sitzplatz in einem Sammeltaxi zu erhaschen (Quelle: Granma)

Havannas berühmte Kollektiv-Taxis, die meist in Form alter US-Oldtimern durch die wichtigsten Verkehrswege der Stadt fahren, sind in den letzten Wochen immer seltener geworden. Wo früher noch alle paar Minuten ein Sammeltaxi vorbeifuhr, müssen Passagiere heute manchmal über eine Stunde warten. Das alles kommt nur kurz nach Raúl Castros Ankündigung, dass Kuba aufgrund zurückgehender Öllieferungen aus Venezuela sparen muss.

Kollektivtaxis – eine wichtige Ergänzung des Transportsystems

An praktisch jeder wichtigen Hauptstraße Havannas sieht man sie stehen. Winkende, scheinbar wild gestikulierende Kubaner, die gerade dem Fahrer mitteilen wollen, in welche Richtung es gehen soll. Die anhaltenden Autos haben viele Namen: Almendrones (speziell für die alten US-Autos), Maquinas, Taxi-Rutero oder Taxi-Colectivo, um nur einige zu nennen. Fest steht, dass sich jene Fahrzeuge, die man im deutschen am ehesten als Sammeltaxi bezeichnen würde, in den letzten Jahren einen wichtigen Platz im Transportsystem der kubanischen Hauptstadt erobert haben.

Für einen Preis von normalerweise 10 Pesos (ca. 0,40 US$, längere Strecken auch 20 Pesos) rollen die Fahrer auf fixen Routen nach dem „Hop-On, Hop-Off“-Prinzip durch die wichtigsten Korridore der Hauptstadt. Entlang der Strecke können Fahrgäste jederzeit ein- bzw. aussteigen. Normalerweise fahren die Colectivos Tag und Nacht. Selten muss man länger als ein paar Minuten auf eine Mitfahrgelegenheit warten, was dem ganzen etwas von einem offiziellen Transportsystem verleiht.

Dabei arbeiten die Fahrer der Kolektivtaxis auf eigene Rechnung und entrichten ihre Steuern an den Staat. Durch konstante Preise konnten sie sich einen festen Platz als Alternative zum Bussystem etablierten, da die Fahrt mit einer Maquina in der Regel deutlich schneller, flexibler und komfortabler als eine Busfahrt ist. Das hat bis vor kurzem recht gut funktioniert, doch seit einiger Zeit rumort es zwischen Staatsapparat, Taxifahrern und Fahrgästen.

Doppelter Fahrpreis und weniger Autos

Anfang Juli haben einige Taxifahrer damit begonnen, ihre Routen zu verkürzen. Andere verdoppelten den Fahrpreis. Immer mehr Fahrgäste beschwerten sich in der Folge über die nachlassende Qualität und Zuverlässigkeit der markanten Oldtimertaxis. Statt 10 Pesos müssen Kunden nun oft 20 Pesos für die selbe Strecke löhnen, was diese Transportmöglichkeit für viele zu teuer macht.

Der Staat hat reagiert und erließ am 14. Juli eine offizielle Preisliste, die die Obergrenzen für bestimmte Routen definiert. Im wesentlichen wurden die bisher gängigen Preise als Obergrenze angegeben. Gleichzeitig wurden Kontrollen angekündigt.  Die Ernüchterung erfolgte schon bald danach: Die Schlangen an den Haltepunkten werden länger, weil viele Fahrer einer Maquina erst einmal zu Hause bleiben und abwarten wie sich die Lage entwickelt. Die Einrichtung einer offiziellen Beschwerdenummer stößt bei ihnen auf wenig Verständnis. In der Folge verkompliziert sich die Transportsituation in der Hauptstadt immer weiter. Doch was ist hier eigentlich los?

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Fast 5.000 Kollektivtaxis fahren durch die Straßen Havannas, die meisten von ihnen in Form von US-Oldtimern (Quelle: Granma)

Die Parteizeitung „Granma“ widmet dem Thema nun einige Wochen später eine ausführliche Reportage. Maribel Poulot Bravo von der Transportdirektion der Hauptstadt zeigt wenig Verständnis für die Preiserhöhungen der Taxifahrer. Weder seien die Steuern noch die Abgabepreise für Treibstoff an den Tankstellen erhöht worden, erklärte die Funktionärin gegenüber der Zeitung. Inzwischen seien bei der Polizei über 154 Anzeigen wegen ungesetzlichem Verhalten der Fahrer eingegangen, 44 Lizenzen wurden entzogen.

In einem ersten Schritt wurden die 4.960 Fahrer der Hauptstadt über die neuen Preisobergrenzen informiert. Mittels investigativer Kontrollen in zivil, bei denen sich der Kontrolleur als Fahrgast ausgibt, wurden dutzende von Fällen aufgedeckt in denen der Fahrer entweder zu viel Geld verlangte oder auf andere Weise ungesetzlich handelte. Faktoren wie der Erwerb von Kraftstoff und die Einhaltung der maximalen Arbeitszeiten sind verstärkt in den Fokus der Behörden gerückt.

Legale Lösungen in Sicht?

Der Treibstofferwerb ist der entscheidende Punkt. Gegenüber Granma erklärten zahlreiche Taxifahrer, dass sich ihr Geschäft nicht lohnen würde, wenn sie das Benzin zu offiziellen Preisen an der Tankstelle kaufen würden. Stattdessen erstehen sie den Treibstoff bereits seit Jahren auf dem Schwarzmarkt, wo er weniger als die Hälfte kostet. Der Schwarzmarkt speist sich vor allem aus abgezwackten staatlichen Diesel- und Benzinzuteilungen für Dienstfahrzeuge. Diese wurden jedoch im Rahmen der laufenden Sparmaßnahmen gekürzt. Die Knappheit ließ offenbar den Schwarzmarktpreis steigen, was nun an die Kunden weitergegeben wird.

Die bisherige Methode einer verstärkten Kontrolle hat dabei nur mäßige Ergebnisse gebracht und zum Rückgang beim Angebot geführt. Nur die wenigsten Fahrer schaffen es offenbar, unter legalen Bedingungen profitabel zu arbeiten oder können sich das Risiko leisten, weiterhin über den Schwarzmarkt zu tanken.

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Ein russischer Kleinbus der Marke GAZ gilt als möglicher Kandidat für die Zukunft der Sammeltaxis in Havanna (Quelle: Cubadebate)

In der Verwaltung hat man dies mittlerweile erkannt und arbeitet an einer längerfristig orientierten „Neuordnung“ des privaten Taxiverkehrs in Havanna. Bereits seit längerer Zeit zirkulieren Gerüchte, dass die alten US-Oldtimer ausrangiert und durch chinesische Autos und russische Kleinbusse ersetzt werden sollen, die auf Vertragsbasis mit dem Staat arbeiten. Ein in Frage kommendes Fahrzeugmodell wurde bereits im Juni vorgestellt. Auch die Einführung von Großmarktpreisen an den Tankstellen ist im Gespräch, so dass die Taxifahrer dort zu moderateren Preisen legal tanken könnten.

Inwiefern neue Vertragsmodelle mit günstigerem Steuersatz und vergünstigtem Benzin eine mittelfristige Lösung darstellen können, bleibt offen. Fakt ist, dass der Staat den Taxifahrern eine Alternative zum Schwarzmarkt anbieten muss, wenn er die Preise für die Passagiere konstant halten will. Dabei ist schnelles handeln gefragt, denn die Transportsituation war bereits vor dem Rückgang der Taxis kritisch. Täglich nutzen über 175.000 Personen in Havanna die Colectivo-Taxis.


Preisliste vom 14. Juli 2016 (PDF)

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Kuba reorganisiert staatliches Taxiunternehmen

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„Cubataxi“ in Havanna.

Seit heute können Selbstständige in Kuba unter Vertrag der staatlichen Taxifirma „Cubataxi“ arbeiten. Das Unternehmen wird derzeit in ganz Kuba einer Umstrukturierung unterzogen. Das neue Gesetz wurde im ersten Amtsblatt des neuen Jahres verkündet. Cubataxi ist die größte staatliche Taxigesellschaft des Landes und bietet hochwertigen Service in Peso Convertible vor allem für Touristen an, betreibt aber auch günstigere Taxis in nationaler Währung. Die neuen Regelungen basieren auf Erfahrungen eines erfolgreichen Pilotprojekts, das 2010 in Havanna begann und schrittweise auf drei weitere der landesweit 20 Filialen ausgeweitet wurde. Nun soll das Modell im ganzen Land Schule machen, womit ebenfalls die Erneuerung von 60 Prozent des Fuhrparks der Firma einhergeht.

Die neuen Regelungen sehen vor, dass Taxifahrer, die gegen CUC arbeiten, ab sofort nicht mehr direkt von Cubataxi ihren Lohn erhalten, sondern die Fahrzeuge von der Firma mieten  um dann auf eigene Rechnung mit ihnen zu arbeiten zu können. Dies ist die Konsequenz aus den Problemen des bisherigen Modells: Korruption und Betrug, Wucherpreise für Kunden sowie schlechter Service. Nicht selten kam es vor, dass der Fahrer eines CUP-Taxis sich weigerte, die Landeswährung als Zahlungsmittel zu akzeptieren und stattdessen einen höheren Betrag in konvertiblen Pesos verlangte, um das Geld in die eigene Tasche zu stecken. Veruntreuung von Benzin und Ersatzteilen stellt ebenfalls ein Problem dar. Zwar gilt das neue Gesetz nur für Taxifahrer die in konvertiblen Pesos arbeiten, allerdings dürfte die stärkere Trennung der Korruption vorbeugen. Zudem dürfen nicht nur private Taxifahrer, sondern auch Mechaniker, Glaser, Reinigungskräfte, Elektriker sowie neun weitere Berufsgruppen von Cubataxi unter Vertrag genommen werden. Die Cuentapropistas haben die Möglichkeit, für monatlich 17 bis 20 Peso pro Quadratmeter Geschäftsflächen in den Niederlassungen der Firma mieten.

Die privaten Taxifahrer dürfen im Rahmen ihres Vertrags mit Cubataxi auch für andere touristische Dienstleister arbeiten. Beispielsweise können Reiseveranstalter jetzt ein unter privater Lizenz arbeitendes Taxi direkt von der Firma buchen. Auch dürfen künftige Taxifahrer mit dem eigenen Auto bei Cubataxi anheuern, insofern dieses die technischen Mindeststandards erfüllt. Für die verbliebenen staatlichen Beschäftigten (deren Verhältnis 1:10 zu den Taxifahrern betragen soll), gilt ein neues Lohnmodell: der Basislohn variiert zwischen 400 Peso für einen Mechaniker und 700 Peso für den Manager. Ab einer Planerfüllung von 70 Prozent wird schrittweise eine großzügige Prämie ausbezahlt, so dass am Ende des Monats  ein Lohn von bis zu 3700 Peso (148 CUC) das Ergebnis sein kann. Die Preise für das Mieten eines Taxis variieren zwischen 5 und 23 CUC pro Tag, je nach Alter des Fahrzeugs und Nachfrage. Benzin wird nur noch durch eine personalisierte Chipkarte ausgegeben, um Missbrauch vorzubeugen. Außerdem bietet Cubataxi allen Fahrern Reparaturdienstleistungen und Ersatzteile an, diese werden mit 10-prozentigem Aufschlag gegenüber dem Einkaufspreis abgegeben.

Mit den neuen Regelungen müssen die Fahrer jetzt mit ihrem eigenen Geld für Betankung und Wartung der Fahrzeuge sorgen, haben aber gleichzeitig die Möglichkeit, durch guten Service auf ihr Einkommen direkt Einfluss zu nehmen. Von dieser Umstrukturierung sind immerhin einige tausend Werktätige betroffen. Kuba könnte damit bald ein landesweit effizient organisiertes staatliches Taxisystem erhalten, zudem wird für Beschäftigung gesorgt: Wer ein Auto sein eigen nennt, kann potentiell bei Cubataxi unter Vertrag gehen. Das dürfte für viele einfacher sein, als sich unter kompletter Eigenregie selbstständig zu machen. In den Pilotprojekten konnten die Einnahmen pro Taxi so um den Faktor 30 gesteigert werden. Auch ist in dem Gesetz eine Kontinuität zu bisherigen Reformen zu erkennen: bereits die staatliche Telekommunikationsfirma ETECSA nimmt seit einiger Zeit Selbstständige unter Vertrag und  die Verpachtung von staatlichen Friseursalons an Cuentapropistas fällt ebenfalls in diese Kategorie. Offensichtlich scheint das Modell auch in anderen Sektoren zu funktionieren. Bis zum Ende des Jahres soll die Implementierung der Reform bei Cubataxi vollständig abgeschlossen sein.