Kuba führt neue 5-Peso-Münzen ein

Kubas erste bimetallische Peso-Münze mit Antonio Maceo (Quelle: Trabajadores)

Seit Montag dem 3. Juli zirkuliert auf Kuba eine neue Münze, die den Zahlungsverkehr für kleinere Beträge vereinfachen soll. Sie macht dem 5-Peso-Schein (CUP) Konkurrenz, der seine Gültigkeit behält und weiterhin in Umlauf bleibt. Bis zum Ende des Monats sollen alle Banken des Landes über die neue Münze verfügen, welche mit dem Konterfei des Generals der Unabhängigkeitskriege, Antonio Maceo, versehen ist.

„In der internationalen Erfahrung ist es üblich, für kleinere Denominationen sowohl Scheine als auch Münzen in Zirkulation zu haben“, sagte Juan Luis Gamboa Santana, der Direkter des Tresors der kubanischen Zentralbank (BCC), über die Einführung des neuen Geldstücks. Münzgeld sei unter tropischen Bedingungen einfach haltbarer als Scheine, erklärte der Funktionär gegenüber der Zeitung „Trabajadores„. Die Münzprägung lohne sich vor allem bei kleineren Beträgen, da dort die Leute weniger achtsam mit den Scheinen umgehen.

Die neue Münze ist die erste bimetallische Münze des kubanischen Pesos und hat damit eine gewisse Ähnlichkeit mit den Euro-Münzen. Sie hat einen Durchmesser von 24,7 Millimeter und kommt derzeit mit dem Prägejahr 2016 sowie der Aufschrift „Patria o muerte“ (Vaterland oder Tod) daher, dem offiziellen kubanischen Wahlspruch. Zuletzt wurden in den Jahren 1915 bis 1916 Münzen im Wert von fünf Pesos geprägt, während im Jahr 2004 die erste Münze mit fünf konvertiblen Pesos in Zirkulation kam. Die neue 5-Peso-Münze soll vor allem auf Bauernmärkten, in der Gastronomie sowie im Transportsektor die Zahlungen vereinfachen.

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Wie viel verdienen die Kubaner wirklich? – Auf den Spuren des Realeinkommens der sozialistischen Insel

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Kubas Währungen: Links der Peso Convertible (CUC), rechts der kubanische Peso (CUP) (Quelle: Cartasdesdecuba)

Kuba ist in aller Munde. Immer mehr Besucher strömen auf die sozialistische Insel um sich selbst ein Bild von der Realität vor Ort zu machen. Dabei treffen sie in der komplexen kubanischen Wirklichkeit schnell auf scheinbar einfache Widersprüche, die schwierige Fragen aufwerfen. Regelmäßig stößt man in den Medien beispielsweise auf Berichte, in denen der kubanische Durchschnittslohn auf 20 bis 30 US$ pro Monat beziffert wird. Eine bestürzend niedrige Zahl, denkt sich der Leser und wird sich unweigerlich fragen: Wie soll jemand davon leben können? Schaut man jedoch auf die Markenklamotten der jungen Leute am Malecón und die zahlreichen Smartphones auf der Insel, fragt man sich, wie diese Realitäten zusammen gehen sollen. Zwei aktuelle Studien legen nahe, dass es beim Thema der Löhne in Kuba anders bestellt ist, als gemeinhin vermutet.

Am Anfang war die Subvention

Um dem Rätsel auf die Spur zu kommen hilft es, sich als erstes die grundlegenden Besonderheiten des kubanischen Systems vor Augen zu führen. In Kuba existieren zwei Währungen. Der kubanische Peso (CUP) und der konvertible Peso (CUC). Während der CUC 1:1 an den US-Dollar geknüpft ist, entsprechen 24 CUP einem CUC bzw. US-Dollar. Auch wenn beide Währungen untereinander umtauschbar sind werden Löhne in Kuba grundsätzlich in Pesos (CUP) ausbezahlt. Der nominelle monatliche Durchschnittslohn im Staatssektor lag Ende 2015 bei 687 Pesos, was nach offiziellem Wechselkurs etwa 29 US$ (oder 26 €) entspricht und nach extrem wenig klingt.

Dem gegenüber steht jedoch ein umfassendes Subventionsnetz, dessen Kern auch die harten Zeiten der Sonderperiode in den 1990er Jahren überdauert hat. Mit dem Wegfall des sozialistischen Lagers in Osteuropa verlor Kuba damals seine Haupthandelspartner und stürzte in eine mehrjährige Wirtschaftskrise in deren Folge auch die Kaufkraft der Löhne rapide zusammensackte. Von monatlich einst 190 US$ im Jahr 1989 stürzte der Reallohn auf unter 20 US$ im Jahr 1993. Der inflationsangepasste Reallohn erholt sich seitdem allerdings wieder kontinuierlich.

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Inflationsangepasste Reallöhne (US$) nach Pavel Vidal (Quelle: The Cuban Economy)

Durch die Legalisierung des US-Dollars, der 2004 durch den konvertiblen Peso ersetzt wurde, konnte der Staat Devisen abschöpfen um seine Sozialausgaben zu konsolidieren. Gleichzeitig entstand Überbeschäftigung, die Lohnsteigerungen verlangsamte. Um ein grundlegendes Lebensniveau garantieren zu können, verwendet die Zentralregierung heute noch immer jedes Jahr mehr als die Hälfte ihres Haushalts für Subventionen sowie den Erhalt der Sozialsysteme, weshalb diese zumindest einen Teil der Antwort liefern. Die wichtigsten Eckpfeiler sollen deshalb im folgenden erläutert werden (Als Referenzwährung wird der US-Dollar verwandt, 24 Pesos entsprechen 1 US$ = 1 CUC, im folgenden werden die CUC-Preise in US$ angegeben).

  • Unterkunft: Etwa 95 Prozent der Kubaner sind Eigentümer ihrer Wohnung bzw. ihres Hauses. Im Laufe der 1970er Jahre ermöglichte der Staat den Erwerb der eigenen vier Wände zu überaus günstigen Konditionen. Die wenigen Kubaner, die heute noch zur Miete wohnen, zahlen sehr niedrige Raten die unter 10% ihres Einkommens liegen.
  • Die meisten Basisdienstleistungen die bei uns teuer bezahlt werden müssen, sind in Kuba stark subventioniert. Viele Kubaner reagieren beispielsweise überrascht wenn man ihnen berichtet, dass in Europa die Müllentsorgung bezahlt werden muss. Auch andere Leistungen sind im karibischen Sozialismus staatlich garantiert. So beträgt der Strompreis für den Grundbedarf 0,09 Pesos (0,004 US$) pro kWh (ab 3.600 kWh pro Jahr werden 0,2 Pesos pro kWh fällig). Die ersten 15 Kubikmeter Wasser kosten monatlich 0,25 Pesos pro Kubikmeter, die folgenden 10 werden mit 0,50 Pesos veranschlagt. Ein 20-Pfund Gaszylinder, der einem 3-köpfigen Haushalt für ca. einen Monat zum Kochen reicht, kostet 7 Pesos (0,29 US$). Ein Festnetzgespräch kostet 0,05 Pesos á 3 Minuten. Die Ausgaben einer 3-köpfigen kubanischen Familie für Strom, Wasser, Gas und Telefon wurden zuletzt für das Jahr 2011 auf 40 Pesos pro Monat (1,64 US$) veranschlagt. Lediglich wenn Vielverbraucher wie Klimaanlagen im Haus sind, steigt der Strompreis signifikant. Nach offiziellen Angaben decken die derzeitigen Stromtarife nur etwa 20 Prozent der Kosten.
  • Die meisten Kubaner (alle, die beim Staat beschäftigt sind) zahlen keine Einkommenssteuer oder andere direkten steuerlichen Abgaben. Sozialversicherungsbeiträge wie bei uns existieren in Kuba nur für Beschäftigte des Privatsektors. Renten und Invalidenschutz werden vom Staat ohne Lohnabzug übernommen. (Update vom Juli 2019: Seit 1. Juli zahlen auch alle der 1,6 Mio. direkt beim Staat Beschäftigten eine Einkommenssteuer in Höhe von 2,5 bis 5 Prozent ihres Gehalts).
  • Sozialsysteme: Bildung und Gesundheit sind in Kuba grundsätzlich kostenlos, viele Medikamente sind subventioniert. Ein Blister Schmerztabletten (Dipirona) kostet bspw. 1 CUP (0,04 US$) in den Apotheken. Trotz der Probleme und Mangelerscheinungen in diesem Sektor ist eine kostenfreie Versorgung gewährleistet, die auch teure Operationen mit einschließt. In vielen Einrichtungen wie Universitäten, Altenheimen, etc. wird stark subventioniertes Kantinenessen angeboten, das umgerechnet wenige US-Cent kostet und in einigen Einrichtungen (v.a. Universitäten) auch frei ausgegeben wird. Schulmaterialien und Uniformen werden ebenfalls subventioniert bis kostenlos abgegeben.
  • Transport: Das staatliche Transportwesen ist in Kuba ebenfalls stark subventioniert. Eine Busfahrt kostet in der Regel 0,40 Pesos (0,01 US$), für Studenten die Hälfte. Ein Inlandsflug von Havanna nach Santiago (900 km) kostet für Kubaner etwa 10 US$, etwas billiger bepreist sind Bus und Bahn (150 Pesos oder 6,25 US$). Reisen in nahegelegene Städte kosten in der Regel weniger als 2 US$.
  • Kultur und Freizeit: Die Eintrittspreise für Museen und Konzerte sind für Kubaner überaus erschwinglich. Ein Kinobesuch kostet beispielsweise 2 Pesos (0,08 US$), viele Museen verlangen einen Peso Eintritt. Höherwertige Kulturangebote wie Ballettvorstellungen oder große Konzerte kosten geringfügig mehr. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Kulturhäuser und Kunstgalerien, die grundsätzlich jedem offenstehen. Auch Druckerzeugnisse sind stark subventioniert. So kosten die Tageszeitungen offiziell 0,20 Pesos (auch wenn in größeren Städten meist 1 Peso verlangt wird) und viele Bücher wandern für 10 bis 20 Pesos über den Ladentisch. Übernachtungen auf einem Campingplatz kosten pro Nacht nicht mehr als 20 Pesos für drei Person inklusive Mittagessen. Das Eis in den landesweiten „Coppelia“-Eisdielen kostet in der Regel 1 Peso pro Kugel, eine Schachtel filterlose Zigaretten 8 Pesos.

An dieser Stelle muss allerdings erwähnt werden, dass viele der subventionierten Produkte und Dienstleistungen in Folge der Sonderperiode deutlich an Qualität eingebüßt haben. So mangelt es an Wohnraum für junge Familien, die staatlichen Restaurants sind zwar erschwinglich aber bieten begrenzte Auswahl und auch im Gesundheitswesen kommt es des öfteren zu Wartezeiten, die mit „Geschenken“ an den Arzt abgekürzt werden.

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Eine Bodega, in der die Libreta-Rationen, Grundnahrungsmittel und einige Gegenstände des täglichen Bedarfs verkauft werden (Quelle: LastStands)

Das Kernstück der Subventionen besteht allerdings in der 1961 eingeführten Lebensmittelkarte, der Libreta, welche die Grundversorgung mit Lebensmitteln sicherstellen soll und die jedem Kubaner im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt wird. Sie beinhaltet derzeit für eine erwachsene Person folgende monatliche Ration:

  • 2,2kg Reis
  • 250ml Speiseöl
  • 5 Eier
  • 1 Brötchen pro Tag
  • 800g Fleisch (meistens Hähnchen)
  • 1,3kg weißen Zucker
  • 450g braunen Zucker
  • 230g Bohnen
  • 115g Kaffee
  • 1kg Salz alle drei Monate
  • 1 Schachtel Streichhölzer
  • (Milchpulver und Sojajoghurt für Kinder unter 7 Jahren, Rentner und Kranke erhalten ebenso Sonderrationen)

Die Rationen können je nach Verfügbarkeit variieren, halten aber in etwa ihren Kaloriengehalt. Einigkeit besteht darüber, dass trotz Libreta und all der oben genannten Subventionen die staatlichen Löhne und Renten „weiterhin unzureichend sind um die basalen Bedürfnisse der kubanischen Familien zu befriedigen“ (Raúl Castro auf dem VII. Parteitag im April 2016). Während über die Libreta einst ein großer Teil des Grundbedarfs samt Konsumwünschen wie Kinderspielzeug gedeckt wurde, reicht sie heute in den meisten Fällen nur für die ersten 10 bis 15 Tage des Monats, danach muss auf den Bauernmärkten bzw. im Devisenladen nachgekauft werden – und hier gestaltet sich die Situation komplizierter.

Billiger Reis und teures Internet

Elementare Dinge wie Reis und Bohnen gibt es in der Bodega, wo auch die Libreta-Rationen für den symbolischen Preis von etwa 10 Pesos (0,40 US$) erworben werden. Darüber hinaus können dort auch billige Lebensmittel nachgekauft werden. Ein Pfund Reis kostet in der Bodega etwa 4 Pesos, Erbsen und Bohnen sind ab 3 Pesos pro Pfund erhältlich und ein Brötchen kostet 1 Peso. Verhungern muss in Kuba also niemand. Früchte und Gemüse auf den Bauernmärkten sind jedoch deutlich teurer. Ein Pfund Tomaten kostet beispielsweise bis zu 30 Pesos (1,25 US$), genauso viel kostet das Pfund Schweinefleisch im freien Verkauf.

Viele Dinge sind zudem nur in den Devisenläden erhältlich, die trotz jüngster Preissenkungen auch im internationalen Vergleich teuer sind. Ein Liter Sojaöl kostet beispielsweise 1,95 US$ während ein 50g-Stück Seife mit 0,70 US$ zu Buche schlägt. Dosenbier und andere Erfrischungsgetränke kosten 1 US$, 500g Milchpulver 2,65 US$. „Luxusprodukte“ wie z.B. Pesto oder Elektronikartikel sind unregelmäßig erhältlich und dann entsprechend hoch bepreist. Für ein Mittagessen in einer privaten Cafeteria werden 1-3 US$ fällig, ein Glas Fruchtsaft kann dort bis zu 5 Pesos, also 0,20 US$ kosten. Eine abwechslungsreiche Ernährung zu gestalten ist bei niedrigem Einkommen in Kuba schwierig. Auch Internet (1 US$ pro Stunde) sowie Mobiltelefonie (0,35 US$ pro Minute) sind überdurchschnittlich teuer. Beim Transport verhält es sich ähnlich: Wer es eilig hat oder sich nicht in einen überfüllten Bus quetschen will, zahlt in Havanna 0,40 US$ für die Fahrt mit dem Sammeltaxi.

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Devisenladen in Centro Habana im Jahr 2009. Das Angebot in den staatlichen Supermärkten und Kiosken variiert je nach Konjunktur der Importkapazitäten des Landes (Quelle: Commons)

Wie lebt also der Durchschnittskubaner unter diesen Bedingungen? An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass der der Familienverband auf Kuba auch ökonomisch eine wesentlich größere Rolle spielt als bei uns, weshalb sich oftmals mehrere Lohn- und Pensionseinkommen addieren. Eine jüngst in dem Sammelband „Retos para la equidad social“ (siehe Quellen) veröffentlichte Studie, versucht die Ausgaben eines typischen Haushalts im Jahr 2011 zu berechnen. In diesem Leben laut Zensus meist 3 Personen, die monatlichen Einnahmen liegen gemäß dem damaligen Durchschnittslohn bei 2 erwachsenen Verdienern und einem Kind bei 910 Pesos (38 US$). Um über die Libreta-Rationen hinaus Lebensmittel für eine empfohlene Energiezufuhr von 2.400 kcal pro Tag und Person zu gewährleisten, muss die Familie 404 Pesos (16,8 US$), also 54 Prozent des Familieneinkommens, für Lebensmittel ausgeben. Der Rest wird im wesentlichen für Produkte des täglichen Bedarfs wie Kleidung und Hygieneartikel aufgebraucht.

Viel Platz für Reserven oder Investitionen bleibt hier nicht. In anderen Konstellationen (ein Versorger und zwei Rentner oder Kinder) würde die knapp kalkulierte Rechnung ohnehin nicht aufgehen. Nun beträgt die durchschnittliche Kalorienzufuhr in Kuba allerdings nicht 2.400 sondern 3.285 kcal pro Person und Tag. Bei einem Monatslohn von 29 US$ ist das rein rechnerisch fast unmöglich, außer man ernährt sich von Unmengen Reis und Zucker. Dabei sehen die Kubaner doch eigentlich recht wohlgenährt aus und es bleibt die Frage: woher kommen all die Smartphones, die man fast überall auf den Straßen sieht? Irgendetwas scheint an dieser Zahl nicht zu stimmen…

Lohn und Einkommen, zwei Seiten einer Medaille

Wenn wir vom staatlichen Durchschnittslohn sprechen, dann muss zunächst geklärt werden, für wen dieser eigentlich gilt. Von den 4,9 Millionen kubanischen Berufstätigen arbeiten derzeit 70 Prozent für den Staat. Nur auf sie trifft der Durchschnittslohn zu, der zwischen 435 Pesos (18 US$) im Gastronomiebereich und 1.147 Pesos (48 US$) in der Zuckerindustrie variiert und zudem auch von Provinz zu Provinz schwankt. Die 893.000 Genossenschafts- und Kleinbauern sowie die rund 500.000 privaten Kleingewerbetreibenden werden in der Lohnstatistik nicht erfasst. Insbesondere die letztgenannte Gruppe kann jedoch mit deutlich höheren Löhnen aufwarten.

Auch Bonuszahlungen in konvertiblen Pesos (1 CUC = 1 US$), sind nicht in der Statistik eingerechnet. Arbeiter im Tourismus- und Bankensektor sowie Mitarbeiter von Joint-Ventures mit ausländischen Unternehmen erhalten oftmals den größten Teil ihres Gehalts in CUC ausbezahlt. Viele von ihnen erhalten zudem Trinkgelder, die den staatlichen Lohn um ein vielfaches übertreffen können. Diese sind in der Rechnung naturgemäß auch nicht einbezogen.

Doch können diese Fakten allein schon die robuste Kaufkraft erklären, die man in den vollgedrängten Devisenläden Havannas manchmal erleben kann? Immerhin nahmen die Umsätze im Einzelhandel nach den letzten Preissenkungen um 50 Prozent zu. Einen wichtigen Anhaltspunkt liefern die Berechnungen des ehemaligen kubanischen Wirtschaftsministers Dr. José Luis Rodríguez. Dem Ökonom zu Folge macht der staatlich ausbezahlte Lohn im Schnitt nur 46,8 Prozent des persönlichen Einkommens eines Kubaner aus. Lohn und Einkommen sind also in Kuba zwei Paar Stiefel, auch wenn es für uns zunächst komisch klingen mag. Liegt der reale Durchschnittslohn also in Wirklichkeit nicht bei 29 sondern 44 US$ pro Monat? Doch so einfach ist es auch wieder nicht.

Kubas neue Mittelschicht

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Grafik 1: Einkommensgruppen in Kuba nach Boston-Studie (Quelle: BCG.com)

Einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts „Boston Consulting Group“ zu Folge, bei der das Konsumverhalten der Kubaner untersucht werden sollte, liegt die kubanische Kaufkraft gut 25 Prozent über den offiziellen Angaben. Etwa 50 Prozent der befragten Kubaner gaben an, über ein jährliches Haushaltseinkommen von 300 bis 400 US$ zu verfügen, 64 Prozent von ihnen beziehen dies allein durch den staatlichen Lohn (siehe Grafik 1). Knapp ein Drittel der interviewten bezifferten ihren Jahreslohn auf 600 bis 700 US$, was einem monatliche Einkommen von über 50 US$ entspricht. 20 Prozent der Befragten verfügen über ein Haushaltseinkommen von 1.800 bis 2.000 US$ im Jahr, also gut 160 US$ pro Monat.

Laut den Daten von Boston Consulting geben kubanische Haushalte durchschnittlich 52 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel, Kleidung und Produkte des täglichen Bedarfs aus. Ein international hoher Satz wie die Vergleichsbeispiele Vietnam (40 Prozent), Chile (29 Prozent) und USA (12 Prozent) zeigen. Dafür sind die Ausgaben für Bildung und Gesundheit mit 3 Prozent des Haushaltseinkommens besonders niedrig. US-amerikanische Familien benötigen für diesen Posten fast ein Viertel ihrer Mittel. Trotz der interessanten Zahlen ist die Studie jedoch mit einer gewissen Vorsicht zu werten, da lediglich 326 Personen befragt wurden, die ausschließlich aus dem urbanen Raum von Havanna und Santiago stammen.

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Grafik 2: Monatliches kubanisches Einkommen (US$) nach der Studie von Rose-Marketing (Quelle: Valuewalk)

Eine weitere, etwas repräsentativere Studie wurde am 1. Juli vom russisch-amerikanischen Marktforschungsinstitut „Rose Marketing“ veröffentlicht. Sie liefert noch erstaunlichere Ergebnisse. Demnach verfügen 54 Prozent der Befragten über ein Einkommen, das zwischen 50 und 200 US$ im Monat liegt. Lediglich 26,6 Prozent verfügen monatlich über weniger als 50 US$, während 11,8 Prozent über ein Einkommen zwischen 200 und 500 US$ verfügen. Die Rose-Studie zeigt auch, wie empfindlich sich die Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren geöffnet hat. 1,1 Prozent der Befragten gaben an, zwischen 1.000 und 2.000 US$ zu verdienen während 0,4 Prozent von über 2.000 US$ pro Monat leben. 62 Prozent der Befragten berichten, dass ihr Einkommen in den letzten 6-12 Monaten gestiegen sei. Tatsächlich haben die staatlichen Löhne seit 2013 um 45 Prozent angezogen. 70 Prozent der Teilnehmer erwarten nun auch, dass ihr Einkommen in den nächsten 6-12 Monaten weiter steigt. Befragt nach den in nächster Zeit geplanten Anschaffungen wurden Hausverbesserungen mit 16 Prozent am häufigsten genannt, dicht gefolgt von Parfüm (15 Prozent), Kleidung (13 Prozent) und Flugtickets (12 Prozent). Immer mehr Kubaner leisten sich darüber hinaus einen Urlaub im eigenen Land. 2015 zählte Kuba bereits 1,3 Millionen heimische Touristen, die Zuwachsraten liegen jährlich im zweistelligen Bereich.

Kuba scheint heute über eine zunehmend konsumfreudige und zahlungskräftige Mittelschicht zu verfügen. Dafür spricht auch, dass die ehemals für Touristen geplanten Devisenläden mittlerweile trotz der hohen Preise zur normalen Einkaufsstätte für Kubaner geworden sind. Oft wird berichtet, dass nur wer über CUC verfügt in diesen Läden einkaufen kann. Tatsächlich kann man mittlerweile in Kuba an den meisten Orten mit beiden Währungen bezahlen, die zudem seit jeher in den staatlichen Wechselstuben frei umgetauscht werden können. Auch Touristen können so Zugang zu kubanischen Pesos erhalten und damit von einem Teil der staatlichen Subventionen Gebrauch machen. Die wachsende Kaufkraft zeigt sich ebenso beim Internet. Entgegen landläufiger Berichterstattung, wonach das Internet „unerschwinglich“ für Kubaner sei, gaben 77 Prozent der Befragten an, wenigstens ab und zu Zugang zum weltweiten Netz zu haben. 66 Prozent nutzen dafür die inselweiten WiFi-Hotspots, die 2 US$ pro Stunde kosten. Für die Umfrage wurden zwischen Mai und Juni 2016 gut 1.000 Kubaner aus sechs verschiedenen Provinzen befragt, der Konfidenzintervall beträgt 95 Prozent, die Fehlergrenze liegt bei 3 Prozent.

Woher stammt das Geld?

Wenn die staatlichen Löhne nur einen gewissen Teil der Einkommenssumme ausmachen, bleibt die Frage, woraus sich der Rest zusammensetzt. Es sei an dieser Stelle zunächst noch einmal daran erinnert, dass der offizielle Durchschnittslohn von 29 US$ keine Trinkgelder und Bonuszahlungen mit einbezieht und nur für Staatsbedienstete gilt. Auch diese verfügen jedoch meist über eine oder mehrere zusätzliche Einkommensquellen. Der häufigste kubanische Nebenerwerb sind heute die Geldüberweisungen von Familien aus dem Ausland welche in den letzten Jahren rapide zugenommen haben, nicht zuletzt aufgrund der Lockerungen in den Beschränkungen Seitens der USA. 2015 wurde das Limit von 2.000 auf 8.000 US$ pro Jahr und Person angehoben, die Gesamtsumme ist seit 2008 von damals 1,45 auf heute 3,35 Mrd. US$ pro Jahr angestiegen.

Davon profitieren konservativen Schätzungen zu Folge etwa 20 Prozent der Kubaner, in Havanna dürften es bis zu 40 Prozent der Bevölkerung sein. Hellhäutige Kubaner erhalten zudem deutlich häufiger Geld aus dem Ausland als schwarze, da deren Familien nach der Revolution tendenziell eher geblieben sind. Dies lässt eine ethnisch differenzierte Ungleichheit entstehen, die sich auch beim Einkommen in den Jobs des Privatsektors widerspiegelt. Vom wohlhabendsten Fünftel der Kubaner leben laut der Boston-Studie nur noch zwei Prozent allein vom staatlichen Lohn, bei den meisten ist es eine Mischform aus mehreren Einkommensarten. 45 Prozent von ihnen gaben an, ihr Einkommen ausschließlich durch Auslandsüberweisungen und privater Geschäftstätigkeit zu bestreiten.

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Geldsendungen aus dem Ausland werden oft über Western Union abgewickelt (Quelle: diariolasamericas)

Denn auch das private Kleingewerbe hat zugenommen. Mit dem Geld der US-Verwandtschaft wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Geschäftsgründungen finanziert. Privat geführte Bars, Nachtklubs, Handy-Kliniken und Copyshops schossen wie Pilze aus dem Boden. Vom kleinen Friseursalon bis zur professionellen Vermietung an Touristen gibt es mittlerweile über 200 Berufe, in denen auf Basis von Angebot und Nachfrage gearbeitet wird. Im Privatsektor sind die Löhne in der Regel deutlich höher als beim Staat. Während eine Putzfrau in einer Privatpension bis zu 60 US$ pro Monat verdienen kann, gehen die Einkünfte für den Inhaber oft in den mittleren dreistelligen Bereich. Viele behalten darüber hinaus ihren Zweitjob beim Staat. Die Lage ist komplex, nicht nur in der Stadt. Auch private Landwirte können unter guten Bedingungen ein Monatseinkommen von mehreren hundert US-Dollar erzielen, erscheinen jedoch ebenso wenig in der Statistik wie der illegal arbeitende Dorftaxifahrer, der mit geklautem Diesel seine Kosten senkt und an die 500 US$ im Monat durch Überlandfahrten verdient – damit kann er neben seiner Familie auch Eltern und Schwiegereltern durchfüttern, die laut Statistik eigentlich von 200 Pesos Staatsrente leben.

Neben den legalen Tätigkeiten gibt es auch den Schwarzmarkt, der bereits lange vor der Revolution in Form von Schmuggel eine geläufige Einkommensquelle in Kuba war. In jüngster Zeit haben sich hier allerhand neue Möglichkeiten aufgetan, wie sich anhand der illegalen Weiterverkäufer (sog. „revendedores“) von Internetkarten zeigt. Mit Knappheit von bestimmten Produkten zu spekulieren, sie zu horten und teurer weiter zu verkaufen, ist ein gängiges Phänomen in Lateinamerika und auch in Kuba nicht unbekannt. Darüber hinaus wird auch der Staat bestohlen. Mit der Steuererklärung, die wie gesagt nur für den Privatsektor gilt, nehmen es einige nicht so genau. Schwarzarbeit ist auf Kuba weit verbreitet. Immer wieder tauchen in den kubanischen Medien zudem Berichte über Korruptionsfälle auf. Sie reichen vom systematischen Diebstahl von Lebensmitteln, Fabrikinventar und Baumaterial bis hin zum krassen Buchungsbetrug über mehrere Jahre hinweg. Oftmals sind größere Personengruppen daran beteiligt. Die volkswirtschaftlichen Schäden werden vom kubanischen Rechnungshof im dreistelligen Millionenbereich verortet.

Was sagt das alles nun über die realen Einkommen aus?

Wie hoch der kubanische Durchschnittslohn nun wirklich ist, lässt sich schwer bemessen. Zu ungenau sind die bisher ermittelten Daten. Unzweifelhaft gibt es eine soziale Gruppe auf Kuba, die ihren Lebensunterhalt mit weniger als 29 US$ bestreiten muss. Bei nur einem Verdienst kann sich ein solcher Haushalt dann trotz staatlicher Unterstützung nur mit Mühe über Wasser halten. Wenn keine intakten Familienstrukturen vorhanden sind, kann dies vor allem bei älteren Menschen manchmal auch den Absturz in eine prekäre Lage bedeuten. Auch die zunehmende soziale Ungleichheit, die ethnisch differenziert ist, stellt eine Herausforderung für die Gesellschaft dar. Nicht ohne Grund ist die Steigerung der Löhne und Renten eines der Hauptziele der Regierung Raúl Castros.

Anders als in den meisten Medien dargestellt, stellt die Gruppe der reinen Staatsangestellten ohne Zugang zu Nebeneinkünften jedoch nicht die Mehrzahl der kubanischen Bevölkerung sondern eher das untere Einkommensdrittel dar. Die überwiegende Mehrheit der Kubaner verfügt über weitere Einkommensquellen und dürfte am Ende des Monats auf mindestens das doppelte von dem kommen, was als offizieller Durchschnittslohn genannt wird. Hierbei sind die zahlreichen Subventionen wie die Libreta nicht eingerechnet. Sie allein kostet den Staat jährlich gut 100 US$ pro Bürger, egal ob Kleinkind, Erwachsener oder Rentner. Doch auch ohne die „zweite Lohntüte“ sollten die meisten Familien über ein monatliches Haushaltseinkommen verfügen, das klar im dreistelligen US$-Bereich liegt.

Hinzu kommt, dass ein Vergleich der Löhne nur Sinn macht, wenn man die Kaufkraftparität (PPP) des jeweiligen Vergleichslandes mit einbezieht. Die Weltbank gibt im Falle Kubas den Umrechnungsfaktor 0,32 im Verhältnis zum Dollar an. Will heißen: Was man in den USA für 1 US$ bekommt, lässt sich aufgrund der anderen Preise in Kuba für 32 Cent erwerben. Der staatliche Lohn wäre somit in den USA knapp 100 US$ und in Deutschland etwa 82 € wert, wobei auch dieser Umrechnungsfaktor das tatsächliche Preis- und Subventionsniveau wahrscheinlich nur unzureichend vermitteln kann. Auch wenn weitere Steigerungen des Lebensniveaus erforderlich sind, die so oft bemühte Zahl vom offiziellen Durchschnittslohn sagt erstaunlich wenig über den tatsächlichen Stand der ökonomischen Teilhabe in Kuba aus.

Quellen

Die langsame Auferstehung des Staatsunternehmens

Granma

„Potentiale entfalten. Mit den neuen Regularien erweitern die Wirtschaftseinheiten ihre Befugnisse und können heute ungenutzte Kapazitäten erschließen.“ – Artikel in der Granma vom 21.05.2013.

Man könnte meinen, der kubanische Staatssektor ist seit Jahren mit angezogener Handbremse unterwegs. Die Strukturen der meisten staatlichen Unternehmen stammen noch aus den 1980er Jahren, ihre Planung und Leitung richtete sich über viele Jahre stark an quantitativen Plankennziffern und aus, bei der die Kosten nur unzureichend erfasst wurden. Mit Beginn Sonderperiode, nach dem Zusammenbruch des Handels mit der Sowjetunion, mussten neue Devisenquellen zur Schaffung eines Tourismussektors gefunden werden. Mit dem System der „Perfeccionamiento Empresarial“ (span.: unternehmerische Vervollkommnung) traten deshalb Ende der 1990er Jahre teilweise ähnliche Reformen in Kraft, wie sie bereits im Rahmen des NÖS der DDR entwickelt wurden. Den an diesem Pilotprojekt beteiligten Unternehmen wurde eine größere Autonomie für die Verwaltung ihrer Ressourcen eingeräumt sowie die Verantwortung des Managements im Falle von Misswirtschaft erhöht. Zudem war es den devisenerwirtschaftenden Unternehmen nun möglich, einen Teil der gewonnenen Dollars zu behalten und für Investitionen oder Boni an die Angestellten zu nutzen. Ein System der Eigendiagnose in den Betrieben wurde ebenso eingeführt wie eine umfassende Bilanzierung. Die Planung wurde in den beteiligten Firmen so schrittweise weg von der Material- hin zur Finanzplanung weiterentwickelt.

Abgebrochene Reform?

Das Know-How dieser Reformen stammt dabei größtenteils aus Raúl Castros Kerngebiet, den von den Streitkräften verwalteten Firmen, die sich schon seit den 1980er Jahren mit westlicher Betriebswirtschaft beschäftigen und heute das Rückgrat der Devisenwirtschaft Kubas bilden. Allen voran ging dabei das omnipräsente und größte kubanische Unternehmen „CIMEX„, welche heute für viele strategische Import- und Exportgeschäfte zuständig ist und dessen 80 Tochtergesellschaften unter anderem das Tankstellennetz, die Devisenläden sowie das Banksystem des Landes kontrollieren. Von den damals gut 3.000 staatlichen Unternehmen begannen 1998 die ersten 98 Firmen das neue System zu übernehmen, bis zum Jahr 2001 befanden sich 1.530 in der Umstellung – danach wurde es zunächst ruhig um das SPE, dessen große Erfolge vom Lexington Institute damals in einer Analyse hervorgehoben wurden. Die Subventionen von staatlichen Unternehmen konnten so nämlich von 5,4 Mrd. Peso 1993 auf 608 Millionen Peso im Jahr 2000 um 89 Prozent reduziert werden, ganz zu schweigen von einer signifikanten Erhöhung der Löhne und der Produktivität.

Über die Gründe für das „abtauchen“ des SPE kann nur spekuliert werden, sicherlich dürften die ständig steigenden Subventionen aus Venezuela hierbei eine Rolle gespielt haben. In den Leitlinien, welche auf dem VI. Parteitag 2011 verabschiedet wurden, steht jedoch an fünfzehnter Stelle:

(15) El Perfeccionamiento Empresarial se integrará a las políticas del Modelo Económico a fin de lograr empresas más eficientes y competitivas.
Deutsch: ( 15) Das System der „Perfeccionamiento Empresarial“ wird in die Politik des Wirtschaftsmodells integriert werden, um effizientere und wettbewerbsfähigere Unternehmen zu schaffen.

Die Bedeutung des Staatssektors

Bereits 2012 betonte der ökonomische „Kopf“ des Politbüros, Marino Murillo: „Der wichtigste Teil unserer Wirtschaft wird das sozialistische Staatsunternehmen sein.“ Seine Einschätzung mit Blick auf die Vertiefung der Reformen war: „Denken Sie nicht, dass der Privatsektor aus dem nichts heraus plötzlich 40 oder 50 Milliarden US$ unseres BIPs erzeugen wird.“ Im selben Kontext hob er die Schaffung von Kooperativen hervor. Die Reformen seien nun in einer breiter angelegten und komplexeren Phase angelangt, erklärte Murillo in diesem Jahr (Zitat: „Die Veränderungen 2013-14 werden die komplexesten und wichtigsten für die Aktualisierung des Wirtschaftsmodells sein“). Konkret bedeutet dies, dass nach dem Wegfall diverser Verbote in den Jahren 2008-2010 und der Erweiterung des Privatsektors in den letzten Jahren, nun der eigentliche Kern der wirtschaftlichen Veränderungen ansteht: Die Wiederbelebung der staatlichen Unternehmen, des eigentlichen Kernstücks der kubanischen Wirtschaft, in denen knapp 80% der Kubaner beschäftigt sind. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde nun mit der Veröffentlichung eines Gesetzes getan, das auf die Leitlinie 13 Bezug nimmt, die eine Neudefinierung der finanziellen Instrumente der staatlichen Unternehmen sowie eine Flexibilisierung ihrer sozialen Ziele vorsieht. Was bedeutet das konkret?

Zunächst einmal soll mit dem Gesetz die Autonomie der lokalen Unternehmen gestärkt werden, mit dem Ziel, brachliegendes Potential und Reserven besser in die Wirtschaft einzubringen, die Granma spricht bedeutungsvoll von einer „Entfesselung der Produktivkräfte“. Heute ist beispielsweise jede Reparatur in einem staatlichen Unternehmen einem bestimmten Ministerium untergeordnet, derartige Leistungen können aus formalen Gründen nicht anderen Unternehmen angeboten werden, auch wenn die ökonomischen Bedingungen hierfür vorhanden wären. Der Interaktionsspielraum staatlicher Wirtschaftseinheiten untereinander ist damit bisher eng begrenzt, was sich nun ändern soll: Staatliche Unternehmen können inzwischen beispielsweise Ressourcenüberschüsse von anderen, auch nicht-staatlichen Unternehmen erwerben sowie Lagerkapazitäten und Parkplätze mieten. Derartige Kooperationen, auch mit dem nicht-staatlichen Sektor,  können ab sofort ohne vorherige Genehmigung „von oben“ getroffen werden.

Kein chinesisches Modell

Bis zum Jahr 2014 soll zudem die Rolle der Unternehmen im Verhältnis zum Staat vollständig neu definiert werden, wobei sich die Granma über die endgültige Ausgestaltung naturgemäß noch in Schweigen hüllt. Dennoch scheint hiermit eine wichtiger Schritt auf den Weg gebracht zu werden, der in letzter Konsequenz wohl eine Ausdehnung des „Perfeccionamiento Empresarial“ auf alle Bereiche des staatlichen Sektors vorsieht und den Unternehmen grundlegende Autonomien gewährt. Interessant ist auch, dass etwa zur gleichen Zeit die Ausweitung von UJC-Basisgruppen auf den Privatsektor angekündigt wurde. Die Cuentapropistas werden dadurch von den gesellschaftlichen Massenorganisationen „anerkannt“ und somit in den politischen Kontext des Sozialismus integriert bleiben. Diese Schritte belegen, dass Kubs Zukunft keineswegs in einem chinesischen Modell liegt.

Der kubanische Ökonom Joaquin Infante erklärte neulich im staatlichen Fernsehen, dass der Schlüssel zu mehr Produktivität aufgrund des großen sozialen Einflusses vor allem im staatlichen und genossenschaftlichen Sektor liege. Privatunternehmen würden eher auf individueller Basis von Bedeutung sein. Die wichtigsten Aspekte auf dem Weg zum neuen kubanischen Wirtschaftssystem seien daher Einsparungen, Exportsteigerung, Importsubstitution sowie Kostenanalyse und finanzielle Anreize für Unternehmen und deren Angestellte. Zwar ist die Anzahl der im Privatsektor Beschäftigten sprunghaft von etwa 150.000 (2010) auf über 400.000 angestiegen, jedoch stagniert ihre Zahl seitdem, was auf eine Sättigung der Nachfrage nach kleinen Unternehmen deutet. Mit dem SPE wurde bereits eine Form des effizienten Managements staatlicher Unternehmen entwickelt, die es nun zu vervollkommen und auszudehnen gilt. Hierbei dürften vor allem eine Veränderung der Mentalität innerhalb der Unternehmen notwendig sein, die Veränderung ihrer Eigentumsform oder gar der Verkauf an ausländische Investoren steht derzeit in Kuba nicht zur Debatte. Stattdessen geht das Land den beschwerlichen aber nachhaltigen Weg, eine langsame Wiederbelebung und Rekapitalisierung der staatlichen Firmen einzuleiten.

Neue Richtlinien für Kredite und Lohnzahlungen

Seit Dezember 2011 werden in Kuba Kredite für die Renovation von Wohnhäusern und an Kleinbauern vergeben, mehrere zehntausend Kubaner haben bisher davon profitiert. Nach einigen Modifikationen zur Beschleunigung des Genehmigungsverfahrens 2012 wurde es wieder Still um das Projekt, bis heute eine deutliche Veränderung der Rahmenbedingungen angekündigt wurde: Künftig sollen nicht nur Bargeldbestände, sondern auch Immobilienvermögen als Kreditsicherheit akzeptiert werden. Auch dürfen Staatsbetriebe nun für selbstständige mit Immobilien bürgen, die sie an diese vermitet haben. Dadurch dürfte sich der Kreis derjenigen, die Anspruch auf einen Kredit erhalten, deutlich erweitern.

Eine weitere Maßnahme die heute verkündet wurde ist die Möglichkeit für selbstständige Betriebe, ihre Angestellten auch in CUC statt in der Landeswährung zu bezahlen. Dies gilt allerdings nicht für alle Bereiche und auch nur mit Schecks oder anderen bargeldlosen Bezahlmöglichkeiten. Kurz zuvor erschien ein langer Bericht in der Juventud Rebelde über eine Firma, die einheimische Industrieprodukte zu unsubventionierten Preisen in Peso Nacional verkauft und damit scheinbar große Beliebtheit errang. Eine Matratze kostet dort beispielsweise für kubanische Verhältnisse relativ günstige 2.100 CUP. Etwa zur selben Zeit wurde noch angekündigt, dass Wasser künftig nicht mehr generell subventioniert wird sondern nach Verbrauch abgerechnet werden soll, um Verschwendung zu vermeiden und Gelder für Investitionen in die Infrastruktur zu gewinnen. Bisher ist Wasser in Kuba extrem subventioniert und macht selbst in ärmeren Haushalten nur einen kleinen Teil der monatlichen Aufwendungen aus (etwa 2 CUP).

Was könnte dieser Strauß an Maßnahmen, der zwischen dem 19. und 21. Februar verkündet wurde, in seiner Gesamtheit zu bedeuten haben? Zum einen lässt sich wohl feststellen, dass das Kreditprogramm zu funktionieren scheint, ansonsten würde man es kaum ausweiten. Diese Maßnahme ist eine stringente Weiterentwicklung des ursprünglichen Gesetzes von 2011, eine Ausweitung der Kreditangebote wird zum Anstieg privater Investitionstätigkeit und damit auch zur Stimulierung des Wirtschaftswachstums beitragen. Die neu geschaffene Möglichkeit für Selbstständige, Löhne auch in CUC zu bezahlen, erregt noch größere Aufmerksamkeit: Dadurch könnte ein immenser Anreiz für selbstständige Tätigkeit geschaffen werden, wenn erstmals auch die begehrte Devisenwährung in diesen Sektor Einzug hält. Der Verbot von Bargeldzahlungen allerdings lässt aufhorchen: Soll der CUC womöhlich mittelfristig aus der physischen Zirkulation und damit möglicherweise langfristig überhaupt als Währung entfernt werden? Dafür spräche auch die stetige Ausweitung des Warenangebots in nationaler Währung, beispielsweise auch durch eine Reihe neuer Restaurantangebote. Der Artikel in Juventud Rebelde war hier nur das jüngste Beispiel für eine Reihe von neuen Angeboten in nationaler Währung, die seit etwa 2009 bewusst geschaffen und gefördert gewerden.

Auch hat der Peso Nacional durch die erhöhte Geschäftstätigkeit in den Straßen eine Aufwertung erhalten, ein Trend der sich höchstwahrscheinlich fortsetzen wird. Die Abschaffung des Systems zweier Währungen ist unterdessen bereits seit langem erklärtes Ziel der Regierung.

Nachlese: Genossenschaften und neues Steuergesetz

Während ich mich in Kuba aufhielt, gingen die politischen und ökonomischen Entwicklungen dort selbstverständlich weiter. Obwohl sich das Land mehr oder weniger in der Sommerpause befand, tagte am 23. Juli wie bereits berichtet das Parlament. Die Ergebnisse dieser Sitzung wurden von den Kubanern diskutiert, wir erfuhren direkt daraus aus der Granma. Zudem wurde eine offizielle Gesetzesgazette für 20 Centavo unters Volk gebracht und Teile der Sitzung im Fernsehen übertragen.

Die Ergebnisse waren größtenteils bereits vorher absehbar, jedoch nutze ich die Gelegenheit an dieser Stelle um sie kurz zusammenzufassen:

  • Ein neues Steuergesetz wurde verabschiedet, jeder Kubaner wird ab 2013 direkte steuerliche Abgaben an den Staat entrichten.
  • Zwischenbericht: Das kubanische BIP ist im 1. Halbjahr 2012 um 2,1% gewachsen, die Zahl ausländischer Besucher stieg in den ersten 7 Monaten des Jahres um 5,4% im Vergleich zum selben Zeitraum 2011.
  • Ab September 2012 wird die neue Importgesetzgebung für Konsumgüter in Kraft treten um den Schwarzmarkt auszutrocknen.
  • Staatlichen Unternehmen wird ein größerer Entscheidungsspielraum zugestanden, die direkte Einflussnahme der Politik wird zurückgefahren.
  • 222 kleinere bis mittlere Staatsbetriebe werden bis zum Ende des Jahres versuchsweise in Genossenschaften umgewandelt, der Staat budgetiert diese für 2013 mit 100 Millionen CUC. Diese Genossenschaften leihen sich auf Basis erneuerbarer Verträge von 10 Jahren Ausrüstung und Eigentum vom Staat und zahlen ebenfalls Steuern.
  • Über 1.000 kleinere Caféterias sollen in Zukunft ebenfalls in Privatbetriebe und Genossenschaften umgewandelt werden.
  • Die neue Steuergesetzgebung wird die Steuerlasst für Kleinstunternehmen (<5 Angestellte) reduzieren, auch Bauern sollen von ihr profitieren.
  • In Absprache mit den Arbeitern und Gewerkschaften soll ein neues Arbeitsgesetz erarbeitet werden, welches auch die Privatbetriebe abdeckt. Das Gesetz soll in der Parlamentssitzung 2013 verabschiedet werden.
  • Kleinbauern können jetzt bis zu 67 Hektar Land pachten, für sich sowie ihre Familie bewirtschaften und darauf Häuser errichten.

Das sind meines Erachtens die wesentlichen und zentralen Neuerungen, die mit der Parlamentssitzung auf den Weg gebracht wurden. Näheres zu den neuen Importzöllen ab September findet sich in der Gesetzesgazette, deren erste beiden Seiten ich hier eingescannt habe. Dort findet sich auch eine Tabelle zur exakteren Aufschlüsselung der neuen Regelung nach Gewicht der Wareneinfuhr.

Eine gute Zusammenfassung der Parlamentssitzung findet sich auch hier.
Zum Thema wie weit die Reformen gehen werden was die Konzentration von Reichtum angeht, hat Alberto Betancourt, ein Wirtschaftsexperte der Regierung inzwischen gesagt: „Wir wollen die Konzentration von Reichtum verhindern. Es wird keine Millionäre auf Kuba geben“.

Unsere Route wird übrigens derzeit auf dieser Seite nach und nach rekonstruiert werden.

Aktuelles aus der Wirtschaft in Kuba

Baukredite: Obschon sich politisch derzeit nicht viel zu tun scheint, geht die wirtschaftliche Entwicklung natürlich weiter, die 2011 beschlossenen Programme werden fortgesetzt und beginnen zu greifen. Ein aktuelles Beispiel dafür stammt aus der Provinz Santa Clara, wie Juventud Rebelde berichtet (Englisch). Seit dem 20. Dezember 2011 werden in ganz Kuba Kredite für den Kauf von Baumaterialen zum Neubau und zur Renovation der Häuser ausgegeben um das Wohnungsproblem zu mildern. Vorzugsweise erhalten Opfer von Naturkatastrophen oder ärmere Familien den Zuschlag zum Kredit. Dies ist auch ein Teil der neuen Subventionspolitik, die vorsieht, nicht mehr alle gleichermaßen zu subventionieren, sondern Subventionen nur noch an diejenigen zu verteilen, die sie wirklich benötigen. Die Verfügbarkeit von Baumaterialien hat sich in der Zwischenzeit merklich verbessert und 47.000 Menschen haben bisher im ganzen Land diese Kredite in Anspruch genommen.

In Santa Clara wurden von 2.300 Anträgen bisher 2.000 bearbeitet, insgesamt haben dort mehr als 750 Familien von den Subventionen profitiert. Viele haben den Kredit beantragt um ihre Häuser neu zu bauen oder sie komplett zu sanieren, kleinere Reparaturen sind kaum dabei. Das zeigt auch wie dringend diese Maßnahme war, die nun allerdings ihre Wirkung zu entfalten scheint.

Energie: Kuba plant bis zur Mitte des Jahres 2013 neue Richtlinien zum Stromsparen umzusetzen. Dadurch würde sich auch im Wohnungssektor Strom sparen lassen, der mit 6.667 GWh von 17.396 GWHh Gesamtproduktion am meisten verbraucht (2010). Auch das Stromnetz Havannas soll dieses Jahr komplett überholt werden um die Verluste zu vermindern, was auch positive Auswirkungen auf den Rest des Landes hat, da 30% der in Kuba verbrauchten Elektrizität von der Hauptstadt beansprucht werden. Diese Investitionen sind allerdings angesichte der hohen Verlustleistung des kubanischen Stromnetzes auch dringend erforderlich, zumal durch die neuen selbständig Beschäftigten der Energieverbrauch im Land unerwartet gestiegen ist. Doch nach einiger Stagnation erhöhte sich die Stromproduktion 2011 und stieg um 2,1% im Vergleich zum Vorjahr. In den kommenden Jahren dürfte sich dieser Trend fortsetzen, zumal jetzt die richtigen Investitionen und Maßnahmen dafür getätigt werden.

Direktverkauf an Hotels scheint erste Früchte zu tragen

Seit dem 1. Dezember 2011 dürfen kubanische Bauern ihre Produkte direkt an touristische Einrichtungen verkaufen, ohne den Staat als Zwischenhändler. Nach der Verteilung brachliegender Felder an Kleinbauern 2008 war das gerade die richtige Maßnahme, denn die zahlreichen Transportprobleme der staatlichen Lieferfirmen in der Landwirtschaft haben die Verteilung der Lebensmittel ineffizient gestaltet. Mit dieser Maßnahme ist es den Bauern nun möglich, selbst Verträge mit touristischen Unternehmen abzuschließen.

Laut einem aktuellen Bericht aus Juventud Rebelde geschieht dies in der Provinz Matanzas mittlerweile mit Erfolg für alle Beteiligten. Am 23. Dezember waren in Matanzas erst 12 solcher Verträge unterzeichnet, heute sind es 94. Der lokale Vertreter des Tourismusministeriums meint, dass diese Verträge es für die Hotels einfacher machen an lokale Produkte heranzukommen und das Angebot der Buffets zu erweitern. Die Anbieter sind meist landwirtschaftliche Genossenschaften, die in CUP bezahlt werden.

Für die Genossenschaften ist dies ein echter Ansporn mehr zu produzieren und bis zur nächsten Hochsaison wird die Nachfrage weiter stark steigen. Allerdings sind weiterhin noch Probleme beim Transport vorhanden, diese werden sich wohl erst mit der Zeit lösen lassen.