Díaz-Canel in New York: bereit für Zeiten ohne Blockaden

Am gestrigen Freitag besuchte Kubas Präsident den „Ground Zero“ in New York (Quelle: Cubadebate)

Bei seinem mehrtägigen Antrittsbesuch in den Vereinigten Staaten im Rahmen der jährlichen Sitzungswoche der Vereinten Nationen absolviert Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel derzeit ein umfangreiches Programm. Seit Fidel Castros New York-Besuch 1960 ist wohl kein kubanisches Staatsoberhaupt mehr eine so intensive Agenda in den USA angegangen. Dabei traf Díaz-Canel mit zahlreichen Vertretern von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Neben Meetings mit Repräsentanten des Landwirtschaftsministeriums, Googles CEO Eric Schmidt und Kongressabgeordneten beider Parteien war dabei auch Zeit für eine Rede in der Riverside Church in Harlem sowie ein Treffen mit dem Schauspieler Robert de Niro.

Es ging in New York nicht nur um Diplomatie, sondern auch Wirtschaftsfragen prägten die erste US-Reise des kubanischen Präsidenten. Am Donnerstag traf Díaz-Canel auf Vertreter der Handelsmission des US-Landwirtschaftsministeriums (NASDA). Trotz der US-Blockade kann Kuba im Rahmen einer Ausnahmeregelung seit dem Jahr 2000 bestimmte Agrarprodukte aus den USA einkaufen, allerdings nur gegen Barzahlung. Die US-Agrarlobby will dies ausdehnen und fordert bereits seit Jahren die Aufhebung der Blockade. „Wir unterstützen voll und ganz den Ausbau des landwirtschaftlichen Handels mit Kuba und denken, dass das Embargo aufgehoben werden müsste“, sagte der Chefunterhändler der Mission, Jeff Witte. „Wenn wir Lebensmittel kaufen, denken wir an 11 Millionen Menschen, unsere gesamte Bevölkerung. Das ist kein Markt, den man verschmähen sollte“, fügte Díaz-Canel hinzu.

Ein weiteres hochrangiges Meeting fand auf Einladung von Googles CEO Eric Schmidt statt. Es war das zweite Treffen Díaz-Canels mit dem Google-Chef, der bereits im Juni nach Havanna gereist war. Diesmal nahmen jedoch auch Vertreter zahlreicher anderer US-Technologiefirmen Teil, unter anderem Connectify, Mapbox, Virgin Group, AirBnB, Revolution, Twitter, Microsoft, Bloomberg und Cresta. Bei dem Treffen, an dem von kubanischer Seite auch die Minister für Kommunikation und Außenhandel vertreten waren, hob Díaz-Canel die Bedeutung der Digitalisierung für sein Land hervor. Diese sei eine Priorität seiner Regierung, welche durch die US-Blockade noch immer unterlaufen werde.

Im Rahmen des US-Besuchs wollten die Kubaner offenbar auch die politische Wassertiefe in den Vereinigten Staaten unter Trump abstecken. Mehrmals traf sich Díaz-Canel mit Abgeordneten beider Parteien im Senat und Kongress sowie mit Vertretern und des US-Außenministeriums. Kuba sei bereit zum Dialog auf Augenhöhe und willens die Beziehungen mit den USA zu verbessern, so die Botschaft aus Havanna.

Díaz-Canel bei seiner Rede in der Riverside Church in Harlem (Quelle: Cubadebate)

In New York ließ es sich Díaz-Canel dabei nicht nehmen, auch der Riverside Church im Stadtteil Harlem einen Besuch abzustatten. In jener Kirche hatte einst Martin Luther King den Vietnamkrieg verurteilt. Später hielten hier unter anderem Fidel Castro und Nelson Mandela Reden. In diese Tradition hat sich nun auch Díaz-Canel eingereiht, wobei zur großen Überraschung aller Beteiligten auch Venezuelas Präsident Nicolás Maduro der Kirche einen unangemeldeten Besuch abstattete. „Die kubanische Revolution wird die gerechte Sache der Völker weiter unterstützen, das Recht der Völker zu träumen und eine bessere Welt zu errichten – es ist möglich!“, sagte Díaz-Canel in seiner Rede in der Kirche. Später traf sich Kubas Präsident mit Priestern und Vertretern des nationalen Kirchenrats der USA, welche das Staatsoberhaupt herzlich begrüßten.

Am Freitag traf Díaz-Canel schließlich auf Einladung des Schauspielers Robert de Niro auf verschiedene Vertreter von Kunst und Kultur der Vereinigten Staaten. Dabei lud er die Künstler ein, ihre besten Werke in Kuba zu zeigen und dazu beizutragen, die Völkerfreundschaft zwischen Kuba und den USA aller politischen und ideologischen Barrieren zum Trotz weiter auszubauen. Bei dem Meeting waren unter anderem die Produzentin Jane Rosenthal, der Rapper Q-Tip und der Musiker Chris Martin zugegen. Später stattete Díaz-Canel dem „Ground Zero“ einen Besuch ab, jenem Ort, an dem einst die am 11. September 2001 zerstörten Zwillingstürme des „World Trade Centers“ standen. „Es ist ein sehr symbolischer Ort, und die Anwesenheit eines Kubaners hier bedeutet eine Ehrerbietung gegenüber den Opfern“, erklärte der Präsident gegenüber Pressevertretern.

Der ausgedehnte US-Besuch des neuen kubanischen Präsidenten zeigt, dass Havanna den Verschärfung der Sanktionen unter Trump zum Trotz die unter Obama erreichten Ergebnisse bei der Verbesserung der bilateralen Beziehungen weiter konsolidieren und ausbauen will. Dabei verbittet sich auch Kubas neue Regierung, wie die Reden des Präsidenten bei den Vereinten Nationen klar gemacht haben, jede Einmischung in innere Angelegenheiten. Kuba ist bereit zu Gesprächen auf Augenhöhe, die aktuell jedoch wenig wahrscheinlich sind. Indes versuchten die Kubaner den Gesprächsfaden mit den zahlreichen der Insel wohlgesonnenen Vertretern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht abreißen zu lassen und können dabei auch auf die Unterstützung in Teilen der US-Bevölkerung zählen, die mehrheitlich kein Interesse am Fortbestand der jahrzehntealten Wirtschaftsblockade hat. Ob dies zu konkreten Ergebnissen führen wird, ist offen. Kuba hat sich –  trotz aggressiver Töne aus Washington –  diese Woche in New York jedoch als unlängst bereit gezeigt für ein besseres, blockadefreies Verhältnis mit den USA.

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Der Papst zu Besuch in Kuba

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Tausende waren im Convenio San Carlos, um dem Treffen des Papstes mit der kubanischen Jugend beizuwohnen

Havanna im Ausnahmezustand: Geschlossene Geschäfte, Buslinien die nicht wie gewohnt funktionieren und abgesperrte Straßen die menschenleer wirken. Das letzte Wochenende war vom Besuch des argentinischen Papstes geprägt, der wie keiner seiner Vorgänger Verzückung in den Augen vieler Kubaner hervorrief.

Minutiöse Berichterstattung im kubanischen Fernsehen

Nach der Ankunft am internationalen Flughafen José Martí in Havanna richteten Gastgeber Raúl Castro und Papst Franziskus kurze Ansprachen an die Presse und das anwesende Begrüßungskomitee. Während Castro den humanistischen Charakter der kubanischen Revolution betonte und Zahlen über die medizinischen Dienstleistungen hervorhob, die Kuba jedes Jahr in aller Herren Länder anbietet, stand für Franziskus die Botschaft der Versöhnung und des gegenseitigen Respekts im Vordergrund. Beide schienen dabei positiv bewegt von den Reden ihres Gegenüber zu sein. Raúl Castros positives Verhältnis zum jetzigen Papst lässt sich am besten anhand eines Zitats nach seinem Vatikanbesuch vor einigen Monaten festmachen: „Wenn der Papst so weitermacht, trete ich wieder in die Kirche ein.“

Die kubanischen Medien folgten dem Spektakel minutiös: Die 18 Kilometer lange Fahrt durch die Stadt wurde per Hubschrauber gefilmt und live auf im kubanischen Fernsehen sowie auf Telesur ausgestrahlt. Am nächsten Tag folgte eine große Messe auf dem Revolutionsplatz, der laut Reuters etwa 100.000 Kubaner beiwohnten. Anschließend traf Franziskus auf Fidel Castro, mit dem er neben einigen warmen Worten auch Bücher austauschte. Am Nachmittag dann wieder Autokolonne Richtung Havanna Vieja, vorbei an meiner Straße, an deren Rändern sich hunderte Kubaner säumten.

Franziskus und die kubanische Jugend

In Habana Vieja wurde ich zum ersten Mal Zeuge einer päpstlichen Rede. Trotz des Regens trat Franziskus ohne Schirm auf die Tribüne des Klosters, sprach mit leisen Worten – aber dennoch deutlich. An eben jenem Convento San Carlos richtete sich der Argentinier direkt an die kubanische Jugend, wobei er explizit die nichtgläubigen erwähnte. Er kritisierte die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa und rief die Jugendlichen zu Respekt, Toleranz und Einheit auf. Über ideologische Grenzen hinweg müssten soziale Freundschaften geknüpft werden, man solle das gemeinsame gegenüber dem trennenden vorziehen, wobei auch Differenzen geklärt werden müssten. Worte, die gut ankamen bei der Generation der 20 bis 30-jährigen Kubaner.

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Der Papst in Habana Vieja

Obwohl sich nur eine Minderheit der Kubaner als katholisch definieren lässt, scheinen die Leute hier ganz verrückt nach Franziskus zu sein. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einer charismatischen Führungspersönlichkeit, die viele junge Leute so vom derzeitigen Papst schwärmen lässt. Andererseits nimmt es kein Wunder: Der erste amerikanische Papst, der zudem eine wichtige Rolle im Annäherungsprozess an die USA gespielt hat – wie sollte so jemand nicht in der Gunst der Kubaner stehen?

Der Papst wählte seine Worte mit bedacht und verstand es, den richtigen Nerv vieler Leute zu treffen. Sorgsam gewichtete er die Aussagen seiner Predigten, wobei er vor allem der katholischen Kirche innerhalb Kubas den Rücken stärken wollte und Konflikte mit dem Gastgeber vermiet. Internationale Themen, wie die Annäherung zwischen Kuba und den USA, kamen in seinen Reden nur am Rande vor. Dabei verstand es der Argentinier seine Botschaft der Versöhnung in humorige Momente zu verpacken. So wunderte es kaum dass die Menge laut lachte nachdem Franziskus zuletzt am Ende seiner Rede vor dem Konvent noch einmal ans Mikrofon trat, so als hätte er etwas wichtiges vergessen: „Ich hoffe, dass auch die Nichtgläubigen unter euch mir zumindest keine schlechten Dinge wünschen.“

Von Marcel Kunzmann, berichteaushavanna