„Latina-Press“ und das „mysteriöse“ Unterseekabel

Nachdem die Inbetriebnahme des Unterseekabels aus Venezuela, welches seit kurzem Kuba mit Telefon- und Internetverbindungen versorgt nicht nur von zahlreichen Medien gemeldet, sondern auch noch offiziell bestätigt wurde, ließ es sich die reaktionäre Nachrichtenagentur mit Schwerpunkt auf Lateinamerika, „Latina-Press„, nicht nehmen, ebenfalls eine Meldung zu diesem Thema zu verfassen. Darin heißt es allerdings:

“Die Tatsache, dass die Latenzen nach Kuba von vielen Orten auf der ganzen Welt unter 480ms [Millisekunden] im Mittel gesunken sind, lässt darauf schließen, dass der Internetverkehr nicht mehr vollständig über Satellit abgewickelt wird. Die Verzögerung beim Senden von Datenpaketen aus Kuba könnte daran liegen, dass eine mögliche Zensur-Firewall vorgeschaltet wurde”, so Madory.

So wird Doug Madory zitiert, der Experte von „Renesys“, welche die Messung vorgenommen haben. Abgesehen davon, dass sich in dem entsprechenden Artikel dieses Zitat nicht finden lässt (dort heißt es im Original lediglich: The fact that the latencies to Cuba from many locations around the world have dropped below 480ms means that the new Telefonica service cannot be entirely via satellite. However, if it were solely via submarine cables, we would expect latencies from many nearby countries to be less than 50ms.), hat Madory selbst zu den Gerüchten einer möglicherweise vorgeschalteten Zensur Stellung bezogen. Auf die Frage eines Kommentators, ob die festgestellten hohen Latenzzeiten möglicherweise auf eine Zensurfirewall wie in China deuten, antwortete er:

This is a very good theory. However, I suspect this is not the case. In countries where we see latencies are impacted by censorship regimes, we often see a diurnal pattern in latencies. This is due to traffic slowing during busy times when everyone is awake and using the Internet, and the censorship software is struggling to keep up.

When looking at the distributions of these latencies over time, I see no diurnal pattern and instead see what appears to be a hard floor that latencies cannot go below. This suggests some physical factor that can never be overcome. As stated in the blog, the latency distribution appears very similar to cases of asymmetric satellite we have observed in the past.

Thanks for the question!
(Hervorhebungen durch Autor).

Wider besseren Wissens wurde diese Passage von „Latina-Press“ bewusst ignoriert. Um das bisherige noch einmal zusammen zu fassen: Die hohen gemessenen Latenzzeiten (also die Signalverzögerung, bis ein Internetstrom Kuba erreicht bzw. verlässt) wurden als Anlass für Spekulationen für die Existenz einer möglichen Zensur-Firewall nach chinesischem Vorbild genutzt. Madory zu Folge gebe es hierfür jedoch keine technischen Indizien. Zudem wurde festgestellt, dass das Kabel wohl nur in eine Richtung genutzt wird, nämlich in die Empfangsrichtung. Das war der letzte Stand am 21. Januar, als die Latina-Press Meldung erschien. Tags darauf änderten sich die Dinge noch einmals grundsätzlich, als „Renesys“ die volle Inbetriebnahme des Kabels feststellte:

At 180-220ms, these paths suggest a pure terrestrial solution, based on subsea and overland cables — the traditional Internet that nearly everyone else on earth enjoys. Almost immediately, we started getting reports from Havana that delays for Internet traffic were dropping perceptibly, as the new routing policy kicked in.
What happened here? We speculate that Cuban network operators changed their routing policy to make the ALBA-1 cable the default path for all outbound traffic from certain Cuban networks.

Mit Latenzzeiten von nunmehr 180-220ms scheint nun eine „gewöhnliche“ bidirektionale Verbindung hergestellt worden zu sein, d.h. das Kabel wird nicht in der Empfangs-, sondern auch in der Senderichtung genutzt. Die vagen Vermutungen von einer wie auch immer gearteten „Zensur-Firewall“ haben sich damit endgültig zerstreut, während „Latina-Press“ die Meldung unbearbeitet ließ.

Was führt uns dieses Beispiel vor Augen? Selbst technische Einzelheiten können Anlass zu wildester Spekulation bei einem so heißen Thema wie Internet in Kuba sein. Während die kubanischen Techniker offenbar einfach noch nicht fertig mit der Aufschaltung des Kabels waren, entbrannten bereits Gerüchte über die mögliche Zensur durch die kubanischen Behörden. Ein voreiliger Fehlschluss, wie sich herausgestellt hat. Dennoch darf man weiterhin gespannt auf die künftige Verwendung der neu gewonnenen Bandbreite sein.

Kuba ist endlich im Internet angekommen

Messung des Datenverkehrs durch „renesys“. Der dunkelgraue „Telefonica“-Anteil ist dem Unterseekabel zuzuordnen.

Seit Januar dieses Jahres scheint Kuba endlich im Internetzeitalter angekommen zu sein. Die Experten von „renesys“ haben seit letzter Woche eine deutliche Zunahme des Internetverkehrs durch das Unterseekabel mit Venezuela und eine Verbesserung der Bandbreite und der Latenz messen können, was auf die endgültige Aktivierung des seit 2011 fertig installierten ALBA-Projekts schließen lässt. Das Kabel war bereits seit 2007 in Planung und konnte aufgrund verschiedener Korruptionsskandale und technischer Schwierigkeiten erst im Frühjahr des Jahres 2011 fertiggestellt werden.

Bisher ist Kuba noch hauptsächlich über langsame und teure Satellitenverbindungen mit dem Rest der Welt verbunden, da das Land aufgrund des US-Embargos keines der bestehenden Unterseekabel nutzen darf. Interessant bei der Aktivierung des Kabels ist allerdings, dass die Download-Bandbreite um ein vielfaches höher ist als die Bandbreite für den Upload, was laut „renesys“ entweder auf technische Schwierigkeiten oder eine bewusste Designentscheidung schließen lässt. Diese würde auch durchaus Sinn machen, schließlich braucht Kuba derzeit vor allem Input von der Außenwelt in Form von Software und Informationen, weswegen wohl der Empfangsrichtung Priorität eingeräumt wird.

Aufkommende Gerüchte über Zensurmaßnahmen fehlt dabei jede Glaubwürdigkeit, da den Experten zu Folge keine technischen Indizien hierfür gefunden werden konnten. Die Aufschaltung des Kabels kommt dabei wohl nicht ganz zufällig zeitnah zu den neuen Reisegesetzen, möglicherweise will sich die Regierung durch diese Maßnahmen erst einmal Luft und Spielraum für weitere ökonomische Anpassungen in diesem Jahr verschaffen. Dazu passt auch, dass seit Sonntag der venezolanische Fernsehsender „Telesur“ auf der Insel sendet und damit zum ersten Mal seit der Revolution ausländisches Fernsehen in Kuba legal empfangbar ist. Anhand der Reaktionen aus dem In- und Ausland auf die Neuerungen wird auch eines ersichtlich: Die PCC hat offenbar wieder Oberwasser.

Update (24.01): Inzwischen wurde die volle Bandbreite des Kabels in beide Richtungen aktiviert.