Neues Dekret zur Kultur in Kuba sorgt international für Diskussion

Das Dekret 349 legt Verstöße in kulturpolitischen Angelegenheiten und bei der Erbringung von künstlerischen Dienstleistungen fest (Quelle: Dunia Álvarez Palacios, Granma)

Havanna. Mit einem neuen Gesetz will Kubas Regierung den Kunstbetrieb des Landes reorganisieren. Das Dekret 349, das im Dezember in Kraft treten wird, löst die bisherigen Regularien von 1997 ab. Es sieht unter anderem vor, dass künstlerische Darbietungen im öffentlichen Raum künftig nur mit einem Vertrag beim Kulturministerium erfolgen dürfen, das zunächst die Genehmigung erteilen muss. Damit will die Regierung unter anderem verhindern, dass Auftritte am Fiskus vorbei organisiert werden und führt zugleich Sanktionen gegen die Verbreitung von diskriminierenden Inhalten ein.

Mit der Neuregelung sollen „Qualität und ethische Werte“ bei öffentlichen Darbietungen sichergestellt werden, erklärte das Zentralorgan der regierenden Kommunistischen Partei, die Tageszeitung Granma. Das Gesetz definiere darüber hinaus „die anzuwendenden Mittel bei Verstößen gegen die Regularien.“ Dazu zählen laut dem Gesetzestext unter anderem die Verwendung audiovisueller Medien, welche gewalttätige oder pornographische Inhalte, Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlicher Einschränkung sowie sexistische, obszöne oder vulgäre Sprache propagieren. Die unangemessene Verwendung patriotischer Symbole oder das Fehlen eines Vertragsabschlusses mit dem Ministerium gehören ebenfalls zu den sanktionierten Praktiken für Künstler.

In einem ausführlichen Artikel wurden in der Zeitung die Details des Gesetzes erklärt, wozu auch der Sanktionskatalog zählt. Darin wird zwischen „schweren“ und „sehr schweren“ Verstößen unterschieden, wobei das Fehlen einer Genehmigung bzw. Vertrags mit dem Kulturministerium in letztere Kategorie fällt. Zu den lediglich „schweren“ zählen unter anderem „jegliche Verstöße gegen die gesetzlichen Bestimmungen, welche die normale Entwicklung unserer Gesellschaft auf kulturellem Gebiet regeln.“ Die im Gesetz festgelegten Konsequenzen reichen jeweils von einer Geldstrafe von bis zu 2.000 kubanischen Pesos (etwa 70 Euro) bis zur Beschlagnahmung von Instrumenten und anderen Gegenständen durch Kontrollinspektoren, welche die Einhaltung der Verträge überprüfen und Kunstdarbietungen auch vor Ort beenden dürfen.

Auf Kuba stieß das Gesetz und die damit verbundenen Sanktionen nicht nur auf Zustimmung. Die oppositionelle Künstlerin Yanelys Núñez protestierte vor dem Kapitol in der Hauptstadt gegen das Gesetz, indem sie sich mit Kot beschmierte. Die Aktion, welche von zahlreichen Oppositionsmedien als „spontane Demonstration“ aufgegriffen wurde, reiht sich dabei in eine Reihe von Protesten ein. Núñez, die bereits 2016 von der New York Times als „sehr aktive Dissidentin“ gelobt wurde, gab zum Thema „Kunstfreiheit“ zuletzt Anfang September ein Interview mit dem argentinischen Onlineportal Infobae Cultura in den Räumen des rechtskonservativen Thinkthank „Zentrum für die Öffnung und Entwicklung Lateinamerikas“ (Centro para la Apertura y el Desarrollo de América Latina)“ in Buenos Aires. Andere kubanische Künstler hielten am Kapitol Schilder mit „No 349“ in die Kameras und übergaben Medienvertretern einen mehrseitigen Protestbrief gegen das Dekret, den sie dem Parlament, dem Kulturministerium und der Staatsanwaltschaft vorgelegt hatten. Andere warnten in den sozialen Medien vor einer „Kriminalisierung der Künstler“ und dem Verlust von künstlerischen Freiräumen. Von exilkubanischen Medien wurde das Gesetz erwartungsgemäß scharf kritisiert. Beim Dekret 349 handle es sich um eine „systematische Vorzensur“, erklärte die in den USA lebende Rechtsanwältin Laritza Diversent, die verschiedene Dissidentengruppen auf Kuba berät. Amnesty International mischte sich in die Debatte ein und kritisierte das Gesetz als „zu vage und weit gefasst.“ Deutschsprachige Medien titelten, ohne auf die Details der neuen Regularien einzugehen: „Kunstfreiheit in Kuba eingeschränkt – Zurück in die grauen Jahre“ (Taz), „Kuba dreht die Uhr zurück – ein neues Gesetz soll die Kunstfreiheit massiv beschneiden“ (Neue Züricher Zeitung), „Kuba: Künstler wehren sich gegen Zensur“ (Deutsche Welle).

Unterdessen verteidigten auf Kuba verschiedene Künstler das neue Gesetz in den Medien. Der Dichter und Schriftsteller Antonio Rodríguez Salvador erklärte, das Dekret 349 entspreche vielen Bedürfnissen der Künstler, indem es „Ordnung in das komplexe Gebiet der kommerziellen Kunstdienstleistungen“ bringe. Verträge können künftig nicht mehr am Ministerium vorbei geschlossen werden, womit diesem bisher wichtige Einnahmen entgingen.

„Die künstlerische und schriftstellerische Freiheit ist nicht Gegenstand des Dekrets“, schrieb der Autor und Kunstkritiker Pedro de la Hoz in einem Kommentar in der Granma. „Die Freiheit des künstlerischen Schaffens steht außer Frage, sie zählt zu den den unverhandelbaren Grundprinzipien der Kulturpolitik der Revolution.“ Das Gesetz richte sich lediglich gegen Formen rassistischer, homophober und anderer diskriminierender Inhalte einer „vulgären Kultur“, welche die Erniedrigung von Menschen zur Schau stelle, so de la Hoz. Sobald eine Kunstdarbietung in einem Nachtklub, einem Theater oder andernorts im öffentlichen Raum stattfinde, sei sie Gegenstand der Kulturpolitik des Staates. „Es kann nicht zwei, drei, hundert verschiedene Kulturpolitiken geben, sondern eine einzige, die offen, weit gefasst und inklusiv ist – aber kohärent umgesetzt wird, im staatlichen, wie im nicht-staatlichen Sektor“, so de la Hoz.

Von Marcel Kunzmann / Amerika21

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Havanna wird 498 Jahre alt

Seit Oktober steht auf dem „Platz des 13. März“, gegenüber des Revolutionsmuseums, eine neue Statue des kubanischen Nationalhelden José Martí (Quelle: Cubadebate)

Während am heutigen Donnerstag die kubanische Hauptstadt ihr 498. Jubiläum feiert, laufen die Vorbereitungen für den kommenden runden Geburtstag bereits auf Hochtouren. Derzeit wird der historische Gründungsort in der Altstadt, welche zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, zu einem Museum ausgebaut. Auch Spielplätze und der Uferbereich im Süden der Stadt werden saniert. Havanna putzt sich heraus, nicht nur für Touristen.

Zu den wichtigsten Ankündigungen, die Stadthistoriker Eusebio Leal zu machen hatte, zählt mit Sicherheit die Sanierung von „El Templete„, dem ersten Gebäude der 1519 gegründeten Stadt. Das am „Plaza de Armas“ gelegene Haus liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der Straße „O’Reilly„. Diese bekam anlässlich des diesjährigen Jubiläums ihr historisches Eingangstor zurück. Das historische Stadttor in der „Calle O’Reilly“ wurde 1851 errichtet. 1930 wurde es im Zuge des Ausbaus der angrenzenden Uferstraße abgerissen. Bis 2019 soll im „Templete“ zudem ein neues Museum zur Stadtgeschichte eröffnen.

Das älteste Gebäude der Stadt, „El Templete“, wird derzeit zu einem Museum ausgebaut (Quelle: Cubadebate)

Bereits im Oktober dieses Jahres wurde Havanna um eine Attraktion reicher: vor dem Revolutionsmuseum steht seitdem die Replika einer fünf Meter hohen Statue des Nationalhelden José Martí. Das Original wurde im Jahr 1950 im New Yorker Central Park aufgestellt. Stadthistoriker Leal bedankte sich bei der feierlichen Einweihung beim Bürgermeister von New York sowie dem Stadtmuseum der Bronx.

Ein weiteres Projekt läuft im Norden der Altstadt. Die Festung „Castillo de La Punta“ wurde nach den Sturmschäden von Hurrikan „Irma“ aufwändig saniert. Sie eröffnete gestern zeitgleich mit dem „Palacio de los Capitanes Generales“, dem ehemaligen Sitz der spanischen Gouverneure, welcher ebenfalls renoviert wurde. Auch das nahegelegene „Castillo de la Real Fuerza“ wurde für das Jubiläum verschönert. Die Sanierung des archäologischen Museums (Calle Tacón Nr. 4) konnte ebenfalls rechtzeitig abgeschlossen werden. Drei der großen Säle haben wieder für den Publikumsverkehr geöffnet.

Doch Havanna will mit Blick auf das 500. Jubiläum nicht nur für Historiker und Touristen erstrahlen. Neben den Museen wurden mehrere Dutzend Wohngebäude im weniger sanierten Süden der Altstadt vom Büro des Stadthistorikers denkmalgerecht wiederhergestellt. Die Neuordnung des Uferbereichs im südlichen Teil der Altstadt soll indes auch Anwohnern Vorteile bringen. Eine bessere Verkehrsanbindung ist ebenso vorgesehen wie die Sanierung der umliegenden Spielplätze.

„Konzert für die Freundschaft“ der Rolling Stones in Kuba

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Kubanische Interpretation des Bandlogos der „Stones“ (Quelle: ntd.la)

Havanna. Jetzt ist es offiziell: Die britische Rockband Rolling Stones wird am 25. März in Kubas Hauptstadt Havanna ein Gratiskonzert geben. Das Musikinstitut beim kubanischen Ministerium für Kultur bestätigte, was die Gruppe am Montag auf ihrer Homepage angekündigt hatte. Das „Konzert für die Freundschaft“ wird in der Ciudad Deportiva stattfinden, einer Großanlage mit verschiedenen Stadien und Sportplätzen.

Die Nachricht verbreite sich in den Medien der Insel „mit einer Art Euphorie“ und die sozialen Netzwerke „explodieren mit der Neuigkeit, die so lange Zeit erwartet wurde“, berichtet die kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina. „Beim Erkunden immer neuer Horizonte und als echte Pioniere des Rock werden die Rolling Stones, die in jeder Ecke des Planeten aufgetreten sind, ihre hochkarätige Show und ihr unglaubliches Repertoire zum ersten Mal in der Geschichte in die Karibik bringen“, heißt es etwa in La Jiribilla, einer kubanischen Kulturzeitschrift.

Die Jugendzeitung der Kommunistischen Partei Kubas merkt an, charakteristisch für die Musik der Rolling Stones „sind ihre schlichten Melodien und einfachen Strukturen, bei denen sie nicht allzuviel Akkorde zur Begleitung rauher Songtexte einsetzen, die soziale Themen berühren. Ihrem klassischen Repertoire des Rock’n Roll haben sie in ihrer ausgedehnten Karriere verschiedenen Stile hinzugefügt, wie Country, Folk, Reggae und Tanzmusik. Sie gelten als eine der größten und einflussreichsten Bands in der Geschichte des Rock.“

Die Gruppe verbindet ihren ersten Auftritt mit einer Initiative „von Musiker zu Musiker“, und bringt von Firmen gespendete Instrumente und Equipment für kubanische Kollegen aller Genres mit. Organisiert wird das Konzert gemeinsam von der Kulturstiftung Bon Intenshon aus Curaçao und dem Kulturministerium Kubas. „Wir haben in unserer langen Laufbahn schon an vielen besonderen Orten gespielt, aber dieser Auftritt in Havanna wird ein Meilenstein für uns und wir hoffen, auch für alle unsere kubanischen Freunde sein“, heißt es in der Ankündigung der Band.

Kuba bildet den Abschluss der ersten Lateinamerika-Tournee der Stones seit zehn Jahren. Konzerte fanden bereits in Chile, Argentinien, Uruguay und Brasilien statt, vor Kuba stehen noch Peru, Kolumbien und Mexiko auf dem Programm. Wie die Pressesprecherin des kubanischen Musikinstitutes mitteilte, sollte das Konzert in Havanna zunächst am 19. März stattfinden, wurde dann aber wegen des Besuches von US-Präsident Barack Obama am 21. März verschoben.

Den ersten Kontakt habe man im Februar 2015 geknüpft, als Darryl Jones und Barryl Fowler, die die Band seit Jahren begleiten, mit den Dead Daisies in Havanna auftraten und sich als Vermittler eines Konzerts der Rolling Stones auf der sozialistischen Karibikinsel anboten. Im Oktober hatte sich deren Sänger Mick Jagger dann mehrere Tage in der kubanischen Hauptstadt aufgehalten. Seitdem wurde das Ereignis konkret geplant.

von Eva Haule / Amerika21

Die letzte Hürde

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Die Stille auf diesem Blog in den letzten Wochen hat ihre Gründe. Statt eines Artikels möchte ich als Antwort an dieser Stelle einen Auszug aus meinen persönlichen Aufzeichnungen wiedergeben.

Auf den Tag genau vor drei Monaten berührten meine Füße nach dreijähriger Abwesenheit wieder kubanischen Boden. Ich kam dieses Mal nicht nach Havanna um die Schönheit ihrer Altstadt zu bestaunen, auch sollte ich nicht mit der Cohiba im Mundwinkel die Stadtstrände genießen. Weder hatte ich Zeit zu reisen noch wohnte ich in einem der Sternehotels wie die meisten derer, die sich dieses Land zum Urlaubsdomizil erkoren haben. Ich kam in Kuba mit einem Touristenvisum an und wurde wie geplant bald Student der Universität von Havanna. Nicht einer von ihnen, doch auch kein Tourist mehr: Ein Yuma con carnét, ein Ausländer mit kubanischem Personalausweis.

Seitdem sind einige Wochen vergangen und ich habe manch unbequeme Anpassung durchmachen müssen, die den Touristen erspart bleibt, da die meisten hier nur wenige Tage völlig fern der kubanischen Realität in abgeschiedenen Hotelbunkern verbringen und über den puren Genuss hinaus nichts in diesem Land zu erledigen, keine festen Termine wahrzunehmen haben. Doch wer hier als Ausländer lebt, studiert oder arbeitet, also einen Alltag zu bestreiten hat, wird mit vielen Erfahrungen konfrontiert, auf die er sich unmöglich hätte vorbereiten können. Für mich gab es auf dem Weg in die enigmatische kubanische Lebenswirklichkeit viele Hürden zu nehmen und erst nach drei Monaten kann ich sagen, dass ich langsam angekommen bin.

Jeder der längere Zeit auf Kuba verbringt, erlebt hier einmal seine ganz persönliche Hölle. Auf dieser Insel der Extreme liegen Genie und Wahnsinn, Chaos und Ordnung, Schönheit und Tristesse so nah beieinander, sind geradezu organisch miteinander verwoben, dass es fast unmöglich scheint einen Tag zu erleben, ohne mindestens den entfernten Hauch dieser sonderbaren Antipoden zu spüren. Für mich war von Anfang an klar, dass meine Zeit auf Kuba Entbehrungen mit sich bringen würde. Die Knappheit des Internets, welches man hier zu Fuß aufsuchen muss, zählt sicher zu den schwerwiegendsten der vorausgeahnten Einbußen. Ich wusste von Beginn an, dass ich bei vielen Dingen nicht mit der aus Europa gewohnten Zuverlässigkeit rechnen können würde, manchen Kampf mit der Bürokratie zu bestehen hätte und so einige müde Stunde in einer drückend langen Warteschlange verbringen sollte. All das war von Anfang an klar und hatte mich nur einige Wochen der Gewöhnung gekostet, da ich dieses Land nicht zum ersten Mal besucht und so einige Erfahrung bereits gemacht hatte. Doch keine Erkenntnis, die hier nicht täglich aufs Neue gegen die Widrigkeiten des Alltags verteidigt werden müsste, kein Genuss ohne vorangegangenen Verzicht! Und die größte aller Prüfungen haben mir hier die Tücken des digitalen Zeitalters auferlegt, das in diesem Land noch in den Kinderschuhen steckt.

Nachdem sich mein Laptop vor wenigen Wochen aus unerfindlichen Gründen für immer verabschiedet hat, wurde mir gestern zum dritten Mal seit meiner Ankunft das Handy geklaut. Durch den Verlust meines Laptops und ohne Mobiltelefon wurde ich mit aller Wucht und quasi über Nacht zurück in die 1990er Jahre geworfen. Mit der Konnektivität ging auch, zumindest für einige Zeit, meine Fähigkeit zu arbeiten verloren und ein Gedanke beherrschte mein Bewusstsein: Ohne Laptop, ohne Smartphone, kann ich weder mein Studium noch meine journalistische Tätigkeit sinnvoll fortsetzen, bleibt mir der Zugang zum Internet so gut wie versperrt, kann ich also in der Folge mein Leben in Kuba nicht gestalten. Denn das was meiner Zeit hier Sinn gibt ist nun einmal das Schreiben, das schriftliche reflektieren für mich und für andere. Ich brauche meinen Laptop als Werkzeug zur Fixierung meiner Gedanken genauso wie ein Maler den Pinsel benötigt, um sich verständlich zu machen. Weder auf das Schreibwerkzeug Laptop noch auf das Kommunikationswerkzeug Smartphone wollte ich verzichten, zumal sich beide im Fall eines Ausfalls notfalls ersetzt hätten. Umso drastischer wirkte sich auf mich jener unvorhergesehen zeitgleiche Verlust beider Geräte aus.

Dabei habe ich in den vergangenen drei Monaten viel gelernt. Ich habe gelernt wie schön es sein kann, sich ausreichend Zeit für andere Menschen nehmen zu können, die dauernde Erreichbarkeit aufzugeben, mehr denn je im hier und jetzt zu leben. Dass man in heißen Novembernächten dünn bekleidet auf der Terrasse sitzend eine H.Upmann rauchen und ein melancholisches Gefühl für den ausbleibenden Herbst empfinden kann. Ich habe auch gelernt, dass das Eröffnen einer kubanischen Handynummer Vierzig Dollar kostet und dem bürokratischen Aufwand nach eher dem Erwerb einer Eigentumswohnung gleicht, dass eine defekte Klospülung, ein mehrstündiger Stromausfall oder ein sich um Vierzig Minuten verspätender Bus noch lange keine echte Beeinträchtigung des Alltags darstellen, dass man auf die wirklich guten Dinge manchmal lange warten muss, dass man auch ohne Genuss satt werden kann und dass eiskaltes Wasser für so manch unfreiwilligen Spaziergang durch die schwüle Nachmittagshitze entschädigt. Ich habe gelernt früh aufzustehen um den Öffnungszeiten der Büros und Banken gerecht zu werden, die Coppelia nur nach Sonnenuntergang aufzusuchen um der täglichen Schlange zu entgehen, immer einen Peso für den Bus griffbereit in der Hosentasche zu verstauen, mit Taxifahrern spätnachts um den letzten Groschen für die Heimkehr zu verhandeln und am Malecón den traurigen Geschichten von verlorener Liebe und zerstörten Illusionen zu lauschen. Auch habe ich gelernt nicht alles für bare Münze zu nehmen was hier erzählt wird, keine Scheu vor fremden Menschen zu kennen und dennoch kein allzu großes Vertrauen in jene zu setzen, nur das nötigste mit nach draußen zu nehmen, Nachts auf der Mitte der dunklen Straße zu gehen und alles was mir lieb und teuer ist sicher zu verwahren.

Trotz all dieser Lektionen die mich Kuba in den vergangenen drei Monaten gelehrt hat, hatte ich die wichtigste bis heute noch nicht begriffen. Denn in eben jenen Momenten, in denen mich dieses Land in meiner notwendigen Anpassung zurückwarf, versuchte ich unentwegt gegenzuhalten. Wie ein Ruderer auf stürmischer See kämpfte ich immer wieder und mit aller Kraft gegen die mir in den Weg geworfenen Entbehrungen an und war versucht meinen Weg zurück ins 21. Jahrhundert zu bahnen. Dieser Kampf war es, der mich in den vergangenen Wochen viel Energie und vor allem Zeit gekostet hat. Als eines Nachts mein erstes Smartphone auf dem Heimweg geklaut wurde, besorgte ich mir keine zwei Tage später ein neues, in der Hoffnung, dass sich dieser Fall nicht mehr wiederholen würde. Doch der überfüllte Bus der Linie P9 lehrte mich wenig später, dass weder Zufall noch Glück auf meiner Seite zu stehen scheinen wenn es um den Erhalt meiner digitalen Helfer geht. Ich wollte unter keinen Umständen auf die angenehmen Vorzüge eines Smartphones verzichten, weder auf das immer griffbereite Wörterbuch, noch auf die BBC-App oder das umfangreiche Kartenmaterial, welches gerade in der ersten Zeit in Havanna für mich so bitter notwendig war. Einmal mehr beschloss ich also Einhundertfünfzig konvertible Pesos sowie einige Stunden meiner Zeit für das exakt gleiche Gerät auszugeben, das mir nun gestern abermals entwendet wurde.

Wo ich in den vorangegangenen Malen noch davon ausging, dass nur eine seltene Verquickung ungünstiger Umstände zum Verlust dieser Geräte hatte führen können, ist mir mittlerweile klar, dass mein Fehler ein systematischer war: Wer ein gutes Smartphone sein eigen nennt, geht damit Nachts nicht aus dem Haus. Der Luxus des Alkoholgenusses schließt den Luxus der Sicherheit aus. In Deutschland gewohnte Verhaltensmuster, wo Fremde nur selten wegen des Handys auf der Straße überfallen werden weil nur die wenigsten eine Verhaftung für ein gebrauchtes Mobiltelefon riskieren würden, scheitern an der kubanischen Realität.

Noch vor wenigen Tagen war ich darüber erstaunt, dass ein Bekannter der seit mehr als zehn Jahren hier als Journalist lebt und arbeitet, nur mit einem äußerst betagten und wertlosen monochrom-Handy durch die Straßen Havannas zieht, wo er doch von Berufs wegen ungern auf die komfortablen Funktionen eines modernen Mobiltelefons verzichten müsste. Das erinnerte mich an die Zeit meiner ersten Kubareise, 2009, als sogar in Havanna noch die wenigsten ein Handy besaßen. Im Vergleich dazu prägen Mobiltelefone heute das Straßenbild wie niemals zuvor und es ist kein Geheimnis, dass einige Kubaner ihr letzes Geld darauf verwenden sich ein modernes Smartphone zuzulegen welches sie sich eigentlich nicht leisten könnten, dessen Anschaffung jedoch mit einem gewissen Prestigegewinn verbunden ist. Und obschon nur ein Bruchteil des Funktionsumfangs moderner Smartphones auf Kuba praktisch nutzbar ist verleihen die horrenden Preise und die schiere Knappheit der Unterhaltungselektronik hierzulande eine besondere Fetischfunktion, die sie zur begehrten Ware und damit anfällig für Diebstähle jeglicher Art macht. In blinder Ignoranz dieser gefährlichen Begierden beharrte ich auf meiner Idee, den von zu Hause gewohnten Technisierungsgrad hier erhalten zu wollen, die Tatsache ignorierend, dass diese Denkweise notwendigerweise scheitern muss. Um nicht beklaut zu werden reicht es nicht, so zu tun, als besäße man wenig. Die Lösung muss sein, sich von jeglichem überflüssigen Besitz tatsächlich zu trennen und in letzter Konsequenz auch den Wunsch danach auszutilgen.

In Unkenntnis dieser Realitäten entschloss ich mich vor drei Monaten ebenfalls mein MacBook nach Kuba mitzunehmen um mir das Geld für einen billigen Zweitrechner zu sparen, in der Hoffnung, ein solches Gerät ließe sich hier genauso problemlos nutzen wie zu Hause. Es ist wahr, dass ich in diesem Falle dem Diebstahl und jeder offensichtlichen Beschädigung erfolgreich aus dem Weg gehen konnte – doch das allein war unzureichend, wie sich später herausstellen sollte. Über die Ursachen des plötzlichen und irreparablen Totalausfalls lässt sich nur spekulieren, doch immerhin gibt es zahlreiche Anhaltspunkte: Größere Spannungsschwankungen im Stromnetz sowie die fehlende Erdung der Steckdosen machen vielen elektronischen Geräten hier zu schaffen und haben schon so manchem Laptop den Akku gekostet. Und was die unbeständige Stromzufuhr nicht schafft, das besorgen Luftfeuchtigkeit und Hitze im Laufe der Zeit. Wenn dann das Unglück passiert ist, greift die Regel des umgekehrten Warenfetischs: Die gewöhnlichsten, billigsten, ältesten Geräte haben die größten Reparaturchancen, während es in ganz Kuba nur eine Handvoll Leute gibt, die unter großen Mühen die wenigen MacBooks des Landes am Laufen erhalten. Je teurer und ausgefallener ein Gerät, desto seltener ist es anzutreffen – und je seltener man hier ein Gerät antreffen kann, desto schwieriger und teurer seine Reparatur, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines irreparablen Defekts oder eines Diebstahls. Nur die billigsten, gewöhnlichsten, einfachsten Geräte überleben hier längere Zeit ohne irreparabel beschädigt oder geklaut werden zu können.

Nachdem ich diese für mich bittere Erkenntnis verdaut hatte war es an der Zeit, die Konsequenzen zu ziehen und meine geschätzten elektronischen Werkzeuge auf spartanischeres Niveau zurechtzustutzen. Statt eines MacBooks benutze ich einen gebrauchten Asus-Laptop, statt eines Smartphones ein zehn Jahre altes Nokia-Blockhandy. Die größten Herausforderungen in Kuba bestanden für mich nicht im Erlernen des Spanischen und auch nicht in der Umstellung meines Magens auf Reis und Bohnen. Weder das Klima noch das Transportsystem stellten mich vor unlösbare Schwierigkeiten, von Krankheiten und Unfällen wurde ich bisher verschont. Mein größtes Problem, meine persönliche Hölle, das war die völlige Aufgabe eines mir so vertraut gewordenen digitalen und vernetzten Lebensstils, der meine Generation in den letzten Jahren stärker geprägt hat, als wir uns selbst jemals eingestehen würden. Erst wenn wir akzeptieren, dass das Internet hier noch ein rar gesätes und von Unzulänglichkeiten geprägtes Luxusprodukt ist, wenn wir die häufigen Verbindungsprobleme weglächeln und den gewohnten Komfort eines Hausanschlusses vergessen während wir zusammen mit dutzenden anderen am Straßenrand sitzen und versuchen eine Website zu öffnen, erst wenn wir die Abwesenheit der Elektronikmärkte samt Herstellergarantien und Kundendiensten verschmerzen können und bereit sind für eine Handynummer frühmorgens Schlange zu stehen, kurz: wenn wir unsere Gewohnheiten ablegen und die kubanische Realität als die unsrige zu akzeptieren lernen – erst dann sind wir in der Wirklichkeit dieses faszinierenden Landes angelangt, haben die letzte Hürde genommen.

Havannas erster WiFi-Hotspot mit kostenlosem Internetzugang

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Vor den Eingangstoren zum „Kcho Estudio“ im Barrio Romerillo, Playa (Quelle: am.com.mx)

In Havanna eröffnete vor kurzem der erste kostenlose und öffentliche Internetzugangspunkt Kubas. Nach Berichten der Washington Post begann der Betrieb des WiFi-Hotspots vor wenigen Wochen in einem Kulturzentrum des Stadtteils Playa. Dutzende Kubaner pilgern seitdem regelmäßig dorthin, um den freien Zugang zum weltweiten Netz zu nutzen. Der Künstler Alexis Leyva hatte zuvor von der staatlichen Telekom ETECSA die Genehmigung erhalten, seinen privaten Anschluss öffentlich zugänglich zu machen.

„Ich komme so oft ich kann“, sagte ein 20-jähriger Kubaner gegenüber der Zeitung. Er nutzt den Zugangspunkt vor allem zur Videotelefonie mit seinem Vater, der in den Vereinigten Staaten lebt. Facebook, Google und Yahoo gehören zu den beliebtesten Seiten. Die Leitungskapazität von lediglich 2 Mbps wird tagsüber von dutzenden Nutzern gleichzeitig beansprucht, was die Verbindung oftmals quälend langsam werden lässt. Dennoch erfreut sich der Hotspot großer Beliebtheit, auch weil er 24 Stunden am Tag verfügbar ist. Manche Kubaner nutzen daher die Nachtstunden, um in den Genuss einer schnelleren Verbindung zu gelangen.

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Viele Gäste gehen mit ihren Smartphones oder Tablets online (Quelle: Miami Herald)

„Das ist eine ungewöhnliche Sache, und sie ist nur möglich durch die Bereitschaft so zu handeln und auch die Kosten zu tragen“, sagte Layva, der unter dem Künstlernamen „Kcho“ bekannt ist. Er betreibt die Kunstgallerie, in der die Habaneros zum freien surfen und verweilen eingeladen sind. Eine Wand am Eingang des Gebäudes gibt das Passwort des Netzwerks bekannt: „aquinoserindenadie“, in Anspielung auf die berühmten Worte des Comandante Juan Almeida aus dem Jahr 1956: „Hier ergibt sich niemand!“ Fidel Castro besuchte die Eröffnungsfeier der Einrichtung bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Januar 2014.

Das einzigartige Projekt ist für Kuba absolutes Neuland und könnte als Versuchsballon für den weiteren Ausbau des Internets auf der Insel dienen. Netzzugang gibt es bisher nur an wenigen staatlichen Arbeitsplätzen und Bildungseinrichtungen, während Privatanschlüsse Berufsgruppen wie Ärzten, Künstlern und Journalisten vorbehalten sind. Öffentlicher Internetzugang kostet in den 155 staatlichen Internetcafés 4,50 US$ pro Stunde, was etwa einem Viertel des durchschnittlichen Monatsgehalts entspricht. Den meisten bleiben daher nur die offline verfügbaren Inhalte auf USB-Sticks, die in wöchentlich aktualisierter Form getauscht werden.

Kubas Regierung hat in den vergangenen Monaten mehrfach angekündigt, den Internetzugang auf der Insel ausbauen zu wollen. Für dieses Jahr plant ETECSA die Anzahl der Internetcafés landesweit zu verdoppeln. Das Unternehmen will dabei verstärkt auf WiFi-Hotspots setzen, zu den langfristigen Plänen gehören auch Privatanschlüsse. Kubas erster Vizepräsident Miguel Díaz-Canel forderte zuletzt auf einem Informatikkongress im Januar, das Internet müsse „verfügbar, erreichbar und für alle erschwinglich“ gemacht werden.

Dritte Gesprächsrunde Kuba-EU beendet

Kubas Vizeaußenminister Abelardo Moreno und Christian Leffler, zuständiger Direktor der EU für Beziehungen zu Nord-und Südamerika

Kubas Vizeaußenminister Abelardo Moreno und Christian Leffler, zuständiger Direktor der EU für Beziehungen zu Nord-und Südamerika und Chefunterhändler (Quelle: Cubadebate)

Havanna. In der kubanischen Hauptstadt haben erneut Gespräche zwischen der Europäischen Union (EU) und Kuba stattgefunden. Vertreter der EU waren am vergangenen Mittwoch für zweitägige Gespräche in Havanna eingetroffen, um einen zukünftigen Vertrag über politischen Dialog und Zusammenarbeit mit dem Karibikstaat zu erarbeiten. Das Treffen markierte die dritte Gesprächsrunde seit der Wiederaufnahme des Dialogs mit Kuba im April 2014.

Beide Seiten hoben den konstruktiven Dialog hervor, bei dem auch Fragen wie Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit diskutiert wurden. Insbesondere bei der Zusammenarbeit auf den Gebieten Kultur, Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft seien Fortschritte erzielt worden, betonte Kubas Vizeaußenminister Abelardo Moreno. Man sei substanziell weitergekommen bei den rechtlichen und technischen Bestimmungen der Zusammenarbeit, sagte Christian Leffler, zuständiger Direktor der EU für Beziehungen zu Nord-und Südamerika.

Die Verhandlungen waren die ersten zwischen der EU und Kuba, seitdem das Land vergangenen Dezember den Dialog mit den USA wieder aufgenommen hat. Das ursprünglich für Januar angesetzte Treffen wurde von den Kubanern mehrfach verschoben.

Bei den Gesprächen ging es auch darum, den „Gemeinsamen Standpunkt“ der EU von 1996 abzulösen, der die Beziehung mit dem sozialistischen Staat an politische Bedingungen knüpft. Dieses von der damaligen rechtskonservativen Regierung Spaniens durchgesetzte Dokument verlangt einen „Regimewechsel“ in Kuba. In den vergangenen Jahren kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen unter den Mitgliedsstaaten der EU, weil dieser „Gemeinsame Standpunkt“ gegenüber Kuba, der ein Einzelfall in den Außenbeziehungen Brüssels ist, nur einstimmig abgeschafft werden kann. Eine kleine Staatengruppe um die CDU-geführte deutsche Bundesregierung hatte sich immer gegen diesen Schritt gewandt. In den vergangenen Jahren haben jedoch bereits 14 Staaten der EU bilaterale Abkommen mit Kuba abgeschlossen.

Frankreichs Präsident François Hollande hat bereits für den 11. Mai einen Staatsbesuch in Kuba angekündigt. Es wäre der erste Besuch eines französischen Präsidenten auf der sozialistischen Insel. Die Lockerungen des US-Embargos könnten europäische Unternehmen bald der Konkurrenz durch die Vereinigten Staaten aussetzen, kommentierte die französische Zeitung „Le Monde“ die Ankündigung aus dem Élysée-Palast.

Die französische Unternehmerschaft habe großes Interesse, sich an den Geschäfts-und Investionsmöglichkeiten in Kuba zu beteiligen, betonte Frankreichs Staatsminister für Außenhandel, Matthias Fekl, bei einer Pressekonferenz am Samstag in Havanna. Auf der „Basis von Respekt und Zusammenarbeit“ wolle Frankreich „Kuba in dieser Etappe der Aktualisierung seines ökonomischen Modells begleiten“. Dies käme der Entwicklung des Karibikstaates sowie der Diversifizierung seiner Beziehungen zum Ausland zugute, so Fekl.

Auch Spanien will seine Präsenz auf Kuba verstärken. Der Staatssekretär für Handel, Jaime García-Legaz, wird zusammen mit einer Unternehmerdelegation Mitte April nach Havanna reisen, um die Möglichkeiten für eine weitere Unterstützung spanischer Firmen auf der Insel auszuloten.

Mit harscher Kritik reagierte indes die spanische Regierung auf den Besuch des früheren Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero (2004–2011) Ende Februar in Kuba. Er war dort auch von Präsident Raúl Castro empfangen worden. Der Außenminister der konservativen Regierung in Madrid, José Manuel García-Margallo, warf Zapatero mangelnde Loyalität gegenüber der Außenpolitik seines Landes vor. Zapatero hielt dagegen, er versuche immer „im Interesse Spaniens“ zu handeln. In Havanna war der frühere Regierungschef auch mit Kubas Außenminister Bruno Rodríguez und dem Minister für Außenhandel, Antonio Carricarte, zusammengetroffen.

von Marcel Kunzmann / Amerika21

Kubas Fernsehen bietet Raum für Satire

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„Noch vor zehn Jahren war so etwas undenkbar“ – Luis Silva in seiner Figur des Rentners Panfilo (Quelle: Cubahora)

Bereits seit einigen Jahren sorgt die kubanische Comedysendung „Vivir del Cuento“ (in etwa: Überleben durch Köpfchen) für Abwechslung im Programm des staatlichen Fernsehens. Jeden Montagabend nimmt der Komiker Luis Silva darin in Form des kauzigen Rentners Panfilo den kubanischen Alltag in all seinen Facetten aufs Korn. Zwar veröffentlicht Kuba keine Zahlen zu den Einschaltquoten, doch gilt die Sendung als erfolgreichste Satiresendung im kubanischen Fernsehen.

Hinter dem Erfolg des Formats steckt vor allem seine Nähe zum täglichen Leben vieler Menschen auf der Insel: In einem Sketch will Panfillo seine kaputte Wasserleitung reparieren. Als der staatliche Klemptner ankündigt, dass die Reparatur mindestens sechs Monate dauern werde, besticht ihn Panfillo mit einer Flasche Shampoo. Am nächsten Tag taucht der Klemptner wieder auf: Mit frisch gemachten Haaren und einem Haufen gestohlener Ersatzteile. Das Publikum bricht in Lachen aus.

Es sind Szenen wie diese, über die noch Tage später auf der Straße gesprochen wird, weil sie den Absurditäten des kubanischen Alltags Raum geben. „Die Leute atmen mit Vivir del cuento“ sagte Silvo in einem Interview mit den kubanischen Nachrichten. Der Komiker tritt derweil nicht nur im staatlichen Fernsehen, sondern auch auf den Theaterbühnen des Landes auf. Ein Ticket für die gut besuchten Veranstaltungen kostet 20 Pesos. „Er spricht mit Humor über die soziale Realität in unserem Land. Er versteckt nichts. Er bringt uns zum nachdenken und ich hoffe dass er auch die Regierenden in diesem Land zum nachdenken bringt“, beschreibt die Lehrerin Yahima Morales sein Programm.

Die teils derbe Kritik an der allgegenwärtigen Korruption in Kuba wird von der Regierung geduldet. Silvas Programm wird allwöchentlich im Staatsfernsehen übertragen, obwohl die Satiresendung in den letzten Jahren immer bissiger und direkter wurde. In einem neueren Beitrag bringt Panfillo seiner Schwester in Miami einen Leib kubanisches Brot mit. Als er vom Zoll kontrolliert wird, finden die US-Beamten zwar nichts verdächtiges, konnten alledings nicht glauben, dass es sich bei dem Geschenk wirklich um Brot handeln soll. „Wie soll ich diesem Kerl erklären, dass wir das Zeug tatsächlich essen?“, fragt Panfillo, bevor das Publikum in schallendes Gelächter ausbricht.

„Noch vor zehn Jahren war so etwas undenkbar. Das Fernsehen hat diese komplizierten Themen der kubanischen Gesellschaft nicht behandelt“, sagt Carlos Gonzalo, der ebenfalls als Komiker arbeitet. Doch wo liegen die Einschränkungen der kubanischen Satire? „Es gibt eine Grenze, die bei den Namen Fidel Castro und Raúl Castro beginnt“, sagte der kubanische Satiriker Alejandro Garcia der Nachrichtenagentur AP. Er fügte jedoch hinzu, dass er die beiden Revolutionäre nicht aus Angst vor der Zensur, sondern aus Respekt vor ihren Leistungen von der Satire verschone.

Die Sendung von Luis Silva bildet nur den jüngsten Höhepunkt einer Comedywelle, die gerade durch Kuba geht. Zahlreiche Entertainer, Kabaretisten und Stand-up Comedians haben in den letzten Jahren Verträge beim „Zentrum für Humorförderung“ bekommen, der zuständigen Institution beim kubanischen Kulturministerium. Ihre Auftritte finden auf den Theater- und Fernsehbühnen des Landes bisher ohne Einschränkungen statt. Ist dies der Beginn einer weiteren Welle der kulturpolitischen Liberalisierung in Kuba?

Einiges spricht dafür. So wurde jüngst der oppositionellen Bloggerin Yoani Sánchez erstmals eine offizielle Presseakreditierung für das Festival des Lateinamerikanischen Films in Havanna erteilt. Ihr alternatives Internetmedium „14yMedio“ wird von staatlicher Seite inzwischen geduldet, während der Informationsfluss innerhalb Kubas durch die Verbreitung von USB-Sticks in den letzten Jahren wahrhaftig revolutioniert wurde. Der Berater des Präsidenten Raúl Castro, Ex-Kulturminister Abel Prieto, forderte jüngst einen verstärkten Ausbau des Internetzugangs auf der Insel.

Als gestern in Kuba der internationale Tag der Menschenrechte gewürdigt wurde, bot das Land seinen Einwohnern mehr kulturpolitische Freiräume denn je. Die Debatten auf den Versammlungen der kubanischen Journalisten und Kulturschaffendenverbände in den vergangenen zwei Jahren beginnen bereits ihre Spuren zu hinterlassen. Wie in anderen Gebieten werden auch bei der Kulturpolitik alte Haltungen überprüft und frische Ideen vorsichtig ausgetestet. Welchen Weg Kuba letztendlich einschlagen wird, kann vielleicht in Zukunft das neue Mediengesetz zeigen, das in den kommenden Jahren erarbeitet werden soll.