Auf dem Weg in die Informationsgesellschaft

Kubas Telekommunikationsversorger will noch in diesem Jahr mobiles Internet anbieten (Quelle: Cubadebate)

Havanna/Genf. Kuba will die Digitalisierung des Landes massiv vorantreiben. Im Rahmen des Kongresses Informática 2018 treffen seit Anfang der Woche zahlreiche kubanische und internationale Experten in Havanna zusammen, um über die nächsten Schritte auf dem Weg zur Informationsgesellschaft zu beraten. Neben dem flächenmäßigen Ausbau des Internetzugangs standen dabei auch Themen wie E-Governance, E-Learning, freie Software, mobiles Internet und Digitalfernsehen auf der Agenda. Firmen unter anderem aus Japan und China stellen ihre Produkte vor.

Mayra Arevich, Chefin der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft Etecsa, gab am Montag auf dem Kongress einen Überblick über den Stand des Internetausbaus auf der Insel. Demnach gibt es derzeit 1.651 öffentliche Zugangspunkte, davon 673 Wifi-Hotspots, 207 staatliche Internetcafés und 771 Zugänge in Hotels und Postbüros. Bis Ende 2017 hatten sich mehr als 5,3 Millionen Nutzer beim Internetversorger registriert, darüber hinaus wurden 27 Millionen Zugangskarten zum Preis von einem CUC (konvertibler Peso, entspricht rund 81 Euro-Cent) pro Stunde verkauft.

Auch beim Ausbau der Privatanschlüsse gibt es Fortschritte zu verzeichnen. Nach dem erfolgreichen Ende der Pilotphase im letzten Herbst wurden im Rahmen von „Nauta hogar“ bereits mehr als 27.000 kubanische Haushalte ans weltweite Netz angeschlossen, davon 12.700 allein in diesem Jahr. 95 Prozent der Kunden nutzen den günstigsten Tarif mit einem MBit Downstream (entspricht DSL 1.000), der für 15 CUC im Monat angeboten wird. Dieses Jahr sollen weitere 52.000 private Internetanschlüsse sowie 150 neue Wifi-Hotspots hinzukommen.

Als weiteres Ziel nannte Etecsa den Ausbau des mobilen Internets. „Havanna verfügt heute bereits über vollständige 3G-Abdeckung, derzeit wird in anderen Regionen daran gearbeitet zunächst 47 Prozent der Landesfläche damit zu versorgen“, sagte Arevich. Das neue Angebot wird in der ersten Jahreshälfte starten, Informationen zu den Tarifen liegen noch nicht vor. Bis zum Jahr 2020 soll mindestens jeder zweite kubanische Haushalt mit Internet versorgt sein.

Kuba will sich im Rahmen seiner Digitalisierungsstrategie jedoch nicht allein auf den Ausbau des Internetzugangs beschränken, sondern auch eigene Softwaredienstleistungen aufbauen. So werden seit vergangenem Jahr chinesische Laptops nach dem Baukastenprinzip auf der Insel hergestellt, die mit der heimischen Linux-Distribution Nova ausgestattet sind. Staatliche Institutionen wie Banken, der Zoll sowie Bildungs- und Kultureinrichtungen entwickeln verstärkt eigene Handy-Applikationen. Viele Behördengänge sollen künftig durch digitale Angebote vereinfacht werden oder entfallen, ein entsprechendes Pilotprojekt läuft dazu in der Provinz Pinar del Río. Eine von der Universität Camagüey entwickelte Software zur Verwaltung von Kulturerbestätten wurde jüngst auf dem WSIS, dem Weltgipfel zur Informationsgesellschaft ausgezeichnet, der jedes Jahr von den Vereinten Nationen in Genf abgehalten wird. Kuba war in den vergangenen Jahren bereits mehrfach für Softwareentwicklungen ausgezeichnet worden.

Auch im Bankensektor soll angesichts der bevorstehenden Währungsreform die Digitalisierung vorangetrieben werden. Im Rahmen der E-Governance-Initiative will die Regierung bargeldloses Bezahlen mittels EC-Karten und Handy-Apps weiter verbreiten. Derzeit stehen den rund vier Millionen Kartenbesitzern lediglich 936 Geldautomaten zu Verfügung, deren Zahl soll jährlich um rund ein Fünftel zulegen.

Die Anfänge von Netzwerken und Internet in Kuba reichen zurück bis ins Jahr 1983: Via Satellitenverbindung nach Moskau hing Kuba am dortigen IASnet. Im selben Jahr wurde das kubanische Netzwerkinstitut Cenia und 1987 die Jugendcomputerklubs gegründet, die zu einer gleichmäßigen Verbreitung von PC- und Internetkenntnissen auf der Insel führen solllten. Bis Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich Kuba zu einer der „führenden Kräfte des Netzwerkens in der Karibik“, bestätigt der US-amerikanische Informatiker Larry Page. Die US-Blockade verhinderte jedoch den Anschluss an die Unterseekabel in der Karibik. Kuba war auf teure Satellitenverbindungen angewiesen, die über geringe Bandbreite verfügten und verlor zunehmend den Anschluss an die weltweite Entwicklung. In den 2000er Jahren konzentrierte das Land sich vor allem auf den Ausbau des eigenen Intranets, das mit dem „EcuRed“ über eine eigene Enzyklopädie mit über 100.000 Artikeln verfügt. Der Ausbau des Zugangs zum Internet stagnierte jedoch, und die hohen Preise machten es für die meisten Kubaner unerschwinglich.

Das änderte sich nach der erfolgreichen Inbetriebnahme des venezolanischen Unterseekabels Alba-1 im Jahr 2014. Kuba konnte seinen Zugang zum weltweiten Netz seitdem deutlich verbreitern. Seit 2015 gibt es auf der Insel eine Berufsvereinigung für Informatiker, im Februar 2017 verabschiedete die Regierung ein langfristiges Programm zur Digitalisierung der Gesellschaft.

von Marcel Kunzmann / Amerika21

Umstruktuerierungen im kubanischen Internet?

Nach der im Januar erfolgten Inbetriebnahme des venezolanischen Glasfaserkabels „Alba-1“, welches Kuba erstmals auf terrestrischem Wege mit dem Internet verbindet und eine deutliche Erweiterung der Kapazitäten des Landes verspricht, sind in den vergangenen Tagen einige offizielle kubanische Internetseiten nicht mehr oder nur noch zeitweise erreichbar, beispielsweise die Website der nationalen Statistikbehörde ONE, die kubanische Internetenzyklopädie Ecured sowie die Website der Nachrichtenagentur ACN.

Zumindest bei Ecured, das wieder in Betrieb scheint, erschien eine Meldung die Wartungsarbeiten ankündigte. Ein so weitgehender „Ausfall“ dieser wichtigen Anlaufpunkte des kubanischen Internets ist nach meinen Beobachtungen ein Novum und könnte in einem größerem Zusammenhang mit einer Modernisierung der Internetinfrastruktur einhergehen. Möglicherweise werden die Seiten auf andere Server oder Knotenpunkte umgelagert, um schnellere Anbindung zu ermöglichen – oder gar einer generellen Modernisierung unterzogen, die die neue Internetverbindung jetzt möglich macht.

Was auch immer die Ursache dafür sein mag: Es tut sich was, im kubanischen Internet – und die kürzliche Aufschaltung des Glasfaserkabels hat daran sicherlich ihren Anteil.

Update 18.02: Seit heute scheint die Juventud Rebelde eine leicht modernisierte Website erhalten zu haben, was für meine These spricht. Viel hat sich zwar nicht geändert (Das Banner auf der Startseite ist verschwunden), aber immerhin. Ecured funktioniert auch weiterhin nicht:

Ecured-Wartungsarbeiten

„Latina-Press“ und das „mysteriöse“ Unterseekabel

Nachdem die Inbetriebnahme des Unterseekabels aus Venezuela, welches seit kurzem Kuba mit Telefon- und Internetverbindungen versorgt nicht nur von zahlreichen Medien gemeldet, sondern auch noch offiziell bestätigt wurde, ließ es sich die reaktionäre Nachrichtenagentur mit Schwerpunkt auf Lateinamerika, „Latina-Press„, nicht nehmen, ebenfalls eine Meldung zu diesem Thema zu verfassen. Darin heißt es allerdings:

“Die Tatsache, dass die Latenzen nach Kuba von vielen Orten auf der ganzen Welt unter 480ms [Millisekunden] im Mittel gesunken sind, lässt darauf schließen, dass der Internetverkehr nicht mehr vollständig über Satellit abgewickelt wird. Die Verzögerung beim Senden von Datenpaketen aus Kuba könnte daran liegen, dass eine mögliche Zensur-Firewall vorgeschaltet wurde”, so Madory.

So wird Doug Madory zitiert, der Experte von „Renesys“, welche die Messung vorgenommen haben. Abgesehen davon, dass sich in dem entsprechenden Artikel dieses Zitat nicht finden lässt (dort heißt es im Original lediglich: The fact that the latencies to Cuba from many locations around the world have dropped below 480ms means that the new Telefonica service cannot be entirely via satellite. However, if it were solely via submarine cables, we would expect latencies from many nearby countries to be less than 50ms.), hat Madory selbst zu den Gerüchten einer möglicherweise vorgeschalteten Zensur Stellung bezogen. Auf die Frage eines Kommentators, ob die festgestellten hohen Latenzzeiten möglicherweise auf eine Zensurfirewall wie in China deuten, antwortete er:

This is a very good theory. However, I suspect this is not the case. In countries where we see latencies are impacted by censorship regimes, we often see a diurnal pattern in latencies. This is due to traffic slowing during busy times when everyone is awake and using the Internet, and the censorship software is struggling to keep up.

When looking at the distributions of these latencies over time, I see no diurnal pattern and instead see what appears to be a hard floor that latencies cannot go below. This suggests some physical factor that can never be overcome. As stated in the blog, the latency distribution appears very similar to cases of asymmetric satellite we have observed in the past.

Thanks for the question!
(Hervorhebungen durch Autor).

Wider besseren Wissens wurde diese Passage von „Latina-Press“ bewusst ignoriert. Um das bisherige noch einmal zusammen zu fassen: Die hohen gemessenen Latenzzeiten (also die Signalverzögerung, bis ein Internetstrom Kuba erreicht bzw. verlässt) wurden als Anlass für Spekulationen für die Existenz einer möglichen Zensur-Firewall nach chinesischem Vorbild genutzt. Madory zu Folge gebe es hierfür jedoch keine technischen Indizien. Zudem wurde festgestellt, dass das Kabel wohl nur in eine Richtung genutzt wird, nämlich in die Empfangsrichtung. Das war der letzte Stand am 21. Januar, als die Latina-Press Meldung erschien. Tags darauf änderten sich die Dinge noch einmals grundsätzlich, als „Renesys“ die volle Inbetriebnahme des Kabels feststellte:

At 180-220ms, these paths suggest a pure terrestrial solution, based on subsea and overland cables — the traditional Internet that nearly everyone else on earth enjoys. Almost immediately, we started getting reports from Havana that delays for Internet traffic were dropping perceptibly, as the new routing policy kicked in.
What happened here? We speculate that Cuban network operators changed their routing policy to make the ALBA-1 cable the default path for all outbound traffic from certain Cuban networks.

Mit Latenzzeiten von nunmehr 180-220ms scheint nun eine „gewöhnliche“ bidirektionale Verbindung hergestellt worden zu sein, d.h. das Kabel wird nicht in der Empfangs-, sondern auch in der Senderichtung genutzt. Die vagen Vermutungen von einer wie auch immer gearteten „Zensur-Firewall“ haben sich damit endgültig zerstreut, während „Latina-Press“ die Meldung unbearbeitet ließ.

Was führt uns dieses Beispiel vor Augen? Selbst technische Einzelheiten können Anlass zu wildester Spekulation bei einem so heißen Thema wie Internet in Kuba sein. Während die kubanischen Techniker offenbar einfach noch nicht fertig mit der Aufschaltung des Kabels waren, entbrannten bereits Gerüchte über die mögliche Zensur durch die kubanischen Behörden. Ein voreiliger Fehlschluss, wie sich herausgestellt hat. Dennoch darf man weiterhin gespannt auf die künftige Verwendung der neu gewonnenen Bandbreite sein.

Kuba ist endlich im Internet angekommen

Messung des Datenverkehrs durch „renesys“. Der dunkelgraue „Telefonica“-Anteil ist dem Unterseekabel zuzuordnen.

Seit Januar dieses Jahres scheint Kuba endlich im Internetzeitalter angekommen zu sein. Die Experten von „renesys“ haben seit letzter Woche eine deutliche Zunahme des Internetverkehrs durch das Unterseekabel mit Venezuela und eine Verbesserung der Bandbreite und der Latenz messen können, was auf die endgültige Aktivierung des seit 2011 fertig installierten ALBA-Projekts schließen lässt. Das Kabel war bereits seit 2007 in Planung und konnte aufgrund verschiedener Korruptionsskandale und technischer Schwierigkeiten erst im Frühjahr des Jahres 2011 fertiggestellt werden.

Bisher ist Kuba noch hauptsächlich über langsame und teure Satellitenverbindungen mit dem Rest der Welt verbunden, da das Land aufgrund des US-Embargos keines der bestehenden Unterseekabel nutzen darf. Interessant bei der Aktivierung des Kabels ist allerdings, dass die Download-Bandbreite um ein vielfaches höher ist als die Bandbreite für den Upload, was laut „renesys“ entweder auf technische Schwierigkeiten oder eine bewusste Designentscheidung schließen lässt. Diese würde auch durchaus Sinn machen, schließlich braucht Kuba derzeit vor allem Input von der Außenwelt in Form von Software und Informationen, weswegen wohl der Empfangsrichtung Priorität eingeräumt wird.

Aufkommende Gerüchte über Zensurmaßnahmen fehlt dabei jede Glaubwürdigkeit, da den Experten zu Folge keine technischen Indizien hierfür gefunden werden konnten. Die Aufschaltung des Kabels kommt dabei wohl nicht ganz zufällig zeitnah zu den neuen Reisegesetzen, möglicherweise will sich die Regierung durch diese Maßnahmen erst einmal Luft und Spielraum für weitere ökonomische Anpassungen in diesem Jahr verschaffen. Dazu passt auch, dass seit Sonntag der venezolanische Fernsehsender „Telesur“ auf der Insel sendet und damit zum ersten Mal seit der Revolution ausländisches Fernsehen in Kuba legal empfangbar ist. Anhand der Reaktionen aus dem In- und Ausland auf die Neuerungen wird auch eines ersichtlich: Die PCC hat offenbar wieder Oberwasser.

Update (24.01): Inzwischen wurde die volle Bandbreite des Kabels in beide Richtungen aktiviert.