Mehr als 300 neue Kooperativen in Kuba

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Die Textilfabrik „COOPTEX“, erfolgreiches Beispiel für die neuen Kooperativen, die in Kuba derzeit entstehen (Quelle: Cubadebate).

Seit Sommer vergangenen Jahres sind in Kuba 314 neue Kooperativen außerhalb der Landwirtschaft entstanden. Damals wurde die Gründung von 498 Kooperativen in diversen Sektoren als Pilotprojekt beschlossen, das in den kommenden Jahren im ganzen Land Schule machen soll. Über die Hälfte von ihnen hat ihren Sitz in Havanna, der Rest verteilt sich auf die übrigen Provinzen des Landes. Nach Angaben kubanischer Ökonomen hat bisher kein anderes Land in einem solchen Maßstab staatliches in genossenschaftliches Eigentum überführt.

Kooperativen genießen Vorrang

Die Kooperativen arbeiten auf Basis eines 2012 beschlossenen Gesetzes, das den rechtlichen Rahmen für ihre Verwaltung bildet. Sie agieren autonom von staatlicher Intervention und wählen ihren Vorstand selbst. Die Mitglieder der Kooperativen sind dabei in jeder Hinsicht gleichberechtigt und teilen sich die erwirtschafteten Gewinne. Außerdem sieht das Gesetz Steuervergünstigungen im Vergleich zum Privatsektor vor.

Der Staat bleibt dabei Eigentümer der Produktionsmittel, die lediglich verpachtet werden. „Kooperativen genießen Vorrang gegenüber kleinen Privatbetrieben, da sie eine sozialere Form von Produktion und Distribution gewährleisten“, erklärte vergangenen Dezember der jetzige Wirtschaftsminister Marino Murillo vor dem kubanischen Parlament. Die Kooperativen sollen dabei vor allem mittlere Staatsbetriebe zwischen 10 und 100 Angestellten ablösen, die heute oftmals unrentabel sind und subventioniert werden müssen.

Mittlerweile hat das Experiment an Fahrt aufgenommen, in den vergangen Monaten wurden zahlreiche der neuen Genossenschaften gegründet. Vor allem in der Gastronomie, im Transport- und Baugewerbe sowie in der herstellenden Industrie wächst die Zahl dieser nichtstaatlichen Betriebe. Eine vollständige Liste (Stand Mai 2014) gibt einen Überblick über die bis dato etablierten Betriebe. Seitdem gab es über 50 Neugründungen.

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Auch im Transportsektor erfreuen sich die neuen Genossenschaften zunehmender Beliebtheit  (Quelle: Cubanet)

Inzwischen haben zahlreiche Medien aus dem In- und Ausland zahlreiche Kooperativen unter die Lupe genommen. In der Mehrzahl der Fälle scheint sich das neue Modell gut zu entwickeln. In einigen Einrichtungen haben sich die Löhne vervielfacht, so zum Beispiel bei der Textilfabrik COOPTEX, die letzten August an ihre Mitarbeiter verpachtet wurde. Innerhalb eines Jahres stieg der Wert der Produktion von 200 auf 500 Millionen Peso (ca. 20 Mio. US$). Die 49 Mitarbeiter des Unternehmens arbeiteten jetzt enger zusammen, da es um ihren gemeinsamen Erfolg gehe, berichtet Cubadebate.

Lohnsteigerungen trotz Problemen

Obwohl ihnen eigentlich 20 Prozent Rabatt beim Einkauf im staatlichen Handelsnetz zusteht, wird vielen Kooperativen diese Option bisher verweigert. Auch die fehlende Bereitschaft der Staatsbetriebe zur Zusammenarbeit wird immer wieder beklagt. Ein spezielles Großhandelsnetz, von dem auch der Privatsektor profitieren würde, wurde schon vor Jahren angekündigt. Bisher steht die Realisierung allerdings noch in den Sternen. Trotz all dieser Probleme ist es COOPTEX gelungen, innerhalb eines Jahres den Durchschnittslohn von 450 auf 1.500 Peso (ca. 60 US$) anzuheben.

Mittlerweile wurde in Santa Clara die erste Kooperative für professionelle Dienstleistungen gegründet, die Buchhaltungs- und Beratungsleistungen anbietet. Sie könnte ein Meilenstein für weitere akademische Berufe bilden, die außerhalb des Staatssektors ausgeübt werden können. Die meisten der im Privatsektor erlaubten Berufe setzen keine besondere Professionalisierung voraus, was angesichts des hohen Bildungsstands der kubanischen Bevölkerung ein Problem darstellt.

Die zunehmende Verbreitung und Akzeptanz dieser neuen Form der Verwaltung zeigt sich auch anhand der Tatsache, dass die Kooperativen zumindest theoretisch Joint-Ventures mit ausländischen Investitionen bilden können. Bei der diesjährigen Handelsmesse von Havanna waren erstmals auch einige Genossenschaften aus der Gastronomie mit eigenem Stand vertreten.

Anders als Vietnam oder China

Kubas Kooperativen könnten in Zukunft einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes leisten. Trotz einiger Anfangsschwierigkeiten arbeiten die meisten von ihnen rentabel, zahlen Steuern an den Staat und höhere Löhne an ihre Mitglieder. Durch die gleichmäßige Verteilung der Einkünfte und die demokratische Struktur wird die Motivation der Angestellten erheblich gesteigert. Viele berichten von einem stärkeren Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl als in den Tagen der staatlichen Verwaltung.

Dennoch Bedarf es weiterer Schritte, um dem Modell zum Durchbruch zu verhelfen. Derzeit dürfte es kaum mehr als 10.000 Kooperativisten außerhalb der Landwirtschaft geben. Alle bisherigen Genossenschaften waren ehemals Staatsbetriebe und sind über administrative Maßnahmen entstanden. Erst im kommenden Jahr, nach Abschluss der Pilotphase, soll es grünes Licht für die freie Bildung von Kooperativen geben.

Es ist zu erwarten, dass einige Privatbetriebe aufgrund der steuerlichen Vergünstigungen dann ihre Eigentumsform ändern werden. Auch die Erschließung neuer Bereiche wie Dienstleistung, Recycling und Einzelhandel wird derzeit evaluiert. Damit kann sich der Staat wie angekündigt aus den nicht-essentiellen Bereichen der Volkswirtschaft zurückziehen und schiebt der sozialen Ungleichheit einen Riegel vor. „Das Modell ist anders als in China oder Vietnam“, kommentierte ein kubanischer Ökonom. „Wir haben den Vorteil, von deren Erfahrungen lernen zu können.“

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Ein Gedanke zu „Mehr als 300 neue Kooperativen in Kuba

  1. Guter Artikel, sehr informativ. Ich staune immer wieder über den Einfallsreichtum im „kubanischen Sonderweg“. Die Demokratisierung der Produktion, bei gleichzeitigem Staatseigentum an Produktionsmitteln scheint eine geniale Erfindung der Kubaner zu sein. Vielleicht gelingt es wirklich, eine Chimäre aus Sozialismus und Marktwirtschaft zuerrichten, die sozialistisch ist … bin gespannt.

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