Magie oder Diebstahl?

Viele Taxis auf Kuba tanken auf dem Schwarzmarkt, wo der Liter Diesel nur 0,40 CUC kostet (Quelle: Maxicuba)

Eine der interessantesten Zahlen, die das kubanische Wirtschaftsministerium auf der letzten Parlamentssitzung bekannt gab, war mit Sicherheit die Ziffer 0,483. So viel Liter Treibstoff werden nämlich im Schnitt pro Tag an jedes Fahrzeug mit einer Lizenz zum Personentransport auf Kuba verkauft. Wie von Zauberhand düsen die über 16.000 Taxis der Insel dennoch jeden Tag durch die Straßen, befördern Familien in andere Provinzen und Touristen nicht selten günstiger als die staatliche Buslinie Víazul. Wie ist das möglich?

Das Thema ist nicht neu. Die Situation an den Tankstellen, die von ihren Angestellten miunter als Selbstbedienungsläden begriffen werden, hat sogar noch Fidel Castro in seinen letzten Jahren als Präsident beschäftigt. Der Diebstahl im Staatssektor ist so alt wie der Sozialismus selbst, doch das systematische Abzwacken von Benzin im staatlichen Tankstellennetz wurde spätestens im Laufe der schweren Wirtschaftskrise der 1990er Jahre zu einem „normalen Notmechanismus“, der manches Privatfahrzeug am Laufen hielt und der aufgrund der vielen Vorteile für alle Beteiligten eher als Kavaliersdelikt bagatellisiert wurde.

Das änderte sich im Jahr 2005, als Castro tausende Sozialarbeiter zu den Tankstellen schickte, die dem Diebstahl Beine machen sollten. Benzin und Diesel zählen zu den wertvollsten Importgütern der Insel, die rund 80 Prozent des elektrischen Stroms aus fossilen Brennstoffen generiert. Vom Traktor bis zum Krankenwagen ist klar, dass der staatlich kontingentierte Treibstoff die Lebensadern von Wirtschaft und Gesellschaft im Fluss hält. Entsprechend groß war die Erleichterung nach Beginn des „Ärzte-gegen-Öl“-Deals mit Venezuela – und groß die Bereicherung bei manchen, die sich seither großzügig an den Lieferungen bedient haben.

Denn auch die Sozialarbeiter konnten das Problem letzten Endes nicht lösen. Der Diebstahl ist komplexer und findet auf vielen Ebenen statt. Im kleinen wird gern staatliches Benzin verfahren um sich als Taxifahrer ohne Lizenz etwas dazuzuverdienen. In anderen Fällen hat der Dienstwagen einfach „ein Loch im Tank“. Und in manchen Staatsunternehmen ist der Diebstahl von Treibstoff jedoch schon eine gängige Praxis, so z.B. beim Autovermieter „Transtur“, der seinen Kunden rät die Fahrzeuge mit leerem Tank zurückzubringen. Was übrig bleibt, wird nämlich auf dem Rückgabeformular als „leer“ deklariert und landet vermutlich noch am selben Tag auf dem Schwarzmarkt, wo der Liter Diesel 0,40 CUC kostet, statt 1 CUC pro Liter an der Tankstelle.

Der Diebstahl von Benzin und Diesel wurde in den letzten Jahren zu einer derart normalen Praktik, dass die Profiteure sich teilweise schon fast als rechtmäßige Geschäftsmänner fühlen, denen die treuhändische Verwaltung staatlicher Benzinkontingente durch glückliche Fügung des Schicksals quasi als Recht zukommt. Und so kommt es, dass jedes angemeldete Taxi im Schnitt nur einen halben Liter pro Tag tankt, während die Hintermänner dieser Geschäfte unbestraft bleiben. Während der Benzinknappheit im Jahr 2016, ausgelöst durch die angespannte Situation in Venezuela, führte dies sogar zu einem passiven Streik und Preiskrieg der privaten Taxifahrer mit der Regierung, welcher auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wurde.

Die Gewerkschaftszeitung „Trabajadores“ verwies erst letzten Montag wieder in Form einer scharfen Verurteilung auf die ungelöste Situation, welche den systematischen Diebstahl von Treibstoff toleriert. Kubas frisch gewählter Präsident Miguel Díaz-Canel hat bereits angedeutet, dass seine Regierung dem Schwarzmarkt nicht weiter zuschauen will. In einer ernsten Rede im Revolutionspalast verurteilte er die Korruption als „Hauptfeind der Revolution“ und kündigte neue Maßnahmen an. Mit der Neuregulierung des Privatsektors sollen in Zukunft Einkünfte und Ausgaben auf einem Bankkonto aufgeführt werden, Bezahlungen möglichst bargeldlos erfolgen, was die Prüfung der Plausibilität von Steuererklärungen im Privatsektor erhöhen soll. Der gestärkte nationale Rechnungshof soll darüber hinaus Lücken in den internen Kontrollmechanismen der Staatsbetriebe aufspüren. „Wir können dieses Phänomen nicht länger unter uns dulden, denn es ist Ausdruck von Werteverfall, Ausdruck einer Toleranz der Straflosigkeit“, so Díaz-Canel.

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4 Gedanken zu „Magie oder Diebstahl?

  1. Für sden Service von Cuba heute bin ich sehr dankbar, erfährt man doch dadurch Wahrheiten über das Land, das mir sehr am Herzen liegt. Bitte weiter so!

  2. „Kampf gegen Korruption“ hört sich ja gut an, aber die Wurzel dieses Übels in Kuba liegt woanders. Solange der Staat als einziges „Unternehmen“ im Lande Löhne zahlt, mit denen kein Kubaner auch nur annähernd überleben kann (zwischen 8 und 40 $ mtl, eine Dose Bier kostet z.B. 1 $), muss sich der Bürger zwangsläufig woanders ein zusätzliches Einkommen verschaffen. Aus diesem Grund ist erst das gesamte Abzweigungs- und Korruptionssystem entstanden.
    Die Regierung weiß das natürlich…… und setzt am falschen Ende an!
    Angesagt wäre: Zuerst Löhne erhöhen und dann anfangen, die Korruption zu bekämpfen.

    • Das stimmt natürlich, aber das ist wie mit der alten Frage nach der Henne oder dem Ei: selbst wenn man die Löhne heute um den Faktor 100 erhöhen würde und jeder davon Leben könnte – die schlechte Arbeitsmoral, der Schlendrian und die Korruption würden trotzdem nicht über Nacht verschwinden.

      Ich denke um dem Problem zu begegnen muss man eine integrale und schrittweise Strategie fahren, die Löhne schrittweise erhöhen, aber gleichzeitig mehr Transparenz und Disziplin verlangen. Das ist ein langfristiger Prozess, der viel mit der Änderung einer vorherrschenden Einstellung zu tun hat. Aber wie manche Sektoren der Wirtschaft zeigen, ist es möglich, eine andere Mentalität wirklich zu erreichen.

      • Da sind wir uns voll einig! Der Staat müsste halt mal mit dieser Strategie beginnen und die Löhne schrittweise erhöhen, aber davon habe ich noch nichts gehört.
        Ich habe auch noch nichts darüber erfahren, dass sich die Clans in Militär und Partei beim Füllen der eigenen Taschen beschränken wollen…..
        Und solange sich da nichts tut, wird die vorherrschende Einstellung beim Volk zwangsläufig weiterbestehen, anders kommt man halt nicht über die Runden.. Eine Änderung dieser Einstellung? Wohl ein Problem von Generationen und nicht von Jahren, leider……

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