Digitalisierung als Wachstumsmotor: mehr Autonomie für Kubas Software-Unternehmen

Kubas erster IT-Technologiepark an Havannas Informatikuniversität „UCI“ soll demnächst eröffnen und zur Basis für Software-Exporte werden (Quelle: Cubadebate)

Um den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zu begegnen, hat Kubas Regierung zuletzt die beschleunigte Umsetzung einiger Reformvorhaben angekündigt. Nach der geplanten Öffnung des Außenhandels für den Privatsektor wurden gestern sechs weitere Gesetze vorgestellt, mit denen die Entwicklung exportorientierter Softwareunternehmen auf der Insel gefördert werden sollen. Weitere Neuerungen gibt es auf dem Bereich der Landwirtschaftspolitik: um mehr Anreize für die Produktion von Lebensmitteln zu schaffen, soll der staatliche Agrarmonopolist „Acopio“ künftig restrukturiert und um „flexiblere Vermarktungsformen“ ergänzt werden, wie Landwirtschaftsminister Gustavo Rodríguez Rollero im Fernsehen ankündigte.

Höhere Löhne und mehr Autonomie für Kubas Informatiker

Wie das Nachrichtenportal „Cubadebate“ berichtet, werden staatliche IT-Firmen künftig deutlich mehr Autonomie im Management erhalten, um die Softwareentwicklung auf Kuba in einen gewinnbringenden Exportzweig zu verwandeln. So sollen die Unternehmen mit kubanischen Hochschulen und ausländischen Firmen für die Entwicklung neuer Produkte zusammenarbeiten und dabei 70 Prozent der Gewinne behalten dürfen. Auch Programmierer aus dem Privatsektor können jetzt unter Vertrag genommen werden.

Die 22 kubanischen Softwareschmieden sollen im Rahmen der neuen Regeln „größere Autonomie bei der Verteilung der Gewinne“ sowie weitgehende Vertragsfreiheit erhalten. Die Gewinnsteuer wird für den Sektor von 35 auf 17,5 halbiert, außerdem müssen die Unternehmen keine Zölle mehr für den Import von Equipment bezahlen. Abgaben auf Verkäufe sollen für die nächsten drei Jahre entfallen. Das soll zu höheren Löhnen führen, um so eine langfristige Bindung der Angestellten an die Firma zu erreichen. Die Lohnskalen unterliegen den im Gesetz festgelegten Schranken, welche eine attraktive Bezahlungen ermöglichen sollen. So darf ein Betriebsdirektor bis zu 8500 Pesos (ca. 314 Euro), ein leitender Techniker umgerechnet bis zu 303 Euro pro Monat verdienen. Der aktuelle Durchschnittslohn im kubanischen Staatssektor liegt nach der letzten Lohnreform vom Juni 2019 bei rund 1000 Pesos (ca. 37 Euro).

Im März wurde auf dem Campus von Havannas Informatikuniversität (UCI) der Grundstein für Kubas ersten Technologiepark für Softwareentwicklung gelegt, der demnächst eröffnen wird. Hier sollen zusammen mit ausländischen Unternehmen gemeinsame Projekte zur Entwicklung von Apps, Videospielen und anderen Softwareanwendungen entstehen, welche neben Entwicklungen für den Binnenmarkt vor allem den Export von Software ankurbeln soll. Havannas Informatikuniversität mit ihren 5000 Studienplätzen wurde im Jahr 2002 auf Initiative Fidel Castros gegründet. Viele ihrer Absolventen verdingen sich jedoch mangels attraktiver Arbeitsplätze bisher in anderen Bereichen der Wirtschaft oder sind ins Ausland abgewandert.

Mit der jetzigen Reform der IT-Industrie will Kuba seinen gut ausgebildeten Fachkräften bessere Verdienstmöglichkeiten bieten und zugleich dem Staat neue Einnahmen erschließen. Seit Mai dürfen Forschungseinrichtungen und Hochschulen auf Kuba eigene Bankkonten unterhalten, um mit anderen Akteuren in wirtschaftlichen Austausch treten zu können. Staatliche wie private IT-Kräfte könnten damit in Zukunft gemeinsam neue Software „Made in Cuba“ entwickeln und international vermarkten. Um die heimische Digitalisierung zu beschleunigen soll zudem durch entsprechende Kooperationen gezielt aktuelles Know-how aus dem Ausland erworben werden. 

Neue Landwirtschaftspolitik in der Mache

Auch die Agrarpolitik ist auf Kuba derzeit Gegenstand von Veränderungen. „Das Land ist nicht in der Lage einen Vertrag aufrechtzuerhalten, bei dem 70 Prozent der Lebensmittel importiert und 30 Prozent vor Ort hergestellt werden“, erklärte Landwirtschaftsminister Rodríguez Rollero in der gestrigen „Mesa Redonda“ (span.: „Runder Tisch“) im Fernsehen. „In den kommenden Jahren müssen wir diesen Zustand schrittweise umkehren“, so der Minister. Im Zeitplan zur Umsetzung der neuen Verfassung war das „Gesetz zur Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse“ ursprünglich für September 2021 vorgesehen, allerdings könnte das Vorhaben aufgrund der aktuellen Situation jetzt vorgezogen werden.

Um neue Anreize für die Herstellung von Lebensmitteln zu schaffen, soll der staatliche Abnahmemonopolist „Acopio“ reformiert und zur Unternehmensgruppe umstrukturiert werden. „Wir brauchen ein effizientes Vertragswesen, welches alle Produzenten erreicht, mehr als vorgesehen ankaufen und in den Märkten absetzen kann“, erklärte Rollero ohne Details zu nennen. Bisher fehlt es Kubas Landwirtschaft neben Anreizen für die Produzenten auch an entsprechender Logistik zum Weitertransport der Erzeugnisse. Im Kontext der Corona-Pandemie hat sich die Versorgungslage weiter verschärft. Noch vor der Acopio-Reform sollen deshalb als Ergänzung zum Monopolisten schon bald neue Vertragsformen möglich sein, welche eine „direktere und flexiblere“ Vermarktung von Lebensmitteln in den Gemeinden ermöglichen sollen.

5 Gedanken zu „Digitalisierung als Wachstumsmotor: mehr Autonomie für Kubas Software-Unternehmen

  1. „Neue Wege in der Landwirtschaft“ ? Offenbar aber wieder nur im staatlichen Rahmen. Was doch grundsätzlich fehlt, ist die Freigabe privat agierender bäuerlicher Betriebe, „cuentapropistas“ also, die viel dazu beitragen könnten, die grundsätzliche Lebensmittelknappheit im Lande zu lindern. Das scheint aber offenbar immer noch nicht in den Köpfen der Wirtschafts“weisen“ Cubas angekommen zu sein, die ideologischen Hindernisse sind wohl unüberwindbar. Was ich fast täglich von cubanischen Freunden höre, ist besorgniserregend: das Gemüse und die Früchte von frei durch Habana streifenden Bauern, die ihre Ware wie schon früher an den Mann bringen konnten, werden zur Zeit von der Polizei beschlagnahmt und fortgeschafft. Wohin eigentlich ?? Hier ist ein grundsätzliches Umdenken erforderlich, die Planwirtschaft hat noch nie funktioniert. Eine fruchtbare karibische Insel sollte doch in der Lage sein, das Volk hauptsächlich durch Eigenproduktion zu ernähren…..

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  2. Eins der ersten Dinge die nach der Oktoberrevolution 1917 getan wurden war den Außenhandel zu monopolisieren. Und wie man anhand der Wachstumsraten nach dem Sieg gegen die 14 Invasoren ab 1922 sehen kann war das genau die richtige Entscheidung. Kein Wirtschaft konnte so wachsen wie in der Sowjetunion mit Stalin.
    Dasselbe gilt natürlich auch mit der Planwirtschaft. Daß die Marktwirtschaft=Kapitalismus zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist sieht man doch aktuell wieder. Über 10 Mio Kurzarbeiter in der BRD ist nichts anderes als (noch) bezahlte Arbeitslosigkeit. 42 Mio Arbeitslose in den USA.
    Kuba geht also weiter den falschen Weg. Doch sie müssen zu den erfolgreichen Lehren des Marxismus-Leninismus wenn sie denn Erfolg haben wollen.

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