Die rätselhaften Reflexionen des Fidel Castro

Beginnen möchte ich diesen Blog mit einer Merkwürdigkeit, die mir schon vor einiger Zeit auffiel. Nachdem sich Fidel Castro 2006 aus der aktiven Politik zurückzog begann er im März 2007 seine Reflexionen zu verfassen, die regelmäßig in der Granma und anderen kubanischen Medien veröffentlicht und für das Internet auch in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. In diesen Reflexionen schrieb Fidel häufig über die internationale Lage, die USA sowie andere außenpolitische und historische Themen. Als Fidel 2011 den Vorsitz der PCC abgab und damit sämtliche offiziellen Ämter verlor,  unterstützte er die Begrenzung der Amtszeit auf zwei mal fünf Jahre und hielt sich ansonsten mit Kommentaren zur kubanischen Wirtschafts- und Innenpolitik stark zurück.

Am 10. Juni 2012 allerdings veröffentlichte er eine Reflexion mit dem Titel „DIE FC – WAS IST DAS?“ (¿QUÉ SON LOS FC?). Ohne das Akronym „FC“ auszuschreiben, erklärt er die „FC“ als eine Methode mit der er bestimmte Kenntnisse an Beamten und Funktionäre in der Lebensmittelproduktion vermittelt habe. Dabei verwies er auf Talía González, eine kubanische Journalistin die mit ihm gemeinsam an der Kampagne um Elían González beteiligt war und 2008 ein Interview mit Raúl führte.

Ich war zunächst sehr erstaunt über diese Reflexion, da sie ungewöhnlich kurz und chiffrenartig ausfiel. Mir stellte sich die Frage: Was sind jetzt also die FC? Und wer ist Talía González?

Auch die Leser auf Cubadebate waren zunächst verwirrt und wussten nichts mit der Reflexion des Comandante anzufangen. Ich recherchierte weiter und bemerkte, dass Talía González scheinbar neulich einen Artikel über den Schwarzmarkt verfasst hat. Ein Kommentator auf Cubadebate meint, dass die Erwähnung von Talía etwas mit dem neuen journalistischen Stil zu tun hat, den Raúl auf dem VI. Parteitag einforderte. Auch andere Kommentare wiesen in diese Richtung. Womöglich ist Talía eine kritische (revolutionäre) Journalistin, die sich bei der Aufdeckung verschiedener Korruptionsfälle einen Namen gemacht hat und Fidel wollte diese Form des Journalismus unterstützen.

In den darauf folgenden Reflexionen brachte er seine Solidarität mit Erich Honecker zum Ausdruck und kritisierte Deng Xiaoping für seine scheinbar ablehnende Haltung gegenüber Kuba. Dies war bereits der „Welt“ einen Artikel wert, in dem eben jene beiden Beispiele herausgegriffen wurden und behauptet wurde, er wolle der Regierung durch diese Reflexionen im „Twitter-Stil“ Anweisungen geben. Das gerade Erich Honecker positiv hervorgehoben und Deng Xiaoping kritisiert wird, lässt sich natürlich schon als eine subtile Form der Ablehnung der aktuellen Reformen werten, allerdings fehlt dafür jeder Anhaltspunkt, da mit keinem Wort auf die Wirtschaftspolitik beider sozialistischer Staatsoberhäupter eingegangen wird. Und dass Fidel ein gutes Verhältnis zur DDR hatte ist bekannt.

Am 17. Juni forderte Fidel, dass das Land Moringa Oleífera und Maulbeerbäume produzieren solle, um gut bezahlte Arbeit im Schatten zu schaffen, unabhängig von Alter und Geschlecht. Was zunächst wie ein Aufruf zu einer neuen Kampagne im Stil der 1960er Jahre klingt, ist bei näherer Betrachtung gar nicht so unsinnig. Der Moringa Oleífera, bei uns auch als Meerrettichbaum bekannt, spielt wie der Maulbeerbaum tatsächlich eine sehr interessante, wenn auch kaum beachtete Rolle in der kubanischen Landwirtschaft. So lässt sich mit dem Meerrettichbaum Trinkwasseraufbereitung betreiben, er dient als Grundlage für die Herstellung von Pflanzenölen und seine Früchte können als Gemüse verzehrt werden oder als Tierfutter dienen, um nur einige der vielen Anwendungsmöglichkeiten zu nennen. Bereits im März 2011 hatte Fidel einem Bauern in Cárdenas (Matanzas) ein Buch über Meerrettichbäume geschenkt, um die dortige Genossenschaft für den Anbau des selbigen zu motivieren. Scheinbar wird in Kuba bereits seit einiger Zeit der Anbau des Meerrettichbaums gefördert, wie Havana Times berichtet. Es gibt verschiedene Rezepte im Land, wie Meerrettichbaumtee oder Meerrettichbaum mit Reis. Angesichts der aktuellen landwirtschaftlichen Lage kann Kuba eine derart vielseitige Pflanze gebrauchen, es bleibt allerdings natürlich die Frage nach dem konkreten Kosten-Nutzen-Verhältnis beim Anbau.

So rätselhaft sind sie also doch nicht, die neuesten Reflexionen des Fidel Castro. Für Außenstehende mag manches merkwürdig klingen, aber für Kubaner sind solche subtilen Anknüpfungen an die Kampagnen der letzten Jahre durchaus verständlich. Der kurz angebundene Stil macht allerdings zunächst eher Anlass zur Sorge um Fidels Gesundheit, denn dieser Stilwechsel erfolgte abrupt und unangekündigt. Es bleibt also abzuwarten, was für Reflexionen folgen werden und in welche inhaltliche Richtung diese dann zielen. Eine Einmischung in die Tagespolitik sehe ich bisher nicht, dafür bräuchte es schon mehr als Meerrettich- und Maulbeerbäume.

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