Ein Jahr LTE-Netz auf Kuba: Digitalisierung im Zeitraffer

Kuba hat dieses Jahr neue Rahmenbedingungen für die Entwicklung seiner IT-Branche geschaffen (Quelle: TvAvila)

Rund ein Jahr nach der Inbetriebnahme des schnellen mobilen Internets kommt die Digitalisierung auf Kuba mit großen Schritten voran. Während Havannas jüngst eröffneter Technologiepark ein Drohnenprojekt vorantreibt, kann auf der Insel inzwischen an immer mehr Orten mit dem Smartphone bezahlt werden. Wie Kommunikationsminister Jorge Luis Perdomo auf Twitter bekannt gegeben hat, wird ab diesem Monat als weiterer Anreiz die Umsatzsteuer für den Verkauf von Apps und Onlinedienstleistungen entfallen.

LTE wird zum Standard

Vor wenigen Jahren noch war das Internet auf Kuba kaum verbreitet, langsam und extrem teuer. Der breite Zugang begann 2015 mit den ersten WiFi-Hotspots, erst 2018 wurden Mobildaten eingeführt. Inzwischen zählt Kuba mehr als 6 Millionen Handynutzer, von denen 4 Millionen Datenpakete nutzen. Mehr als jeder Dritte Kubaner surft heute mit seinem Smartphone im Netz. Die ehemals dicht bevölkerten öffentlichen WiFi-Hotspots bleiben als Ergänzung bestehen, denn der Ausbau von DSL-Heimanschlüssen verläuft weiterhin eher schleppend: Aktuell verfügen lediglich 176.000 der rund 4 Millionen Haushalte über einen Breitbandanschluss. 2021 soll diese Zahl jedoch deutlich steigen.

Für Kubas LTE-Netz sind vor allem Sendemasten der neuesten Generation des chinesischen Herstellers Huawei verbaut worden. Die State-of-the-Art-Technologie, welche inzwischen auch immer mehr Klein- und Mittelstädten empfangen, hat die kubanische Internetlandschaft binnen weniger Monate radikal verändert: Mittlerweile verfügt die sozialistische Insel mit einer durchschnittlichen Download-Geschwindigkeit von 28 Mbit über das zweitschnellste Handynetz Lateinamerikas. Die Internettarife für das 4G-Netz wurden seit dem Start des Angebots im Oktober 2019 wiederholt gesenkt und liegen aktuell bei 4 CUC (ca. 3,40 Euro) pro Monat für das kleinste Paket von einem Gigabyte.

Seit Beginn der Corona-Pandemie kamen rund 1,1 Millionen neue Mobildaten-Nutzer hinzu, während sich der Datendurchsatz innerhalb weniger Wochen verdoppelt hat. Die jüngste Ankündigung aus dem Ministerium dürfte diesen noch weiter befördern: Privatpersonen und Unternehmen, welche Dienstleistungen und Software auf staatlichen Plattformen verkaufen, sind ab sofort von der Umsatzsteuer befreit. Die Portalbetreiber dürfen laut Gesetz 5 Prozent an jedem Verkauf mitverdienen, während Abgaben auf Gewinne im Falle von privaten Entwicklern nur noch im Rahmen der Einkommenssteuer relevant sind. Die Regelung betrifft den nationalen App-Store „Apklis“, den staatlichen Messengerdienst „ToDus“ sowie die Medienplattform „Picta“. All diese Plattformen können über einen Datenbonus für innerkubanische Seiten angesteuert werden und sind daher für den Bezug von Apps eine günstige Anlaufstelle. Jetzt sollen über Gratis-Dienste hinaus auch Verkäufe von kubanischen Apps angekurbelt werden.

Bessere Rahmenbedingungen für die heimische IT-Industrie

Drohnen „Made in Cuba“ (Quelle: Cubadebate)

Mit der Steuererleichterung will Kuba  die heimische Softwareentwicklung fördern, welche sich zu einem eigenen wirtschaftlichen Standbein entwickeln soll. Dafür verabschiedete der Ministerrat im Juli ein neues Gesetz, das IT-Unternehmen größere Autonomie gewährt und die Bildung von speziellen Technologieparks vorsieht, in denen Staatsbetriebe, Privatsektor und ausländische Investoren für die Umsetzung neuer Projekte zusammenkommen können. Im März wurde an Havannas Informatikuniversität (UCI) der Grundstein für den ersten Technologiepark des Landes gelegt, der diesen Herbst eröffnet hat.

Als erstes Projekt ist dort ein Vorhaben für die Herstellung und den Betrieb ziviler Drohnen zusammen mit dem kubanischen Privatunternehmen „AlaSoluciones“ gestartet. Diese können zur Vertreibung von Vogelschwärmen an Flughäfen und in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Die staatliche Unternehmsgruppe „GeoCuba“ hatte bereits in der Vergangenheit für Projekte an Havannas Flughafen José Martí und in der Sonderwirtschaftszone von Mariel (ZEDM) mit „AlaSoluciones“ zusammengearbeitet.

Onlinehandel und digitale Währung auf dem Vormarsch

An immer mehr Orten kann per QR-Code bezahlt werden (Quelle: Twitter)

Ein weiterer Baustein der kubanischen Digitalisierungsstrategie besteht in der Förderung des Onlinehandels und bargeldloser Bezahlmethoden. Hier hat sich in den letzten Monaten besonders die von einem Team der UCI entwickelte App „EnZona“ hervorgetan. Mit rund 130.000 Nutzern bleibt ihre Verbreitung zwar noch deutlich hinter der Konkurrenz „Transfermóvil“ vom Telefonriesen ETECSA mit über einer Millionen Nutzern zurück – allerdings läuft die Entwicklung von „EnZona“ dynamischer und hat darüber hinaus in letzter Zeit Rückenwind vom Ministerium für Binnenhandel (MINCIN) erhalten.

Neben bereits bekannten Funktionen wie das Bezahlen der Strom- und Wasserrechnung eröffneten inzwischen die ersten Onlineshops (span.: tiendas virtuales) auf der Plattform, bei denen Staatsbetriebe, Genossenschaften und private Firmen ihre Produkte anbieten. Um Schlangen zu vermeiden, sollen auch Reservierungen (z.B. für Restaurantbesuche) künftig vermehrt per App entgegengenommen werden. Als Ergänzung zur ebenfalls neuen Reise-App „Viajando“ für den Erwerb von Zug und Fernbustickets können über „EnZona“ inzwischen sogar Urlaubspakete und Hotelübernachtungen von heimischen Touristen gebucht werden.

Kubas Bodegas werden schrittweise digitalisiert (Quelle: Twitter)

Im Kontext der bevorstehenden Währungsreform arbeitet das Team derzeit mit Hochdruck daran, möglichst viele Transaktionen in der realen Welt mittels QR-Code über das Smartphone abzuwickeln. Nach erfolgreichen Versuchen in der Coppelia, Havannas größter Eisdiele, kann inzwischen landesweit in gut 80 Restaurants und Geschäften auf diese Weise bezahlt werden. Bis Ende des kommenden Jahres sollen große Teile des staatlichen Handels mit „EnZona“ zusammenarbeiten. Um Anreize für die Verbreitung des Service zu bieten, werden Preisrabatte zwischen 6 und 10 Prozent gewährt. Auch Bodegas, in denen mit dem staatlichen Rationsheftchen „Libreta“ eingekauft werden kann, befinden sich darunter. Nach ersten Testläufen in Havanna hat das Städtchen Caimanera in der Provinz Guantánamo als Pilotprojekt alle 13 Bodegas und die staatliche Gastronomie für das Bezahlen mit QR-Code aufgerüstet. In den nächsten Wochen kommen in der Provinz Pinar del Río weitere 34 Bodegas hinzu. In Zukunft sollen Auslandsüberweisungen (Remesas) mit einer neuen digitalen Währung direkt auf das Smartphone geschickt werden können, was das System im Kontext der jüngsten Sanktionen, die zur Schließung von Western Union geführt haben, robuster machen soll. Mit der Digitalisierung der Bezahlsysteme verspricht man sich zudem wirksamere Instrumente im Kampf gegen Korruption und eine bessere Steuerung der Inflation. Anders als bei der Kartenzahlung, wofür erst teure Lesegeräte importiert werden müssen, lässt sich die QR-Bezahlmethode relativ schnell installieren und benötigt keine teure Hardware. 

Weniger geglückt war dieses Jahr die Einführung des staatlichen Onlineshops „TuEnvio“, über den Lebensmittel und Hygieneprodukte aus den Supermärkten bezogen werden können. Im Sommer musste der Dienst aufgrund Überlastung für mehrere Monate schließen, da die Nachfrage für den Versandhandel schlicht viel größer als erwartet ausfiel. Mittlerweile wurde der Service mit eigener Logistikzentrale umstrukturiert und soll auch private Lieferanten unter Vertrag nehmen können. Trotz der weiterhin bestehenden Begrenzung der Liefermenge, welche eingeführt werden musste um die Nachfrage im Zaun zu halten, sollen so in Havanna zumindest 2000 Bestellungen pro Tag ausgeliefert werden – Tendenz steigend.

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