26. Oktober 2021

#UnlockCuba: Xiaomi irritiert kubanische Handynutzer

Kunden des chinesischen Herstellers Xiaomi staunten neulich nicht schlecht, als ihr Gerät anstatt zu starten auf Kuba lediglich einen Sperrbildschirm mit Verweis auf die Exportrestriktionen der Firma anzeigte. Bilder von dutzenden gesperrten Smartphones machten auf Twitter, Reddit und diversen Foren die Runde, wo sich betroffene zusammenfanden und Aufklärung von der Firma verlangten. Wie das Magazin „ElToque“ berichtet, wurde der Hashtag „#UnlockCuba“, in Anspielung an die offizielle Kampagne gegen die US-Blockade unter dem Motto „#UnblockCuba“, binnen kürzester Zeit tausendfach auf Twitter geteilt.

„Die Richtlinien von Xiaomi erlauben den Verkauf oder die Bereitstellung des Produkts nicht in dem Gebiet, in dem Sie versucht haben, es zu aktivieren. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte direkt an den Einzelhändler“, heißt es vor schwarzem Hintergrund auf den gesperrten Geräten. Lediglich die WiFi-Einstellungen und die Notruffunktion des Handys sind nach der Meldung noch nutzbar. In so einem Fall bleibt nur noch der Gang zu einer zahlreichen privaten Handy-Reparaturwerkstätten, die dank Geschicklichkeit, Erfahrung und kubanischem Improvisationstalent keine große Mühe haben, die Sperre zu umgehen. „Wenn der Job richtig gemacht wird ist das Gerät binnen kurzer Zeit wieder nutzbar und eine erneute Sperrung ausgeschlossen“, heißt es. Wie viele Geräte genau betroffen sind ist schwer abzuschätzen, einige Handykliniken berichten von bis zu 30 durchgeführten Entsperrungen pro Tag seit Anfang September.

Doch woher rührt die Blockadewelle? Vieles deutet darauf hin, dass die Handysperren in direktem Zusammenhang mit den US-Sanktionen gegen die Insel stehen. In den AGB von Xiaomi findet sich der Absatz:

Exporte, 14.2: Der Vertrag und alle Produkte unterliegen den geltenden Exportkontrollgesetzen, welche auch die Exportkontrollgesetze der USA und die Gesetzeslage des Kundenlandes einschließt. Der Kunde darf keine vom Verkäufer gekauften Produkte in ein Land, ein Gebiet oder eine Region exportieren, wenn dies durch die Exportkontrollgesetze verboten ist. Zu den verbotenen Ländern und Gebieten gehören Kuba, Iran, Syrien, Nordkorea, Sudan und die Krim.

Xiaomi, Términos y condiciones de venta

Der kubanische Technikjournalist Eduardo Domínguez griff das Thema am 14. September für einen Artikel im Nachrichtenportal „Cubadebate“ auf und liefert einige interessante Details: So waren offenbar vor allem in Westeuropa und Asien verkaufte Geräte der Serien Mi / Redmi 9 und 10 betroffen, nicht allerdings für den internationalen Markt hergestellte Modelle. Xiaomi verfügt, anders als z.B. der südkoreanische Samsung-Konzern, bislang über keine Niederlassungen oder Verkaufsstellen auf Kuba.

Wie Domínguez kritisiert, sei es nicht nachvollziehbar, dass Xiaomi zu so harschen Mitteln wie einer kompletten Gerätesperrung greift, was nicht einmal Apple täte (welches ebenfalls Dienste in Kuba blockiert). Eine mögliche Erklärung ist, dass Xiaomi nach dem quasi vollständigen Rauswurf des Hauptkonkurrenten Huawei in Folge des Handelskriegs mit den USA versucht, nicht unnötig in Washington anzuecken um sich im westeuropäischen Markt weiter etablieren zu können. Erst Ende Mai wurde Xiaomi mit Unterzeichnung eines neuen Abkommens von der „schwarzen Liste“ des US-Verteidigungsministeriums gestrichen. „Der Ausgang des Verfahrens darf jedoch nicht zu übermäßigem Optimismus verleiten, chinesische Technologieunternehmen sollten weiterhin in Alarmbereitschaft bleiben“, erklärte ein ungenannter Tech-Analyst gegenüber der regierungsnahen Zeitung „Global Times“. Um jegliches Risiko in Bezug auf den „langen Arm der US-Exportgesetzgebung“ zu minimieren könnte sich Xiaomi gebunden fühlen, geltende Sanktionen möglichst umfassend zu interpretieren.

In Kuba kam das naturgemäß gar nicht gut an: Es handle sich um ein „klares Beispiel für Ausgrenzung und Stigmatisierung, die der entschlossenen Haltung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) und der chinesischen Regierung in dieser wichtigen Frage widerspricht“, erklärte Kubas Botschafter in Beijing, Carlos Miguel Pereira. Xiaomi versuchte zuvor noch zu beschwichtigen und erklärte, dass die Sperren „nicht auf einen spezifische Markt“ abzielten. Inzwischen hat die Firma die betroffenen Geräte sind wieder freigegeben. Es habe sich um eine „vorübergehende Sperrung“ gehandelt, um „die Informationssicherheit der Nutzer und die Rechte der Verbraucher im Fall von möglichem Schmuggel zu prüfen“, erklärte das Unternehmen. „Die Untersuchung hat zu wichtigen Ergebnissen geführt und die betroffenen Geräte können jetzt wieder entsperrt werden“, so der Xiaomi-Sprecher.

Für Domínguez wirft die Erklärung des Unternehmens mehr Fragen als Antworten auf: „Wird der Kauf eines Telefons auf einer digitalen Plattform oder in einem physischen Geschäft und seine anschließende Ausfuhr nach Kuba als grauer Markt betrachtet? Was würde mit Touristen geschehen, die während ihres Aufenthalts das kubanische Netz nutzen? Was waren die Ergebnisse dieser Untersuchung?“. Der Fall Xiaomi zeigt, über welche Möglichkeiten die Vereinigten Staaten verfügen um in Firmenpolitiken einzugreifen und die Beziehungen selbst unter befreundeten Ländern empfindlich zu stören. China dürfte das weiter anspornen, sich mittelfristig gänzlich von US-Technik und Software unabhängig zu machen. Für Kuba machten die Vorfälle vor allem die eigene Ohnmacht im Windschatten des Handelskonflikts deutlich: „Wir waren nicht vorbereitet. Xiaomi hat einen Test durchgeführt, und das Ergebnis war – für sie – zufriedenstellend“, so Domínguez.

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5 Gedanken zu “#UnlockCuba: Xiaomi irritiert kubanische Handynutzer

  1. Aha, nun „zeigt“ jede absurde und sinnfreie Fehl- oder Überinterpretation der Sanktionsregeln „über welche Möglichkeiten die Vereinigten Staaten verfügen um in Firmenpolitiken einzugreifen und die Beziehungen selbst unter befreundeten Ländern empfindlich zu stören“. Na ein Glück, dass das nicht in erster Linie etwas mit XIAOMI zu tun hat. Jetzt erklärt sich auch, wie man auf die Idee kommt, für jeden Unsinn der nachteilig empfunden wird, ausnahmslos die USA als Verursacher auszumachen. So entstehen die üblichen Pathologisierungen und falschen Narrative. Insofern schlägt es nur in die Kerbe des Regimes, mal wieder zu beklagen, was eigentlich immer beklagt wird. Der Ami ist schuld!
    Xiaomi ist so gut aufgestellt, dass sie problemlos die juristischen Fallstricke weitreichend hätten abklären lassen können.
    Abgesehen davon, dass mir kein vergleichbarer Fall bekannt ist, in dem an Endverbraucher ausgelieferte Geräte unbrauchbar gemacht wurden, stelle man sich ein ähnliches Setting vor, nur auf eine westliche Firma angewendet. Die entsprechende Firma würde als rückgratlos, USA-hörig dargestellt und es würde wahrscheinlich auch wieder beklagt werden, dass diese nur des schnöden Mammons wegen (um den Markt in den USA nicht zu verlieren) Kuba in den Rücken fällt.
    Ich bin auch gegen die Sanktionen und sehe, dass sie einige Schwierigkeiten verursachen, aber in diesem Fall hier muss man in erster Linie Xiaomi in die Pflicht nehmen.
    Die Sanktionen wären teilweise längst geliftet, wenn der kubanische Staat seine Repression gegen Andersdenkende nicht dramatisch erhöht hätte. Vor diesem Hintergrund kann niemand mögliche Entlastungen gut vor seinen Wählern aber auch vor seinen Feinden verkaufen, wenn man weiß, wie ein solcher Vorgang propagandistisch ausgeschlachtet würde. Man kann die Kräfteverhältnisse und Druckszenarien nicht einfach unterschätzen. Dabei hatte Biden extra sanfte Töne anschlagen lassen, die Tür offen gelassen, ohne eine Machtwort zu sprechen. All das hat signalisieren sollen, dass er ein Entgegenkommen benötigt. Der kubanischen Staat hätte sang- und klanglos das ungesetzliche Repressions- und Bedrohungsszenario abbauen können. Hat er aber nicht.

    1. So ganz verstehe ich nicht diesen Satz „für jeden Unsinn der nachteilig empfunden wird, ausnahmslos die USA als Verursacher auszumachen“,
      den in diesem Falle ist für mich einwandfrei die USA der Verursacher, aber vielleicht muss man das nicht verstehen, wahrscheinlich bin ich zu dumm dafür.

      1. Das lässt sich schwer beurteilen. 😉

        Wären die USA schuld, weil sie entsprechende Bedingungen diktieren würden, würde nahezu kein einziges Smartphone auf der Insel mehr funktionieren! Denn die Geräte auf dem kubanischen Markt stammen nahezu ausnahmslos von Herstellern, die weiterhin den amerikanischen Markt bedienen wollen. Sanktionen im Handel sind das Eine, die sich aus den Sanktionen nicht erschließende technische Außerkraftsetzung das Andere.
        Wenn sich ein Unternehmen weigert, auf Grund der Sanktionen ein Land zu beliefern, dann ist die Schuldzuweisung kausal. Wenn es von sich aus den Betrieb in diesen Ländern verhindert dann ist das nicht kausal, ganz egal ob es eine Missinterpretation der Bedingungen oder einfach nur Gefallsucht ist.

        Noch etwas zu meinem missverständlichen Satz, den ich heute anders formulieren wollte, aber egal: In Cuba ist es gängiges Argument, für die eigene Misswirtschaft und jeglichen Misserfolge vorschnell die Sanktionen der USA zu bemühen. Es gehört quasi schon zur Folklore und zur Schärfung des eigenen Feindbildes. Nüchtern betrachtet schaffen die Sanktionen Probleme, die aber nicht unüberwindbar sind, erst Recht nicht mit starken Handelspartnern wie Russland und China.

  2. PS: Man kann natürlich die Sanktionen ganz allgemein beklagen, das ist völlig richtig, aber in Bezug auf Xiaomi und deren Ausgestaltung der eigenen Regeln hat die Firma selbst maßlos übertrieben und ist unnötig über das Ziel hinaus geschossen. Vielleicht ist es aber auch Taktik und Gefallsucht, um damit aufzufallen, die Sanktionen quasi „sogar“ übererfüllt zu haben.

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