Die Erneuerung der kubanischen Presse

Der neue Granma-Chefredakteur Pelayo Terry (2. von rechts).

Kuba hat den Posten des Chefredakteurs der wichtigsten Tageszeitungen des Landes neu besetzt. Am 9. Oktober kündigte die Granma an, dass ihr bisheriger Chefredakteur Lázaro Barredo Medina nach acht Jahren in diesem Amt durch Pelayo Terry Cuervo abgelöst wird, der bis dato der Redaktion der Juventud Rebelde vorstand. Bei Juventud Rebelde übernimmt nun die bisherige Vizechefin Marina Ménendez Quintero den frei gewordenen Posten. Die Ablösung erfolgte direkt auf Bestreben des Politbüros, was die große politische Bedeutung dieses Schrittes zeigt.

Bereits auf der Parlamentssitzung im Juli dieses Jahres, wurde das Thema der Erneuerung der Presse angesprochen. Vizepräsident Díaz-Canel betonte dort gegenüber Journalisten, dass man mit Erscheinungen wie falscher Einstimmigkeit, Heimlichtuerei und Vorenthaltung von Informationen schluss machen müsse. Ähnliches hat man auch schon von Raúl gehört, der den Triumphalismus und die überbordende Apologetik der staatlichen Medien kritisierte. Auf seiner Rede vor dem Parteikonvent im Februar 2012 gab Raúl mit seiner Kritk der aktuellen Debatte den Anstoß:

Dabei ist zu fördern, dass Meinungsverschiedenheiten mit Natürlichkeit und Respekt ausgetragen werden, einschließlich in den Massenmedien, die mehrere Male in den auf dieser Konferenz angenommenen Zielen erwähnt werden. Diese werden sich verantwortungsvoll und mit strikter Wahrheitsliebe in diese Aufgabe einbringen müssen, nicht im bürgerlichen Stil, voller Sensationsgier und Lügen, sondern mit geprüfter Objektivität und ohne unnütze Geheimniskrämerei.

Dazu ist es notwendig, eine größere Professionalität unter den Mitarbeitern der Presse zu fördern, eine Aufgabe, für die wir, da sind wir uns sicher, über die Unterstützung des Journalistenverbandes Kubas (UPEC) und der Kommunikationsmedien verfügen werden, sowie der Organe und Institutionen, die ihnen glaubwürdige und rechtzeitige Information liefern müssen, damit wir alle zusammen mit Geduld und einheitlichem Standpunkt die Mitteilungen und Richtungsweisungen an die Landsleute perfektionieren und ihre Effektivität ständig erhöhen.

Die PCC hat nun in den letzten Jahren immer schärfere Worte gefunden, um die Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Presse beim Namen zu nennen. Begriffe wie Geheimniskrämerei, falsche Siegesgewissheit und „alte Mentalität“ fallen in diesem Kontext immer wieder. Doch was verbirgt sich dahinter?

Historische Ursachen und aktuelle Situation

Die kubanische Medienlandschaft ist vielfältiger, als mancher es von diesem staatlichen Sektor erwarten würde. Das Land verfügt über dutzende regionale Radiosender, fünf nationale TV-Kanäle plus Telesur (Venezuela), drei überregionale Tageszeitungen sowie zahlreiche Lokalzeitungen und Zeitschriften. Während das Fernsehen in den letzten Jahren mehr oder weniger stark modernisiert wurde, und bald sogar auf Digitalbetrieb umsteigt, befinden sich die kubanischen Printmedien seit der Sonderperiode in einer krisenhaften Verfassung. Heute können die Zeitungen kaum mehr ihrer Aufgabe gerecht werden, die Bevölkerung mit der notwendigen Quantität und Qualität an Informationen zu versorgen. Dazu fehlen ihnen neben den idellen auch die materiellen Voraussetzungen.

Durch die starke Rationierung von Papier konnte die Auflage der meisten Zeitungen in den 1990er Jahren nicht gehalten werden, bei der Granma stagniert sie schon seit Jahren und liegt derzeit bei etwa 500.000 Exemplaren, von der Juventud Rebelde erscheinen täglich 250.000 Ausgaben (Freitags: 500.000). Diese beiden Zeitungen, zusammen mit Trabajadores (der Zeitung des Gewerkschaftsverbandes), müssen dabei ein Land von mehr als 11 Millionen Einwohnern und vollständig alphabetisierter Leserschaft versorgen. Dies führt dazu, dass die Zeitungen oft bereits in den frühen Morgenstunden ausverkauft sind und später unter der Hand zum Preis von mehreren Peso weiterverkauft werden (eigentlich kostet eine Ausgabe 20 Centavos). Die Idee der günstigen und nicht-gewinnorientierten Volkspresse wird so durch Wiederverkauf und Hortung ad absurdum geführt.

Eine Tageszeitung hat in Kuba normalerweise acht Seiten (Wochenends 16) und misst zusammengefaltet 29×18,5 cm. Das fransige Papier ist von äußerst schlechter Qualität, ebenso wie die verwendete Tinte, die sich manchmal schon durch reiben mit den Handflächen verwischen lässt. Neben Graustufen kommt in der Regel nur eine Farbe zum Einsatz, rot bei der Granma, blau bei Juventud Rebelde und orange bei Trabajadores. Die dürftige Druckqualität wiederum ist auf die staatliche (Unter)finanzierung der Medien zurückzuführen, was in maroden Büros, schlechtem Internetzugang und veralteter technischer Infrastruktur gipfelt. Die Löhne für die Journalisten sind dementsprechend niedrig, ein Abteilungsleiter bei Juventud Rebelde verdient beispielsweise 575 Peso im Monat (ca. 23 US$). Wenn man bedenkt, dass der tägliche Verkauf aller Granma-Ausgaben nicht mehr als 4.000 US$ einbringen kann, überrascht das Ausmaß staatlicher Subventionierung kaum.

Inhaltlich beschränken sich die meisten Zeitungen, vor allem jedoch die Granma, auf offizielle Berichterstattung von nationalen Ereignissen wie Parteitagen, Kongressen, Großveranstaltungen oder Staatsbesuchen. Daneben gibt es noch einige lokale Kurzmeldungen, Wochenends einen Artikel aus der Wissenschaft, zwei Seiten internationale Nachrichten, Kulturteil, Sportteil (je eine Seite) und eine „Erfolgsgeschichte“ aus einem staatlichen oder privaten Betrieb. Seit einigen Jahren werden in der Wochenendausgabe auf mindestens zwei Seiten Leserbriefe abgedruckt.

Das Layout des Zentralorgans wirkt minimalistisch-improvisiert und ähnelt mehr dem eines Flugblattes aus den ersten Jahren der Revolution als dem einer Tageszeitung. Der Stil der Granma, sowohl formal als auch inhaltlich, scheint auf gewisse Weise stark mit den 1960er Jahren verbunden zu sein: Offizielle Meldungen kommen in der Regel ausschließlich unkommentiert zu Wort und auch ansonsten fehlt eine tiefergreifende Kontextuierung der Inhalte. Das Problem besteht neben der Selektion der Inhalte auch im beschönigenden und oft allzu optimistischen Ton ihrer Aufbereitung. Zwar liefert die Granma meist gute Informationen, jedoch ist selten die Quelle ersichtlich bzw. die Auswahl der veröffentlichten Fakten wirkt intransparent. Infoschemas oder Visualisierungen fehlen völlig und besucht man die Homepage der Zeitung, glaubt man auf das Überbleibsel eines gescheiterten Frontpage-Experimentes des Jahres 1997 zu treffen.

Anhand der Granma zeigt sich gut, in welch tiefen Dornröschenschlaf die kubanische Medienlandschaft durch die Sonderperiode versetzt wurde. Dementsprechend hinken viele Journalisten dem politischen Diskurs eher zwei Schritte hinterher, anstatt ihn selbst voran zu treiben. Die Folgen sind Entpolitisierung und mangelnde Identifikation mit den Medien, da diese nicht mehr die alltägliche Lebenssituation vieler Kubaner adäquat wiederzugeben vermögen. In letzter Konsequenz kann daraus ein Vertrauensverlust in die nationale Medienlandschaft und eine Umorientierung auf die ausländische Presse eintreten, was ein fatales Scheitern der Informationspolitik der Regierung wäre.

Einige wohltuende neue Ansätze bietet allerdings die Juventud Rebelde, die seit einigen Jahren mit zeitgemäßer Homepage und investigativen Artikeln glänzt. Mit der Kommentarfunktion auf der Website lassen sich die Berichte direkt kommentieren, die Autoren fühlen bei ihren Recherchen nicht selten lokalen Funktionären und Verantwortungsträgern im Interesse ihrer Leser auf den Zahn.

Der Kongress der UPEC: schonungslose Selbstkritik

Die genannten Mißstände der kubanischen Medien wurden ebenfalls im Juli auf dem neunten Kongress der kubanischen Journalistenassoziation UPEC diskutiert, auf dem Miguel Díaz-Canel als höchstrangiges Mitglied der PCC auftrat und kein Blatt vor den Mund nahm. Der Mediensektor scheint ihm sehr am Herzen zu liegen, zumindest äußerte er seine Kritik unverblümter denn je und ermutigte den Kongress zu ehrlicher Selbstreflexion. Neben dem Beschluss zur Erarbeitung eines neuen Pressegesetzes wurden vor allem die grundsätzlichen Probleme des kubanischen Journalismus hier diskutiert: mangelhafter Internetzugang, Unterfinanzierung sowie die veraltete und apologetische Denkweise der Journalisten wurden als wichtigste Kritikpunkte genannt. Auch wählten die Delegierten eine neue Leitung ihrer Organisation.

Es ging den Teilnehmern nicht darum, nur punktuelle Verbesserungen vorzuschlagen, sondern mit dem Kongress wurde die Erarbeitung eines neuen Medienverständnisses und Modells in die Wege geleitet. Raul Garces, der neue Vizepräsident der UPEC, fand angesichts der Wichtigkeit dieser Aufgabe eindringliche Worte: “Es gibt nur zwei Wege die wir gehen können: Entweder wir lösen das Problem zusammen und ein für alle Mal, oder die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft der kubanischen Medien wird einfach verschwinden.“ Weiter gab er zu bedenken: „[…] wir haben schrittweise ein Modell übernommen, dass die Realität durch die Gegenüberstellung des ‚heimischen Paradieses‘ mit der angeblichen ‚Hölle da draußen‘ erklärt. Wir haben oft vernünftige Argumente durch Propaganda ersetzt.“ Die Wirkung dieser Veranstaltung kann dabei gar nicht unterschätzt werden, die Grundsatzreden wurden live im nationalen Fernsehen übertragen und auch die Debatten lösten in Kuba ein breites Medienecho aus.

Miguel Díaz-Canel spitzte die Botschaft des Kongresses in seiner anderthalbstündigen Rede zu:

[…] hay que cambiar mentalidad, hay que cambiar conceptos, hay que, incluso, hay que revisar las cosas que nos hemos propuesto, los mismos argumentos que hemos utilizado, que no fueron argumentos inexactos, ni imprecisos para una época, pero que ahora hay que retomarlos de otra manera, hay que interpretarlos de otra manera, porque existe otra época.

[…] wir müssen die Mentalität ändern, die Konzepte ändern, wir müssen desweiteren die Dinge überprüfen, die wir vorgeschlagen haben, die selben Argumente die wir benutzt haben, die keine ungenauen oder unpräzisen für eine bestimmte Epoche waren. Aber heute müssen wir sie in einer anderen Weise wieder aufgreifen, in einer anderen Weise interpretieren, weil wir heute in einer anderen Epoche leben.

Bereits seit April dieses Jahres existiert eine Arbeitsgruppe um einen neuen Entwurf für die Kommunikationspolitik der Regierung mit den Medien zu erarbeiten, woran auch die UPEC beteiligt ist. Beginnend mit 2014 soll Díaz-Canel zu Folge auch die Internetinfrastruktur für Journalisten verbessert werden. Ebenfalls geplant ist die Gründung einer speziellen Beratungsgruppe, die aus professionellen Journalisten besteht und die kubanische Presse wöchentlich sichtet um den Redaktionen in angemessener Umgebung ein ehrliches Feedback zu geben, berichtete Díaz-Canel.

Er forderte die Presse dazu auf, den Fokus auf die Probleme der Bevölkerung zu legen, die eben auch die Probleme von Partei und Regierung seien. Eine bessere Ausbildung sowie der starke Wunsch nach Professionalisierung von Seiten der Journalisten selbst werden bei der Umsetzung des Ziels wesentliche Triebkräfte sein. Dieser Kongress war nicht ein Kongress der Schönfärberei, sondern der Selbstreflexion, erklärte Díaz-Canel in seiner Rede. Der BBC-Korrespondent Fernando Ravsberg fasste den Geist der Veranstaltung gut zusammen:

The fragments of the UPEC Congress sessions broadcast on Cuban television showed a serious debate, where participants questioned many aspects of the country’s media and proposed old and new ideas to transform the press into something that society demands and needs. […] The Congress, in a last analysis, saw more criticism than laments, more serious analysis than tantrums, and more proposals than conformism. And the best part, to quote Molto (Vorsitzender der UPEC, Anm. d. Red.), is that the new model “hasn’t been put into writing yet. There are notes, suggestions, and theories. The model, however, has by no means been worked out.”

Granma

Granma, neues (links) und altes (rechts) Layout im Vergleich.

Lösungen in Sicht?

Ein erster, wichtiger Schritt zur Grundlegung dieses neuen Modells war daher die erfolgte Neubesetzung der Chefredakteursposten der beiden wichtigsten Zeitungen des Landes. Pelayo Terry, der einen Twitter-Account mit mehr als 1.500 Followern betreibt und für viele der angesprochenen Neuerungen bei der Juventud Rebelde steht, war vorher bereits als Auslandskorrespondent in Äthiopien tätig. Die BBC-Korrespondentin Sarah Reinsford meint er sei „weniger hardliner“ als sein Vorgänger. Mit seinem neuen Posten könnte er einige Neuerungen in die Granmaredaktion bringen. Doch bereits vor seiner Amtseinführungen waren dezente Änderungen im Layout des Blattes sichtbar: Seit Ende September hat die Granma ihren Schriftzug in einen dunkleren Rotton gefärbt und die amateurhaft wirkende „Arial“ musste der Serifenschrift „ITC Slimbach“ im Fließtext weichen. Auch das Inhaltsverzeichnis der Wochenendausgabe wurde bereits aufgehübscht und der Juventud Rebelde angepasst.

Den kleinen Veränderungen im Format dürften bald inhaltliche folgen. Und auch eine Neugestaltung der Granma-Homepage könnte ein nahliegendes Ziel des frischgebackenen Chefredakteurs werden, um die Zeitung auch bei der jungen Generation endlich wieder attraktiver zu machen. Die Entwicklung eines neuen gesellschaftlichen Modells für die Medien ist von der Regierung längst als Aufgabe erkannt worden, ihre Rolle im künftigen Kuba wird daher neu ausgelotet werden. Die Schaffung des notwendigen juristischen Rahmens und der materiellen Voraussetzungen für professionelleren Journalismus werden Aufgaben für die kommenden Jahren sein. Díaz-Canels Worten müssen nun Taten folgen: „Ein besserer Journalismus – wie es jemand hier ausgedrückt hat – ist mögllich. Es ist unser Kampf und wie immer in diesem Kampf: Vencermos!“

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Ein Gedanke zu „Die Erneuerung der kubanischen Presse

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