Corona-Update für Kuba (17): Der Fahrplan zur Herdenimmunität

Während sich die Inzidenzwerte weiter auf hohem Niveau bewegen, hat Kuba seine Impfkampagne gegen das Coronavirus gestartet. Seit Anfang der Woche wird in allen Landesteilen das selbst entwickelte Vakzin „Abdala“ verimpft, kommenden Monat soll der zweite kubanische Corona-Impfstoff „Soberana 02“ sein Debüt feiern. Damit beginnt Kuba die Massenimpfung noch vor Abschluss der dritten Studienphase im Rahmen einer ausgedehnten klinischen Intervention. Bis zum Donnerstag wurden die ersten 184.000 Dosen verabreicht. Nach Zulassung der Vakzine durch die Aufsichtsbehörde soll das Tempo der Kampagne im Juni nochmals deutlich anziehen. Ende August sollen laut den ambitionierten Plänen des Gesundheitsministeriums bereits 70 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein.

Covid-19 Fälle auf Kuba vom 11. März 2020 bis einschließlich 13. Mai ’21: Akkumuliert (beige), aktive Fälle (rot) und tägliche Neuinfektionen (blau), (Quelle: Covid19-Dashboard Cuba)
  • Bis zum 13. Mai wurden auf Kuba insgesamt 121.838 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet: +1277 zum Vortag, darunter 657 in Havanna, 88 in Santiago de Cuba und 79 in Granma. 785 Personen sind bisher an den Folgen des Virus gestorben. 25.215 Personen befinden sich zur Gesundheitsüberwachung in medizinischen Einrichtungen, 114.544 gelten als genesen. Die Anzahl der aktiven Fälle liegt bei 6454 (siehe Grafik oben).
  • Die Inzidenz pro 100.000 Einwohner auf 15 Tage hat sich im letzten Monat von 132,8 (11. April) auf 137,7 (13. Mai) leicht erhöht und oszilliert auf einem hohen Plateau. Der bei uns gebräuchliche 7-Tage-Inzidenzwert stieg von 57 auf 70,2. Die Zahl der durchgeführten PCR-Tests liegt bei durchschnittlich 20.000 pro Tag. Die insgesamt am stärksten betroffene Provinz ist mit Abstand Havanna (50,5 Prozent aller Fälle), gefolgt von Santiago de Cuba (8,3) und Pinar del Río (5,7). Am Donnerstag wurde mit 1277 die bisher höchste Zahl an Neuinfektionen an einem Tag gemeldet.
Die ersten Dosen für die Provinz Holguín wurden am 8. Mai in Empfang genommen (Quelle: Cubadebate)

Start der Impfkampagne

Impfroadmap des MINSAP (Quelle: Cubadebate)
  • Kubas Impfkampagne ist am Montag gestartet. In mehreren kubanischen Provinzen wird seither die Bevölkerung gegen das Coronavirus immunisiert. Im Rahmen der Dritten Studienphase der beiden auf Kuba entwickelten Impfstoffe „Abdala“ und „Soberana 02“ werden diese als Teil einer klinischen Interventionsstudie bereits vor der Zulassung eingesetzt. Den Anfang machten Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Sancti Spíritus, Ciego de Ávila, Holguín und weiteren Provinzen, für die bis Montag jeweils zwischen 20.000 und 40.000 Dosen Abdala eintrafen. Am Mittwoch hat die Impfung der Bevölkerung von Havanna begonnen. Die Priorisierung erfolgt nach besonders betroffenen Gebieten und Altersgruppen. Kubas Gesundheitsministerium (MINSAP) stellte in einer Sondersendung den Fahrplan der Impfkampagne vor:
    • Den Anfang machen Havannas Stadtteile Regla, San Miguel del Padrón, Guanabacoa und Habana del Este, wo bis Juni 396.382 Personen mit Abdala geimpft werden sollen. In der letzten Maiwoche bis Ende Juli folgen in Boyeros, Cotorro und Arroyo Naranjo weitere 382.016 Personen, für die Abdala vorgesehen ist.
    • In der zweiten Phase sollen zwischen Juni und August 928.627 Bewohner der Stadtteile Plaza, Playa, Centro Habana, Habana Vieja, Cerro, 10 de Octubre, La Lisa und Marianao mit „Soberana 02“ geimpft werden. Bis Ende August sollen 1,7 Millionen Einwohner Havannas vollständig immunisiert sein, was 74 Prozent der Hauptstadtbevölkerung entspricht.
    • Ende dieses Monats soll in den Provinzen Santiago, Insel der Jugend, Matanzas und Pinar del Río die Impfung in vergleichbarem Umfang beginnen.
    • Hinzu kommen 474.676 Mitarbeitende des Gesundheitswesens und Medizinstudenten, die seit Anfang der Woche in allen Landesteilen ebenfalls geimpft werden.
  • Herdenimmunität bis Ende August? Der Plan sieht vor, bis Ende Juni 23 Prozent der Bevölkerung gegen das Coronavirus zu impfen. Im darauffolgenden Monat soll der Anteil der Geimpften auf 34 Prozent wachsen. Zwischen Juli und August soll sich die Kampagne massiv beschleunigen, so dass bis Ende August 70 Prozent der Bevölkerung den vollen Impfschutz erhalten sollen, womit Kuba als eines der ersten Länder weltweit über Herdenimmunität verfügen würde. Ob der ehrgeizige Plan in dreieinhalb Monaten umgesetzt werden kann, ist fraglich. Ausreichende Puffer für eventuelle Probleme in der Logistikkette sind darin sicher nicht enthalten und bis alle zwei bzw. drei Dosen verabreicht sind dürfte längere Zeit vergehen. Fest steht, dass Kuba über reichlich Erfahrung bei der Durchführung von Massenkampagnen verfügt und allem Anschein nach genug Impfstoff für seine Bevölkerung produzieren kann.
  • Impfung ohne Zulassung: Mit der Entscheidung, die Massenimpfung der Bevölkerung noch vor Ende der dritten Studienphase zu beginnen, bewegt sich Kuba aus medizinethischer Sicht sicherlich auf dünnem Eis. Andererseits seien ausgedehnte klinische Interventionen im Rahmen der letzten Erprobungsphase durchaus von der WHO gedeckt, betonen Vertreter des Gesundheitsministeriums. Sicherheit und Verträglichkeit werden in den ersten beiden Phasen festgestellt, während in Phase III die genaue Wirksamkeit ermittelt wird. Russland ging mit seinem Sputnik-Impfstoff vergangenes Jahr einen ähnlichen Weg. Laut Gesundheitsminister José Portal Miranda habe man sich für diese Vorgehensweise entschieden, um bereits vor der für Juni erwarteten Notfallzulassung durch die kubanische Arzneimittelbehörde Cedmed mit der Immunisierung der Bevölkerung voranzukommen. Die im März begonnene Phase-III-Studie mit rund 50.000 Teilnehmer pro Vakzin verlief bisher erfolgreich. Schwere Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten und die Wirksamkeit bewege sich auch gegen die Mutanten im Bereich über 80 Prozent. Bis belastbare Daten vorliegen dürften allerdings noch einige Wochen ins Land gehen.
  • Der Ablauf: Zur Umsetzung der Impfkampagne greift das sozialistische Land auf seine Massenorganisationen zurück, in erster Linie die „Komitees zur Verteidigung der Revolution“ (CDRs), die in jedem Wohnviertel vertreten sind, sowie der Frauenverband (FMC). Diese erhalten Listen mit den in ihrem Gebiet zur Impfung vorgesehenen Bürgern, welche von den lokalen Vertretern dieser Organisationen über Ort und Uhrzeit unterrichtet werden. Die Impfung selbst erfolgt in den landesweit mehr als 18.000 Familienarztpraxen und auf freiwilliger Basis. Ärzte sind angehalten, sämtliche der gelieferten Dosen in der vorgesehenen Frist zu verimpfen und im Falle von Absagen kurzfristig weitere Impfwillige zu finden. Wie bei uns wird auch nach Altersgruppen priorisiert: Zunächst kommt die Gruppe der über 60-jährigen, ab Mitte Juni die 40 bis 59-jährigen und schließlich alle über 19 Jahren. Schwangere, Personen mit Bluthochdruck, Krebspatienten sowie Kinder und Jugendliche sind derzeit von der Impfung ausgeschlossen.
  • Erfolgreicher Start: Nach Angaben der Gesundheitsbehörden wurden in den ersten vier Tagen der Kampagne, bis zum Abend des 13. Mai, mehr als 184.000 Personen geimpft. Das entspricht 39 Prozent der ausgelieferten Dosen. Der Prozess sei überall im Land gut angelaufen. Bislang sind 2800 Mitarbeiter des Gesundheitswesens in 565 Einrichtungen beteiligt.

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