27. November 2022

Corona-Update (26) Spezial: Im Gespräch mit Dr. Durán

Kuba führt wenige Wochen nach ihrer Abschaffung die Maskenpflicht wieder ein. Diesmal gilt sie allerdings nicht im gesamten öffentlichen Raum, sondern nur in Bus & Bahn sowie bei großen Menschenansammlungen. Damit wird auf die mit BA.5 inzwischen wieder leicht steigenden Fallzahlen reagiert. Zuletzt lag die 7-Tage-Inzidenz bei 8,01, am 25. Juli wurden 103 neue Fälle gemeldet. Vollständig geimpft sind 90 Prozent der Bevölkerung. Doch das soll es diesmal von „Cuba heute“ auch gewesen sein: Mehr als zwei Jahre nach dem Start des Corona-Updates wird diesem Format jetzt die besondere Ehre zuteil, Kubas Chef-Epidemiologen Dr. Francisco Durán persönlich zu Wort kommen zu lassen. Er bedarf eigentlich keiner weiteren Einführung mehr, dennoch sei an dieser Stelle nochmal auf das Corona-Update 3 vom April 2020 verwiesen, an dessen Ende der Werdegang von „Dr. Mund-Nasenschutz“, wie Durán auf Kuba auch genannt wird, vorgestellt wird. Im Gespräch mit Cuba heute erklärt Dr. Durán neben der aktuellen Pandemielage auch, warum es auf Kuba keine Impfgegner gibt. Darüber hinaus gibt er Einblicke in den laufenden Zulassungsprozess der kubanischen Vakzine bei der WHO und den Studien zum langfristigen Immunschutz. Das Gespräch fand am 21. Juli statt.

Interview mit Dr. Francisco Durán García

Dr. Francisco Durán García, Direktor für Epidemiologie des kubanischen Gesundheitsministeriums

Cuba heute: Fangen wir doch direkt bei Ihrem Fachgebiet und der Frage an, die Sie monatelang jeden Morgen dem Land unermüdlich beantwortet haben: Wie sieht die epidemiologische Lage auf Kuba heute aus?

Durán: In Kuba wird seit etwa einem Monat die Verbreitung der Untervariante BA.5 der Omikron-Variante festgestellt. Wie wir wissen, ist diese hoch ansteckend, jedoch nicht so schwer im Verlauf. Bei dieser Variante besteht allerdings die Möglichkeit, welche von verschiedenen Wissenschaftlern in der Welt bereits geäußert wurde und welche derzeit untersucht wird, dass die derzeit existierenden Impfstoffe keine signifikante Immunität gegen diese Untervariante von Omikron erreichen. Bei Kombinationen von BA.4 mit BA.5 ist der Immunschutz sogar noch fraglicher. In Kuba nimmt die Inzidenz aktuell leicht zu, und wenn ich von Zunahme spreche, dann meine ich 50, 60 Fälle pro Tag, während wir schon einmal tausende hatten. Und dies, während 94 Prozent der gesamten Bevölkerung immunisiert sind (mindestens eine Dosis, Anm. d. Redaktion), 82 Prozent mit einer ersten Auffrischungsimpfung geimpft sind und eine zweite Auffrischungsimpfung bereits für Personen über 60 Jahren und für Risikogruppen wie das Gesundheitspersonal verabreicht wird. Demnächst wird die gesamte Bevölkerung Zugang zur zweiten Boosterdosis erhalten. Im Kontext der hohen Immunität in der Bevölkerung, den Eigenschaften von Omikron sowie der Qualität der medizinischen Versorgung haben wir in unserem Land seit zehn Wochen keinen Todesfall durch Omikron mehr zu verzeichnen – was meiner Meinung nach ein wichtiger Indikator in diesem Sinne ist.

Bewusstsein für Infektionsschutz

Cuba heute: Als eines der wenigen Länder ist es Kuba gelungen, die erste Corona-Welle in kürzester Zeit zu brechen und trotz Rückschlägen immer wieder die Kontrolle über die Pandemie zurückzuerlangen. Auf welche Faktoren führen Sie diesen Erfolg zurück?

Kuba konnte die Pandemie mit umfassenden Hygieneregeln und eigenen Impfstoffen eindämmen. Hier zu sehen: Kubansche Medizniner auf dem Weg nach Südafrika (Quelle: Flickr)

Durán: Ein Faktor war der Bildungsstand, den die Bevölkerung durch die offiziellen Kommununikationskanäle und die damit zu Verfügung gestellten Informationen erreichte, was die Eigenverantwortung der Kubaner beim Schutz vor Covid erhöht hat. Ich spreche hier vom Abstand halten, der Nutzung des Mund-Nasenschutzes sowie der Verwendung von Handdesinfektionsmittel. Dadurch ist ein Bewusstsein für den Infektionsschutz entstanden. Der zweite, nicht minder wichtige Faktor, war der Grad der Immunität den unsere Bevölkerung durch die Impfung erreicht hat. Und der andere Faktor waren die zu verschiedenen Zeiten angewandten Restriktionen: Einstellung des Verkehrs, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Schulschließungen, nächtliche Ausgangssperren, Verpflichtung zur Verwendung des Mund-Nasenschutzes an allen öffentlichen Orten, die Schließung der Grenzen und die Pflicht zur Quarantäne und eines PCR-Tests für die Einreise. Hinzu kommt auch die institutionelle Isolation von infizierten Personen. All diese Maßnahmen hatten einen großen Einfluss auf die Bekämpfung der Pandemie.

Tests und Sequenzierung

Cuba heute: Die Leserschaft des „Corona Updates“ interessiert sich darüber hinaus auch immer für die epidemiologischen Details: Welche Strategie wird gerade mit Blick auf Testung und Sequenzierung gefahren?

Durán: In Kuba gibt es heute Dengue, es zirkuliert die Grippe und es gibt Covid. Also schaut man sich den Krankheitsverlauf an, um sich ein Bild zu machen, da man manchmal Dengue mit Covid oder Influenza verwechseln kann. Wenn Ärzte einen Patienten untersuchen, müssen sie sehr gewissenhaft ermitteln, was davon es sein könnte. Besteht der Verdacht auf eine Atemwegserkrankung, und verläuft diese etwas kompliziert, wird ein Nachweis von Atemwegsviren durchgeführt. In Kuba gibt es einen PCR-Test, mit dem 19 verschiedene Atemwegsviren nachgewiesen werden können. Wenn Du aufgrund des klinischen Bildes und der epidemiologischen Elemente eher an einen Covid-Fall denkst, wird zunächst ein Antigentest anstatt des PCR-Test durchgeführt. Erst wenn der Antigentest positiv auf Covid ausfällt, wird ein PCR-Test durchgeführt, der in unserem Land als Bestätigung gilt. Wenn Du als Arzt aufgrund des Krankheitsbildes, der Epidemiologie oder des hohen Mückenbefalls an einem bestimmten Ort zuerst von Dengue ausgehst, wird ein IgM-Suma durchgeführt, ein in unserem Land entwickelter Test. Fällt der IgM-Suma positiv aus, wird er zusammen mit den klinischen und epidemiologischen Daten an das nationale Referenzlabor geschickt, wo ein IgM-Elisa durchgeführt wird, ein weiterer Bestätigungstest, mit dem der Verdacht dann endgültig abgeklärt wird.

PCR-Test auf Kuba (Quelle: Aduana)

Cuba heute: Und wie steht es um die Sequenzierung von Corona-Tests? Wie hoch ist der Anteil der sequenzierten Proben?

Durán: Jeden Monat wird in jeder Provinz eine Zahl X an positiven Tests sequenziert. X ist abhängig von der Anzahl der Fälle, die jeweils auftreten. Eine feste Zahl kann man deshalb nicht nennen, jedoch bewegt sie sich im Bereich von etwa 10 Prozent aller positiven Tests. Diese werden an das Referenzlabor im Institut für Tropenmedizin „Pedro Kourí“ (IPK) geschickt, wo eine Sequenzierung mittels PCR durchgeführt wird um die zirkulierenden Varianten und Untervarianten zu bestimmen.

Pandemiemanagement in Deutschland und Kuba im Vergleich

Cuba heute: Das Pandemiemanagement in Deutschland war immer auch Ausdruck unseres föderalen Flickenteppichs: Beschlüsse wurden in Bund-Länder-Konferenzen gefasst, mit regional teils sehr unterschiedlichen Auslegungen, die von der Bevölkerung alles andere als stringend wahrgenommen wurden. Wie läuft die Koordination der Pandemiepolitik in Kuba ab und welche Rolle spielt die Wissenschaft bei der Entscheidungsfindung und Kommunikation?

Durán: Kuba konnte im Januar 2020 bereits auf einen Covid-Präventions- und Kontrollplan aus dem Jahr 2019 zurückgreifen. Im Januar 2020 gab es immer noch keine Covidfälle auf Kuba und weltweit nur sehr wenige. Doch der Plan wurde vom Präsidenten des Landes gebilligt und unter Beteiligung aller Ministerien verabschiedet. Am 11. März, als die ersten aus Italien importierten Fälle auftraten, war das Gesundheits- und Grenzpersonal bereits geschult. Danach fanden mehr als ein Jahr lang die Sitzungen der so genannten nationalen Arbeitsgruppe statt, bei denen der Präsident des Landes und alle Minister den Vorsitz führten und bei der täglich über die damalige Lage und die bereits getroffenen und noch zu treffenden Maßnahmen gesprochen wurde. Darüber hinaus wurden in jeder Provinz die Landesverteidigungsräte sowie die kommunalen Verteidigungsräte aktiviert, die für die Umsetzung dieser Maßnahmen in ihrem Gebiet verantwortlich waren. Dies ermöglichte ein einheitliches Vorgehen und verhinderte das von Ihnen beschriebene Phänomen, wonach lokal sehr unterschiedliche Maßnahmen zum tragen kommen. Auf die Weise ist die Kontrolle der Pandemie sehr schwierig, zumal, wenn die Grenzen offen sind. Aber Deutschland hat dies so entschieden, und wir haben uns für einen anderen Weg entschieden, welcher uns gute Ergebnisse beschert hat.

Welche Rolle hat die Wissenschaft gespielt? Eine sehr wichtige. Auch Wissenschaftler waren Teil der Arbeitsgruppe. Sie arbeiteten an neuen Behandlungsprotokollen, am optimalen Impfverfahren und widmeten sich der Forschung. Diese Gruppe traf sich täglich und wertete die Lage zusammen mit den Wissenschaftlern unseres Landes aus. So wurden beispielsweise mehr als fünf Behandlungsprotokolle mit kubanischen und nicht-kubanischen Arzneimitteln entwickelt welche in ganz Kuba zur Anwendung gebracht wurden.

Cuba heute: Anders als in Europa und den Vereinigten Staaten gibt es auf Kuba praktisch keine Coronaleugnerbewegung. Die Impfbereitschaft der Bevölkerung ist überaus hoch. Was ist Ihre Erklärung dafür und gibt es vielleicht sogar konkrete Lektionen, die andere Länder aus Public Health Sicht von Kuba lernen können?

Durán: Diese Strömungen sind in den 1960er und 70er Jahren entstanden, vor allem wegen der Masernimpfung, von der ein einzelner Wissenschaftler behauptete, sie verursache Autismus bei Kindern. Kuba hat dies damals nicht erreicht, und unsere Bevölkerung hat das wenig beeindruckt. Nach dem Sieg der Revolution hat Kuba als eine der ersten Maßnahmen Impfkampagnen entwickelt. Polio war damals eine Geißel bei uns und entsprechend wurde mit Unterstützung der Bevölkerung eine Impfkampagne in ganz Kuba durchgeführt, wodurch die Krankheit innerhalb weniger Jahre ausgerottet werden konnte. In Kuba gibt es heute keine Polio oder Masern mehr. Unsere Kinder werden geimpft, sobald sie aus der Entbindungsstation kommen. Und danach ist ihr Hausarzt dafür verantwortlich, dass sie die in jeder Phase vorgesehenen Impfungen erhalten. Und ich bin ehrlich, wenn ich sage: Unsere Bevölkerung hat ein Bewusstsein dafür, die Mütter wissen, was sie zu tun haben. Es gibt natürlich auch bei uns Mütter, die nachlässig sind, wie überall. Die Mehrheit der Mütter weiß jedoch, dass ihre Kinder Impfungen erhalten sollten. Unser Impfprogramm umfasst 11 Impfstoffe, die gegen 13 verschiedene Krankheiten schützen. Dieses wurde selbst inmitten der Pandemie aufrechterhalten, indem neue Impfstellen eingerichtet und das Personal verstärkt wurde. Dadurch konnten wir sicherstellen, dass andere Impfungen während der kurzfristigen Durchführung der Covid-Impfkampagne weiter fortgeführt werden konnten.

Impfgegner sind wirklich wirklich kein Problem auf Kuba, auch gibt es bei uns keine Demonstrationen in denen Leute skandieren, dass sie sich nicht impfen lassen wollen. Das liegt an der Erziehung, die uns die Revolution zuteil werden ließ.

Schwieriger Impfstoffexport

Insgesamt hat Kuba fünf Impfstoffkandidaten entwickelt, „Abdala“ ist im Zulassungsprozess auf WHO-Ebene am weitesten vorangeschritten (Quelle: Cubadebate)

Cuba heute: Wie bereits erwähnt war die Entwicklung und flächendeckende Ausrollung eigener Impfstoffe ein Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie auf Kuba. Aufgrund ihrer hohen Wirksamkeit bei günstigem Preis könnten diese darüber hinaus aber auch eine Hoffnung für viele Länder des Globalen Südens sein. Ein Hemmnis dabei ist die noch fehlende Aprobation durch die WHO. Inzwischen liegen die Dossiers zu „Abdala“ bei der Behörde. Wo steht der Zulassungsprozess heute?

Durán: Wie erwähnt haben wir bereits die Abdala-Dossiers übergeben, aber darüber hinaus haben wir auch die Soberana-Dossiers bei der WHO eingereicht. Jetzt fehlt noch der Besuch der Produktionsanlagen durch WHO-Vertreter, den wir jederzeit erwarten. Ob danach eine Aprobation erfolgt oder nicht, ist eine andere Frage.

Cuba heute: Wie schätzen Sie die Erfolgschancen ein?

Durán: Der Prozess läuft gut, bislang sind keine Probleme aufgetreten. Aber auch ohne WHO-Anerkennung können Sie in praktisch jedes Land mit der kubanischen Impfung einreisen – außer den USA und China, die jeweils ihre eigenen Impfstoffe verlangen. Der Rest der Welt akzeptiert die kubanischen Vakzine.

Cuba heute: Wie kommt der Export voran?

Durán: Wir haben bislang keine großen Mengen exportiert. Wir lieferten unter anderem an den Iran, nach Venezuela und Nicaragua. Aber eher als klassische Exporte sind in diesen Ländern klinische Studien durchgeführt worden. Aufgrund der fehlenden WHO-Zulassung sind viele Länder noch immer zögerlich, kubanischen Impfstoff zu erwerben.

Cuba heute: Welche Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit der Europäischen Union sehen Sie auf diesem Gebiet?

Durán: Kuba war hier schon immer offen, und es wurden bereits mehrere Schritte in diese Richtung unternommen. Ich kann nicht sagen, ob das Ergebnis positiv oder negativ ist, ob Impfstoff gekauft wird, aber es wurden einige Schritte unternommen.

Wir verfügen über den effizientesten Test, der bisher für einen Impfstoff durchgeführt wurde, nämlich die Kontrolle der Pandemie. Ein weiterer positiver Aspekt unserer Vakzine ist ist, dass die gesamte kubanische Kinderpopulation ab zwei Jahren mit ihnen vollständig immunisiert wurde. Derzeit führen unsere Wissenschaftler klinische Studien für die Altersgruppe von sechs Monaten bis zwei Jahren durch.

Cuba heute: …im Mai war zu lesen, dass Abdala in Italien produziert werden soll?

Durán: Man arbeitet daran, aber ich kann noch nicht sagen, dass dies in den nächsten Tagen eine Tatsache sein wird.

Cuba heute: Welche Fortschritte sind bei der Entwicklung neuer Vakzingenerationen zu vermelden? Welches Potential sehen Sie in der der laufenden Impfstoff-Entwicklungskooperation mit China, das ja bekanntlich über keine guten Impfstoffe gegen Omikron verfügt?

Durán: In dieser Hinsicht ist noch nicht viel passiert, aber das soll sich ändern. Außerdem betrifft die geringere Wirkung der Impfstoffe gegen die BA.5-Variante nicht nur die chinesischen, sondern alle Vakzine.

Studien zum langfristigen Immunschutz

Impfstoffproduktion des kubanischen Herstellers BioCubaFarma (Quelle: Granma)

Cuba heute: Bleiben wir beim Thema Impfstoffe. Nachlassender Immunschutz ist ein Problem, welches gerade in vielen Ländern eine Rolle spielt. Wie steht es um die langfristige Immunität der Kubaner?

Durán: Unseren Wissenschaftlern, die mit der Schwierigkeit konfrontiert waren, die Rohstoffe für die Herstellung unserer eigenen Impfstoffe zu beschaffen, ist es gelungen, diese im ersten Halbjahr 2021 innerhalb von nur vier Monaten herzustellen. Nach der Notfallzulassung durch das staatliche Zentrum für die Kontrolle von Arzneimitteln und anderen Reagenzien (CECMED) in Folge verschiedener klinischer Studien wurde in jenem Jahr die Massenimpfung begonnen. Heute setzen unsere Wissenschaftler ihre Forschung fort. In erster Linie wird derzeit mittels Blutproben der Antikörperspiegel bestimmt, der nach der Impfung besteht. Damit lässt sich bestimmen, wie viele Auffrischungsimpfungen erforderlich sein werden. Genauer gesagt geht darum zu ermitteln, ob wir die Formel unserer Impfstoffe ändern müssen, oder ob wir unserer Bevölkerung das selbe dreidosige Impfschema jedes Jahr verabreichen müssen. Also ob sie gegen diese neue Variante, die in Kuba wie im Rest der Welt bereits im Umlauf ist, wirklich wirksam sind oder ob einige Änderungen vorgenommen werden müssen. Daran arbeiten wir derzeit.

Cuba heute: Gibt es Daten oder Schätzungen zur relativen Seropositivität der Bevölkerung (also der Verbreitung von Antikörpern innerhalb der Population)?

Durán: Wir arbeiten mit der Inzidenzrate pro 100.000 Einwohner, den Todesfällen und der Sterblichkeitsrate als Indikatoren für die Bewertung des Fortschritts der Pandemie. Die erwähnten Studien zu dem Thema sind noch im Gange.

Hausgemachte Fehler

Cuba heute: Wie wir heute wissen dürfte die abrupte Öffnung der Grenzen im Herbst 2020 die Ausbreitung der Delta-Variante begünstigt haben, und auch die jüngsten Kurswechsel bei der Maskenpflicht erinnern ein wenig an den Ausspruch von Maximo Gómez, nach dem die Kubaner das Ziel entweder nicht erreichen oder darüber hinausschießen („los cubanos no llegan o se pasan“). Was hätte man aus heutiger Sicht im Pandemiemanagement besser machen können?

Durán: Nun, was getan wurde, wurde getan. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Maßnahmen welche die Grenze betrafen die Einschleppung neuer Varianten einschlossen. Dies ist überall auf der Welt geschehen. Auf Kuba war die Situation angesichts der Blockade noch komplizierter. Mit dem Tourismus als einer unserer wichtigsten Wirtschaftsquellen konnte Kuba nicht für immer im Lockdown bleiben. Erstens konnte man die Leute nicht ewig in ihren Häusern einsperren, und zweitens wurde ein Immunitätsniveau erreicht, das es erlaubte, diese Frage (nach der Grenzöffnung, Anm. d. Redaktion) zu überprüfen. Man stelle sich vor, dass Kuba von März 2020 bis heute im Lockdown geblieben wäre. Wer das schafft: schön und gut, aber auf menschliche Weise ist das in keinem Land der Welt möglich und noch viel weniger in Kuba.

Cuba heute: Erlauben Sie mir zum Abschluss noch eine persönliche Frage: In einem früheren Interview aus dem Jahr 2020 haben Sie gesagt, dass Sie lediglich drei bis vier Stunden pro Nacht schlafen. Ist dem noch immer so, oder genießen Sie heute ein wenig mehr Nachtruhe?

Durán (lacht): Manchmal, aber ich bin in dieser Hinsicht schon psychologisch beeinträchtigt und kann nicht mehr viel länger als fünf Stunden schlafen, auch wenn ich gerade nichts zu tun habe.

Cuba heute: Dr. Durán, vielen Dank für das Gespräch!

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4 Gedanken zu “Corona-Update (26) Spezial: Im Gespräch mit Dr. Durán

  1. Cuba hatte mit die schlimmsten Maßnahmen auf der Welt man durfte nicht Mal allein baden gehen.die Menschen wurden ūberall sogar allein im freien mit der Maske schikaniert.was soll die Frage mit den Demonstrationen der angeblichen Coronaleugner?bis auf eine Handvoll Idioten hat da nie jemand Corona geleugnet.es ging um die verhāltnismässigkeit der Massnahmen.das in cuba keiner dagegen demonstriert war ja klar.wer hat schon Lust dafūr in das Gefängnis zu gehen.
    Im der Dominikanischen Republik könnte man wāhrend der ganzen Corona Zeit ohne Test und Impfung einreisen.und es ist kein Unglück passiert.dort schreibt man mittlerweile die besten Touristen zahlen aller Zeiten vielleicht hätte sich Mister Maske dort Mal beraten lassen sollen.

    1. Maskenpflicht im gesamten öffentlichen Raum gab es nicht nur auf Kuba, sondern auch in Spanien und Italien. Ob man die nicht schon früher hätte aufweichen können steht auf einem anderen Blatt, aber hinter die Aussage, dass das die „schlimmsten Maßnahmen der Welt waren“, möchte ich mal ein großes Fragezeichen dahinter machen.

    1. Die Übersterblichkeitsdaten sind in der Tat interessant. The Economist stützt sich da auf die Statistikbehörde ONEI und das Ergebnis der excess mortality für den Zeitraum Juli bis September ist extrem hoch. In jedem Land ist die excess mortality allerdings höher als die gemeldeten Coronatoten, das heißt noch nicht, dass es ein bewusstes Underreporting gibt. Gerade im Falle Kubas ist gut vorstellbar, dass der sprunghafte Anstieg der Übersterblichkeit (die mit Beginn der Impfkampagne rapide abfällt) Folge des überlasteten Gesundheitssystems war, welches auf Prävention ausgerichtet ist und damals mit massiv unterdimensionierten Intensivkapazitäten sowie Engpässen bei der Sauerstoffversorgung zu kämpfen hatte. In jedem Fall eine Frage für das nächste Interview.

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