25. Februar 2024

Der „Mythos“ der KMU und das Brot mit Krokette

Die kubanischen KMU (kleine und mittlere Unternehmen, auf Kuba „MiPYMES“, micro, pequeñas y medianas empresas genannt, die sich seit September 2021 in eigener Rechtsform gründen dürfen, Anm. d. Red.) sind zu einem Thermometer der „Situation“ geworden, zu einem Kompass für Reformen, zu einem Sensor der „Offenheit“, zu einem Vehikel für die Einführung von Ideologien, die nicht mit der Revolution und dem Sozialismus kompatibel sind, zur Hauptursache für die Probleme Kubas, zum wichtigsten Grund für die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft, zu einem entscheidenden Faktor für die mögliche Dynamik des Wirtschaftswachstums, zur Hoffnung auf Öffnung für die einen, zu einem ideologischen Anliegen für die anderen, zur Zielscheibe für Geheimdienste und Spionageabwehr, Priorität und Zweck diverser Institutionen.

Wie fast immer bei allem, was in Kuba geschieht, sind die Extreme übervölkert, manchmal weit voneinander entfernt und manchmal so dicht beisammen, dass sie kaum zu unterscheiden sind.

Abgesehen davon hätte ich mir nie vorstellen können, dass jemand die kleinen und mittleren Unternehmen als „Mythen“ bezeichnen würde. Und noch weniger, dass ein Unterausschuss des Kongresses eines Landes, das in globale Konflikte verwickelt ist, den kubanischen KMU eine politische Anhörung widmen würde, in der sie als Agenten – und offenbar sehr gefährliche – der „Castro-Diktatur“ beurteilt würden. Welch Extreme! Hier auf der Insel gibt es diejenigen, die sie fast genauso sehen, nur umgekehrt, als Agenten externer Kräfte.

Und während die KMU in Lateinamerika tagtäglich darum kämpfen, den nächsten Tag zu erleben, und mit allen Mitteln versuchen, an Sichtbarkeit zu gewinnen, sind unsere, die „Made in Cuba“, jeden Tag in den Medien, sowohl dort als auch hier, und sind dort wie hier Gegenstand der Besorgnis, bis hin zum „antikubanischen Wutanfall“ einer US-Kongressabgeordneten kubanischer Herkunft, die entschlossen ist, diese KMU zu „entmystifizieren“. Ihrer Meinung nach wurden sie unzweifelhaft von der kubanischen Regierung konstruiert, um die US-Regierung zu täuschen und ihr System zu untergraben. Man könnte einen Thriller mit dem Titel „Die kubanische Pymes-Bedrohung“ schreiben. Sicherlich würde er beiden Extremen gefallen.

Aber wenden wir uns noch einmal den Fakten zu. Die KMU sind Teil dessen, was wir den „nicht-staatlichen Sektor der Wirtschaft“ nennen. Laut der vom kubanischen Wirtschaftsminister auf der Nationalversammlung im Dezember 2023 vorgestellten Präsentation umfasst der nicht-staatliche Sektor folgende Gruppen:

9 652 KMU [jetzt mehr als 10 070].
5 138 Genossenschaften
106 Joint Ventures
596 000 Selbstständige

Das Statistische Jahrbuch Kubas für das Jahr 2022 enthält die folgenden Daten für das selbe Jahr:

Erwerbstätige insgesamt ………………… 4 505 900
Im staatlichen Sektor……. …………. 2 896 200
Im nicht-staatlichen Sektor…………… 1 609 700

Davon:
Landwirtschaftliche Genossenschaften………542 600
Privat……………………..………..….1 067 100

Wie groß dieser „Mythos“ doch ist!

Kiosk in Havanna: Der Privatsektor hat vergangenes Jahr Waren im Wert von über 1 Mrd. US$ importiert und das Angebot auf Kuba deutlich erweitert. Viele ehemals knappe Güter sind jetzt gut erhältlich, die Auswahl gewachsen (Quelle: Cubaheute)

Es stellt sich heraus, dass der mythische kubanische Privatsektor bereits im Jahr 2022, als die Zahl der KMU noch nicht 5000 erreicht hat, 35,7 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigte. Mit anderen Worten, der „Mythos“ hat nicht nur Gewicht, sondern auch viele Menschen auf den Straßen Havannas und zahlreiche Familien, die von ihm abhängen.

Gehen wir noch ein wenig tiefer. Betrachtet man die Daten, die das Ministerium im Dezember 2023 vorgelegt hat, so ergibt sich, dass das staatliche Unternehmenssystem 1.336.000 Menschen beschäftigt. Lassen Sie uns noch einmal nachrechnen.

Unter der Annahme, dass sich die Gesamtzahl der Beschäftigten von 2022 bis 2023 nicht verändert hat, würde sich herausstellen, dass der staatliche Unternehmenssektor 29,6 Prozent der Erwerbstätigen des Landes beschäftigt, während der kubanische Privatsektor 35,7 Prozent beschäftigt. So viel zu María Elvira und ihrem „Mythos“!

Heute zählt das selbe Ministerium die Existenz von 262.000 Beschäftigten in KMU, von denen 183.000 neu angestellt worden sind. Mit anderen Worten, die KMU, kaum zwei Jahre alt, unter sehr schwierigen Bedingungen, mit Vorurteilen und Einschränkungen von der einen und der anderen Seite konfrontiert, haben eine Viertelmillion Arbeitsplätze geschaffen, von denen 69,8 Prozent neue Stellen sind.

Dabei handelt es sich um Kubaner, die heute eine ehrliche Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, was man für einen Mythos halten könnte, wenn man die Bedingungen berücksichtigt, unter denen die Betriebe dies bewerkstelligt haben.

Frischkäse und Butter „Made in Cuba“ von KMU (Quelle: Cubaheute)

Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, dass 2024 weitere 4000 KMU hinzukommen werden, trotz oder dank der neuen Maßnahmen zur „Ordnung des Sektors“, zu denen auch solche gehören, die manche Menschen in ihren unternehmerischen Absichten zur Gründung eines eigenes Geschäfts offen gesagt abschrecken/entmutigen/ausbremsen könnten.

Wenn diese Zahl neuer privater Unternehmen erreicht wird und wir davon ausgegehen, dass diese neuen KMU im Durchschnitt sechs Personen beschäftigen, wird es 24.000 Menschen mit Arbeitsplätzen und Vergütungen geben, die nicht vom kubanischen Staat abhängen.

Die „mythischen“ kubanischen KMU, auf die die extremen herabschauen, tragen heute etwa 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, trotz der besonderen Umstände unter denen sie arbeiten müssen, da sie kaum Zugang zu Krediten von nationalen und noch weniger von internationalen Banken haben, auf einen informellen Devisenmarkt zurückgreifen müssen weil der derzeitige Markt nicht existiert oder schlecht funktioniert, und trotz der bis heute dürftigen Anreize zur Entwicklung ihrer Aktivitäten in einem adäquaten Geschäftsumfeld.

Der „Mythos“ importierte im Jahr 2023 Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar, was 10 Prozent der gesamten Wareneinfuhren des Landes entspricht, wenn wir das Jahr 2022 als Referenzjahr nehmen. Importe, die mit eigenen Mitteln und durch eigene Anstrengungen bewerkstelligt worden sind.

Vor mehr als einem Jahrzehnt, auf einer Veranstaltung in den Vereinigten Staaten, lautete die Kritik an der von Raúl Castro propagierten Öffnung, dass private Unternehmen fast nichts tun dürften, dass sie nicht importieren könnten, dass sie keinen Zugang zu Anlagen hätten, dass sie keine Autos und keine angemessene Ausrüstung kaufen könnten, um ihre Aktivitäten zu entwickeln, dass sie keine Geschäfte mit ausländischen Unternehmen tätigen könnten und dass sie auch nicht in staatliche Einrichtungen investieren oder mit ihnen Geschäfte machen könnten. Überraschenderweise können kubanische KMU heute all das tun, was in jener Kritik gefordert wurde.

Vielleicht deshalb die „Entmystifizierung“ der kubanischen KMU durch die Zurschaustellung von „profundem Wissen“ über Kuba und der Rückgriff auf so neuartige Argumente wie jene, die die KMU als Instrument der kommunistischen Regierung in Havanna identifizieren oder beschuldigen, allesamt engen Verwandten von Generälen und Führern der „Spitze“ zu gehören, für das Innenministerium und die Streitkräfte zu arbeiten, zur neuen „Aufgabe“ des „anderen Ufers“ geworden zu sein.

Der Safthersteller „Agroindustrial Media Luna SRL“ wurde am 5. Oktober 2021 als erstes KMU der Provinz Ciego de Ávila gegründet (Quelle: ACN)

Sie zu diskreditieren, ihnen die Schuld an allen Problemen zu geben, mit denen unser Land heute konfrontiert ist, sie als trojanisches Pferd des US-Imperialismus zu bezeichnen und ihre Fehler zu überzeichnen, ist zur „Aufgabe“ dieser Seite geworden. Einmal mehr berühren sich die Extreme.

Während beide Seiten um den ersten Platz in ihrem Versuch konkurrieren, die KMU zu diskreditieren, schaffen kubanische Unternehmer Werte, nutzen Freiräume, versuchen, sich an Vorschriften anzupassen, die ihre Tätigkeit auf einem Markt sui generis nicht erleichtern.

Sie helfen stillgelegten Fabriken, einen Teil ihrer Aktivitäten wieder aufzunehmen, sie schaffen Arbeitsplätze und zahlen Löhne, sie erzeugen ein Angebot an Produkten und Dienstleistungen, sie gehen Risiken ein, indem sie ihr Kapital vorschießen, ohne das des Staates zu gefährden, sie verbinden sich mit internationalen Märkten auf der Suche nach besseren Angeboten und konkurrieren auf diesen Märkten unter nachteiligen Bedingungen. Weil die bloße Erwähnung des Wortes „Kuba“ viele daran hindert, Geschäfte zu machen; weil die Compliance-Büros der Banken es vorziehen, keine Risiken einzugehen, dank der erstickenden „Maßnahmen“ der US-Regierung.

Sie, die „mythischen Unternehmer“, setzen sich dafür ein, ihre persönlichen Projekte in Kuba zu verwirklichen und auf diese Weise zur Verbesserung unseres Landes beizutragen, auch wenn sie sich zurecht wie die Krokette im Brot fühlen, die von beiden Seiten zusammengedrückt wird.

Ein Gastbeitrag von Dr. Juan Triana Cordoví vom Studienzentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC) der Universität Havanna (UH). Übersetzung: Cuba heute. Erstveröffentlichung im spanischen Original auf OnCuba. Der im Original verlinkte Interviewbeitrag mit kubanischen Unternehmern, lässt sich hier im folgenden anschauen:

Teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert