25. September 2021

Corona-Update (19): Delta-Welle überrollt Kuba

Info: Da das offizielle Covid-Dashboard wegen Änderungen bei der Meldung der Todesfälle derzeit temporär nicht mehr aktualisiert wird, greife ich auf die Visualisierung von „Our World in Data“ zurück. Diese basiert ebenfalls auf den Daten des kubanischen Gesundheitsministeriums (MINSAP).

Schon seit Anfang des Jahres waren die Infektionszahlen langsam aber stetig am steigen. Die aktuelle Welle traf die Insel jedoch völlig überraschend. Im Verlauf von Tagen schnellten die Inzidenzen massiv nach oben, die Behörden wechselten wieder in den Krisenmodus. Anfang Juli brachte die hochansteckende Delta-Variante die Krankenhäuser der Provinz Matanzas an ihre Überlastungsgrenze, binnen weniger Wochen forderte das Virus mehr Tote als im gesamten letzten Jahr. Obwohl das exponentielle Wachstum inzwischen gebremst ist, bleibt die epidemiologische Lage auf der größten Antilleninsel kritisch: Kuba ist derzeit das Epizentrum der Pandemie in Lateinamerika und verzeichnet relativ zur Bevölkerung mehr tägliche Neuinfektionen als jedes andere Land auf dem Kontinent. Zwar konnte die Impfkampagne zuletzt wieder an Fahrt aufnehmen, die Erreichung der selbst gesteckten Meilensteine dürfte sich jedoch in den Herbst verlagern.

  • Bis zum 9. August wurden auf Kuba insgesamt 475.105 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet+8936 zum Vortag, darunter 1734 in Havanna, 1686 in Cienfuegos und 998 in Ciego de Ávila. 3608 Personen sind bisher an den Folgen des Virus gestorben, womit sich die Gesamtzahl der Toten allein in den letzten 8 Wochen mehr als verdreifacht hat. 475.205 Personen befinden sich zur Gesundheitsüberwachung in medizinischen Einrichtungen, 425.387 gelten als genesen. Seit dem 22. Juni stieg die täglich gemeldete Fallzahl sprunghaft von rund 1800 auf knapp 7000 bis zum 11. Juli an und erreichte am 1. August mit 9747 ihren bisherigen Höhepunkt. Die Anzahl der aktiven Fälle liegt aktuell bei 46.054. Die Fallsterblichkeit stieg in den vergangenen Wochen an, liegt mit 0,74 Prozent weiterhin unter dem weltweiten Durchschnitt von 2,13 Prozent.
  • Die Inzidenz pro 100.000 Einwohner auf 15 Tage hat sich seit dem letzten Corona-Update von 163,5 (14. Juni) auf 1200 (9. August) versiebenfacht und ist derzeit wieder leicht rückläufigDer bei uns gebräuchliche 7-Tage-Inzidenzwert stieg von 82,3 auf 551,56. Die Zahl der durchgeführten PCR-Tests wurde von durchschnittlich 20.000 pro Tag auf rund 45.000 mehr als verdoppelt.
Täglich verabreichte Impfdosen pro 100 Personen (Quelle: OWID)
  • Impfkampagne: Bis zum 9. August haben 41,2 Prozent der KubanerInnen mindestens die Erstimpfung erhalten. Vollständig geimpft sind sind 24,9 Prozent. Das selbst gesteckte Ziel, 70 Prozent der Bevölkerung bis Ende August zu impfen wurde mittlerweile auf 60 Prozent reduziert. Die Zahl der täglich verabreichten Impfdosen schwankt, ist mit durchschnittlich >1 pro 100 Einwohner jedoch deutlich über dem weltweiten Schnitt. Dennoch erscheint es derzeit äußerst unwahrscheinlich, dass das selbst gesteckte Ziel in den nächsten Wochen noch erreicht werden kann. In Havanna wurden inzwischen 1,4 der 1,7 Millionen Impfberechtigten (Personen über 19 Jahre) vollständig immunisiert. Die Adhärenz ist hoch: 90 Prozent derjenigen, welche die erste Dosis erhielten, haben die beiden Folgetermine wahrgenommen.

    Gesundheitssystem am Anschlag
  • Inzwischen dominiert auch auf Kuba die hoch ansteckende Delta-Variante des Virus. Eingeschleppt wurde sie vermutlich durch aus dem Ausland zurückkehrende Kubaner und russische Touristen in Varadero (Provinz Matanzas). Der erste große Ausbruch der Variante fand ab Ende Juni in eben jener Region statt, wo die Kapazitäten des Gesundheitssystems zeitweise an ihre Grenzen gebracht wurden. Unmittelbar vor den Protesten vom 11. Juli besuchte Präsident Miguel Díaz-Canel die Provinz mehrere Male, um die Installation von zusätzlichen Krankenhausbetten und medizinischem Gerät aus den Nachbarprovinzen zu koordinieren. Der zeitweise Ausfall der einzigen Sauerstoff-Fabrik des Landes hatte die Situation verschärft. Trotz des Eintreffens erster Hilfslieferungen ist die Lage ist weiterhin extrem kritisch: „Was unsere Kapazitäten an Infrastruktur, Ressourcen, Medikamenten und Sauerstoff betrifft, sind wir am Limit angelangt“, erklärte Díaz-Canel am Montag. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, wurden inzwischen erste Ärzte aus dem Ausland zurückbeordert.
  • Die Situation in den Krankenhäusern spitzt sich weiter zu, wovon ein Bericht der Lokalzeitung „Invasor“ aus Ciego de Ávila zeugt:
    Es gibt einen Mindestdruck an Sauerstoff von 4 bar, damit die mechanischen Beatmungsgeräte funktionieren. Bei der Mehrzahl der Personen, die auf nicht-invasivem Weg angeschlossen sind, fällt der Druck alle drei Stunden auf unter 3 bar, sodass die Patienten einen Atemstillstand erleiden. Dann muss schnell gehandelt werden, wie man so leicht dahersagt.

Weitere Entwicklungen

  • Leichte Entspannung in Matanzas: Mittlerweile sind die Inzidenzen in der westlichen Provinz wieder leicht rückläufig. Der Schwerpunkt der Impfkampagne verlagerte sich in Folge der Krise nach Matanzas. Die Corona-Maßnahmen, insbesondere zur häuslichen Quarantäne und Kontaktnachverfolgung, wurden seither mehrfach verschärft.
  • Kubas Vakzine in der Praxis: Die Effektivität der kubanischen Impfstoffe „Abdala“ und „Soberana 02“, welche in den Phase-III-Studien mit 92,28 bzw. 91,2 Prozent bei drei Dosen beziffert wurde, bleibt hoch. Nach ersten Daten aus der Praxis büßten sie vor allem gegen die nach wie vor auf Kuba verbreitete Beta-Variante an Wirksamkeit ein, während sie gegen Delta weiterhin hochwirksam sind.
  • Iran produziert kubanischen Impfstoff: Seit dem 2. Juli hat der vom Finlay-Institut entwickelte Impfstoff Soberana 02 im Iran die Notfallzulassung erhalten, wenige Tage später erst erfolgte die Zulassung durch die Medizinaufsicht (CECMED) auf Kuba. Ende Juli lief in dem Golfstaat die Massenproduktion des Impfstoffs an.
  • Schnelltests „Made in Cuba“: Mit „Umelisa SARS-CoV-2“ hat das Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie (CIGB) inzwischen ein eigenes Antigen-Schnelltestkit entwickelt, welches vollständig auf Kuba gefertigt werden kann. Die ersten rund 1000 Exemplare wurden Anfang Juli ausgeliefert.
  • Pädiatrische Studie zu Abdala: Ebenfalls letzten Monat hat die erste „Abdala“-Studie für die Altersgruppe 3 bis 18 Jahren auf Kuba begonnen. „Soberana 02“ wird bereits schon länger für Kinder und Jugendliche erprobt.
  • Lohnausgleich für Impflinge: Anders als bei uns werden Impftermine auf Kuba vom Staat zugeteilt und sind wenig flexibel. Wer deswegen nicht zur Arbeit kommen kann, erhält im Rahmen der „Resolution 66“ vollen Lohnausgleich.
  • Spritzen aus den USA: Eine Koalition aus mehreren Solidaritätsorganisationen in den USA hat Ende Juli mehr als sechs Millionen Spritzen nach Kuba verschifft. Der Mangel an Injektionsnadeln ist laut Angaben des Gesundheitsministeriums einer der wesentlichen Engpässe bei der Umsetzung der Impfkampagne.

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