2. Oktober 2022

Corona-Update (23): Der mühsame Weg in die Endemie

Vor einem Jahr hat der bis dato längste Lockdown der Pandemie auf Kuba begonnen. Am 14. Januar trat eine strenge nächtliche Ausgangssperre in Kraft, die erst im Oktober wieder aufgehoben wurde. Auch nach dem jüngsten Jahreswechsel steigen die Fallzahlen erneut an. Inzwischen sieht die Lage jedoch deutlich besser aus. Die neue Omikron-Variante trifft in Kuba auf eine fast vollständig geimpfte und zunehmend geboosterte Bevölkerung. Mittlerweile wurden über eine Millionen Menschen positiv auf das Virus getestet, die Zahl der tatsächlich stattgefundenen Infektionen dürfte indes wie überall deutlich höher liegen. Als erstes Land der Welt hat Kuba Anfang des Jahres eine 1G-Plus-Regelung für Besucher eingeführt. Dennoch wird Omikron über kurz oder lang auch auf der Insel zur vorherrschenden Virusvariante werden. Angesichts der inzwischen vorliegenden Erkennisse über die Mutante könnte darin aber auch eine Chance bestehen: Die „Omikron-Wand“, vor der Kuba im Moment steht, dürfte aufgrund der hohen Impfquote in den nächsten Wochen ohne einen drastischen Anstieg schwerer Verläufe zu bewältigen sein. Dahinter wartet eine mögliche endemische Phase der „friedlichen Koexistenz“ mit dem Virus…

  • Bis zum 17. Januar wurden auf Kuba insgesamt 1.005.649 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet+3150 zum Vortag, darunter 618 in Las Tunas, 429 in Holguín und 284 in Mayabeque. 8345 Personen sind an den Folgen des Virus gestorben, +4 zum Vortag. 205 Personen befinden sich zur Gesundheitsüberwachung in medizinischen Einrichtungen, 979.559 gelten als genesen. Die Anzahl der aktiven Fälle liegt derzeit bei 17.686, davon werden 37 intensivmedizinisch behandelt. Die Fallsterblichkeit ist auf 0,83 Prozent leicht gesunken.
  • Kubas Modellierer gehen davon aus, dass die aktuelle Omikron-Welle aufgrund der hohen Impfquote nicht wieder zu den extrem hohen Inzidenzen der Delta-Welle (teilweise >800) führen und zudem relativ rasch abflachen wird, der Höhepunkt soll im Februar erreicht werden. Update (19.01): Bisher verlief die aktuelle Welle entlang der optimistischsten Modelle und könnte nach jüngsten Erkenntnissen mit rund 3000 täglichen Neuinfektionen bereits ihren Peak erreicht haben.
  • Die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner hat sich seit dem letzten Corona-Update von 9,8 (7. Dezember) auf 284,9 (17. Januar) erhöht und erreicht damit das Niveau vom letzten Oktober. Die Anzahl der durchgeführten PCR-Tests hat sich im selben Zeitraum von 17.500 auf 36.800 pro Tag verdoppelt. Zum Vergleich: Im Januar 2021 wurden rund 13.000 PCR-Tests pro Tag durchgeführt.

Impfkampagne

Kubas Boosterkampagne im Vergleich (Quelle: OWID)
  • Bis zum 16. Januar haben 93 Prozent der KubanerInnen mindestens die Erstimpfung erhalten. Vollständig geimpft sind 87,4 Prozent. Damit liegt Kuba bei der Impfung nach den Vereinigten Arabischen Emiraten und Portugal weltweit an dritter Stelle und hat Chile vom ersten Platz auf dem amerikanischen Kontinent verdrängt. Insgesamt wurden bislang 32,9 Mio. Impfdosen verabreicht. Die im Dezember begonnenen Auffrischungsimpfungen haben im neuen Jahr an Fahrt aufgenommen, mittlerweile sind 35 Prozent der Bevölkerung geboostert. Dabei wurde in der geographischen Reihenfolge der Impfkampagne begonnen: während Havanna bereits vollständig geboostert ist, fängt die Kampagne in den übrigen Provinzen gerade erst an. Das schlägt sich auch in der Inzidenz nieder: der Schwerpunkt des Infektionsgeschehens findet aktuell in den urbanen Regionen im Osten der Insel statt, in Havanna sind die Fallzahlen hingegen vergleichsweise niedrig.
  • Mexiko lässt „Abdala“ zu: Wie bereits berichtet, hat die mexikanische Medizinaufsicht „Cofepris“ den kubanischen Impfstoff „Abdala“ für die Bundesrepublik Mexiko zugelassen. Die Cofepris gilt als wichtiger Bezugspunkt bei der Medikamentenkontrolle für weitere Länder des Kontinents und wurde im Jahr 2012 als „nationale Referenzbehörde“ von der panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO) zertifiziert. Diese hob Kubas Erfolge bei der Entwicklung und Nutzung eigener Impfstoffe zuletzt positiv hervor.
  • Neuer Kredit für Impfstoffproduktion: Die Zentralamerikanische Bank für Wirtschaftsintegration (BCIE) hat Kuba einen Kredit in Höhe von 46,7 Millionen Euro zur Produktion von Impfstoffen gewährt. Damit soll die Herstellung von 200 Millionen Dosen sichergestellt werden. Der Präsident der BCIE, Dr. Dante Mossi, brachte seine Hoffnung zum Ausdruck dass dies im Falle Kubas „der erste von vielen“ genehmigten Krediten sein werde.
  • Kubas Impfstoffe in den Medien: Der britische „Guardian“ widmete Kubas Vakzinen neulich einen ausführlichen Artikel. „Kuba ist ein Opfer des magischen Realismus“, sagt darin John Kirk, Professor Emeritus für Lateinamerikastudien an der Dalhousie University in Kanada. „Die Vorstellung, dass Kuba mit nur 11 Millionen Einwohnern und begrenztem Einkommen eine Biotech-Macht sein könnte mag für jemanden, der bei Pfizer arbeitet, unverständlich sein – aber für Kuba ist genau das möglich“, so Kirk. Der US-Sender CNBC würdigte Kubas Impfstoffe als „Hoffnung für den Globalen Süden“. Die Sozialwissenschaftlerin Helen Yaffee von der Universität Glasgow erklärte gegenüber dem Medium: „Diejenigen von uns, die sich mit Biotechnologie befasst haben, sind in diesem Sinne nicht überrascht, denn die Sache [die Entwicklung eigener Corona-Impfstoffe] ist nicht einfach aus dem nichts entstanden. Sie ist das Ergebnis einer bewussten staatlichen Investitionspolitik in diesem Sektor, sowohl im Bereich der öffentlichen Gesundheit als auch in der medizinischen Wissenschaft“.

Neue Einreiseregelungen seit 5. Januar

  • Seit dem 5. Januar dürfen nur noch vollständig geimpfte (Booster wird nicht verlangt) auf die Insel einreisen, zudem ist ein negativer PCR-Test vorzuweisen, der bei Abflug nicht älter als 72 Stunden sein darf. Kubanische Staatsbürger können weiterhin ungeimpft einreisen, müssen sich dann aber für acht Tage auf eigene Kosten in ein Quarantänehotel begeben. Alle Besucher sind angehalten, sich über das neue digitale Einreiseformular anzumelden. Am besten das ausgedruckte Formular mit QR-Code in Papierform mitführen.
  • Wie gehabt gilt auf Kuba im gesamten öffentlichen Raum (außer im Wasser sowie in den Außenbereichen vieler Strandhotels) Maskenpflicht, das gesellschaftliche Leben hat jedoch in den vergangenen Monaten wieder spürbar an Fahrt aufgenommen. Restaurants, Bars, Museen, Autovermietungen und andere Einrichtungen sind geöffnet. Zwischen den Provinzen verkehren wieder regelmäßig Fernbusse und Züge.

Omikron: Von der Pandemie zur Endemie?

  • Inzwischen wurden auf Kuba 168 Omikron-Fälle durch Sequenzierung ermittelt, die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher sein. Die häufigsten Einschleppungen erfolgten laut den vorliegenden Daten aus den Vereinigten Staaten, gefolgt von afrikanischen Ländern und Kanada. Omikron zirkuliert bereits in sämtlichen Provinzen und dürfte maßgeblich zum neuerlichen Anstieg der Inzidenz beitragen.
  • Omikron ist zwar um ein vielfaches infektiöser als Delta, führt jedoch (insbesondere bei geimpften) zu deutlich weniger schweren Verläufen. Angesichts der hohen Impfquote wird trotz der steigenden Inzidenzen mit einer sinkenden Letalität gerechnet. Es soll deshalb keinen erneuten Lockdown geben, statt institutioneller wird weiterhin vorwiegend auf häusliche Quarantäne gesetzt. Angesichts der offenen Schulen (die zuvor während des Lockdowns als Isolierstationen verwendet wurden) sei dies auch gar nicht anders möglich, stellte Premierminister Manuel Marrero fest.
  • Auch auf Kuba wird die wissenschaftliche Diskussion über den Übergang in die endemische Phase der Pandemie geführt. Unter dem Titel: „Der mühsame Weg in die Endemie“ publizierte der Biochemiker Daniel García von der kubanischen Akademie der Wissenschaften eine Einschätzung über die mögliche weitere Entwicklung mit Omikron. Bereits im Dezember war unter Kubas Epidemiologen erstmals von einer „verantwortlungsvollen Koexistenz“ mit dem Virus die Rede. Präsident Díaz-Canel lobte den Text von García auf Twitter als „exzellente Zusammenfassung über unsere Lage in der Pandemie“, was das Dokument zu einem Schlüssel für die weitere Corona-Politik der Regierung werden lassen könnte. Garcías Schlussfolgerung:

Alles deutet darauf hin, dass die Impfstoffe SARS-CoV-2 nicht vollständig ausrotten werden, aber mit ihrer Hilfe sind wir auf dem Weg, es zum fünften endemischen Coronavirus zu machen. Es wird ein langer und harter Weg sein, aber sicherlich kürzer und humaner, als wenn wir alles dem Verlauf der natürlichen Infektion überlassen hätten.
Die Experten sind der Meinung, dass wir in diesem Jahr noch nicht das Ende der Pandemie feiern können, doch der Weg in die Endemie hat bereits begonnen.

Dr. Daniel García: „El tortuoso camino hacia la endemia del SARS-CoV-2
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2 Gedanken zu “Corona-Update (23): Der mühsame Weg in die Endemie

  1. Ich denke das Omikron entweder durch von Biontech geimpften Touristen ins Land gekommen ist oder wie in China durch verseuchte Post. In Beijing wurde nachweislich der erste Omikron-Fall durch ein Paket aus Kanada ins Land geholt.

    1. Es ist doch immer wieder herrlich und zugleich auch gruselig, wenn selbsternannte Hobby-Virologen ohne Qualifikation und ohne jeglichen Beleg oder Indiz wahnwitzigste Thesen aufstellen. Mal anders herum gefragt, welcher Impfstoff schützt denn zu 100%? Welcher Impfstoff schützt denn im Besonderen vor Omikron? Keiner! Also kann theoretisch jeder mit jeder oder ohne Impfung das Virus eingeschleppt haben.

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