7. Dezember 2022

Corona-Update (22): Lage unter Kontrolle?

Mehr als drei Wochen nach der Öffnung des Tourismus sinken die Inzidenzen auf Kuba weiter, die Lage bleibt auch inmitten der Zunahme des Fremdenverkehrs zum Jahresende stabil: erstmals bewegt sich die 7-Tages-Inzidenz wieder im einstelligen Bereich, die Intensivstationen sind leer. Der Grund dafür liegt vor allem in der Impfkampagne, die inzwischen neun Zehntel der Bevölkerung erreicht hat. Sorgen bereitet den Gesundheitsbehörden die neue Omikron-Variante, welche bislang in 57 Ländern weltweit nachgewiesen wurde. Kuba ist noch nicht darunter, doch beobachtet man die Entwicklung genau. Einer der beiden Hersteller hat bereits mit der Anpassung seiner Vakzine begonnen. „Auch angesichts der neuen Variante werden wir unsere Grenzen nicht schließen“, stellte Präsident Miguel Díaz-Canel indes klar. Dabei sollen alle machbaren Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden; am Samstag sind neue Einreiseregeln für Risikogebiete in Kraft getreten. Ob diese eine Einschleppung langfristig verhindern können, erscheint fraglich. Noch immer fehlen belastbare Daten zu Infektiosität und Gefährlichkeit der Variante. Trotz der guten Zahlen macht Omikron bereits jetzt eines deutlich: Auch für Kuba wird die Pandemie erst dann vorüber sein, wenn die Lage weltweit unter Kontrolle ist. Der Schlüssel dafür ist die Impfung.
Update (09.12): Inzwischen wurde der erste Omikron-Fall auf Kuba bestätigt (siehe unten).

  • Bis zum 7. Dezember wurden auf Kuba insgesamt 963.347 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet+78 zum Vortag, darunter 20 in Holguín, 8 in Havanna und 8 in Las Tunas. 8311 Personen sind an den Folgen des Virus gestorben, zum Vortag wurden keine neuen Todesfälle gemeldet. 2.904 Personen befinden sich zur Gesundheitsüberwachung in medizinischen Einrichtungen, 954.572 gelten als genesen. Die Anzahl der aktiven Fälle liegt derzeit bei 407, davon werden 16 intensivmedizinisch behandelt. Die Fallsterblichkeit beträgt weiterhin 0,86 Prozent.
    Der von Kubas Modellierern prognostizierte Rückgang der Infektionsrate hat sich in den letzten Wochen weiter fortgesetzt. Inzwischen werden die höchsten Fallzahlen nicht mehr aus Havanna und Pinar del Río sondern der östlichen Provinz Holguín gemeldet. Kubas Gesundheitsbehörden mahnten auf der letzten Sitzung des Krisenstabs zu „einer verantwortungsvollen Koexistenz“ mit dem Virus, der Kampf gegen die Pandemie sei trotz der ermutigenden Zahlen noch lange nicht vorbei.
  • Inzwischen wurde der erste Omikron-Fall auf Kuba nachgewiesen: ein Mediziner aus Pinar del Río brachte die Variante bei seiner Rückkehr aus Mosambik mit. Er war am 27. November eingereist, also noch vor Inkrafttreten der neuen Quarantäneregeln für Reisende aus Subsahara-Afrika. Am 28. November erfolgte die Einlieferung in das Krankenhaus „León Cuervo Rubio“ von Pinar del Río, nachdem sich erste Symptome gezeigt hatten. Bei der erneuten Sequenzierung des PCR-Tests am 8.12 wurde schließlich die neue Variante identifiziert. 16 Kontakte außerhalb des Haushalts der Person sind bislang alle negativ PCR-getestet worden. Ein erster Verdachtsfall eines Passagiers aus Südafrika erwies sich zuvor am 3. Dezember als Fehlalarm.
  • Die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner hat sich seit dem letzten Corona-Update von 245,9 (15. Oktober) auf 9,8 (7. Dezember) massiv reduziert und erreicht damit erstmals seit letztem Jahr wieder den einstelligen Bereich. Die Anzahl der durchgeführten PCR-Tests wurde im selben Zeitraum von 31.000 auf 17.500 pro Tag gesenkt. Zum Vergleich: Im November 2020 wurden rund 8000 PCR-Tests pro Tag durchgeführt.
Anteil der vollständig geimpften in Kuba (grün) und einigen Vergleichsländern bis 7. Dezember (Quelle: OWID)
  • Impfkampagne: Bis zum 6. Dezember haben 90 Prozent der KubanerInnen mindestens die Erstimpfung erhalten (>95% der impfberechtigten Bevölkerung ab zwei Jahren). Vollständig geimpft sind 83,2 Prozent. Damit hat Kuba inzwischen die meisten Industrieländer hinter sich gelassen und liegt nach Chile an zweiter Stelle auf dem amerikanischen Kontinent. Bei den verabreichten Dosen pro Einwohner belegt das sozialistische Land aufgrund des dreidosigen Schemas sogar die Weltspitze. Das Ziel, bis Ende November 90 Prozent der Bevölkerung vollständig zu immunisieren, wurde jedoch verfehlt. Mittlerweile wurde auf der Insel mit Auffrischungsimpfungen begonnen, zunächst für Mitarbeiter des Gesundheitswesens und der Tourismus-Branche. Seit Montag wird in Havanna auch in der Fläche geboostert: In den Gemeinden Regla, Guanabacoa, Habana del Este und San Miguel del Padrón haben inzwischen 33.000 Personen die 4. Spritze erhalten. Dort hatte die Impfkampagne im Mai begonnen, die Erstimpfung liegt entsprechend am längsten zurück. Insgesamt wurden bislang 424.113 Auffrischungsimpfungen verabreicht. Wie die Hersteller bekannt gaben, sind die beiden eingesetzten Impfstofffamilien untereinander austauschbar, mit „Soberana“ geimpfte Personen können also mit „Abdala“ geboostert werden und umgekehrt. Derzeit laufen Langzeitstudien über die Dauer des Immunschutzes, mit denen der bestmögliche Abstand für künftige Boosterimpfungen ermittelt werden soll. Eine weitere Studie prüft die Wirksamkeit des nasal verabreichten Impfstoffs „Mambisa“ als Booster.

Neuigkeiten zu den Impfstoffen:

  • Anerkennung für Kubas Vakzine: Das renommierte Fachjournal „Nature“ hat sich zuletzt Kubas selbst entwickelten Impfstoffen gewidmet. Der Artikel von Sara Reardon wurde inzwischen auch in deutscher Fassung in „Spektrum der Wissenschaft“ veröffentlicht. Dort wird auf die jüngste Preprint-Studie zu den Soberana-Impfstoffen Bezug genommen, welche am 6. November erschienen ist und in der eine Wirksamkeit von 92,4 Prozent gegen symptomatische Infektionen durch Delta nachgewiesen wurde. John Grabenstein, Präsident des Beratungsunternehmens Vaccine Dynamics an der University of North Carolina, bezeichnete Kubas Impfstoffe in dem Artikel als „nützliche Ergänzung für die ganze Welt“. Die bisher vorliegenden Daten würden solide erscheinen: „Jeder verwendet ein anderes Gerät aus dem Werkzeugkasten – funktionieren tun sie aber so ziemlich alle“, so Grabenstein. Auch das deutsche Ärzteblatt berichtete über die kubanischen Impfstoffe. In einer feierlichen Zeremonie bedankte sich Präsident Díaz-Canel am Dienstag bei den Entwicklern: „Ihr habt, gemeinsam mit den Mitarbeitern des Gesundheitswesens, das Land gerettet. Kuba wird euch das nie vergessen“, so das Staatsoberhaupt.
  • Anpassung gegen Omikron: Inzwischen haben Kubas Wissenschaftler mit der Anpassung ihrer Impfstoffe an die neue Mutante begonnen. „Wir haben letzte Woche beschlossen, eine Variante von Soberana Plus mit der Rezeptorbindedomäne des Omikron-Proteins zu produzieren“, erklärte der Direktor des Finlay-Instituts für Impfstoffentwicklung (IFV), Vicente Vérez Bencomo. Die ersten Proteine seien bereits synthetisiert worden. Es werde alles getan, um „jeder möglichen Situation voraus zu sein“, versicherte Vérez Bencomo. Wie Eduardo Martínez Díaz, Leiter des staatlichen Pharmadachkonzerns BioCubaFarma, ankündigte, werde parallel am Entwurf neuer Vakzine speziell gegen Omikron gearbeitet.
  • Mehr Impfoptionen für Kinder: „Soberana 02“ wurde als erstes Vakzin am 3. September für die Altersgruppe ab zwei Jahren zugelassen. Ende Oktober hatte Kubas Medizinaufsicht CECMED dem „Abdala“-Impfstoff eine Notfallzulassung für die Altersgruppe 12 bis 18 erteilt. Damit können beide kubanischen Vakzine bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden. Jetzt erhielt auch „Soberana Plus“ die Notfallzulassung für Genesene ab zwei Jahren.
  • Export nimmt Fahrt auf: Bis zum Ende des Jahres wird Venezuela 16 Millionen Dosen des Abdala-Impfstoffs erhalten haben. Ab Januar 2022 will das südamerikanische Land in der Lage sein, das Vakzin selbst zu produzieren. Der Export in andere Länder fängt derweil gerade erst an. Zu den wichtigsten Erstabnehmern gehören neben Iran (wo ein Teil der Studien für Soberana 02 durchgeführt wurde) Vietnam, Nicaragua, Mexiko und Argentinien. Einige dieser Länder planen ebenfalls den Aufbau eigener Produktionslinien. Ein Hemmnis für die weltweite Vermarktung dürfte die weiterhin fehlende WHO-Zulassung sein, nach letzten Informationen vom 11. November steht der Prozess noch ganz am Anfang.
  • Vergiftetes Angebot? Kurz vor den für 15. November geplanten Protesten boten die Vereinigten Staaten Kuba eine Lieferung von einer Millionen Impfdosen an. Außenminister Bruno Rodríguez zeigte sich angesichts des Timings überrascht. Im Sommer, als dringend Impfstoff und andere medizinische Ausrüstung benötigt wurden, wäre Washington deutlich weniger generös gewesen und hätte noch nicht einmal basale humanitäre Lockerungen der Wirtschaftsblockade in Erwägung ziehen wollen. Mittlerweile sei jedoch mehr als genug Impfstoff vorhanden. Kuba lehnte die Offerte entsprechend höflich ab und schlug stattdessen vor, die US-Lieferung mit Hilfe kubanischer Vakzine auf zwei Millionen Dosen zu verdoppeln, welche als Zeichen der Kooperation durch eine gemeinsame Medizinerbrigade beider Länder in bedürftigen Regionen des Globalen Südens verimpft werden sollte. Die Biden-Administration ging nicht darauf ein.

Weitere Entwicklungen

  • Rückkehr des Tourismus: Inzwischen haben die Flugbewegungen in Havannas Airport wieder die Hälfte des Standes vom letzten Jahr um diese Zeit bzw. 27 Prozent von vor der Pandemie erreicht. Seit der Öffnung vor drei Wochen wird die Insel zunehmend von internationalen Airlines angesteuert. Aus Kanada und den Vereinigten Staaten ist Kuba wieder gut erreichbar, Flüge aus Europa sind jedoch weiterhin teuer. Ein Überblick über die Verbindungen im Dezember findet sich → hier.
  • Zollerleichterungen bleiben: Wie der kubanische Zoll bekannt gab, bleiben die bestehenden Ausnahmen bei der Einfuhr von Medikamenten, Lebensmitteln und Hygieneprodukten bis zum 30.06.2022 in Kraft. Ursprünglich waren die am 19. Juli eingeführten Maßnahmen bis zum Jahresende limitiert.
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13 Gedanken zu “Corona-Update (22): Lage unter Kontrolle?

  1. Das Angebot WHO zertifizierter Impfstoffe mit den eigenen bisher unzertifizierten kontern zu wollen, für die es keine unabhängige Studienlage gibt, verkennt den Umstand, dass fast jedes Land auf eigene Zulassungsverfahren nach international wissenschaftlichen Standards oder mindestens auf die WHO-Zulassung bei importierten Impfstoffen setzt, um größtmögliche Sicherheit herzustellen. Nur so gibt es auch international im Reiseverkehr eine hohe Anerkennung des Impfstatuses. Insofern ist das Gegenangebot eine Lachnummer und ohne Zertifizierung nicht annehmbar, bzw, reine Geldverschwendung. Falschen Stolz bezüglich der Annahme von Impfstoff-Spenden muss man sich auch erst mal leisten können.

    Warum zum Beispiel der Prozess-Status „Awaiting information on strategy and timelines for submission“ bei der Zertifizierung kubanischer Impfstoffe bei der WHO keinen Anlass zu kritischen Fragen oder Recherchen geben, ist mir ein Rätsel. Denn wie es scheint, ist man über die Willenserklärung, diesen Zertifizierungsprozess zu durchlaufen, noch nicht hinausgekommen.

    Es scheint ja ausschließlich Positives in Bezug auf Kubas Kampf gegen die Pandemie zu berichten zu geben, dabei schaffen die Ungereimtheiten bei den Zahlen in der Vergangenheit und fehlende statistische Parameter leider kein wirklich greifbares und nachvollziehbares Bild. Impfdurchbrüche scheint es nicht zu geben. Tests standen insbesondere zum Höhepunkt der pandemischen Lage nicht ausreichend zur Verfügung und für die Zählung von Corona-Toten scheint Kuba z.B. auch andere Maßstäbe zu verwenden.

    Der Trend ist dahingehend glaubwürdig, dass die Infektionszahlen mittlerweile recht niedrig sind.
    Was die Impfungen angeht, hat Kuba sicherlich Erfolge erzielt, die bisher aber unabhängig nicht quantifiziert und überprüft werden konnten. Insbesondere die scheinbaren Zögerlichkeiten bei der WHO-Zertifizierung, aber auch bei der Veröffentlichung von Daten über die üblichen Wissenschaftlichen Fachmagazine macht skeptisch.
    Da die Regierung einen fundamentalen Interessenkonflikt bei der Transparenz zu ihrem Prestigeobjekt haben könnte und die Institute nun mal nicht wirklich unabhängig arbeiten, genauso wenig wie die Presse, ist Skepsis geboten bei allem, was offiziell veröffentlicht wird. Auch wenn es selten vorkommt, es wäre nicht das erste Mal, dass die Provinzpresse die MINSAP-Daten durch eigene regionale Erfassung konterkariert.

    1. Das Argument, dass der Einsatz von Impfstoffen ohne WHO-Zulassung reine Geldverschwendung sei finde ich ziemlich schräg. Auch Sputnik und Sinopharm, die (noch) keine WHO-Approbation haben, wurden und werden ja sogar in EU-Ländern eingesetzt. Die fehlende WHO-Zulassung hat auch Markus Söder nicht davon abgehalten, Sputnik für Bayern bestellen zu wollen. Ich kenne keine seriöse Studie, die die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Vakzine ernsthaft in Frage stellt, lasse mich aber gerne eines besseren belehren.

      Wir sehen derzeit einen massiven Impfstoffmangel im Globalen Süden und alles was wir wissen deutet darauf hin, dass die kubanischen Impfstoffe funktionieren und damit zum Schutz von Menschenleben und zur Eindämmung der Pandemie beitragen können. Das ist doch der entscheidende Punkt. Länder wie Argentinien, Vietnam oder Mexiko sind sogar trotz der noch ausstehenden WHO-Zulassung bereit Geld auszugeben, um diese Vakzine einsetzen zu können. Und die werden auch Leute haben um die Daten mal gründlich durchzugehen. Eine fehlende WHO-Anerkennung für einfaches Reisen dürfte wohl gerade das geringste Problem der Leute in Ländern sein, die keinen ausreichenden Zugang zu Impfstoff haben…

      Was die Gründe für den nach wie vor am Anfang stehenden Zulassungsprozess sind, darüber kann man nur spekulieren. Tatsache ist, dass die ersten Gespräche vor drei Monaten begonnen wurden, was noch nicht allzu lange her ist. Sputnik war ja eines der ersten Vakzine und hat noch immer keine WHO-Zulassung, wird aber per Notfallzulassung in 63 Ländern verimpft und von 73 Staaten anerkannt. Auch US-Firmen wie Novavax, die ihre ersten Tests im Mai 2020 gestartet haben und deren Präparate vielversprechend aussehen (übrigens ähnliche Technologie wie die kubanischen Impfstoffe) warten noch auf die Zulassung. Ich kann mir vorstellen, dass die Kubaner an der Front erstmal keine Eile haben (da der Export ja auch so schon anläuft und deutlich populärere Vakzine das selbe Handicap haben) und erstmal mehr Daten sammeln und diese besser aufbereiten wollen um Probleme im späteren Verlauf zu vermeiden. Die erste Preprint-Studie die von Nature aufgegriffen wurde liegt gerade mal einen Monat zurück und war sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange. Eine weitere Frage ist auch, inwiefern Kuba gerade schlicht die personellen Kapazitäten hat 5 Impfstoffkandidaten (weiterzu-)entwickeln und gleichzeitig hochwertigste Studien zu erstellen. Der Prozess scheint offenbar nicht ganz trivial zu sein.

      Und was das Thema Skepsis wegen Prestigeprojekt angeht: Da spricht für mich gerade der laufende Export dagegen. Wären die Kubaner nicht von ihren eigenen Produkten überzeugt, könnte man ja noch versuchen den Schaden zu begrenzen indem man sie nicht nach außen lässt. Wenn sie aber wüssten, dass sie minderwertige (sprich: unwirksame und/oder unsichere) Impstoffe entwickelt hätten, warum sollten sie sie dann zusammen mit anderen Ländern (Pasteur-Institut in Teheran) gemeinschaftlich erproben und auf dem Weltmarkt verkaufen wollen? Das würde ihnen bald auf die Füße fallen und den Ruf der gesamten kubanischen Biotechbranche auf lange Zeit beschädigen.

      1. Markus Söder mit seiner politisch motivierten Sputnik-Kapriole als Zeugen für die Qualität von Sputnik aufzurufen, finde ich einigermaßen sportlich.
        Sputnik wird sogar in Russland (Impfquote ca 30%) von der Bevölkerung eher gemieden und mW gab es in den zitierten ‚EU-Ländern‘ (welche meinen Sie, lieber Herr Kunzmann?), deren Regierungen zudem eher zu der exotischen Populisten-Riege zu zählen sind, auch überwiegend politische statt medizinischen Gründen für die Verwendung nicht-EU/WHO-zertifizierter Vakzine.
        Auch ich glaube, dass die kubanischen Impfstoffe ‚funktionieren‘ und wünsche das Kuba uneingeschränkt. Indes würde Kuba aus meiner Sicht seiner politischen Reputation wie auch möglicherweise der eigenen wirtschaftlichen Bilanz mehr nützen, wenn es transparenter und evaluierbarer mit Studiendaten umgeht. Meine Sympathie für Kuba kann meinen wissenschaftlichen Anspruch nicht mindern.
        Ob ich Daten aus dem Iran ohne Weiteres trauen würde, ist eine weitere Frage. Wer selbst einmal Studien durchgeführt hat, weiß, welche umfangreichen hohen Anforderungen und Ausrüstungsqualitäten damit verbunden sind.
        Es bleibt ein schlechter Geschmack dabei.
        Ganz unverständlich ist mir das o.g. Ansinnen, dass es ‚…(k)eine seriöse Studie (geben sollte), die die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Vakzine ernsthaft in Frage stellt, …‘
        Das stellt die Beweislast auf den Kopf. Ich kenne das nur umgekehrt, dass nämlich ein Medikament seine Reliabilität nachweisen muss.
        Was für mich bleibt: Kuba hat tolle Wissenschaftler, wahrscheinlich mehr als nur gute Impfstoffe, bleibt aber einen angemessenen transparenten Umgang mit seriösen Maßnahmen nach international anerkanntem wissenschaftlichem State of the Art schuldig.
        Zudem unterstützt Kuba mit seiner eigensinnigen Vorgehensweise den leichtfertigen Vorwurf, dass für den ‚Globalen Süden‘ ein nicht zugelassener Impfstoff, also B-Ware, gut genug ist. Dass Kuba damit auf derselben geopolitischen Schiene wie Russland und China fährt, macht die Sache nicht besser.

        1. Die niedrige Impfquote in Russland ist wohl weniger dem eigenen Vakzin, sondern eher der allgemeinen Einstellung der Bevölkerung zu dem Thema geschuldet, wie sich auch in fast allen anderen osteuropäischen Ländern zeigt, unabhängig vom eingesetzten Impfstoff. Die Sputnik-Bestellung von Söder halte ich für einen schlauen und pragmatischen Schachzug: womöglich hätte man hierzulande ein höheres Vertrauen in die Impfkampagne herstellen können indem man irrationalen Ängsten vor mRNA-Impfstoffen durch Anbieten einer Alternative von vornherein das Wasser abgräbt. Die Lage im Erzgebirge sähe heute womöglich anders aus, aber gut, der Zug ist längst abgefahren. Ob der Einsatz nicht-WHO-zertifizierter Vakzine in Ungarn, Slowakei und dutzenden anderen Ländern weltweit rein politische Gründe hat, oder nicht auch die globale Impfstoffknappheit eine Rolle spielt, sei mal dahingestellt. Mir geht es hier auch nicht darum den Einsatz russischer oder chinesischer Vakzine zu erörtern, sondern aufzuzeigen, dass der Impfstoffnationalismus eine Sackgasse ist. Das gilt auch für die Art wie Anfang des Jahres mit AstraZeneca umgegangen wurde. Und wie kann es sein, dass sämtliche nicht von der EMA zertifizierten Vakzine hier noch nicht einmal als Nachweis für Immunschutz akzeptiert werden können? Ein bisschen mehr Pragmatismus wäre gut.

          Wie der oben zitierte Grabenstein sagte: „Jeder verwendet ein anderes Gerät aus dem Werkzeugkasten – funktionieren tun sie aber so ziemlich alle“. So lange das mit soliden Studien belegt und von einer dafür zuständigen Behörde zertifiziert wird, sehe ich kein Problem darin nicht auf eine WHO-Approbation (die offenbar nicht ganz trivial zu sein scheint) für die Notfallzulassung zu warten. Immerhin befinden wir uns in einer Pandemie und bisher scheinen sämtliche weltweit eingesetzten Vakzine „safe and sound“ zu arbeiten. Das ist eine extrem gute Neuigkeit angesichts der Tatsache, dass noch immer Milliarden Menschen mangels Zugang zu Vakzinen ungeimpft sind und gerade eine neue Variante ins Haus steht.

          Und was Kuba angeht: Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die kubanischen Wissenschaftler ihre Ergebnisse schon längst im Lancet und New England Journal publiziert hätten und auf eine riesige Goldstandard-Studienlage zu Hause zugreifen könnten. Ich glaube die Entwickler selbst hätten das größte Interesse daran. So einfach scheint es aber nicht zu sein. Es hatte sicher Gründe, dass man bei der Evaluation mit dem Iran und nicht mit Oxford zusammengearbeitet hat (Mangel an Alternativen, was übrigens nicht heißt, dass man dort nicht ordentlich arbeiten würde: ich maße mir kein Urteil an, aber denke denke, dass es keinen Grund zu Überheblichkeit gibt). Die materiellen wie personellen Kapazitätsgrenzen scheinen für ein kleines und sanktioniertes Entwicklungsland mit 11 Millionen Einwohnern schlicht andere zu sein als bei multinationalen Konzernen in Industrieländern. Und wenn knappe Ressourcen unter Zeitdruck zwischen Entwicklung, Produktion und Evaluation aufgeteilt werden müssen, erscheint es logisch, dass letztere am ehesten zu kurz kommt. Es grenzt an ein Wunder, dass ein Land wie Kuba es überhaupt schaffen konnte, zwei wirksame Coronaimpfstoffe mit eigenen Ressourcen zu entwickeln, in der Fläche auszurollen und jetzt auch noch zu exportieren.

          PS: Der Transparenz halber wäre es schön, wenn Sie als identischer Autor (davon gehe ich jetzt mal aus) auch unter dem selben Namen bzw. Pseudonym kommentieren würden.

          1. Nationalismus ist wahrscheinlich immer eine Sackgasse, warum sollte das nicht für ‚Impfnationalismus‘ gelten? Ich bezweifle allerdings, dass die Verwendung solcher aus dem ideologischen Begriffs-Supermarkt stammenden unerklärten Worthülsen, die oft mehr dem Framing dienen, einen differenzierten und offenen Diskurs unterstützt.
            Bei der Astra-Zeneca-Diskussion gab es tatsächlich von beiden Seiten mindestens den zickigen Missbrauch (in GB besonders durch die Regenbogenpresse und klar aus innenpolitischen Gründen von BJ angefeuert, in D wahrscheinlich durch die üblichen Verdächtigen) des Themas, was mitten in der akuten Brexit-Phase nicht überraschend war. Dass es durchaus auch wissenschaftliche Fragezeichen zu dem Impfstoff gab, hat Astra-Zeneca afaik zum großen Teil mitverursacht, weil es einige nicht valide Daten gab, die erst später von der Firma korrigiert wurden.
            Aus meiner Sicht sind wir in liberalen Ländern zurecht sehr empfindlich bezüglich der Anforderungen an die peinlich seriöse Zulassung von Medikamenten: wissen wir doch, dass die Märkte und ihre Lobby da gerne ihre eigenen Interessen geltend machen und priorisieren. Stichwort Contergan, Brustimplantate, etc.
            Tatsächlich schätze ich auch den legitimen Luxus, bei gleichzeitigem Angebot von ‚nützlichem‘ und hervorragendem Impfstoff den besseren vorziehen zu können.
            In undemokratischen, autokratischen, Einparteien- und totalitären politischen Systemen, wo es keine wirksame Opposition und nur mangelhafte Transparenz z.B. wichtiger (gesundheits)politischer Prozesse gibt, ist der Umgang mit dem Misstrauen gegenüber offiziellen bzw staatlichen Entscheidungen etwas, was ich denjenigen Gesellschaften überlasse.
            Indes wende ich meinen sehr kritischen Blick, mit dem ich auf die Mängel der Gesellschaft schaue, in der ich selbst lebe, nicht ab, wenn es um die Betrachtung anderer Länder geht. Da gilt für mich derselbe kritische Maßstab und Kuba bekommt keinen Extra-Bonus. Sympathie hin oder her.
            Es hat btw nicht das geringste mit Überheblichkeit zu tun, den Umgang mit Daten, Fakten, Prozessen und Informationen in einem bestimmten Land bedenklich zu finden, wenn dort keine kritische Supervision des internen Systems, zB durch Opposition oder/und freie Presse, (aus welchen Gründen auch immer) zugelassen wird. Das sagt mir einfach mein demokratischer Instinkt.

            Zu Ihrem ‚PS‘: Ich bin von meinem früheren Klarnamen (den ich Ihnen bei Bedarf gerne nennen kann, den ich aber wegen allgemein stark zunehmendem Missbrauch im Internet nicht mehr verwenden möchte) auf ein Pseudonym umgestiegen.
            Diesen letzten Absatz können Sie bei Bedarf gerne löschen.

        1. Ja, rein zufällig landeten die Neuinfektionen zum 15. November, dem Tag der Öffnung für den Tourismus, pünktlich in einem ausgesprochen niedrigen dreistelligen Bereich, bei nahezu NULL Toten.
          Die eigentliche Tendenz des Abwinkens der Zahlen wird schon einigernaßen stimmen, aber die Erfahrung aus der Vergangenheit schaffen Misstrauen bei den absoluten Zahlen.

          1. *Schreibfehler: „des Abnehmens der Zahlen“
            PS: warum existiert die Verknüpfung mit den WordPress-Profilen eigentlich nicht mehr, wie in der Vergangenheit. So gab es wenigstens auch eine Benachrichtigung, wenn eine Antwort einging.

  2. In Kuba herrscht eine Diktatur. Was macht eine Diktatur: Sie diktiert! Deshalb kann man die Zahlen nicht ernst nehmen. Aus Kuba hört man andere Storys. Wenn ein Arzt sich konträr äußert wird er gefeuert und mundtot gemacht… und Journalisten gleich eingesperrt.

      1. Na dann könnte man in Europa auch alle (Kaffehaus-)Revoluzzer einsperren. Aber weil wir alle ordentliche Demokraten sind kämpfen wir dafür, dass auch politische Querdenker zu ihrem Recht kommen. Das ist der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie. Ein selbständig denkender Mensch braucht keinen Vormund.

        1. Ich habe den Eindruck, dass einige Menschen das, was sie als „Revolution“ bezeichnen, für ein Naturgesetz oder so etwas ähnliches halten, das nicht in Frage zu stellen ist. Dabei wissen sie nicht einmal, wovon sie reden, weil sie diese Worthülse nur als Fiktion verinnerlicht und nie in Frage gestellt haben. Wahrscheinlich kennen sie die kubanische Geschichte auch nur ausschließlich aus der Selbstdarstellung, nicht aber aus dem geschichtswissenschaftlichen (und ergebnisoffenen) internationalen Diskurs. Sie kleben eigentlich nur noch an dem Mythos der Revolution.

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