8. Dezember 2022

Energieministerium und Stromversorger unter neuer Leitung

Kuba hat am Montag überraschend die Spitzen des Ministeriums für Energie- und Bergbau und des staatlichen Stromversorgers „Unión Electrica“ (UNE) neu besetzt. Der 60-jährige Ingenieur Vicente de la O Levy löst Nicolás Liván Arronte als Minister ab, während der Stromversorger jetzt von Alfredo López Valdés geleitet wird. Beide Beförderungen wurden „auf Vorschlag des Präsidenten der Republik und mit vorheriger Zustimmung des Politbüros“ initiiert.

Die personelle Veränderung findet inmitten der schwersten Energiekrise seit der Sonderperiode der 1990er Jahre statt. Im Sommer haben die täglichen Stromabschaltungen auch Havanna erreicht, wo in Folge der Energiekrise sogar der Karnevel abgesagt werden musste. Aufgrund zu geringer Erzeugungsleistung der Kraftwerke finden teilweise mehr als acht Stunden anhaltende angekündigte Abschaltungen statt. Immer wieder kommt es deshalb zu Unruhen, die Stimmung ist gereizt. Der landesweite Kollaps des Stromnetzes in Folge von Hurrikan „Ian“ Ende September hatte mehrtägige lokale Proteste zur Folge.

Ein Duo mit Erfahrung

Wer übernimmt in dieser schwierigen Lage nun die zwei Schlüsselpositionen der Energieversorgung auf Kuba? Aus der offiziellen Verlautbarung, die auf dem Nachrichtenportal „Cubadebate“ dokumentiert ist, gehen einige Details zum Werdegang der neuen Sektorleitung hervor:

Vicente de la O Levy fungierte bislang als Präsident der staatlichen Elektronik-Unternehmensgruppe GELECT. Er ist Maschinenbauingenieur und hat „von der Basisebene aus verschiedene Stufen wie Projektspezialist, Wartungs-, Produktions- und Unternehmensleiter bis hin zum stellvertretenden Minister für Eisen- und Stahlindustrie durchschritten“, schreibt das Nachrichtenportal über ihn. Zwischen 2005 und 2010 stand er dem Stromversorger UNE vor. Die Ära war geprägt von der Umsetzung der „Energierevolution“ unter Fidel Castro und einem verheerenden Hurrikan. O Levy war damals Ideengeber rund um das System der dezentralen Kraftwerke, mit dem die „apagones“, wie Stromabschaltungen auf Kuba gennant werden, erfolgreich reduziert werden konnten. Anschließend war er drei Jahre lang im Rahmen einer Auslandsmission in Venezuela tätig, bevor er 2013 die Leitung von GELECT übernahm. In dieser Aufgabe habe er „gute Resultate“ geliefert.

Der 70-jährige Alfredo López Valdés löst Jorge Armando Cepero Hernández als Direktor der UNE ab. López Valdés ist Elektronikingenieur und verfügt über „umfangreiche Erfahrungen in dem Sektor, die er an der Basis unter anderem als Produktions- und Betriebsleiter gesammelt hat“. Später wurde er Direktor der Zweigstelle des Stromversorgers in Havanna sowie Leiter der Unternehmensgruppe zur Wartung der Kraftwerke. Außerdem war er zeitweise Minister für Fischerei, Energie- und Bergbau sowie Industrieminister. „Neben der umfassenden Beherrschung seines Fachgebiets zeichnet er sich durch seine Management- und Organisationsfähigkeiten aus und ist als Universitätsdozent tätig“, heißt es in der Ankündigung.

Bei beiden Neubesetzungen handelt es sich um bewährte Kader und Spezialisten in ihrem Bereich. López Valdés und O Levy wurden in der Branche ausgebildet und wissen sowohl um die Schwierigkeiten an der Basis, als auch der Führungsebene des jeweils anderen: Während der neue Energieminister bereits dem Stromversorger vorstand, war der neue Chef des Stromversorgers einst Leiter des übergeordneten Ministeriums. Beide dürften die Probleme wie ihre Westentasche kennen und ohne lange Einarbeitung loslegen.

Wie es in der Ankündigung heißt, werden Energieminister Arronte Cruz „andere Aufgaben zugeteilt werden“, was im politischen Jargon Kubas eine ehrenvolle Entlassung bedeutet. Darüber hinaus würden „sein Engagement und sein Fleiß anerkannt“. Die Meldung zum Führungswechsel bei der Unión Electrica kam ohne entsprechende Bemerkungen aus.

Neun von 20 Kraftwerksblöcken außer Betrieb

Kuba will bis zum Ende des Jahres über 300 Kleinkraftwerke ans Netz bringen (Quelle: Granma)

Der Artikel über die Neubesetzung avancierte auf „Cubadebate“ in wenigen Stunden zum meistkommentierten Beitrag der Woche. Die Reaktionen fielen überwiegend positiv, teilweise verzweifelt aus. Während für viele die personelle Änderung mit einer vagen Hoffnung auf eine Linderung der Situation verbunden ist, wusste ein Kommentator über den neuen UNE-Direktor konkretes zu berichten: „Ich weiß, wie Alfredo als Minister gearbeitet hat und kann sagen, dass er ist eine überaus fähige Person ist. Während fast kein kubanischer Minister die Gemeinden dieses Landes besuchte, hielt Alfredo den direkten Kontakt zur Basis aufrecht und hat systematisch alle Provinzen besucht, dabei war er sehr fordernd“.

Um ihre Aufgabe dürfte die beiden indes keiner beneiden: Mehrere Großkraftwerke versagten in ersten Hälfte des Jahres den Dienst. Nach einer zeitweiligen Verbesserung war das tägliche Erzeugungsdefizit in den letzten Wochen wieder im vierstelligen Megawattbereich angelangt. Am Dienstag fehlten zur Spitzenzeit 1125 Megawatt bei einer Nachfrage von 3200 Megawatt. Neun von 20 Kraftwerksblöcken sind derzeit außer Betrieb. Zusammen mit schwimmenden Kraftwerken und Dieselgeneratoren können so aktuell nur rund zwei Drittel des nationalen Strombedarfs gedeckt werden. Ein ständiger Unsicherheitsfaktor stellt die „Antonio Guiteras“ dar. Die 1988 errichtete Anlage ist das jüngste und eigentlich leistungsfähigste Kraftwerk des Landes. Nachdem die fällige Generalüberholung seit zehn Jahren ausgesetzt worden ist, muss der Meiler aufgrund wiederkehrender Probleme mit dem Heizkessel immer wieder nach kurzer Zeit vom Netz genommen werden. Ende August stellte der damalige Energieminister Arronte Cruz einen Plan vor, mit dem sich über die Wiederherstellung von 339 MTU-Generatorengruppen, weiterer Kraftwerksschiffe und Reparaturen die Lage zum Jahresende deutlich entspannen soll. Dabei sollen O Levys Erfahrungen aus der Energierevolution zum Einsatz kommen und auf mehr Denzentralisierung gesetzt werden. Nachdem die Finanzierung dieser Herkulesaufgabe laut Präsident Díaz-Canel gesichert werden konnte, will man offenbar auch bei der Umsetzung nichts dem Zufall überlassen.

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