19. April 2024

Energiesituation in Kuba weiter kritisch (+Update: Mammut-Solarprojekt in der Mache?)

Die Energiekrise hat Kuba wieder fest im Griff. Nach einer kurzen Verschnaufpause über den Jahreswechsel haben Häufigkeit und Länge der Stromabschaltungen auf der Insel in den vergangenen Wochen massiv zugenommen. Am vergangenen Freitag hat das tägliche Erzeugungsdefizit einen Wert von 1416 Megawatt erreicht – so viel wie zu Hochzeiten der Energiekrise im Sommer 2022. Wie bereits damals bringt das vierstellige Defizit mehrstündige landesweite Stromabschaltungen mit sich, bei denen auch die sonst immer weitgehend geschonte Hauptstadt Havanna nicht mehr außen vor bleibt.

Rotierende Stromsperren, die in Extremfällen bis zu 18 Stunden andauern können, sind inzwischen wieder eher zur Regel als zur Ausnahme geworden. Als Einsparmaßnahme wurde beschlossen, die öffentliche Beleuchtung um drei Viertel zu reduzieren. Kubas Minister für Energie und Bergbau, Vicente de la O Levy, erklärte auf einer Ministerratssitzung, dass die Maßnahme eine von vielen sei, zu denen auch die Schließung tausender staatlicher Dienste und die Verlagerung der Produktion gehöre. Mit entsprechenden Folgen für die Wirtschaft: Das Zementwerk Siguaney (Provinz Sancti Spíritus), welches zu den größten und energieintensivsten Fabriken des Landes gehört, hat den diesjährigen Produktionsplan bereits auf 20.000 Tonnen gesenkt. Vergangenes Jahr waren noch 47.000 Tonnen erreicht worden. Die Stimmung ist angesichts der inzwischen seit knapp zwei Wochen anhaltenden Situation angespannt, in den Provinzen Holguín und Camagüey soll es während der Dunkelheit zu Steinwürfen auf öffentliche Einrichtungen und Topfschlagen als Protest gekommen sein.

Eine der Ursachen für das hohe Erzeugungsdefizit ist eine planmäßige Wartung des Kraftwerks „Antonio Guiteras“, dem größten Erzeuger der Insel. Die Guiteras ist als jüngstes und leistungsfähigstes Schwerölkraftwerke für die Absicherung der Grundversorgung von immenser Bedeutung. Mit der jetzigen Wartung will der Stromversorger Unión Electrica für Stabilität in den hitzigen Sommermonaten sorgen. Wenn alles gut läuft, soll die Guiteras am 18. März wieder ans Netz gehen. Doch auch danach steht die Erzeugung weiterhin auf wackeligen Füßen. Wie die UNE bekannt gegeben hat, sind Block 4 des des Kraftwerks „Carlos Manuel de Céspedes“ und Block 2 der „Felton“ aufgrund von Pannen außer Betrieb; Block 8 des Kraftwerks von Mariel und Block 6 der Anlage in Nuevitas befinden sich in der Wartung. Aufgrund fehlender Brennstoffe sind zudem 92 Dieselgeneratoren und das Kraftwerk in Santiago de Cuba mit einer Gesamtleistung von 755 Megawatt außer Betrieb. Darüber hinaus machen auch Logistikprobleme in Folge des Großbrands eines Treibstofflagers im Sommer 2022 sowie eingeschränkte Raffineriekapazitäten dem Sektor zu schaffen. Laut Einschätzung von Experten wären Investitionen von mindestens 10 Milliarden US-Dollar nötig, um die teils mehr als 40 Jahre alten Großkraftwerke nachhaltig zu sanieren. Die momentane Haushaltslage gibt das allerdings bei weitem nicht her.

Zur Stunde befindet sich Kubas Außenhandelsminister Ricardo Cabrisas zu Gesprächen in der Türkei, bei denen es auch um die Energiesituation geht. Zur Unterstützung der Stromerzeugung waren in den vergangenen Jahren zeitweise bis zu sieben türkische Kraftwerksschiffe auf Kuba im Einsatz. Das russische Maschinenbau- und Rüstungsunternehmen Ural gab bekannt, 15.000 LEDs für die Straßenbeleuchtuing an Kuba spenden zu wollen.

Update (14.03): Am Donnerstag kündigte O Levy überraschend ein Mammutprojekt mit einem ungenannten Partner an, welches das Potential hätte, die Situation nachhaltig zu verändern: So sollen bis Mai kommenden Jahres 1000 Megawatt in 46 neuen Solarparks installiert werden. 2028 sollen weitere 1000 Megawatt folgen. Die insgesamt 92 neuen Solarparks entsprächen der Leistung von 3-4 thermischen Großkraftwerken. Die Verträge seien „nicht über Kredite, sondern aus eigenen Mitteln“ finanziert worden, so der Minister. Wie O Levy erklärte, hätten die Vorarbeiten für die ersten Parks bereits begonnen. Nach Abschluss beider Projekte könnte Kuba das Ziel erreichen, den Anteil erneuerbarer Energien von derzeit fünf auf 24 Prozent zu steigern. Ob der ehrgeizige Zeitplan wirklich eingehalten werden kann, bleibt allerdings abzuwarten. Bis dahin dürfte die Lage weiter angespannt bleiben.

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