2. März 2024

Bargeldlose Zahlungen: Zentralbank kündigt neue Maßnahmen an

Kubas Zentralbank (BCC) hat am heutigen Mittwoch neue Maßnahmen angekündigt, mit denen der Zahlungsverkehr „zwischen allen Akteuren der Wirtschaft und der Bevölkerung“ verstärkt über elektronische Kanäle abgewickelt werden soll. Hintergrund ist die akute Knappheit an Bargeld an den Geldautomaten sowie die Eindämmung von Schwarzmarktgeschäften und Steuerhinterziehung. „Wir beschleunigen einen Prozess, der internationalen Standards entspricht. Elektronische Zahlungen gehören in jedem Land zum Alltag der Bürger“, erklärte BCC-Vizepräsident Alberto Quiñones Betancourt auf einer Pressekonferenz.

Banken und Privatsektor

Was ist geplant? Wie die Zentralbank ankündigte, sollen die Geldautomaten in Zukunft vor allem durch die Bevölkerung genutzt werden um Gehälter und Renten abzuheben, nicht mehr um größere Summen für Geschäftstransaktionen bereitzustellen. Private Unternehmen und Selbstständige können „das für ihre Tätigkeit erforderliche Bargeld in den Bankfilialen, in denen sie ihre Giro- oder Steuerkonten führen, zu den mit der Bank vereinbarten Konditionen und im Einklang mit den operativen und steuerlichen Bedingungen anfordern.“ Kleinere Beträge bis 5000 Pesos (ca. 40€) pro Tag können auch von gewerblichen Konten weiterhin am Automat bezogen werden, für private Konten bleibt das Limit von 80.000 Pesos (ca. 625€) pro Tag bestehen.

Warten auf Bargeld: Schlange vor einem Geldautomat in Havanna (Quelle: eigene Aufnahme)

Die Transaktionen zwischen sämtlichen Wirtschaftsakteuren werden „mit Hilfe von Kreditinstrumenten und anderen geltenden Zahlungsmitteln außer Bargeld abgewickelt, wobei nach Möglichkeit vorrangig elektronische Mittel und Kanäle zu nutzen sind und Gutschriften auf Giro- oder Steuerkonten erfolgen.“ Darüber hinaus sollen Voraussetzungen geschaffen werden, um Apps wie „EnZona“ und „Transfermóvil“ (die inzwischen über vier Millionen Nutzer zählen) schrittweise in allen Geschäften einzusetzen, was auch den Privatsektor einschließt. Um Anreize für die Umstellung zu setzen, wird derzeit ein Preisnachlass von mindestens zwei und bis zu 10 Prozent bei App-Zahlungen geboten, der von den Banken erstattet wird.

Trotz der Verbesserung elektronischer Zahlungsmöglichkeiten haben Bargeldtransaktionen in Kuba „aufgrund der Inflation und anderer Faktoren“ in den letzten Jahren zugenommen, heißt es in der Stellungnahme der Bank. Gleichzeitig leide das Netz der Geldautomaten an einem Mangel an Ersatzteilen, weshalb „die wachsende Nachfrage der Bevölkerung nach Bargeld nicht befriedigt werden kann.“ In den vergangenen Wochen mehrten sich Berichte aus verschiedenen Gemeinden, deren Geldautomaten kaum mehr bestückt waren, insbesondere große Scheine wurden zunehmend knapp. Erste Anzeichen von Problemen deuteten sich bereits im April an, als neue Banknoten mit reduzierten Sicherheitsmerkmalen aufgelegt wurden. Laut jüngsten Daten des Wirtschaftsministeriums lag die Inflation dieses Jahr bei 45 Prozent, seit Beginn der Währungsreform am 1. Januar 2021 betrug der Preisanstieg laut Schätzungen von Ökonomen über 500 Prozent.

Mit Digitalisierung gegen den Schwarzmarkt

Am Montag beschloss der kubanische Ministerrat die rasche Implementierung eines Programms zur „Bankarisierung“ der Zahlungsströme. Ein solcher Schritt war mit Blick auf die Bekämpfung von Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung schon länger angedacht, wurde jedoch mit der Entstehung der Wechselkursdualität seit der Währungsreform immer wieder ausgebremst. Auch die mangelhafte elektronische Bezahlinfrastruktur hat ihren Anteil daran, dass Kuba bis dato weitgehende „Cash only“-Domäne ist, in der 90 Prozent aller Transaktionen bar stattfinden. Kartenterminals sind zwar in immer mehr staatlichen Geschäften vorhanden, haben jedoch nicht selten Verbindungsprobleme. Mit der zunehmenden Verbreitung des mobilen Internets auf LTE-Basis und Mobilbanking-Apps, die bereits für die Begleichung der Nebenkosten und den Einkauf in der Bodega weit verbreitet sind, scheint man sich jetzt bereit zu fühlen, in dieser Richtung „Nägel mit Köpfen“ machen zu können: Als erster Schritt wurde gestern angekündigt, dass die landesweit rund 1000 Tankstellen bis zum 31. Oktober die Annahme von Bargeld einstellen. Diesen Monat beginnt darüber hinaus ein Pilotprogramm, in dessen Rahmen der Stromanbieter UNE in mehreren Stadtteilen Havannas vollständig auf bargeldlose Zahlung umstellt. Zusammen mit den jüngsten Maßnahmen dürfte die Regierung damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen: zum einen die Verfügbarkeit von Bargeld für Privatpersonen wieder verbessern und gleichzeitig mehr Kontrolle über die Zahlungsströme im Privatsektor erlangen.

Wie die Umsetzung erfolgt, bleibt abzuwarten: Noch immer ist die Bezahlinfrastruktur vielerorts schlecht ausgebaut, Apps und Kartenzahlungen nur im Staatssektor nutzbar – während die meisten Privatbetriebe aufgrund des Devisenmangels der Banken (der 120er Kurs kann de facto nicht bedient werden) auf den Schwarzmarkttausch angewiesen sind, um ihre Einkäufe in Fremdwährung zu bewerkstelligen. Die Maßnahmen lassen sich daher auch als Schlag gegen den informellen Währungsmarkt deuten, dessen Kurs zuletzt mit 230 Pesos pro Dollar ein neues Allzeithoch seit den 1990er Jahren erreicht hat: Mittelfristig könnte sich durch die Digitalisierungsstrategie das Angebot an Pesos in Zirkulation verknappen und wieder ein größerer Teil der Devisentransaktionen in den Bankkreislauf verlagern, was der Stabilität und Bedienbarkeit des Wechselkurses zugute kommt. Hierzu dürfte auch die laufende Abwertung des Pesos im Staatssektor beitragen, der in zunehmendem Maß statt des 24er mit dem 120er Kurs operiert. Die Umstellung dürfte jedoch alles andere als unkompliziert verlaufen.

Die Maßnahmen sollen ab dem 3. August „schrittweise“ umgesetzt werden, sie sind in der heute erschienenen „Resolución 111/2023“ (PDF) des Gesetzesblattes veröffentlicht worden. Dort ist festgelegt, dass die Bankarisierung für sämtliche Eigentumsformen innerhalb von sechs Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes (also bis spätestens Februar 2024) implementiert sein muss. „Nach der ‚Wärungsneuordnung‘ sind wir nun am Ende doch dabei, uns zu sortieren“, kommentierte der kubanische Ökonom Juan Triana vom Studienzentrum der kubanischen Ökonomie (CEEC) gegenüber „Cuba heute“.

Update (05.08): Am Donnerstag hat Binnenhandelsministerin Betsy Díaz Velázquez neue Details zur Umsetzung bekannt gegeben. Die Pläne klingen ambitioniert: So soll noch dieses Jahr beim Verkauf von Baumaterialien, Übernachtungen, Kabaretts und Nachtclubs im Staatssektor überwiegend auf elektronische Bezahlkanäle umgestellt werden. Gewerbliche Verkäufe (jeglicher Eigentumsform) sollen in folgenden Produktkategorien künftig ausschließlich bargeldlos erfolgen: Zigarren, Tabak und Streichhölzer; Fleisch, Molkereiprodukte, Fisch und Geflügel; Brot und Süßigkeiten; landwirtschaftliche Erzeugnisse sowie Rohstoffe oder Produkte, die zum Verkauf an Gastronomiebetriebe bestimmt sind. Das Ziel der letzteren Maßnahme sei es, Zahlungsausfälle aufgrund fehlender Liquidität zu verringern, erklärte die Ministerin. Um die Umstellung zu begünstigen soll es eine Reihe von Anreizen für Käufer und Verkäufer geben, darunter auch nicht-monetäre wie Ticketkontingente für Events, Verkehrsmittel und Restaurantreservierungen, die exklusiv digital vermarktet werden. Des Weiteren müssen staatliche Geschäfte in kommunaler Hand (z.B. Kioske, Restaurants, etc.) künftig Strafzinsen für Bareinlagen entrichten.

Der kubanische Ökonom und ehemaliger CEEC-Direktor Omar Everleny Pérez begrüßte den Schritt, mahnte jedoch, dass die erfolgreiche Umsetzung von einer guten Vorbereitung abhänge. „Ich denke, die Bankarisierung ist sehr positiv, weil die Preise in Kuba bereits zu hoch sind und jede Art von Transaktion, insbesondere für Kleinunternehmer, sehr mühsam ist: Sie müssen Rucksäcke, Aktentaschen [mit Bargeld] tragen; mit anderen Worten, wir gehen davon aus, dass es eine positive Sache ist“, so Pérez. Um einen Fehlschlag zu vermeiden, müssten jedoch „alle Mechanismen sehr gut organisiert werden.“ So sollten Banken spezielle Bereiche schaffen, in denen z.B. Restaurants und andere Straßengeschäfte ihre Barmittel ohne längere Wartezeit einzahlen können. Auch Transfermóvil (von dem es bisher noch keine iOS-Version gibt) und das Netz der Geldautomaten müsse weiter verbessert werden.

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6 Gedanken zu “Bargeldlose Zahlungen: Zentralbank kündigt neue Maßnahmen an

  1. Abgesehen davon, dass ich nicht sehe, dass Kuba die Investitionsmittel hat, um das konsequent durchzuziehen, glauben viele aus guten Gründen, dass das fürchterlich nach hinten losgeht. Die Luft zum Atmen wird man vielen Kleinstunternehmen auf diese Weise komplett abschnüren und sie werden noch tiefer in die Illegalität gehen und noch stärker auf Fremdwährung setzen müssen.
    Das bisher schon erdrückende wirtschaftliche Szenario für viele Kleinunternehmer konnte immer noch umschifft werden und so konnten die Fehler des Staates teilkompensiert werden. Die neuen Härten und die totale Kontrolle der Geldflüssen wird dazu führen, dass Unternehmen aus dem Graubereich nicht mehr existieren können. Das erscheint auf den ersten Blick gut zu sein, aber am Ende stehen dahinter immer Menschen, die ein Einkommen haben und nicht vom Staat alimentiert werden müssen.

    Ein Schlüsselsatz aus dem Text unten von einem Kleinunternehmer zu den Plänen:
    „Was sie wirklich erreichen werden, ist, dass viele Unternehmen zu wenig deklarieren, kein Bargeld in der Bank deponieren, auf Fremdwährungen als Zahlungsmittel umsteigen und es ihnen erschweren werden, den Kreislauf der Dollars zu schließen, die sie für den Erwerb von Rohstoffen, Produkten und Ausrüstung benötigen“
    Diesem Gedanken schließe ich mich an.

    Ein wenig Stimmenfang als Gegenöffentlichkeit zu den offiziellen Verlautbarungen:

    Wirtschaftswissenschaftler über die neue Finanzpolitik: „Hierarchische Entscheidungen mit dem Rücken zur Realität gehen oft schief“.

    Viele Akteure werden sich angesichts der „Peitschenhiebe“ des Regimes auf den privaten Sektor für eine informelle Tätigkeit entscheiden, warnen sie.

    Die von der Regierung angekündigte neue finanzielle Belagerung, die Bargeldzahlungen einschränkt und die Kubaner zwingt, auf elektronische Transaktionen über staatliche Banken zurückzugreifen, ist nach Ansicht von Ökonomen ein „Repressionsinstrument“, eine „Peitsche“ auf den Privatsektor, die „katastrophale Folgen“ haben könnte und von der Realität des Lebens in Kuba „abgekoppelt“ ist.

    Für den Wirtschaftswissenschaftler Elías Amor „erkennt die neue Resolution an, dass die zunehmende Verwendung von Bargeld bei wirtschaftlichen und finanziellen Transaktionen zu einem Rückgang des Bankenwesens und der finanziellen Integration im Land geführt hat, wozu noch die hohen Kosten für die Ausgabe, den Transport, die Verarbeitung und die Lagerung von Bargeld sowie die steigende Nachfrage nach Geldautomaten für Bargeldabhebungen kommen“.

    „Das Regime fühlt sich überfordert und will die Kontrolle zurückgewinnen. Und es bietet prekäre Argumente, um diese neue Wende in der Wirtschaftspolitik zu rechtfertigen“, meinte Amor in einem Artikel, der am Donnerstag in seinem Blog Cuba Economía veröffentlicht wurde.

    „Mit diesem Beschluss will das Regime die kubanische Zentralbank in einen Transmissionsriemen für die Befehle der Exekutive an das Bankensystem verwandeln (…) Und damit sich niemand täuschen kann, ist die Repression unbestreitbar. Zum Beispiel werden die Fristen für die Anwendung der Verordnung auf überraschende Weise beschleunigt, denn es wird angekündigt, dass die Bestimmung drei Tage nach ihrer Veröffentlichung im Amtsblatt der Republik Kuba in Kraft tritt“, fügte er hinzu.

    „Schlecht, sehr schlecht muss die finanzielle Situation des Regimes sein, damit die Behörden über Nacht, in der Nacht und mit böser Absicht eine unerwartete Wende im Bankensystem herbeiführen, deren Folgen für die Wirtschaft katastrophal sein könnten“, sagte er über die Maßnahme, die er als „einen Fall von Konfiszierung bezeichnete, der dem, was in der kommunistischen Verfassung von 2019 festgelegt ist, fremd ist“.

    „Wo ist der öffentliche Nutzen oder das soziale Interesse bei diesen Manövern der Aussetzung oder Schließung von Bankdienstleistungen durch die Bankbehörden? Der Castroismus zeigt wieder einmal sein schlimmstes Gesicht“, so Amor.

    „Hierarchische Entscheidungen, die der Realität den Rücken kehren, gehen meist schief. Dies wird ein gutes Beispiel sein. Und die Eile des Regimes zeigt sich wieder einmal“, kritisierte der Wirtschaftswissenschaftler.

    „Was kann man von diesem Peitschenhieb des Regimes auf den Privatsektor erwarten? Nun, dass viele Akteure, vor allem die kleinsten und am wenigsten in der Lage sind, die Anforderungen des Regimes zu erfüllen, sich für eine informelle Tätigkeit entscheiden und ihre Ressourcen und Prioritäten auf diesen Sektor konzentrieren können, wo es einfacher ist, das zu finden, was sie suchen, und wo sie sogar auf der gleichen Ebene wie der Devisenmarkt einen Finanzmarkt schaffen können, der die Unzulänglichkeiten und Anforderungen des staatlichen Systems ausgleicht. Dieser private kubanische Bankenmarkt könnte näher als je zuvor sein und zur Konsolidierung von Strukturen beitragen, die derzeit aufgrund kommunistischer Hindernisse nicht in der Lage sind, dies zu tun“, sagte er.

    Der Wirtschaftswissenschaftler Pedro Monreal kommentierte die Ankündigung der neuen Maßnahmen auf seinem Twitter-Account mit den Worten: „Da es sich um die Mitteilung einer Zentralbank handelt, ist der Kausalmechanismus, den sie zwischen Bargeld und Inflation herstellt, besorgniserregend“.

    Die Zunahme der Bargeldoperationen ist nicht die „Folge“ der Inflation. Inflation kann mehrere Ursachen haben, und überschüssiges Bargeld ist eine davon. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Inflation und Geld, aber das ist nur eine der Bedingungen für die Feststellung einer kausalen Wirkung. Es sind weitere Bedingungen erforderlich, und die weithin akzeptierte Kausalität besteht darin, dass Geld die Inflation ‚erklärt'“, sagte Monreal.

    In einer weiteren Botschaft bezeichnete er die angekündigte Bankarisierung als ein weiteres „Zauberschwert“.

    „Zuerst gab es die Entschließung 148/2023 über Kostenmarken und jetzt kommt diese ‚Bankarisierung‘ heraus. Was als ‚lebenswichtig‘ bezeichnet wird, ist nicht wirklich lebenswichtig. Entscheidend sind die Ernährungssicherheit, die Verringerung der Armut, die Eindämmung der Inflation und die Erhöhung der Gehälter und Renten“, schrieb er.

    Der kubanische Unternehmer Yosué Montes de Oca Arias, Mitbegründer der MSME Alasoluciones, stimmte Elías Amor in mehreren Punkten zu.

    „Die glorreiche Zentralbank ist heute mit einer Maßnahme aus dem Schneider, die eine völlige Abkopplung von der Realität in Kuba und den Kämpfen, die die KMU führen müssen, um zu funktionieren, darstellt. Ich hoffe nur, dass sie bald über ihren Unsinn nachdenken und sich zurückziehen“, sagte er auf Twitter.

    „Die neue Maßnahme, die die Verwendung von Bargeld durch private kubanische Unternehmen auf 5.000 CUP pro Tag beschränkt, ist nichts anderes als ein finanzielles Corralito aus dem Lehrbuch, und die Geschichte hat gezeigt, dass dies nur ein Debakel provoziert“, fügte er hinzu.

    „Was sie wirklich erreichen werden, ist, dass viele Unternehmen zu wenig deklarieren, kein Bargeld in der Bank deponieren, auf Fremdwährungen als Zahlungsmittel umsteigen und es ihnen erschweren werden, den Kreislauf der Dollars zu schließen, die sie für den Erwerb von Rohstoffen, Produkten und Ausrüstung benötigen“, fügte er hinzu.

    „Diese neue (und nicht die erste) Absicherung wird sich direkt und schnell auf die Preise von Produkten und Dienstleistungen sowie auf den Wert der am häufigsten verwendeten Fremdwährungen auswirken. Ich rate den „Gurus“ der Zentralbank erneut, diese Maßnahme rückgängig zu machen, die sich direkt und schnell auf die Preise von Produkten und Dienstleistungen sowie auf den Wert der am häufigsten verwendeten ausländischen Währungen auswirken wird.

    https://diariodecuba.com/economia/1691056004_48929.html

    1. Die entscheidende Frage ist, wie die Umsetzung konkret aussieht und welche Schritte als nächstes erfolgen. Erstmal bleibt ja alles wie gehabt, und auch nach Februar 2024 können Privatunternehmen größere Mengen Bargeld beziehen. Die Umstellung auf Bankfilialen statt Automaten zu dessen Bezug heißt noch nicht, dass sich die fiskalische Kontrolle notwendigerweise verschärft. Die Alternative, „mehr Geld drucken“, wäre wohl kaum besser und scheint angesichts der im Artikel erwähnten Problemen bei der Notenausgabe auch kaum praktisch durchführbar.
      Nachdem erst vor wenigen Tagen neue Gesetze zur „Förderung ihrer strategischen Rolle bei der Entwicklung des Landes“ und der „Schaffung neuer Arbeitsplätze“ angekündigt worden sind, die Änderungen der Devisenpolitik beinhalten sollen, halte ich es für extrem unwahrscheinlich, dass das kubanische Wirtschaftsministerium vorhat ein massenhaftes KMU-sterben zu riskieren. In den von dir zitierten Aussagen von Elias Amor (um seinen Punkt zu verdeutlichen hätte auch ein Drittel der Zitate gereicht) ist wie üblich viel Panikmache dabei, es gilt wie immer: „The proof of the pudding is in the eating.“

      Wie du selbst sagst: Es wird ja bereits jetzt unterdeklariert, da aufgrund der Wechselkursthematik für viele keine Alternative zum Tausch auf dem informellen Markt existiert drücken die Steuerbehörden de facto beide Augen zu und es ist wahrscheinlich, dass dies auch weiterhin geschehen wird, solange die Ursachen hierfür nicht beseitigt sind. Nur kann der aktuelle „Wildwest“-Modus halt kein Dauerzustand sein. Was fehlt ist ein in beide Richtungen funktionierender Wechselkurs oder in einem ersten Schritt zumindest andere legale Alternativen der Devisenasignation, sowohl für den Privat- als auch für den Staatssektor, was ja Teil des angekündigten „Stabilisierungsprogramms“ sein soll. Veremos. Das steht aber unabhängig von der Frage „Bankarisierung oder nicht“ im Raum, die früher oder später so oder so kommen muss, wenn sich die Wirtschaft entwickeln soll.

      1. Ich habe Elias Amor ganz bewusst nicht zitiert (er ist halt Teil des Artikels), sondern Pedro Monreal, dem ich deutlich mehr vertraue, als z.B. irgendwelchen Bekundungen des Regimes, welchem ich in jeder Situation prinzipiell misstraue. Die Erfahrung zeigt, das Regime kann viel beschließen und etliche Willensbekundungen verfassen, wenn der Tag lang ist. Allein sie bringen fast nichts und kluge Entscheidungen hat man eigentlich selten hervorgebracht. Aber das wird hier auf dieser Seite ja leider nie wirklich in der notwendigen Schärfe reflektiert.

        Das Ziel, endlich gegen den „Wildwest“-Modus vorzugehen, wird in diesem Moment effektiv verfehlt werden, denn es werden sich neue Geld-Kreisläufe bilden, die sich vom Staatlichen Geldkreislauf abschirmen müssen. Limits von 5000 Peso am Tag und stundenlanges Anstehen sind nicht praktikabel. Im Speziellen sind die MIPYMES auf die Konversion zwischen Dollar und Peso angewiesen und sie werden deshalb lieber eine zweite Kasse aufmachen, als das Geld durch die Mühlen des Staates fließen zu lassen, dem sie ohnehin nicht trauen. Einen transparenteren Peso-Kurs wird all das auch nicht hervorbringen. Ich glaube, hier wird eine komplexe Gemengelage unterschätzt.

        Die Kubaner haben eigentlich keine Zeit mehr, zu warten und zu gucken, welche Schildbürgereien sich das Regime wieder neu ausgeheckt hat, nur um zu realisieren, dass es nicht hilft. Ich frage mich oft, woher du deine Zuversicht so nimmst, denn so lesen sich deine Texte. Sprichwörtlich gesagt, sind es bereits Jahrzehnte nach 12 (Uhr)! Die Wirtschaft zu dynamisieren, wird dem Regime nicht mehr gelingen, wenn es nicht wenigstens radikal den wirtschaftlichen Kurs ändert. Der kubanische Sozialismus ist am Arsch und Kuba wird mit diesen Dilettanten ein böses Ende nehmen.

        1. Eine Variante ist auch, dass Privatkonten verstärkt für Abhebungen mit Geschäftsziel genutzt werden – etwas, das auch jetzt schon passiert. Man muss sehen, was als nächstes kommt. Die Lösungen für die Wechselkursthematik ist jedenfalls keine Sache die über Nacht erfolgt, sondern wird m.E. nach graduell und über einen längeren Zeitraum ablaufen (ähnlich wie in den 1990er Jahren). Und absolut richtig: Es gab nicht wenige Verzögerungen und halbgare Schritte, was ja auch regelmäßig bemängelt wurde. Die externen Faktoren, wie die Verschärfung der US-Sanktionen, die unfreiwillige Entkoppelung von Venezuela und die Folgen der Corona-Pandemie (die ja nicht nur in Kuba zu spüren sind) darf man bei der Analyse allerdings auch nicht außen vor lassen. Auch das hat die Umsetzung der Reformen erschwert und manche Effekte verpuffen lassen. Dass der zeitweilige Stillstand (der hier auch breit dokumentiert wurde) seinen Preis hatte, und dass es keine Zeit zu verlieren gibt, steht außer Frage. Man muss allerdings objektiv feststellen, dass sich seit 2020 sehr viel verändert. Viele Maßnahmen, die bereits in den 1990er Jahren angedacht waren um die strukturellen Probleme des Modells zu lösen, damals aber in der Schublade verblieben, werden jetzt umgesetzt. Als Beispiel seien nur die Einführung von KMU, die Öffnung des Außenhandels für den Privatsektor, die weitgehenden Flexibilisierungen bei ausländischen Investitionen (Stichwort: Groß- und Einzelhandel, Öffnung des Agrarsektors) und das kommende Unternehmensgesetz genannt, mit dem das Thema Marktmechanismen und „weiche Budgetbeschränkung“ im Staatssektor (eines der strukturellen Hauptprobleme) angegangen wird. Hinzu kommt die massive Ausweitung und Verbilligung des Internetzugangs. Alles Dinge, von denen vor 5 Jahren noch gesagt wurde, dass das niemals kommen wird. Ob die Transformation des Modells am Ende erfolgreich sein wird lässt sich nur retrospektiv beantworten, aber zumindest kann man feststellen, dass das Tempo bei der Umsetzung der Reformen in den vergangenen drei Jahren massiv zugenommen hat und viele „heilige Kühe“ abgeräumt wurden.

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